E. Th. A. Hoffmann

Im Jahre 1776, als der junge Goethe in Weimar heimisch wurde, erblickte

Hoffmann das Licht der Welt. Und als er nach fünf Jahrzehnten an

Rückenmarksdarre starb, war auch Goethes künstlerische Entwicklung

abgeschlossen; einige Jahre später legt er seines Geistes letzten

Tiefsinn im zweiten Teil des Faust nieder.

Wer dieser beiden Menschen Leben nach außen und innen mit der Seele

nachging, hat von der Zeit, in der sie wirkten, nicht alles, vom

Menschengeist in seinen Höhen und Tiefen Unendliches gespürt. Eine

Parallele zwischen ihnen zu ziehen -- um so fruchtbarer oft, je

greller der Gegensatz ist -- hier wäre es sinnlos. Und würde beiden

Unrecht tun. Goethen verkleinern, Hoffmann mit den schwärzesten Tinten

tuschen. Eins aber darf gesagt werden: daß beide so gerade leben, so

sich entwickeln konnten in einer weltgeschichtlichen Periode, da die

Wogen des Kampfes um die größten Gegenstände in alle Winkel Europas

brandeten, ist wunderbar und beweist, daß der Überwinder Goethe und der

Überwundene Hoffmann, jeder in seiner Art, Bahnen schritt, die abseits

der Heerstraße in purpurne Fernen führen.

Äußerlich war das Leben des romantischen Spätlings wilder und

wechselreicher, innerlich seichter. Hin und her, hinauf und hinunter

wirbelte E. Th. A. Hoffmann ein wenig gnädiges Geschick. Drei große

Gaben bescheerte ihm die Natur. Er war Zeichner, Musiker und Poet

zugleich und in allen drei Künsten hinausgehoben über werkelnden

Dilettantismus. Und hat doch hie und da zwischen seinen drei Musen

hungernd gesessen. Er war pflichtgetreu als Beamter und hat zweimal

üble Differenzen mit seinen Vorgesetzten bös büßen müssen. Er war ein

sehr gescheiter, exakt und schnell arbeitender Jurist und hat nach

der Ansicht der meisten den Prozeß seines Lebens, an eigener Schuld

zerbrechend, in allen Instanzen verloren.

Wenn man hinzunimmt, daß diesem Schicksal, wie der Sauerteig dem

Brot, eine unendliche Phantasie, die jede andere Regung und Neigung

sieghaft beherrschte, beigegeben war, so geht die Rechnung restlos

auf. Hoffmanns Leben war ein Künstlerleben, trotz alledem. Nur

daß seine Kunst ihn wie im Taumel mit sich riß, statt daß er sie

meisterte. Er sah die Welt mit dem scharfen Auge des Karikaturisten,

aber er lernte nichts daraus, stieg nicht an fest durchdachten

Erfahrungen in die Höhe, sondern goß unermüdlich den hitzigen

Wein seiner tollen Einbildungskraft darüber und freute sich dann,

unbekümmert um die Wirklichkeit, der wunderlichen Schemen und

Geister, die dem brodelnden Dunst entstiegen. Was er erlebte war so

widerspruchsvoll, daß er dazu kam, eigentlich nur an den Zufall zu

glauben und dem Genuß des Augenblicks nachzujagen. Menschenleben ist

Traum und Schatten. Seltsames geschieht ringsum. Wenn wir nüchtern

nur die Konturen beäugen, so gähnt’s uns an wie etwas Unheimliches,

Dunkles, Unerklärliches. Aber wenn der Wein und sprühender Witz im

Freundeskreise seelischen Rausch entzaubert, dann öffnen sich die

Tiefen und Geister steigen empor und tanzen und raunen und künden

tiefere Wahrheit als alles Forschen am hellen Tag.

Und diese Gespenster sah Hoffmann wirklich. Unter den Linden des

aufgeklärten Berlin begegneten sie ihm. Wenn die Feder in nächtlicher

Stunde seine Gesichte niederschrieb, standen sie am Bücherbrett,

huschten über den Spiegel, bis sich der Schöpfer vor den Geschöpfen

fürchtete und in grauser Angst den Namen der Gattin rief, die kommen

und ihn über die eigenen Phantasmen beruhigen mußte.

Kein Wunder, daß auch die Leser Hoffmanns zu sehen glauben, was er

beschreibt. Es hat kaum ein Dichter mit so geringer Gewalt über die

Sprache eine solche Plastik und Realität der Schilderung erreicht.

Darauf allein beruht seine weite Verbreitung. Denn der Dichter des

„goldnen Topf’s“, „des Spielers“ und anderer feiner psychologischen

Studien braucht es sich nicht gefallen lassen, lediglich als

effektvoller Gespensterbeschwörer zu gelten. Frankreich hat ihn

verschlungen; und diese Beliebtheit jenseits der Vogesen ist um so

interessanter, als sie dem formlosen deutschen Phantasten von einer

Nation widerfährt, deren künstlerische Stärke in der Form, deren

Schwäche besonders in der sinnlichen Anschauung liegt. Auch dem

eigenen Volke lebt Hoffmann; in unserer Zeit kräftiger, denn je. Mit

dem mählichen Schwinden jeder dogmatischen Religiosität geht heute

eine seltsame Neigung zum Transzendentalen Hand in Hand, die weiter

verbreitet ist, als die Oberfläche verrät. Und so kommts, daß man

so viel über Ernst Theodor Amadäus schreibt, ihn eifrig ediert und

kommentiert.

Der vorliegende Band bietet eine seiner reifsten Erzählungen. „Die

Elixiere des Teufels“ schuf Hoffmann in der literarisch fruchtbarsten

Zeit seines Lebens. Der erste Band entstand in Dresden, als die

unerquickliche Bamberger Periode glücklich hinter ihm lag, der zweite

in Berlin. „Die Elixiere“ beweisen am besten, daß Hoffmann nicht

nur, wie seine zahlreichen mißgünstigen Beurteiler behaupten, stark

nach der Weinlaune schmeckende Capriccios düstrer und heitrer Art

hinwerfen konnte. Wenn auch -- das gelang Hoffmann selten anders -- die

Komposition unklar und in ihrer gehäuften Fülle scheinbar unentwirrbar

bleibt, so geht doch eine tiefe Idee durch das Buch. Eine einzige

unbedachte Tat genügt, den Menschen zu vernichten. Ein Augenblick

verbotenen Lüsten nachgegeben, und schleppend folgt eine dunkle Kette

dumpfer Tage, in denen Frevel sich häuft auf Frevel.

Aber es ist keine Wirklichkeit. Ein wüster Traum bleibt’s, der nur

dem unruhig Schlafenden krasse Wirklichkeit dünkt. Das Leben sind

Fieberphantasien, die vorübergleiten, und nur eins ist wahrhaftig und

setzt diesem ganzen tollen Daseinsspuk ein unentrinnbares Ende, der Tod.

+Karlernst Knatz.+

Die Elixiere des Teufels · 第 10 / 21 题