NACHWORT

Eigenartig und tief wie alle Lebensäußerungen Franz Kafkas war auch

seine Stellungnahme seinem eigenen Werk und jeder Publikation

gegenüber. Die Probleme, die er bei Behandlung dieser Angelegenheit

austrug und die daher auch Richtschnur jeder Veröffentlichung aus

seinem Nachlaß bleiben müssen, können in ihrem Ernst gar nicht

überschätzt werden. Zu ihrer wenigstens annäherungsweisen Beurteilung

diene das Folgende:

Fast alles, was Kafka veröffentlicht hat, ist ihm von mir mit List und

Überredungskunst abgenommen worden. Damit steht nicht im Widerspruch,

daß er oftmals, in langen Lebensperioden, seines Schreibens wegen (er

sprach freilich stets nur von einem „Kritzeln“) viel Glück empfunden

hat. Wer ihn nur je in kleinem Kreise seine eigne Prosa mit

hinreißendem Feuer, mit einem Rhythmus, dessen Lebendigkeit kein

Schauspieler je erreichen wird, vorlesen hören durfte, der fühlte auch

unmittelbar die echte unbändige Schaffenslust und Leidenschaft, die

hinter diesem Werke stand. Daß er es trotzdem verwarf, hatte seinen

Grund zunächst in gewissen traurigen Erlebnissen, die ihn zur

Selbstsabotage, daher auch zum Nihilismus dem eignen Werk gegenüber

führten; unabhängig davon aber auch in der Tatsache, daß er an dieses

Werk (freilich ohne dies je auszusprechen) den höchsten religiösen

Maßstab anlegte, dem es allerdings, aus vielerlei Wirrnissen entrungen,

nicht entsprechen konnte. Daß sein Werk trotzdem vielen, die zum

Glauben, zur Natur, zur vollkommenen Seelengesundheit hinstreben, ein

starker Helfer hätte werden können, durfte ihm nichts bedeuten, der mit

dem unerbittlichsten Ernst für sich selbst auf der Suche nach dem

rechten Wege war und zunächst sich selbst, nicht andern Rat zu geben

hatte.

So deute ich für meine Person die negative Stellungnahme Kafkas zu

seinem eignen Werk. Er sprach oft von den „falschen Händen, die sich

einem während des Schreibens entgegenstrecken“ — auch davon, daß ihn

das Geschriebene und gar das Veröffentlichte in der weitern Arbeit

beirre. Es gab viele Widerstände zu überwinden, ehe ein Band von ihm

erschien. Nichtsdestoweniger hat er an den fertigen schönen Büchern und

gelegentlich auch an ihren Wirkungen eine rechte Freude gehabt, und es

gab Zeiten, wo er wie sich selbst so auch sein Werk mit gleichsam

wohlwollendern Blicken, nie ganz ohne Ironie, jedoch mit freundlicher

Ironie musterte; mit einer Ironie, hinter der sich das ungeheure Pathos

des kompromißlos nach dem Höchsten Strebenden verbarg.

In Franz Kafkas Nachlaß hat sich kein Testament vorgefunden. In seinem

Schreibtisch lag unter vielem andern Papier ein zusammengefalteter, mit

Tinte geschriebener Zettel mit meiner Adresse. Der Zettel hat folgenden

Wortlaut:

Liebster Max, meine letzte Bitte: Alles, was sich in meinem Nachlaß

(also im Buchkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch, zu Hause und im

Bureau, oder wohin sonst irgend etwas vertragen worden sein sollte

und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden

und eignen, Gezeichnetem und so weiter findet, restlos und

ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder

Gezeichnete, das Du oder andre, die Du in meinem Namen darum bitten

sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man

wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.

Dein Franz Kafka.

Bei genauerm Suchen fand sich auch noch ein mit Bleistift

geschriebenes, vergilbtes, offenbar älteres Blatt. Es sagt:

Lieber Max, vielleicht stehe ich diesmal doch nicht mehr auf, das

Kommen der Lungenentzündung ist nach dem Monat Lungenfieber genug

wahrscheinlich, und nicht einmal, daß ich es niederschreibe, wird

sie abwehren, trotzdem es eine gewisse Macht hat.

Für diesen Fall also mein letzter Wille hinsichtlich alles von mir

Geschriebenen:

Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil,

Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung:

Hungerkünstler. (Die paar Exemplare der ‚Betrachtung‘ mögen

bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, aber

neu gedruckt darf nichts daraus werden.) Wenn ich sage, daß jene

fünf Bücher und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, daß

ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten

überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz verlorengehn,

entspricht dieses meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da

sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er

dazu Lust hat.

Dagegen ist alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt (in

Zeitschriften Gedrucktes, im Manuskript oder in Briefen)

ausnahmslos, soweit es erreichbar oder durch Bitten von den

Adressaten zu erhalten ist (die meisten Adressaten kennst Du ja, in

der Hauptsache handelt es sich um .........., vergiß besonders

nicht paar Hefte, die ..... hat) — alles dieses ist ausnahmslos, am

liebsten ungelesen (doch wehre ich Dir nicht hineinzuschaun, am

liebsten wäre es mir allerdings, wenn Du es nicht tust, jedenfalls

aber darf niemand andrer hineinschauen) — alles dieses ist

ausnahmslos zu verbrennen, und dies möglichst bald zu tun bitte ich

Dich

Der Prozess: Roman · 第 22 / 23 题