Sehen Sie: wenn mir auch alles einerlei war, so fühlte ich doch, zum
Beispiel, den Schmerz, den fühlte ich doch. Hätte mich jemand
geschlagen, so würde ich bestimmt den Schmerz gefühlt haben. Und ebenso
auch in moralischer Hinsicht: wäre etwas sehr Trauriges geschehn, so
würde ich Mitleid empfunden haben, ganz wie früher, als mir noch nicht
alles im Leben einerlei war. Und so hatte ich denn auch jetzt Mitleid
gefühlt: einem Kinde würde ich doch unter allen Umständen geholfen
haben. Warum hatte ich dann dem kleinen Mädchen nicht geholfen? Weil mir
gerade in dem Augenblick ein Gedanke gekommen war: als sie mich rief und
zupfte, hatte sich vor mir gerade eine Frage erhoben, die ich nicht
lösen konnte. Sie war müßig, aber sie ärgerte mich doch. Ärgerte mich
wegen der logischen Folgerung, daß mir, wenn ich beschlossen hatte, mich
noch in derselben Nacht zu erschießen, folglich alles auf der Welt mehr
denn je gleichgültig sein mußte. Warum aber fühlte ich dann plötzlich,
daß mir nicht alles gleichgültig war und daß ich das Mädchen
bemitleidete? Ich weiß noch, daß sie mir wirklich leid tat; sogar bis zu
einem ganz sonderbaren Schmerz tat sie mir leid, der doch in meiner Lage
ganz unwahrscheinlich und unangebracht schien. Nein, ich kann mein
damaliges vorübergehendes Empfinden nicht gut wiedergeben, aber es
dauerte noch an, als ich schon in meinem Zimmer war, als ich mich schon
an den Tisch gesetzt hatte; und ich war so aufgebracht, wie ich es seit
langer Zeit nicht mehr gewesen war. Erwägung zog nach Erwägung vorüber.
Es ist doch klar, daß ich, wenn ich ein Mensch und noch keine Null bin,
d. h. mich noch nicht in eine Null verwandelt habe, daß ich dann lebe –
und folglich kann ich mich dann noch ärgern, kann ich noch leiden, und
wegen meiner Handlungen Scham empfinden. Schön. Meinetwegen. Aber wenn
ich mich, zum Beispiel, nach zwei Stunden töte, was ist mir dann dieses
kleine Mädchen und was geht mich dann die Scham an und überhaupt die
ganze Welt? Ich verwandle mich in eine Null, in eine absolute Null. Und
konnte denn wirklich die Erkenntnis, daß ich alsbald _überhaupt nicht_
mehr sein würde, folglich aber auch sonst überhaupt nichts mehr sein
würde, weder auf das Gefühl des Mitleids mit dem kleinen Mädchen, noch
auf das Gefühl der Scham nach der begangenen Rohheit nicht den
geringsten Einfluß haben? Nur deswegen stampfte ich doch mit dem Fuß und
schrie ich das arme Kindchen so wütend an, weil ich zeigen wollte, daß
ich – nicht nur kein Mitleid empfinde, sondern auch die unmenschlichste
Rohheit begehen kann, da nach zwei Stunden alles erlöschen und es dann
nichts mehr geben wird. Werden Sie es mir glauben, daß ich sie deswegen
anschrie? Ich bin jetzt fest überzeugt davon. Es war mir in jenem
Augenblick vollkommen klar, daß das Leben und die Welt gleichsam nur von
mir abhängen. Ja, ich kann es sogar so sagen: daß die Welt jetzt
gleichsam nur für mich allein geschaffen ist – erschieße ich mich, so
hört die Welt auf zu sein, wenigstens für mich. Ganz abgesehen davon,
daß es vielleicht auch wirklich für niemanden mehr etwas nach mir geben
wird, und die ganze Welt, sobald nur meine Erkenntnis erlischt,
gleichfalls wie eine Vision vergeht, wie ein Attribut bloß dieser meiner
Erkenntnis, und sich aufhebt: denn vielleicht ist diese ganze Welt und
sind alle diese Menschen – nur ich selbst ganz allein. Ich weiß noch,
daß ich diese neuen Fragen, die sich eine nach der anderen
herandrängten, in das Entgegengesetzte umkehrte und mir etwas ganz Neues
ausdachte. Das war, als ich in meinem Lehnstuhl saß und grübelte. So kam
mir u. a. plötzlich auch ein sonderbarer Gedanke: wenn ich, zum
Beispiel, früher auf dem Monde oder auf dem Mars gelebt und daselbst
irgend eine unglaublich ehrlose, schändliche Tat begangen hätte, die
schändlichste, die man sich nur denken kann, und wenn ich dort für diese
Tat so beschimpft und entehrt worden wäre, wie man es sich höchstens im
Traum zuweilen vorstellen, unter einem Alpdruck fühlen kann, und wenn
mich dann auf der Erde die Erinnerung an das, was ich auf dem anderen
Planeten getan, nicht verlassen und ich außerdem noch wissen würde, daß
ich niemals mehr, unter keinen Umständen auf jenen anderen Planeten
zurückkehren werde, so, frage ich mich, würde mir dann, wenn ich von der
Erde aus auf den Mond blickte, – _alles einerlei_ sein oder nicht? Würde
ich mich dann dieser meiner Tat schämen oder nicht? Die Fragen waren
müßig und überflüssig, da der Revolver schon vor mir auf dem Tisch lag,
und ich mit meinem ganzen Wesen wußte, daß es bestimmt geschehn würde –
aber sie regten mich auf und ich ärgerte mich. Es war mir, als könnte
ich nicht mehr sterben, bevor ich nicht etwas – Unbestimmtes gelöst
hatte. Kurz, dieses kleine Mädchen rettete mich, denn durch die Fragen
schob ich den Tod auf. Beim Hauptmann im Nebenzimmer wurde es
mittlerweile still: sie hatten ihr Kartenspiel beendet und richteten
sich zum Schlafen ein, inzwischen aber brummten sie noch oder schimpften
schlaftrunken zu Ende. Und da geschah es denn, daß ich plötzlich
einschlief, was mit mir sonst noch nie vorgekommen war: am Tisch im
Lehnstuhl. Ich schlief, mir vollkommen unbewußt, ein.
Träume sind bekanntlich eine äußerst sonderbare Sache: das Eine sieht
man mit erschreckender Deutlichkeit, mit schmuckstückhafter Ausarbeitung
der Einzelheiten, anderes dagegen übergeht man fast ganz, als ob es
überhaupt nicht vorhanden wäre, so z. B. Raum und Zeit. Ich glaube,
Träume träumt nicht die Vernunft, sondern der Wunsch, nicht der Kopf,
sondern das Herz, und doch: welch komplizierte Dinge überwand meine
Vernunft zuweilen im Traum! Ganz unbegreifliche Dinge! Zum Beispiel:
mein Bruder ist vor fünf Jahren gestorben, ich sehe ihn aber sehr oft im
Traum: er nimmt Anteil an meinen Interessen, wir sprechen sehr sachlich
über alle möglichen Dinge, währenddessen aber weiß ich doch die ganze
Zeit über genau und vergesse es keinen Augenblick, daß mein Bruder schon
tot und längst begraben ist. Wie kommt es aber, daß ich mich nicht im
geringsten über sein Erscheinen wundere? Daß der Tote neben mir sitzt
und mit mir spricht? Warum läßt meine Vernunft so etwas ruhig zu? Doch
genug. Ich komme jetzt zu meinem Traum. Ja, damals hatte ich jenen
Traum, meinen Traum vom dritten November! Jetzt necken Sie mich damit,
daß es ja doch nur ein Traum gewesen ist. Aber ist es denn wirklich
nicht ganz gleichgültig, ob es ein Traum gewesen ist oder nicht, wenn
nur dieser Traum mir die Wahrheit offenbart hat? Denn wenn man einmal
die Wahrheit erkannt, sie nur einmal gesehn hat, so weiß man doch, daß
sie die einzige Wahrheit ist und es außer ihr eine andere überhaupt
nicht mehr geben kann, einerlei ob man schläft oder lebt. Nun gut, mags
ein Traum sein, meinetwegen, aber dieses Leben, das Ihr so preist,
wollte ich mit einem Selbstmord von mir werfen, mein Traum aber, mein
Traum – oh, mein Traum offenbarte mir ein neues, großes, wundervolles
Leben!
Hört.