AN TOMMASO CAVALIERI.

Wenn in zwei Liebenden des Schicksals Walten,

Wenn keusche Lieb' sich gleich und Frömmigkeit,

Wenn einer weinet bei des andern Leid,

Ein Will' und Geist in beiden Herzen schalten;

Wenn eine Seele lebt in zwei Gestalten,

Verklärt in beiden, sie zu gleicher Zeit

Mit einem Flügel trägt zur Seligkeit,

Ein goldner Pfeil zwei Busen hat gespalten;

Wenn beide füreinander liebend brennen,

Doch keiner selbst sich liebt, wenn jeder täglich

Zum höchsten Ziel den andern will begeistern,

Und wenn dies schwacher Abglanz nur zu nennen

Von uns'rer Liebe, sag mir, ist's dann möglich,

Dass Groll das Band löst zwischen solchen Geistern?

Michelangelo Gedichte und Briefe In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini · 第 70 / 231 题