IV. Im ganzen nur fünf Minuten zu spät.

Etwa nicht? Ist denn das wahrscheinlich? Kann man denn sagen, das wäre

möglich? Wozu, warum starb diese Frau?

Ach, glauben Sie mir, ich verstehe es vollkommen, doch wozu ist sie

gestorben – das bleibt immer noch eine Frage. Meine Liebe hat sie

erschreckt, sie hat sich gewissenhaft gefragt: soll ich sie annehmen

oder soll ich nicht, und hat die Frage nicht ertragen und ist lieber in

den Tod gegangen. Ich weiß, ich weiß, es hat keinen Sinn, sich darüber

den Kopf zu zerbrechen: sie hatte zu viel versprochen, sie erschrak,

fürchtete, daß sie es nicht würde halten können, – es ist doch klar.

Hier gibt es ganz furchtbare Gründe ...

Aber wozu ist sie gestorben? – das bleibt immerhin die Frage. Diese

Frage klopft, klopft in meinem Hirn, klopft, klopft ... Ich hätte sie

doch einfach _so_ in Ruh gelassen, wenn sie gewollt hätte, daß es

einfach _so_ bliebe. Sie aber konnte nicht daran glauben, das war’s!

Nein nein, ich lüge, gar nicht das war’s. Einfach, weil man mit mir

ehrlich sein mußte: lieben, dann auch ganz lieben, nicht aber so, wie

sie den Kaufmann geliebt hätte. Da sie aber zu keusch war, zu rein, um

sich mit solch einer Liebe, wie sie der Kaufmann braucht, abzufinden, so

wollte sie mich nicht betrügen. Wollte mich nicht mit einer Halb-Liebe

unter dem Anschein der Liebe betrügen oder mit einer Viertel-Liebe.

Solche sind schon allzu ehrlich, das ist’s! Hochherzigkeit hatte ich ihr

einimpfen wollen, wissen Sie noch? Sonderbarer Gedanke.

Ungemein interessant wäre doch zu wissen, ob sie mich überhaupt geachtet

hat? Ich weiß nicht, hat sie mich verachtet oder nicht? Ich glaube

nicht, daß sie mich verachtet hat. Wie sonderbar: warum ist es mir kein

einziges Mal in den Sinn gekommen, im ganzen langen Winter, daß sie mich

verachtet? Ich war im höchsten Grade vom Gegenteil überzeugt bis zu

demselben Augenblick, da sie mich damals plötzlich mit _strenger

Verwunderung_ anblickte. Gerade mit _strenger_. Da begriff ich denn mit

einem Mal, daß sie mich verachtete. Begriff es unwiderruflich, auf ewig!

Ach, gut, gut, möge sie mich verachten, meinetwegen das ganze Leben

lang, aber – möge sie nur leben, leben! So kürzlich war es noch, daß sie

hier herumging, sprach. Ich begreife wirklich nicht, wie sie sich aus

dem Fenster gestürzt hat! Und wie hätte ich mir das nur fünf Minuten

vorher denken können? Ich rief Lukerja. Oh, die Lukerja, die lasse ich

jetzt auf keinen Fall fort, auf keinen Fall!

Wir hätten uns ja noch besprechen können, wir waren doch schon

übereingekommen. Nur hatten wir uns im Winter so entwöhnt von einander,

– aber hätten wir uns denn nicht wieder aneinander gewöhnen können?

Warum, warum hätten wir nicht wieder eine Ehe führen und ein ganz neues

Leben beginnen können? Ich bin großmütig und sie ist es gleichfalls – da

hätten wir ja schon einen Einigungspunkt! Noch ein paar Worte, noch zwei

Tage – nicht mehr, das hätte genügt, und sie würde alles begriffen

haben.

Vor allen Dingen ist das kränkend, daß es nur ein Zufall war, – ein

gewöhnlicher, barbarischer, passiver Zufall! Das ist ja das

Beleidigende! Fünf Minuten, im ganzen, im ganzen nur fünf Minuten bin

ich zu spät gekommen! Wäre ich fünf Minuten früher zurückgekehrt – und

der Augenblick wäre wie eine Wolke vorübergezogen, und es wäre ihr nie

wieder in den Sinn gekommen. Und schließlich hätte sie alles begriffen.

Jetzt aber sind die Zimmer wieder leer, wieder bin ich allein. Dort

tickt der Pendel, ihn geht es nichts an, ihm tut nichts leid. Niemand

ist bei mir – das ist das Unglück!

Ich gehe, die ganze Zeit gehe ich ... Ich weiß, ich weiß, sagt mir nicht

vor: Ihr lächelt darüber, daß ich den Zufall anklage und die fünf

Minuten? Aber hier liegt es doch auf der Hand! Bedenken Sie bloß eines:

sie hat nicht mal einen Zettel hinterlassen, daß ... nun, so, wie ihn

alle hinterlassen. Anderenfalls hätte sie sich doch sagen müssen, daß

man jetzt sogar Lukerja verdächtigen könnte ... „Bist ganz allein mit

ihr gewesen, also hast Du sie zum Fenster hinausgestoßen.“ Wenigstens

hätte man Lukerja doch beunruhigen können, wenn nicht zufällig vier

Zeugen vorhanden wären, die aus ihren Fenstern gesehen haben, wie sie

mit dem Heiligenbild im offenen Fenster gestanden und sich selbst

hinuntergestürzt hat. Das ist doch ein reiner Zufall, daß diese vier es

gesehn haben. Nein, das Ganze – war nur ein Augenblick, bloß ein

willkürlicher Augenblick, in dem sie sich von ihrer Tat nicht

Rechenschaft ablegte ... Plötzlichkeit und Phantasie! Was will’s

besagen, daß sie vor dem Heiligenbild gebetet hat? Das bedeutet doch

nicht, daß sie vor dem Tode ... Dieser Augenblick hat vielleicht im

ganzen nur irgend welche zehn Minuten gedauert, den ganzen Entschluß hat

sie gefaßt – gerade als sie, den Kopf in die Hand gestützt, an der Wand

stand und lächelte. Der Gedanke ist ihr plötzlich durch den Kopf

gegangen, hat ihr Schwindel verursacht und – und sie hat ihm nicht

widerstehen können.

Das war ein augenscheinliches Mißverständnis – was Sie da auch einwenden

mögen. Mit mir könnte man doch leben ... Wie aber, wenn es Blutarmut

war? ... Einfach aus Blutarmut, aus Erschöpfung der Lebensenergie? Müde

war sie geworden im Winter, das war’s ...

Zu spät!!!

Wie schmal sie im Sarge ist, wie das Näschen sich zugespitzt hat! Die

Wimpern liegen wie kleine Zeiger. Und wie sie doch gefallen ist – nichts

hat sie sich zerschlagen, nichts verunstaltet! Nur dieser eine „Löffel

voll Blut“, nur ein Teelöffelvoll. Innere Verblutung.

Sonderbarer Einfall ... wenn es möglich wäre, sie _nicht_ zu beerdigen?

Denn, wenn man sie fortträgt ... oh, nein, sie fortbringen ist fast

unmöglich! Oh, ich weiß ja, daß man sie fortbringen muß, ich bin doch

nicht wahnsinnig, ich phantasiere doch nicht, im Gegenteil, – nie noch

ist mein Verstand so wach gewesen, aber wie soll denn das wieder so: –

wieder kein Mensch im Hause, wieder zwei Zimmer und wieder ich allein

mit den Pfändern ... Fieberphantasie, Fieberphantasie ... das ist ja

Fieberphantasie! Ich habe sie zu Tode gequält – das ist’s!

Was sind mir jetzt Eure Gesetze? Was sollen mir jetzt Eure Gebräuche,

Eure Sitten, Euer Leben, Euer Staat, Euer Glaube? Möge mich Euer Richter

richten, möge man mich vor Euer Gericht schleppen, vor Euer

Geschworenengericht, und ich werde sagen, daß ich nichts anerkenne! Der

Richter wird mich anschreien: „Schweigen Sie, Offizier!“ Ich aber rufe

zurück: „Woher willst Du solch eine Macht nehmen, daß ich Dir jetzt

gehorchte? Warum hat finstere Passivität das zerschlagen, was mir am

teuersten war? Was sind mir denn jetzt Eure Gesetze?! Ich scheide mich

aus! Oh, ist mir doch alles gleich!“

Du blindes, blindes Wesen du! – Tot, – sie hört nicht – ... Du weißt

nicht, mit welch einem Paradies ich Dich umgeben hätte. Das Paradies war

in meiner Seele, ich hätte es um Dich gepflanzt! Gut, Du hättest mich

nicht geliebt, – sei’s drum, nun, und – was? Alles wäre jetzt einfach

_so_ und würde auch einfach _so_ bleiben. Würdest mir nur wie einem

Freunde erzählen, – und da würden wir uns denn freuen, würden zusammen

lachen, freudig uns in die Augen blicken. Und so würden wir denn gelebt

haben ... Und wenn Du einen anderen lieb gewinnen solltest, – nun, sei’s

drum, sei’s drum! Du würdest dann mit ihm gehn und lachen, ich aber

würde nur von der anderen Straßenseite sehn ... Ach, alles alles! nur

möge sie noch einmal die Augen aufschlagen! Nur auf einen Augenblick,

nur auf einen! mich anblicken, so wie vorhin, da sie vor mir stand und

schwor, daß sie mein treues Weib sein würde! Ach, mit einem einzigen

Blick würde sie alles begreifen!

Oh Natur! Die Menschen sind einsam auf der Erde – das ist das Unglück!

„Sprich, Ferne, lebt in dir ein Mensch?“ rief einstmals, wie unser

Heldensang uns sagt, in alten Zeiten der fahrende russische Held. So

rufe auch ich, doch niemand gibt mir Antwort und die Ferne verschlingt

das Echo. Es heißt, die Sonne belebe das Weltall. Wenn die Sonne aufgeht

– so seht sie doch an, – ist das nicht eine Leiche? ist sie nicht tot?

... Alles ist tot und überall sind Tote. Allein die Menschen sind noch,

doch um sie herum ist Schweigen – das ist die Erde! Es tickt ... tickt

... tickt der Pendel, gefühllos, widerlich ... zwei Uhr nachts. Ihre

Schuhchen stehn am Bett, ganz als ob sie sie erwarteten ... Nein, im

Ernst, wenn man sie morgen fortträgt – was soll ich dann?

Bobock.

Dieses Mal bringe ich meinen Lesern die „Aufzeichnungen eines gewissen

Menschen“. Dieser Mensch bin nicht ich; das ist vielmehr ein ganz

anderer. Ich glaube, ein Vorwort ist weiter nicht nötig.

Aufzeichnungen eines gewissen Menschen.

Fährt mich da plötzlich dieser Ssemjon Ardaljonowitsch ganz ohne

weiteres an:

„Sag’ doch bitte, Iwan Iwanytsch, wirst Du überhaupt einmal nüchtern

werden oder nicht!?“

Sonderbare Anforderung! Fühle mich aber nicht gekränkt. Bin ein

schüchterner Mensch. Einstweilen aber hat man mich schon für verrückt

erklärt. Ein Maler hat mich porträtiert. Ganz zufällig. „Bist doch,“

sagt er, „immerhin Literat!“ Meinetwegen. Und so saß ich ihm dreimal.

Jetzt hat er’s ausgestellt. Kurz darauf lese ich: „Man beeile sich,

dieses kranke, dem Wahnsinn nahe Gesicht anzusehen!“

Meinetwegen. Aber trotzdem: wie kann man das nur so öffentlich in der

Zeitung sagen? Schreiben muß man doch nur Edles; Ideale tun not; und da

schreiben sie nun so was! ...

Sag’ es doch wenigstens indirekt, dazu gibt es doch Redewendungen! Nein,

er will es nicht mehr indirekt sagen. Humor und guter Stil verschwinden

heutzutage spurlos und Geschimpf wird jetzt für Witz und Scharfsinn

gehalten. Nein. Fühle mich nicht gekränkt: bin nicht Gott weiß was für

ein Literat, um verrückt zu werden. Schrieb mal eine Novelle – wurde

nicht gedruckt. Schrieb ein Feuilleton – wurde abgewiesen. Solcher

Feuilletons habe ich etliche in verschiedene Redaktionen geschleppt:

vergeblich. „Sie haben,“ heißt es, „kein Salz in Ihren Schriften.“

„Was wollen Sie denn für ein Salz,“ frage ich spöttisch, „– etwa

attisches?“

Begreifens nicht einmal. Übersetze größtenteils für Buchhändler aus dem

Französischen. Schreibe auch Reklameannoncen für Kaufleute: „Seltenheit!

Prima Sorte! Roter Tee von eigenen Plantagen! ...“ Zapfte auch einmal

dem seligen Pjotr Matwejitsch ein stattliches Sümmchen für einen

Panegyrikus ab. Schrieb: „Die Kunst gefällt dem schönen Geschlecht“ auf

Bestellung des Buchhändlers. Ja, solcher Büchelchen habe ich schon an

sechs Stück in meinem Leben verfaßt. Will zwar schon lange Voltaires

Bonmots sammeln, fürchte aber, daß man sie fade finden wird. Was soll

man heutzutage noch mit Voltaire! Knüppeldummheit, aber nicht Voltaire!

Würden einander die letzten Zähne einschlagen. Das wäre also meine ganze

literarische Tätigkeit. Es sei denn, daß man noch mitrechnete, was _ich_

so an ganz uneigennützigen Briefen an die Redaktionen verfaßt habe.

Schicke sie stets mit meiner vollen Unterschrift. Ermahne, gebe

Ratschläge, kritisiere und weise auf den richtigen Weg. An eine dieser

Redaktionen habe ich in der vorigen Woche den vierzigsten Brief gesandt;

macht vier Rubel allein für Postmarken. Mein Charakter taugt nichts, das

ist’s.

Ich glaube, der Maler hat mich nicht wegen der Literatur gemalt, sondern

wegen der zwei symmetrisch auf meiner Stirn wachsenden Warzen: ein

Phänomen, sagt man. Haben ja keine Ideen mehr, da versuchen sie es denn

jetzt mit den Phänomena. Dafür aber, wie sind bei ihm meine Warzen auf

dem Bilde herausgekommen? – _lebendig_, sag ich Ihnen! Das nennen sie

jetzt Realismus.

Was aber das Verrücktsein anbetrifft, so haben sie ja bei uns im vorigen

Jahre viele für verrückt erklärt. Und noch dazu in welch einem Stil:

„Solch ein selbständiges Talent!“ schreiben sie zuerst verwundert, dann

zum Schluß des Artikels: „übrigens war es schon längst vorauszusehen

...“ Das ist ja noch ganz gerieben. Könnte es vom Gesichtspunkte der

reinen Kunst sogar loben. Warum auch nicht? Sie selbst aber sind dann

plötzlich ungemein klug. Das ist’s ja! für verrückt erklären, das kann

man bei uns schon, aber irgend jemanden klüger machen, das bringt man

doch noch nicht fertig.

Der klügste ist meiner Meinung nach, wer sich freiwillig wenigstens

einmal im Monat selbst einen Esel nennt, – heutzutage eine unerhört

seltene Begabung. Früher sagte sich der Esel mindestens einmal im Jahr,

daß er ein Esel ist, jetzt aber – nie und nimmer. Und derart haben sie

jetzt alles verdreht, daß man, Hand aufs Herz, den Klugen wahrlich auf

keine Weise mehr vom Esel unterscheiden kann. Das haben sie natürlich

mit Absicht getan.

Soeben fällt mir eine spanische Anekdote ein. Man sagte dort vor

zweieinhalb Jahrhunderten, als die Franzosen das erste Tollhaus bauten:

„Die haben alle ihre Dummköpfe in ein besonderes Haus eingesperrt, um

glauben zu machen, daß sie selbst kluge Leute sind“. Die Spanier haben

recht: damit, daß man den anderen in die Irrenanstalt einsperrt, will

man ja nur seinen eigenen Verstand beweisen. „X. ist verrückt geworden,

– daraus folgt, daß wir jetzt klug sind.“ Nein, das folgt daraus noch

längst nicht.

Hm! ... Teufel! – wozu mache ich auch mich denn mit meinem Verstande so

breit? Schwatze, schwatze ... Sogar der Dienstmagd bin ich langweilig

geworden: will mir nicht einmal mehr zuhören. Hat’s satt. Gestern kam

ein Bekannter zu mir.

„Dein Stil,“ sagt er, „verändert sich: wird gehackt. Du hackst, hackst –

und das soll dann eine Einleitung sein. Und dann kommt zu dieser

Einleitung noch eine Einleitung, und die hat wiederum ein Vorwort, und

dann schickst Du in Klammern noch etwas voraus, und dann geht das Hacken

von neuem los.“

Er hat recht. Es geschieht wirklich etwas Sonderbares mit mir. Auch mein

Charakter ändert sich und der Kopf tut mir weh. Ich fange schon an, ganz

absonderliche Sachen zu hören und zu sehen. Nicht, daß es gerade Stimmen

wären, aber es scheint mir immer, als ob irgend etwas oder irgend jemand

neben mir gluckst: „bobock, bobock, bobock!“

Was zum Teufel ist das für ein „bobock“? Muß mich zerstreuen.

* * * * *

Ging mich zerstreuen, stieß auf eine Beerdigung. Entfernter Verwandter.

Einstweilen aber doch Kollegienassessor. Eine Witwe, fünf Töchter – alle

ledig. Allein, wenn man die Stiefel berechnet, was kostet das! Der

Selige verstand noch zu verdienen, aber jetzt – Pensiönchen. Müssen aber

auch auskommen. Mich haben sie immer ungern empfangen. Wäre auch jetzt

nicht hingegangen, wenn’s nicht solch ein Ausnahmefall gewesen wäre.

Ging bis zum Friedhof mit den anderen zusammen; wenden sich von mir ab,

tun wichtig. Allerdings, mein Überzieher ist wirklich schon etwas

schäbig. Es werden wohl so fünfundzwanzig Jahre her sein, daß ein

Friedhof mich nicht mehr gesehen hat. Das wäre noch so ein Plätzchen!

Aber der Geruch! An Leichen waren etwa fünfzehn angekommen. Särge zu

verschiedenen Preisen; sogar zwei Katafalke gab es: für einen General

und irgend eine Dame. Viel traurige Gesichter, viel auch geheuchelte

Trauer, und viel unverhohlene Fröhlichkeit. Die Geistlichkeit hat nicht

zu klagen: gute Einkünfte. Aber der Geruch, der Geruch! Würde hier nicht

Geistlicher sein wollen.

Nur vorsichtig blickte ich in die Särge, den Toten ins Gesicht[7]: kann

nicht wissen, was für einen Eindruck sie auf mich machen werden.

Zuweilen haben sie einen sanften Ausdruck, zuweilen einen unangenehmen.

Überhaupt – ihr Lächeln ist nicht gut, und bei manchen ist’s sogar

schrecklich. Lieb’s nicht. Spuken dann im Traum.

Nach der Messe ging ich aus der Kirche an die frische Luft; der Tag war

ein wenig trübe, dafür aber trocken. Und auch kalt; nun, wir haben ja

schon Oktober. Ging zu den anderen. Verschiedene Klassen. Die dritte zu

dreißig Rubel: anständig und doch nicht so teuer. Die ersten zwei in der

Kirche; natürlich nur für große Beutel. Drittklassig wurden diesmal an

sechs beerdigt, darunter auch der General und die Dame.

Warf einen Blick in die Gräber – furchtbar: Wasser, und welch ein

Wasser! vollkommen grün und – ’s ist wahr, wahrhaftig! – der Totengräber

schöpfte es fortwährend heraus. Ging, so lange die Messe noch gelesen

wurde, ein wenig auf die Straße – spazieren. Dort ist gleich das

Armenhaus und etwas weiter ein Restaurant. Und durchaus kein übles:

Imbiß, Frühstück, Schnäpse. War voll von den Begleitenden. Bemerkte viel

aufrichtige Lustigkeit und Begeisterung. Ich trank mein Glas und aß ein

Brötchen dazu. –

Darauf beteiligte ich mich eigenhändig an der Überführung des Sarges aus

der Kirche zum Grabe. Warum werden die Menschen als Leichen immer so

schwer im Sarge? Man sagt, infolge irgend einer Inertie, weil der Körper

sich nicht mehr selbst trage ... oder sonst einen Blödsinn ähnlicher

Art; widerspricht der Mechanik und dem gesunden Menschenverstand. Kann’s

nicht leiden, wenn man mit einer bloß allgemeinen Bildung über

Spezialfragen urteilen will; bei uns aber tun das alle ohne Ausnahme.

Zivilbeamte lieben es, über Militär oder gar Generalstabsfragen zu

urteilen, und Ingenieure über Philosophie und Staatsökonomie.

Fuhr nicht zum Totenschmaus. Bin stolz, und wenn man mich nur im

äußersten Notfall empfängt, wozu soll ich mich dann an ihre Tische

drängen, selbst wenn es sich um einen Toten handelt? Begreife nur nicht,

warum ich auf dem Friedhof blieb. Setzte mich auf einen Grabstein und

verfiel in entsprechende Gedanken.

Begann mit der Moskauer Ausstellung und endete schließlich bei dem „sich

wundern“ – letzteres im allgemeinen genommen, so als Thema überhaupt.

Kam über dieses „sich wundern“ zu folgendem Schluß:

„Sich über alles wundern ist natürlich dumm, sich aber über nichts

wundern ist viel hübscher und aus irgend einem Grunde sogar guter Ton.

Doch ist es in Wirklichkeit wohl kaum so. Meiner Meinung nach ist sich

über nichts wundern viel dümmer, als sich über alles wundern, ja, ist

fast dasselbe, wie nichts achten. Aber ein dummer Mensch versteht ja

auch nicht zu achten.“

„Vor allen Dingen will ich achten! Ich _lechze_ danach, achten zu

können,“ sagte mir vor ein paar Tagen einer meiner Bekannten.

Lechzt danach, achten zu können! Herrgott, dachte ich, was würde wohl

aus dir werden, wenn du es jetzt wagtest, das drucken zu lassen!

Verlor mich darüber in Gedanken. Liebe es nicht, die Grabinschriften zu

lesen; ewig dasselbe. Neben mir auf der Marmortafel lag ein angebissenes

Butterbrot; dumm und nicht am Platz. Warf es auf die Erde, denn das war

ja kein Brot; bloß ein Brötchen. Übrigens ist auf die Erde Brot werfen,

glaub ich, nicht Sünde; nur auf den Fußboden. Vielleicht ist’s auch

umgekehrt. Muß in Ssuworins Kalender nachschlagen.

Es ist anzunehmen, daß ich lange saß, sogar zu lange; wollte sagen, daß

ich mich auf der großen Marmorplatte sogar ausstreckte. Und wie das

eigentlich so kam, daß ich plötzlich verschiedene Dinge hörte? Beachtete

es zuerst natürlich nicht weiter; fand’s verächtlich. Einstweilen aber

setzte sich das Gespräch fort. Höre –: dumpfe Laute, als ob man ihnen

den Mund mit Kissen zugedrückt hätte; und bei alledem waren die Stimmen

doch deutlich vernehmbar, als ob sie ganz nah gesprochen hätten. Ich

erwachte, richtete mich auf, setzte mich und hörte aufmerksam zu.

„Aber Exzellenz, ich bitt’ Sie, das geht doch wirklich nicht! Sie sagten

Coeur an, ich nehme das Spiel auf und plötzlich haben Sie Carreau

sieben! Das hätte man doch im voraus abmachen müssen, ich bitt’ Sie!“

„Wie, was – also auswendig, aus dem Gedächtnis spielen? I, wo bleibt

denn da die Gemütlichkeit?“

„Das geht nicht, Exzellenz, ich bitt’ Sie, ohne Garantien geht’s

wirklich nicht! Sie müssen noch einmal die Karten geben, aber vergessen

Sie diesmal nicht den Schafskopf ...“

„Nun, einen solchen gibt es hier wohl kaum, dächte ich.“

Welch hochmütige Worte! Ganz sonderbar und wie unerwartet! Die eine

Stimme so selbstbewußt, solide, die andere süßlich schmeichelnd. Hätt’s

wirklich nicht geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Ohren gehört

haben würde. Zum Leichenschmaus war ich, glaub ich, doch nicht gegangen

... Hier Préférence zu spielen! Und was ist das für eine Exzellenz? Daß

die Stimmen aus den Gräbern kamen, daran war nicht zu zweifeln. Ich

rückte etwas zur Seite und las die Inschrift auf dem Marmor.

„Hier ruht Generalmajor Perwojedoff ... Ritter dieser und dieser Orden,

... gest. im August ... im siebenundfünfzigsten ... Ruhe sanft bis zur

seligen Auferstehung!“

Hm, wahrhaftig ein General! Auf dem andern Grabe, aus dem die

schmeichlerische Stimme kam, war noch kein Denkmal: nur eine kleine

Steinplatte; wohl ein Neuling. Der Stimme nach ein Hofrat.

„Och – chohoho!“ ertönte plötzlich eine neue Stimme, ungefähr fünf

Schritt vom Generalsgrabe, unter einem noch ganz frischen Hügel hervor;

eine Männerstimme, so eine einfachere, wie man sie im Volke hört; jetzt

aber andächtig-gerührt und ein wenig schwach.

„Och – chohoho!“

„Ach, schon wieder stöhnt er!“ erklang plötzlich die launische,

anmaßende Stimme einer gereizten Dame der höheren Gesellschaft, wie’s

schien. – „Wirklich ein Kreuz, neben diesem Krämer zu liegen!“

„Hab gar nicht gestöhnt, hab doch schon lange nichts gegessen, das ist

einzig nur so meine natürliche Gewohnheit. – Und immer können Sie,

Gnädige, von Ihren Launen noch nicht lassen.“

„Warum haben Sie sich denn hierher gelegt?“

„Hab mich nicht selbst hierher gelegt, begraben haben mich meine Frau

und meine kleinen Kinderchen, nicht selbst hab ich mich hier hingelegt.

Das ist eben das Geheimnis des Todes! Hätt ich mich doch selber nie und

nimmer neben Sie gelegt, für kein Gold der Welt! Liege hier nur infolge

meines eigenen Kapitals, nach dem Preis zu urteilen. Denn das können

wir, daß wir für unser Grabchen drittklassig zahlen.“

„Will’s gern glauben; auf das Leutebetrügen werden Sie sich schon

verstehen.“

„Wo soll man Sie denn betrügen, wenn Sie schon seit dem Januar nichts

mehr bezahlt haben. Ich hab noch eine nette Rechnung für Sie in meinem

Kassenbuch.“

„Das ist aber wirklich stark! Da sehen wir’s ja, wie Sie sind! Sogar

hier noch wollen Sie Ihre Rechnungen einkassieren! Gehen Sie nur nach

oben. Fragen Sie bei meiner Nichte; die ist die Erbin.“

„Ach Gott, wo soll man jetzt noch fragen, und wohin gehn! Sind beide

begraben und vor Gott beide in Fehl und Sünde gleich.“

„In Fehl und Sünde!“ spottete die Tote verächtlich. „Unterstehen Sie

sich nicht, mit mir zu sprechen!“

„Och – chohoho!“

„Aber der Krämer gehorcht ihr doch, Exzellenz.“

„Warum sollte er denn auch nicht gehorchen?“

„Das schon, aber hier gibt es doch bekanntlich eine neue Ordnung,

Exzellenz.“

„Was ist denn das für eine neue Ordnung?“

„Aber wir sind doch, wie man zu sagen pflegt, gestorben, Exzellenz.“

„Ach ja, richtig! Nun, aber immerhin eine Ordnung ...“ –

Na, das muß ich sagen, die haben mich wirklich zerstreut! Wenn es schon

hier dazu kommt, was soll man dann noch von der oberen Etage erwarten?

Was für Späßchen, in der Tat! Fuhr einstweilen fort, zuzuhören, wenn

auch mit tiefem Unwillen.

* * * * *

„Nein, ich würde aber leben! Nein ... ich, wissen Sie ... ich würde aber

leben!“ hörte ich da plötzlich eine neue Stimme, irgendwoher, so in der

Mitte zwischen dem General und der reizbaren Dame.

„Hören Sie, Exzellenz? Unser Alter fängt wieder an. Schweigt, schweigt

drei Tage lang womöglich, und mit einem Mal: ‚Ich würde aber leben,

nein, ich würde aber leben!‘ Und mit solch einem, wissen Sie, Appetit,

sagt er es, hi – hi!!“

„Und Leichtsinn.“

„Ihm geht’s schon nah, Exzellenz, und, wissen Sie, er schläft schon ein,

ja, ja, er fängt bereits an, ganz einzuschlafen, ist doch seit dem April

hier – und plötzlich: ‚ich würde aber leben!‘“

„Ziemlich langweilig,“ bemerkte seine Exzellenz.

„Langweilig, Exzellenz? Sollte man dann nicht wieder Awdotja Ignatjewna

ein wenig necken, hi – hi, – wie?“

„Nein, da muß ich Sie doch bitten, mich mit der ungeschoren zu lassen.

Kann diese keifende Schachtel nicht ausstehen.“

„Ich aber kann Sie alle beide nicht ausstehen!“ schrie sofort die

Schachtel erbost zurück. „Alle beide sind Sie sterbenslangweilig, und

keiner von Ihnen versteht etwas Ideales zu erzählen. Ich aber könnte,

wenn ich wollte, ein Geschichtchen von Ihnen, Exzellenz, – bitte seien

Sie nicht so hochnasig –, könnte ein Geschichtchen von Ihnen erzählen,

... wie ein Diener Sie früh morgens mit dem Besen unter einem Ehebett

hervorgekehrt hat ...“

„Gemeines Frauenzimmer!“ stieß der General brummend zwischen den Zähnen

hervor.

„Mütterchen Awdotja Ignatjewna,“ rief plötzlich wieder der Kaufmann

dazwischen, „sag mir doch, meine Herrin, ohne des Bösen zu gedenken, sag

mir doch, muß ich jetzt alleweil die Übergänge und Zustände der Seele

nach dem Tode erst durchmachen, oder was ist das sonst?“

„Ach, da kommt er schon wieder damit, ahnte ich’s doch! Also von ihm

rührt dieser Geruch her, also er verwest jetzt schon!“

„Ich verwese noch längst nicht, Mütterchen, und ich kann nicht sagen,

daß von mir irgend solch ein besonderer Geruch ausginge, hab mich noch

wie ich war an ganzem Leibe erhalten, aber Sie, Gnädige, Sie fangen ja

schon an, in einen anderen Zustand überzugehen – denn der Gestank ist

wirklich stark, sogar bis zu mir her. Schwieg bis jetzt nur aus

Höflichkeit.“

„Ach, Sie schändlicher Lügner! Von ihm riecht es, daß man ohnmächtig

werden könnte, und er hat noch die Frechheit, es auf mich zu schieben!“

„Och – chohoho! Wenn doch bald mein vierzigster Tag[8] käme: hörte dann

ihre traurigen Stimmen über mir, meines Weibes Schluchzen und der Kinder

stilles Weinen! ...“

„Ach, hört doch, worüber der trauert! Die werden schon den Reis[9] zu

deiner Totenfeier verzehren, da sei Du unbesorgt! Ach, wenn doch

wenigstens jemand erwachen würde!“

„Awdotja Ignatjewna,“ rief sofort der Beamte – ein Hofrat, glaub ich –

„warten Sie nur noch einen Augenblick, bald werden Neue erwachen!“

„Ach, gibt es auch Junge unter ihnen?“

„Gewiß, gewiß, auch Junge – sogar Jünglinge!“

„Ach, das ist ja herrlich!“

„Wie, sind sie denn noch nicht erwacht?“ erkundigte sich seine

Exzellenz.

„Selbst vorvorgestrige sind noch nicht erwacht; Exzellenz wissen es doch

selbst, daß man sie gestern, vorgestern und heute mit einem Mal ganz

plötzlich und zu gleicher Zeit angefahren hat. Sonst sind doch um uns

etwa zehn Schritt in der Runde alles vorjährige.“

„Hm! interessant!“

„Und wissen Sie, Exzellenz, heute hat man den Wirklichen Geheimrat

Tarassewitsch beerdigt. Ich erkannte die Stimmen. Seinen Neffen kenne

ich sehr gut, – der half vorhin den Sarg versenken.“

„Hm – wo liegt er denn hier?“

„Etwa fünf oder sechs Schritt links von Ihnen, Exzellenz. Fast gerade

Ihnen zu Füßen ... Wie wär’s, Exzellenz, wenn Sie sich mit ihm bekannt

machen würden?“

„Hm, nein – wie denn!? ... ich kann doch nicht als erster ...“

„O, er wird schon selbst anfangen, Exzellenz. Er wird sich sogar sehr

geschmeichelt fühlen, überlassen Sie es nur mir, Exzellenz, ich ...“

„Ach, ach ... ach, was ist mit mir?“ ließ sich da plötzlich ein neues,

keuchendes, ganz erschrockenes Stimmchen hören.

„Ein Neuer, Exzellenz, ein Neuer, Gott sei Dank, und wie schnell

erwacht! Zuweilen schweigen sie ja eine ganze Woche.“

„Ach, ich glaube, es ist ein junger!“ rief Awdotja Ignatjewna verzückt

aus der Fistel.

„Ich ... ich ... ich bin an einem Rückfall und so plötzlich!“ stammelte

wieder der Jüngling. „Noch am Abend untersuchte mich Schulz: Sie haben

sich wieder erkältet, sagte er, haben einen Rückfall, und am Morgen

starb ich plötzlich. Ach! Ach!“

„Nun, nichts zu machen, junger Mann,“ meinte der General,

augenscheinlich gnädigst über den Neuling erfreut, „– man muß sich

trösten! Willkommen in unserem, wie man sagt, Tale Josaphat. Wir sind

gute Menschen; Sie werden uns ja selbst kennen und schätzen lernen.

Generalmajor Wassili Wassiljewitsch Perwojedoff, zu Ihren Diensten.“

„Ach, nein! Nein, nein, das kann ich auf keinen Fall! Ich, wissen Sie,

bei mir hat sich eine Verschlimmerung eingestellt, zuerst war’s nur die

Brust und der Husten, dann aber erkältete ich mich: Brust und

Katarrhalfieber ... und dann plötzlich ganz unerwartet ... das ist es

ja, daß es so ganz unerwartet kam!“

„Sie sagen, zuerst war es nur die Brust?“ mischte sich mit freundlicher

Stimme der Beamte ein, ganz als ob er den Jüngling ermuntern wollte.

„Ja, die Brust und Schleimauswurf, dann aber hörte der plötzlich auf und

– ich kann nicht mehr atmen ... und wissen Sie ...“

„Ich weiß, ich weiß. Aber wenn’s die Brust war, so hätten Sie zu Eck

gehen sollen, aber nicht zu Schulz.“

„Ich aber, wissen Sie, wollte immer zu Botkin gehen ... und plötzlich

...“

„Nun, Botkin schneidet,“ bemerkte der General.

„Ach nein, das ist gar nicht wahr, er schneidet gar nicht! Ich habe

gehört, er soll so aufmerksam sein, und alles voraussagen.“

„Seine Exzellenz meinte es nur in betreff des Preises,“ berichtigte der

Beamte.

„Ach – gar nicht, nur drei Rubel und er untersucht so gut und das Rezept

... und ich wollte es unbedingt, weil man mir gesagt hatte ... Ja, wie

denn nun, meine Herren, was soll ich tun, zu wem soll ich jetzt: zu Eck,

oder zu Botkin?“

„Wie? Wohin?“ fragte interessiert der General und in gemütlichem Lachen

schüttelte sich seine Leiche. Der Beamte sekundierte ihm natürlich

sofort in der Fistel.

„Mein lieber Junge, mein lieber fröhlicher Junge, wie ich Dich liebe!“

fiel bezaubert Awdotja Ignatjewna etwas kreischend ein. „Ach, wenn man

doch solch einen neben mich gebettet hätte!“ –

Nein, das ist aber doch unmöglich. Und das soll ein Toter unseres

Jahrhunderts sein! Einstweilen kann man aber noch zuhören und mit dem

letzten Urteil noch etwas warten. Dieser grüne Neuling – ich erinnerte

mich noch, wie er vorhin im Sarge aussah: Ausdruck eines erschrockenen

Huhnes, der allerwiderlichste der ganzen Welt! Aber was weiter.

* * * * *

Doch was dann kam, war solch ein Chorus von Stimmen, daß ich alles nicht

einmal behalten konnte, denn es erwachten sehr viele zu gleicher Zeit,

unter anderen auch ein höherer Beamter, einer von den Staatsräten, der

mit dem General sofort ein Gespräch anknüpfte über das Projekt einer

Unterkommission im Ministerium der öffentlichen Arbeiten und die

mutmaßlich damit in Verbindung stehende Versetzung der Amtspersonen, –

wodurch er den General ersichtlich ungemein, ganz ungemein zerstreute.

Ich muß gestehen, daß auch ich bei der Gelegenheit viel Neues erfuhr, –

schüttelte noch mein Haupt über die sonderbaren Wege, auf denen man hier

in dieser Hauptstadt administrative Neuigkeiten erfahren kann. Darauf

erwachte auch halb und halb ein Ingenieur, schwätzte jedoch noch lange

allerhand Unsinn, sodaß die anderen ihn vorläufig nicht belästigten,

sondern ihn erst „sich ausliegen“ ließen. Zum Schluß bekundete auch noch

die am Morgen unter dem Katafalk beerdigte vornehme Dame einige

Anzeichen der Grabesbeseelung. Lebesätnikoff, – es stellte sich nämlich

heraus, daß der schmeichlerische, mir verhaßte Hofrat, der sich neben

dem General Perwojedoff befand, Lebesätnikoff hieß – nun ja, war

furchtbar verwundert und in Anspruch genommen durch den ungewöhnlichen

Umstand, daß dieses Mal die meisten so bald erwachten. Muß gestehen:

auch mich nahm’s ein wenig wunder. Übrigens waren einige von den

Erwachenden bereits vor drei Tagen beerdigt worden, wie z. B. ein ganz

junges Mädchen, eine Sechzehnjährige, die aber die ganze Zeit über nur

kicherte ... Widerlich.

„Exzellenz, Geheimrat Tarassewitsch ist soeben im Begriff, zu erwachen,“

meldete plötzlich Lebesätnikoff mit ungewöhnlicher Eilfertigkeit.

„A? was?“ fragte da auch schon – ein wenig wie im Halbschlaf – der

erwachende Geheimrat mit einer anmaßenden, quäkenden Stimme, in der

etwas Eigensinnig-Befehlendes lag. Ich horchte interessiert auf, denn in

den letzten Tagen hatte ich viel von diesem Tarassewitsch reden gehört –

im höchsten Grade Verfängliches und Aufregendes.

„Das bin ich, Exzellenz, vorläufig nur ich.“

„Was wollen Sie?“

„Einzig mich um das Befinden Eurer Exzellenz erkundigen; aus

Ungewohnheit fühlt sich hier fast jeder anfänglich ein wenig beengt.

Entschuldigen Sie ... General Perwojedoff würde es sich zur Ehre

anrechnen, die Bekanntschaft Eurer Exzellenz zu machen, und hofft ...“

„Kenne nicht.“

„Unmöglich, Exzellenz, General Perwojedoff, Wassili Wassiljewitsch ...“

„Sie sind also General Perwojedoff?“

„Nein, Verzeihung, Exzellenz, nicht ich, ich bin im ganzen nur Hofrat

Lebesätnikoff, und stehe zu Ihren Diensten, aber General Perwojedoff

...“

„Blödsinn! Tun Sie mir den Gefallen, mich nicht zu stören.“

„Lassen Sie ihn,“ hielt schließlich würdevoll General Perwojedoff selbst

die unvornehme Eilfertigkeit seines Grabklienten auf.

„Er ist ja noch nicht ganz erwacht, Exzellenz, das muß man doch in

Betracht ziehen; das ist ja bei ihm vorläufig nur Ungewohnheit: wenn er

ganz erwacht, wird er es natürlich anders aufnehmen ...“

„Lassen Sie ihn,“ wiederholte nur der General.

* * * * *

„Wassili Wassiljewitsch! Heda, Exzellenz!“ rief plötzlich laut und

verwegen dicht neben Awdotja Ignatjewna eine ganz neue Stimme, – eine

etwas blasierte „Herren“stimme mit jener gewissen müden Note und frechen

Dehnung einzelner Silben in der Aussprache, wie sie jetzt in der

Gesellschaft Mode ist. – „Ich beobachte Sie alle schon geschlagene zwei

Stunden. Liege doch bereits drei Tage hier, Sie erinnern sich wohl

meiner, Wassili Wassiljewitsch? – Klinewitsch. Haben uns bei Wolokonskis

getroffen, wo man Sie – ich weiß übrigens nicht warum – gleichfalls

empfing.“

„Wie, Graf Pjotr Petrowitsch ... sollten Sie denn wirklich schon ... und

in so jungen Jahren! Wie ich’s bedauere!“

„Tja, bedaure es natürlich gleichfalls, bloß ist es mir jetzt ziemlich

egal, und zudem will ich aus allem das möglichst Beste exstirpieren. Und

– bin nicht Graf, sondern Baron, im ganzen nur Baron. Wir sind ja irgend

solche räudige Barönchen von Lakaienabstammung, tja, und ich weiß auch

wahrhaftig nicht warum, – äh, ’s ist doch übrigens ganz egal. Ich bin

bloß ein Taugenichts der pseudo-höheren Gesellschaft und man hält mich

für einen ‚lieben Polisson‘. Mein Vater, äh, – so ein armseliger

General, und meine Mutter ist einmal ^en haut lieu^ empfangen worden.

Habe mit dem elenden Hebräer Siffel im vorigen Jahre an fünfzigtausend

falsche Scheine fabriziert, und ihn dann angezeigt, doch mit dem Gelde

ist mir Julchen Charpentier de Lusignan exgezogen – äh – nach Bordeaux,

glaube ich. Und denken Sie sich nur, ich war schon so gut wie verlobt –

mit der kleinen Schtschewalewski, drei Monate fehlten ihr noch an

sechzehn Jahren, ist noch im Institut, erbt Neunhunderttausend. Äh,

Awdotja Ignatjewna, erinnern Sie sich noch dessen, wie Sie mich vor etwa

fünfzehn Jahren, als ich noch vierzehnjähriger Page war, verdarben?“

„Ach, das bist Du, Nichtsnutz! Obgleich Dich wohl Gott gesandt hat, aber

sonst wäre es ...“

„Sie haben umsonst Ihren Nachbar, den Negoziant, der Verbreitung des

üblen Geruchs verdächtigt ... Ich schwieg nur und lachte im stillen; –

das geht doch von mir aus; man hat mich ja schon in geschlossenem Sarge

hergebracht.“

„Ach, wie abscheulich er ist! Aber es freut mich trotzdem; Sie können

sich nicht denken, Klinewitsch, werden es sich bestimmt nicht vorstellen

können, welch ein Mangel an Leben und Esprit hier herrscht!“

„Nun ja, nun ja, ... Tja ich beabsichtige hier etwas Originelles

einzuführen, Exzellenz, – nicht Sie, Perwojedoff, – Exzellenz, ich meine

den anderen, Herr Tarassewitsch, äh, Geheimrat! So antworten Sie doch! –

Klinewitsch, der Sie zur Fastenzeit zu Mademoiselle Füry brachte, hören

Sie mich?“

„Ich höre Sie, Klinewitsch, freue mich sehr, und glauben Sie mir ...“

„Glaube Ihnen nicht ein Wort – übrigens, ’s ist doch ganz egal. Ich

möchte Sie, lieber Alter, gerne abküssen, doch kann ich’s Gott sei Dank

nicht. Wissen Sie denn, verehrte Anwesende, was dieser ^grand-père^

angestiftet hat? Er ist vor drei oder vier Tagen gestorben und, – können

Sie sich vorstellen – hat rundum Vierzigtausend Kassendefizit

hinterlassen! Geld der Witwen und Waisen, und er hat aus irgend einem

Grunde ganz allein gewirtschaftet, sodaß man ihn oder vielmehr seine

Bücher etwa acht Jahre nicht mehr revidiert hat. Äh, ich kann mir

denken, was die jetzt dort für lange Gesichter machen werden, und wie

sie seiner gedenken! ^N’est-ce pas^, wonniger Gedanke! Konnte es mir

schon das ganze letzte Jahr nicht erklären, woher diesem siebzigjährigen

Klappergreis, Podagristen und Chiragriker noch Kräfte zu einem so

ausschweifenden Leben verblieben waren und – äh, da haben wir jetzt die

Lösung des Rätsels! Diese Witwen und Waisen – tja, du lieber Gott, schon

der bloße Gedanke an sie mußte ihn doch erglühen machen! ... Ich war der

einzige, der es wußte, die Charpentier hatte mir alles erzählt, und

sofort nachdem ich es erfahren hatte, ging ich zu ihm, und setzte diesem

heiligen Sünder moralisch den Revolver auf die Brust, – äh, so wie’s

sich Freunden geziemt –: ‚Sofort fünfundzwanzigtausend her, wenn nicht,

kommt man morgen revidieren‘. Was glauben Sie wohl, meine Herren, er

konnte nicht mehr wie dreizehntausend zusammenbringen, so daß er jetzt,

wie’s scheint, sehr zur rechten Zeit gestorben ist. ^Grand-père,

Grand-père^, hören Sie?“

„^Cher^ Klinewitsch, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden, aber es

ist ganz überflüssig ... daß Sie sich in solchen Details ergehen. Es

gibt im Leben so viel Leid und Qual und so wenig Lohn dafür ... ich

hatte den Wunsch, mich endlich zu beruhigen ... Und insoweit ich mir

darüber klar bin, wird sich auch von hier noch vieles herausziehen

lassen ...“

„Haha, ich könnte wetten, daß er schon Katjisch Berestowa

herausgewittert hat!“

„Wen? ... Was für eine Katjisch?“ fragte sofort sinnlich vibrierend die

Stimme des Alten zurück.

„A–ah? Also was für eine Katjisch? Äh, nun, hier links, etwa fünf

Schritt von mir, – von Ihnen zehn. Sie liegt hier schon seit fünf Tagen.

Wenn Sie wissen würden, ^Grand-père^, was das für ein Mädel ist ... Aus

gutem Hause natürlich, wohlerzogen und – ein ^monstre, un monstre^ im

höchsten Grade! Ich habe sie dort niemandem gezeigt, ich allein wußte es

nur ... Katjisch, eh!?“

„Hi – hihi!“ kam als Antwort das kichernde Lachen einer feinen, hohen

Mädchenstimme zurück, doch klang in ihm etwas, das wie ein Nadelstich

war. – „Hi – hi – hi!“

„Und ... ist ... sie ... blond?“ stieß lispelnd, kurzatmig ^Grand-père^

in vier Lauten hervor.

„Hi – hi – hi!“

„Mir ... mir gefiel schon lange ...“ fuhr der Alte atemlos lispelnd

fort, – „schon lange der Gedanke an ein Blondköpfchen ... ein ... ein

fünfzehnjähriges ... und gerade unter solchen Umständen wie hier ...“

„Ungeheuer!“ rief Awdotja Ignatjewna empört.

„Genug!“ entschied Klinewitsch. „Ich sehe schon, daß das Material

vortrefflich ist. Wir werden uns hier bald famos einrichten. Die

Hauptsache ist, daß man die übrig gebliebene Zeit lustig verbringt; doch

was für eine Zeit ist das eigentlich? Heda, Sie, irgend ein Beamter, der

Sie da sind, Lebesätnikoff – nicht? – ich glaube, man nannte Sie vorhin

so?“

„Gewiß, gewiß, Lebesätnikoff, Hofrat, Ssemjon Jewssejitsch, stehe zu

Ihren Diensten, und freut mich, freut mich, ungemein.“

„Äh, ’s ist mir wirklich ganz egal, ob es Sie freut, nur scheinen Sie

hier alles zu wissen. Sagen Sie mal vor allen Dingen – ich wundere mich

noch seit gestern darüber, – – auf welch eine Weise sprechen wir denn

hier eigentlich? Wir sind doch tot, gestorben – nicht wahr, – trotzdem

aber sprechen wir; ja es ist auch gleichsam, als ob wir uns sogar

bewegten, währenddessen aber bewegen wir uns weder noch sprechen wir?

Was soll das alles?“

„Das, oh das, wenn Sie wünschen, Baron, könnte Ihnen Platon

Nikolajewitsch besser erklären als meine Wenigkeit.“

„Was für ein Platon Nikolajewitsch? Quatschen Sie nicht dummes Zeug –

zur Sache.“

„Platon Nikolajewitsch ist hier unser einheimischer Philosoph,

Naturforscher und Professor. Hat bei Lebzeiten mehrere philosophische

Bücher verfaßt, doch werden es jetzt wohl schon drei Monate sein, daß er

sich anschickt, ganz einzuschlafen, daher wird es wohl schwer fallen,

ihn jetzt noch wachrütteln. Er brummt jetzt höchstens einmal in der

Woche einige zusammenhanglose Worte, die eigentlich nicht zur Sache

gehören ...“

„So kommen Sie doch wenigstens zur Sache!“

„Er – er – er erklärt das mit der ganz einfachen Tatsache, und zwar

gerade mit der, daß wir oben, das heißt, als wir noch lebten, den

dortigen Tod ganz irrtümlich für einen Tod hielten. Der Körper belebt

sich hier gewissermaßen nochmals, die Reste des Lebens konzentrieren

sich, aber nur im Bewußtsein. Das – ich kann Ihnen das nicht so recht

sagen, ich weiß eigentlich nicht, wie ich mich ausdrücken soll, das

Leben setzt sich hier gewissermaßen durch die Inertie fort. Alles

konzentriert sich seiner Meinung nach irgendwo im Bewußtsein und lebt

dort noch drei oder vier Monate lang fort, zuweilen sogar ein ganzes

halbes Jahr ... Es gibt hier zum Beispiel einen, der sich schon total

zersetzt hat, doch einmal in etwa sechs Wochen murmelt er plötzlich doch

noch ein Wort, natürlich ein sinnloses, von irgend einem Bobock: bobock,

bobock, bobock, – also glüht doch auch in ihm noch ein Lebensfünkchen

...“

„Alles ziemlich dumm, was Sie da sagen. Aber wie kommt es, daß ich, ohne

Geruchssinn zu haben, doch diesen Gestank hier rieche?“

„Das ... he–he ... Nun, was das anbetrifft, so wurde unser Philosoph,

offen gestanden, schon etwas schleierhaft in seiner Erklärung. Gerade

über den Geruchssinn bemerkte er, man rieche hier nur, he–he, sozusagen

den, he–he, moralischen Gestank! Den Gestank, heißt es, der Seele, um

sich in diesen zwei–drei Monaten noch besinnen zu können ... und dieses

wäre sozusagen noch die letzte Barmherzigkeit, die uns ... Nur glaube

ich, Baron, das ist alles schon mystische Phantasterei, natürlich

entschuldbar durch seine Verfassung ...“

„Danke, ich bin überzeugt, daß alles weitere Unsinn ist. Es genügt, daß

wir jetzt wissen, woran wir sind –: also zwei oder drei Monate Leben und

zum Schluß – bobock. Ich schlage allen vor, diese zwei Monate möglichst

angenehm zu verbringen, und uns zu dem Zweck neue Grundsätze zu wählen.

Meine Damen und Herren! ich schlage vor, _sich überhaupt nicht mehr zu

schämen_!“

„Ach ja, ach ja! wollen wir uns nicht mehr schämen!“ riefen sofort viele

Stimmen und sonderbar, es ließen sich auch viele ganz neue Stimmen

hören, was natürlich bedeutete, daß inzwischen noch andere erwacht

waren. Mit ganz besonderer Bereitwilligkeit und dröhnendem Baß aber

äußerte der bereits völlig belebte Ingenieur seinen Beifall. Katjisch

kicherte erfreut.

„Ach, wie gern ich mich keiner einzigen meiner Handlungen schämen will!“

rief begeistert Awdotja Ignatjewna.

„Hören Sie, wenn schon Awdotja Ignatjewna sich keiner Sache mehr schämen

will! ...“

„Nein nein nein, Klinewitsch, ich habe mich wirklich geschämt, immerhin

habe ich mich doch geschämt, aber hier will ich mich furchtbar,

furchtbar gern nicht mehr schämen!“

„Ich verstehe, Klinewitsch,“ meinte mit dröhnendem Baß der Ingenieur,

„daß Sie vorschlagen, das hiesige, sagen wir, Leben auf neuen

vernünftigen Grundsätzen aufzubauen ...“

„Äh, das ist mir wirklich ganz egal! Was das anbetrifft, wollen wir

lieber Kudejaroff abwarten, – gestern beerdigt. Wenn er erwacht, wird er

Ihnen alles erklären. ’N großartiger Kerl! Morgen, denk ich, wird man

noch so einen Naturalisten ’ranschleppen, einen Leutnant jedenfalls

bestimmt, und wenn ich mich nicht täusche, nach drei–vier Tagen einen

Feuilletonisten – vielleicht mitsamt dem Redakteur. Übrigens, hol sie

der Henker, nur wird sich hier bei uns ein geschlossener Kreis bilden

und, na ja, es wird sich dann schon alles ganz von selbst machen. Doch –

eine Bedingung! –: _ich verlange, daß man nicht lügt_. Nur dieses eine

verlange ich, denn das ist doch die Hauptsache. Auf der Erde leben und

nicht lügen ist unmöglich, denn Leben und Lüge sind synonym; hier aber

wollen wir zur Erhöhung der Heiterkeit einmal _nicht_ lügen. Der Teufel

noch eins! – es hat doch etwas zu bedeuten, daß man im Grabe liegt! ...

Wir werden alle laut unsere Lebensgeschichte erzählen und uns keiner

einzigen Sache mehr schämen. Ganz zuerst werde ich von mir erzählen.

Ich, wissen Sie, gehöre zu den wollüstigen ... Dort oben war alles mit

faulen Schnüren zusammengebunden. Reißen wir sie ab, diese faulen

Schnüre, fort mit ihnen, und lassen Sie uns diese zwei Monate in der

schamlosesten Wahrheit verleben! Entblößen wir uns alle, und zeigen wir

uns nackt!“

„Ach ja, ja! Entblößen wir uns, entblößen wir uns!“ riefen alle Stimmen

aus vollem Halse.

„Ach, ich will mich furchtbar, furchtbar gern entblößen!“ rief Awdotja

Ignatjewna und ihre kreischende Stimme klappte vor lauter Begeisterung

über.

„Ach ... ach ... ach, ich sehe schon, es wird hier lustig werden, ich

will nicht mehr zu Eck!“

„Nein, ich würde aber leben, nein, wissen Sie, ich würde aber leben!“

„Hi–hi–hi!“ kicherte Katjisch.

„Vor allen Dingen kann uns niemand etwas verbieten und wenn sich auch

Perwojedoff, wie ich sehe, ärgert, so kann er mich doch nicht kneifen,

noch sonst mir etwas antun. ^Grand-père^, sind Sie einverstanden?“

„Oh, oh, ich bin durchaus, durchaus einverstanden und mit dem größten

Vergnügen, aber nur mit der Bedingung: daß Katjisch als erste ihre

Bi–o–graphie zum besten gibt.“

„Ich protestiere! Ich protestiere mit allem Nachdruck! ...“ erklärte

plötzlich mit fester Stimme General Perwojedoff.

„Exzellenz!“ flehte sofort in ängstlicher Erregung und mit gesenkter

Stimme der Nichtsnutz Lebesätnikoff – er wollte ihn eines Besseren

überzeugen: „Aber, Exzellenz, es ist doch für uns sogar vorteilhafter,

wenn wir zustimmen. Hier ist, wissen Sie, dieser Backfisch ... und

schließlich, alle diese kleinen Späßchen ...“

„Nun schön, gesetzt – ein Backfisch, aber ...“

„... Vo–vo–vorteilhafter, Exzellenz, bei Gott, es wäre vorteilhafter!

Sagen wir meinetwegen nur so zum Beispiel, nur so zur Probe ...“

„Selbst im Gra–abe läßt man einen nicht zur Ruhe kommen!“

„Erlauben Sie, General –,“ unterbrach ihn Klinewitsch gemessen,

„Erstens: Sie geruhten vorhin selbst im Grabe Préférence zu spielen und

zweitens – sind Sie uns ganz egal – aber ganz!“

„Mein Herr, ich bitte Sie, sich nicht zu vergessen.“

„Was? – Tja, Sie können mich doch nicht erreichen und ich kann Sie ja

von hier aus necken so viel ich will – wie Julchens Mops. Und übrigens,

– äh, meine Herren, was ist er denn hier noch für ein General? Dort mag

er ja auch General gewesen sein, hier aber ist er nichts – überhaupt

nichts!“

„Nein, mein Herr, auch hier bin ich ...“

„Hier werden Sie im Sarge verfaulen und was von Ihnen übrig bleibt –

sind sechs silberne Knöpfe.“

„Bravo, Klinewitsch, haha–ha!“ gröhlten lachende Stimmen.

„Ich habe meinem Kaiser gedient ... ich ... ich besitze einen Degen!“

„Äh, mit Ihrem Degen kann man jetzt Mäuse spießen und zudem haben Sie

ihn doch noch nie gezogen.“

„Das ... bleibt sich gleich. Ich machte einen Teil des Ganzen aus!“

„Als ob es wenig Teile des Ganzen gäbe!“

„Bravo, Klinewitsch, bravo, ha–ha–ha!“

„Ich begreife nicht, was solch ein Degen überhaupt bedeuten soll,“

meinte spöttisch der Ingenieur.

„Vor den Preußen werden wir wie die Mäuse ausreißen, die werden uns doch

zu Staub zerklopfen!“ schrie eine entferntere, mir noch unbekannte

Stimme, die aber buchstäblich vor Begeisterung erstickte.

„Der Degen, mein Herr, ist die Ehre!“ schrie wohl noch der General,

wenigstens konnte ich nur noch seine Stimme unterscheiden, denn es erhob

sich ein wütendes, unbändiges Geschrei, das wie ein Getöse dahinbrauste,

und das nur noch von dem ungeduldigen hysterischen Gekreisch Awdotja

Ignatjewnas durchschnitten wurde.

„Ach schneller, schneller doch! Ach, wann werden wir denn endlich

anfangen, uns nicht mehr zu schämen!“

„Och–chohoho! Wahrlich, wahrlich, meine Seele durchlebt das Fegefeuer!“

hörte ich zwar noch die Stimme des Kaufmanns, aber ...

Aber da nieste ich plötzlich. Es kam ganz plötzlich und unbeabsichtigt,

doch die Wirkung war verblüffend: alles verstummte, verging wie ein

Traum. Wahre Grabesstille brach an. Glaube nicht, daß sie sich vor mir

schämten: sie hatten doch beschlossen, sich überhaupt nicht mehr zu

schämen!

Ich wartete noch fünf Minuten –: kein Wort, kein Laut. Es ist doch nicht

anzunehmen, daß sie eine Anzeige an die Polizei fürchteten; denn was

könnte die Polizei hierbei tun? Schließe daraus, daß sie immerhin irgend

solch ein Geheimnis haben müssen, eines, das uns Sterblichen unbekannt

ist, und das sie sorgfältig vor uns bewahren.

„Nun, meine Lieben,“ dachte ich, „Euch werde ich noch oftmals besuchen.“

Und mit diesen Worten verließ ich den Friedhof.

* * * * *

Nein, das kann ich nicht zulassen; nein, wahrhaftig nicht! Da habe ich

nun in Gräbern mein bobock gefunden! ... Hab ja weiter keine Angst

davor, aber ...

Verderbnis an solch einem Ort, Verderbnis zerfallender, verwesender

Leichen und das noch in dem letzten Augenblick der Besinnung, angesichts

der letzten Zuversicht! Diese kurzen Augenblicke sind ihnen gegeben,

geschenkt, um ... Doch die Hauptsache, die Hauptsache, – an solch einem

Ort! Nein, das kann ich nicht zulassen! ...

Werde zu den anderen Klassen gehen, werde überall zuhören. Das ist’s ja

eben, daß man überall zuhören muß, und nicht nur irgendwo am Rande an

einer einzigen Stelle, um sich eine richtige Vorstellung machen zu

können. Wer weiß, – vielleicht werde ich auch auf etwas Tröstendes

stoßen.

Doch zu denen werde ich bestimmt noch zurückkehren. Versprachen doch

ihre Biographien und verschiedene Geschichtchen ... Pfui! Aber ich werde

überall hingehen, unbedingt werde ich hingehen! Gewissenssache!

Will es in die Redaktion des „Bürger“ bringen; dort hat man auch das

Bild eines Redakteurs ausgestellt. Vielleicht drucken sie’s.

Der Traum eines lächerlichen Menschen.

Eine phantastische Erzählung.

Sämtliche Werke 20 · 第 41 / 46 题