... Irgendwo im Nebenzimmer begann plötzlich, wie unter einem starken
Druck, als ob sie jemand gewürgt hätte – heiser die Uhr zu schnurren.
Nach unnatürlich langem, langsamem, heiserem Rrrr folgte plötzlich ein
heller und ganz unerwartet hastiger Schlag, – ganz als ob jemand
plötzlich vorspringt. Es schlug zwei. Ich erwachte, wenn ich auch vorher
nicht geschlafen, sondern nur in halber Vergessenheit dagelegen hatte.
In dem schmalen und niedrigen Zimmer, in dem noch ein großer
Kleiderschrank stand und Hutpaudeln, Stoffe und verschiedener
Kleiderkram herumlagen, war es fast ganz dunkel. Der Lichtstumpf, der
auf einem Tisch am anderen Ende des Zimmers in einem alten Leuchter
brannte, drohte schon auszulöschen, nur ab und zu flackerte er noch auf.
Nach wenigen Minuten mußte tiefes Dunkel herrschen.
Es dauerte nicht lange, bis ich ganz zu mir kam; mit einem Mal, ohne
mich angestrengt zu haben, fiel mir alles wieder ein; als ob es mir
irgendwo aufgelauert hätte, um sich dann plötzlich wieder auf mich zu
stürzen. Ja, und selbst in der Bewußtlosigkeit blieb im Gedächtnis doch
noch, ich möchte sagen: so ein Punkt, der unter keiner Bedingung in
Vergessenheit versank, und um den müde, unermüdlich, schwerfällig die
Schemen meines Halbschlaftraumes kreisten. Doch eines war sonderbar:
alles, was mit mir an jenem Tage geschehn war, schien mir, als ich im
dunklen Zimmer erwachte, schon längst, längst vergangen zu sein, als ob
ich das alles schon längst, längst überlebt hätte.
In meinem Kopf war nichts als schwerer Dunst. Es war mir, als ob etwas
über mir schwebte, mich lähmte und zu gleicher Zeit beunruhigte und
erregte. Die Beklemmung und die ohnmächtige Wut schwollen wieder an,
schäumten auf und suchten einen Ausgang. Plötzlich – sah ich dicht neben
mir zwei offene Augen, die mich ernst und beharrlich betrachteten. Der
Blick war kalt-teilnahmslos, war finster, als ob er von einem ganz
fremden Wesen herrührte. Es wurde mir schwer unter ihm.
Ein häßlicher Gedanke erwachte in meinem Hirn und kroch mir wie ein
gemeines Gefühl über den ganzen Körper, etwa wie die Empfindung, die
einen überkommt, wenn man in einen feuchten, faulenden Keller tritt. Es
war so sonderbar unnatürlich, daß es diesen zwei Augen gerade jetzt
einfiel, mich zu betrachten. Es fiel mir ein, daß ich in diesen zwei
Stunden mit diesem Wesen kein einziges Wort gewechselt und das auch für
völlig überflüssig gehalten hatte; sogar das Schweigen hatte mir zu
Anfang aus irgend einem Grunde gefallen. Jetzt jedoch empfand ich
plötzlich deutlich den ganzen Ekel, die ganze spinnenhafte
Scheußlichkeit der Idee der Ausschweifung, die ohne Liebe, roh und
schamlos direkt damit beginnt, womit die wahre Liebe sich krönt. Lange
blickten wir uns so durch das nächtliche Dunkel in die schimmernden
Augen, doch senkte sie nicht ihren Blick vor mir: ohne mit der Wimper zu
zucken, ohne den Blick zu verändern, schauten die Augen still und
bewegungslos furchtlos mich an ... Mich schauderte.
„Wie heißt Du?“ fragte ich rauh, um der Stille ein Ende zu machen.
„Lisa,“ klang es fast flüsternd, doch sonderbar unfreundlich zurück, und
sie wandte die Augen von mir ab.
Ich schwieg.
„Das Wetter ist heute scheußlich ... Schnee ...“ sagte ich mehr so vor
mich hin, schob die Hand unter den Kopf und blickte zur Decke hinauf.
Sie antwortete nicht. Widerlich war das alles.
„Bist Du eine hiesige?“ fragte ich nach einer Minute etwas aufgebracht
und kehrte meinen Kopf ein wenig zu ihr.
„Nein.“
„Woher kommst Du denn?“
„Aus Riga,“ sagte sie unwirsch.
„Bist ’ne Deutsche?“
„Nein, Russin.“
„Bist Du schon lange hier?“
„Wo?“
„Hier, in diesem Hause?“
„Zwei Wochen.“
Sie antwortete immer schroffer und schroffer. Das Licht erlosch schon
fast ganz; ich konnte ihr Gesicht kaum noch unterscheiden.
„Leben Deine Eltern noch?“
„N–ja ... nein ... doch, sie leben.“
„Wo denn das?“
„Dort, in Riga.“
„Was sind sie?“
„So ...“
„Wie ‚so‘? Von welch einem Stande?“
„Kleinbürger.“
„Hast Du immer bei ihnen gelebt?“
„Ja.“
„Wie alt bist Du?“
„Zwanzig.“
„Warum bist Du denn von ihnen fortgegangen?“
„So ...“
Dieses _so_ bedeutete: hör auf, bist mir zuwider. Wir verstummten.
Gott mag wissen, warum ich nicht fortging. Es wurde mir selbst immer
widerlicher und qualvoller zu Mut. Die Schemen des vergangenen Tages
zogen ganz von selbst in wirrem, hastigem Durcheinander, eigentlich ohne
daß ich’s gewollt hätte, durch mein Gedächtnis. Plötzlich fiel mir etwas
ein, was ich am Morgen auf dem Wege zur Kanzlei gesehn hatte.
„Heute wurde ein Sarg herausgetragen und beinahe hätte man ihn fallen
lassen,“ sagte ich plötzlich laut, ohne ein Gespräch beginnen zu wollen,
einfach so, fast in Versehen.
„Ein Sarg?“
„Ja, auf der Ssennaja[3]; aus einem Keller.“
„Aus einem Keller?“
„Das heißt, nicht gerade aus einem Keller, sondern aus einer
Kellerwohnung ... Nun, Du weißt schon ... von unten ... aus einem
unanständigen Hause ... Es war dort so schmutzig überall ... Kehricht
... Gestank ... Gemein war’s.“
Schweigen.
„Scheußlich, heute beerdigt zu werden!“ sagte ich wieder nach einiger
Zeit, nur um nicht zu schweigen.
„Wieso?“
„So, ich meine nur, der Schnee, die Feuchtigkeit ...“ Ich gähnte.
„Was tut das!“ stieß sie plötzlich nach längerem Schweigen hervor.
„Nein, ’s ist doch schon gemein ...“ Ich gähnte wieder. – „Die
Totengräber haben sicherlich geschimpft ... es ist ja auch kein
Vergnügen, bei solch einem Wetter zu beerdigen. Und im Grabe wird
bestimmt Wasser gewesen sein.“
„Warum soll denn im Grabe Wasser sein?“ fragte sie neugierig, aber doch
etwas ungläubig-spöttisch. Übrigens stieß sie die Worte noch
abgerissener, schroffer hervor. Mich stachelte plötzlich etwas gegen sie
auf, ich weiß nicht, was es war.
„Weißt Du das denn nicht? Die Särge liegen zum mindesten bis zur Hälfte
unter Wasser, gewöhnlich aber ganz. Hier auf dem Wolchoffschen Friedhofe
kannst Du kein einziges trockenes Grab finden.“
„Warum nicht?“
„Wieso – warum nicht!? Morastiger Boden. Hier ist doch überall Sumpf. So
wird man denn einfach ins Wasser hinabgesenkt. Habe selbst gesehn ...
mehrere Mal ...“
(Kein einziges Mal hatte ich es gesehn, und war überhaupt noch nicht auf
dem Wolchoffschen Friedhofe gewesen, hatte nur andere davon sprechen
gehört.)
„Ist es Dir denn wirklich ganz gleichgültig, zu sterben?“
„Warum soll ich denn sterben?“ fragte sie gereizt, wie um sich zu
verteidigen.
„Nun, einmal wirst auch Du sterben, und dann wird man Dich ebenso
beerdigen, wie jenes Mädchen heute Morgen. Das war ... auch so Eine ...
Ist an der Schwindsucht gestorben.“
„Solch Eine hätte doch im Krankenhause sterben können ...“
(Aha, dachte ich, das weiß sie schon; und sie sagte auch: „solch Eine“.)
„Sie schuldete der Wirtin,“ entgegnete ich, immer mehr aufgestachelt
durch das Gespräch, „und war bei ihr bis zum Tode, obgleich sie
schwindsüchtig war. Droschkenkutscher und Soldaten sprachen dort an der
Pforte über sie. Wahrscheinlich ihre gewesenen Bekannten. Lachten
natürlich. Nahmen sich vor, in der Schenke noch ein Glas Schnaps auf ihr
Wohl zu trinken.“
(Auch hierbei setzte ich noch vieles von mir aus hinzu.)
Schweigen, tiefes Schweigen. Sie bewegte sich nicht einmal.
„Ach, bleibt sich das nicht wirklich ganz gleich!? ... Und warum soll
ich denn sterben?“ fügte sie gereizt hinzu.
„Nicht jetzt, natürlich, aber später?“
„Ach, später ...“
„Ja, ja! Jetzt bist Du noch jung, hübsch und frisch, deswegen schätzt
man Dich auch. Nach einem Jahr aber wird Dich dieses Leben schon
verändert haben, wirst bald verwelkt sein.“
„Nach einem Jahr?“
„Jedenfalls wirst Du nach einem Jahr schon im Wert gesunken sein,“ fuhr
ich schadenfroh fort. „Dann wirst Du aus diesem Hause in ein anderes,
niedrigeres kommen. Nach einem zweiten Jahr – in ein drittes Haus, immer
niedriger und niedriger, und so nach sieben Jahren wirst Du dann
glücklich an der Ssennaja in der Kellerwohnung angelangt sein. Und das
würde verhältnismäßig noch angehn. Wie aber, wenn sich dann noch irgend
eine Krankheit einstellen sollte, sagen wir, schwache Brust, oder so
etwas Ähnliches ... oder Du erkältest Dich womöglich. Bei solch einem
Leben vergehen die Krankheiten nicht so leicht. Hat man sie sich einmal
zugezogen, so ist man gewöhnlich geliefert. Nun, und dann wirst Du eben
sterben.“
„Nun, dann werde ich eben sterben!“ sagte sie wütend und bewegte sich
hastig.
„Es tut einem aber doch leid.“
„Was?“
„Das Leben.“
Schweigen.
„Hast Du einen Bräutigam gehabt? – Wie?“
„Was geht das Sie an?“
„Du hast Recht, was geht das mich an. Ich will Dich ja nicht ausfragen.
Warum ärgerst Du Dich nur? Du wirst natürlich Deine Unannehmlichkeiten
gehabt haben ... Was geht’s mich an! Es war ja nur so gesagt. Aber
immerhin kann man doch bedauern.“
„Wen?“
„Dich natürlich.“
„Lohnt sich nicht ...“ sagte sie kaum hörbar und bewegte sich wieder.
Das ärgerte mich. Wie! Ich war so freundlich zu ihr, sie aber ...
„Ja, was denkst Du denn eigentlich? Bist Du etwa auf einem guten Wege?“
„Nichts denke ich.“
„Das ist es ja, daß Du Dir nichts dabei denkst! Besinn Dich so lange es
noch Zeit ist. Jetzt geht’s ja noch. Du bist noch jung und hübsch;
könntest Dich verlieben, könntest heiraten und glücklich sein ...“
„Nicht alle sind glücklich, wenn sie verheiratet sind,“ unterbrach sie
mich wieder schroff.
„Nicht alle!! Selbstverständlich nicht alle! Aber es ist doch immer
besser als hier, hundertmal, tausendmal besser als hier! Liebt man aber,
so kann man auch ohne Glück leben. Auch im Leid ist das Leben schön; es
ist überhaupt immer schön, auf der Welt zu leben, selbst einerlei wie
man lebt. Was ist aber hier außer ... Gestank. Pfui Teufel!“
Ich drehte mich angeekelt auf die andere Seite. Ich sprach nicht mehr
kaltblütig, nein, ich geriet schon in Begeisterung. Mich riß das
Verlangen mit sich fort, meine geliebten Ideechen, die ich im Keller
ausgebrütet hatte, auseinanderzusetzen. Irgend etwas entflammte sich in
mir plötzlich, ich sah plötzlich ein _Ziel_ vor mir.
„Übrigens mußt Du mich nicht als Beispiel nehmen. Ich bin vielleicht
noch schlechter als Du. Ich bin ja betrunken hierhergekommen.“ (Ich
beeilte mich doch ein wenig, mich zu rechtfertigen.) „Zudem kann ein
Mann einem Weibe nie ein Beispiel sein. Das sind zwei ganz verschiedene
Dinge; wenn ich auch schlechter bin als Du, und wenn auch ich es bin,
der andere besudelt, so bin ich doch niemandes Sklave; komme und gehe
und damit ist’s abgetan, – bin wieder ein anderer Mensch. Und jetzt
bedenke bloß das eine, daß Du gleich von Anfang an – Sklavin bist. Ja,
Sklavin! Du gibst alles hin, Deinen ganzen Willen. Und wenn Du später
diese Ketten zerreißen willst, so kannst Du es nicht mehr: immer fester
und fester wirst Du umsponnen werden. Das ist schon so der Fluch dieser
Ketten, daß sie sich immer fester ziehen. Ich kenne sie. Von dem übrigen
rede ich lieber gar nicht, Du würdest es vielleicht auch nicht einmal
verstehn, aber sag doch mal: Du schuldest natürlich schon der Wirtin?
Nun, sieh mal!“ fügte ich hinzu, obgleich sie mir nichts geantwortet
hatte, sondern nur schweigend, mit ganzer Seele zuhörte, „– da hast Du
die Kette! Wirst Dich nie mehr loskaufen können. Das wird schon so
gemacht werden. Kennt man ... Ebenso gut, wie dem Teufel die Seele
verkauft ...“
„... Und zudem bin ich vielleicht ebenso unglücklich wie Du und, was
kannst Du wissen, suche vielleicht absichtlich den Schmutz ... vor Leid.
Trinken doch viele vor Leid und Kummer: nun, und ich bin wiederum vor
Leid hierher gekommen. Sag doch selbst, was ist denn das eigentlich:
nun, wir beide sind ... zusammengekommen ... gestern Abend, und haben
doch kein Wort miteinander gewechselt, und erst nachher fiel es Dir ein,
mich wie eine Wilde zu betrachten; und ich ebenso auch Dich. Liebt man
denn etwa so? Soll denn der Mensch den Menschen auf diese Weise kennen
lernen? Das ist doch nur eine ... eine Unanständigkeit und weiter
nichts!“
„Ja!“ sagte sie plötzlich rauh, – sie stimmte mir sofort bei. Mich
wunderte sogar die Hastigkeit dieses „Ja“. – „Also ist durch ihren Kopf
vielleicht derselbe Gedanke gegangen, als sie mich vorhin betrachtete?
So ist also auch sie schon zu eigenen Gedanken fähig? ... Hols der
Teufel; das ist interessant, das ist ja – Seelenverwandtschaft,“ dachte
ich und hätte mir fast schon die Hände gerieben. „Wie soll man auch mit
solch einer jungen Seele nicht fertig werden! ... –“
Aber am meisten verlockte mich doch das Spiel.
Sie drehte ihren Kopf etwas näher zu mir und stützte ihn in die Hand –
so schien es mir wenigstens in der Dunkelheit. Vielleicht sah sie mich
wieder an. Wie bedauerte ich es, daß ich ihre Augen nicht mehr sehn
konnte. Ich hörte ihr tiefes Atmen.
„Warum bist Du in dieses Haus gekommen?“ begann ich bereits mit einer
gewissen Überlegenheit.
„So.“
„Und doch, wie schön ist’s, im Elternhause zu leben! Warm, behaglich;
eigenes Nest!“
„Wenn es aber schlimmer ist als hier?“
(„Ich muß den richtigen Ton finden,“ zuckte es mir durch den Kopf, „mit
etwas Sentimentalität wirst Du sie wahrscheinlich am ehesten nehmen.“)
Übrigens zuckte das, wie gesagt, nur in einer Sekunde durch meine
Gedanken. Ich schwöre es, sie interessierte mich tatsächlich. Und dann
war ich auch in einer so sonderbaren Stimmung, entkräftet. Und
Spitzbüberei verträgt sich ja so gut mit Gefühl.
„Oh, das kommt natürlich auch vor!“ Beeilte mich, schnell zu entgegnen.
„Ich bin überzeugt, daß Dich irgend jemand beleidigt hat, daß eher sie
vor Dir schuldig sind, als Du vor _ihnen_. Zwar kenne ich Deine
Lebensgeschichte nicht, aber ich weiß doch, daß ein Mädchen, wie Du,
nicht freiwillig zum Vergnügen in solch ein Haus kommt ...“
„Was für ein Mädchen bin ich denn?“ fragte sie flüsternd, kaum hörbar;
ich aber hörte es doch.
(„Weiß der Teufel – ich schmeichle ja. Das ist gemein von mir. Aber,
weiß Gott, vielleicht ist’s auch gut.“)
Sie schwieg.
„Sieh mal, Lisa, ich sage das von mir aus: hätte ich von Kindheit an
eine Familie gehabt, so würde ich jetzt anders sein, als ich bin.
Darüber habe ich schon oft nachgedacht. Denn wie schlecht es auch in der
Familie sein mag – es sind doch immer Vater und Mutter, und nicht
Fremde, nicht Feinde. Sie lieben Dich doch, und wenn sie es Dir auch nur
einmal im Jahr beweisen. Immerhin weißt Du, daß Du bei Dir zu Hause
bist. Sieh mal, ich bin ohne Familie aufgewachsen; darum bin ich
wahrscheinlich auch so ... gefühllos geworden.“
(„Hm, vielleicht versteht sie’s überhaupt nicht,“ dachte ich, „und ’s
ist ja auch lachhaft: – Moral.“)
„Wenn ich Vater wäre und eine Tochter hätte, ich würde, glaub ich, meine
Tochter mehr als meine Söhne lieben, nein nein, – tatsächlich!“ sagte
ich, denn ich wollte auf ein anderes Thema übergehn, um sie zu
zerstreuen. Ich muß gestehen, ich errötete.
„Warum denn das?“ fragte sie.
(„Aha, sie hört also doch!“)
„So, ich weiß nicht, warum. Sieh, Lisa, ich kannte einen Vater, der
sonst im Leben ein strenger, stolzer Mensch war, vor seiner Tochter aber
auf den Knieen lag, ihr Hände und Füße küßte und sich an ihr nicht satt
sehen konnte. Wenn sie auf den Bällen tanzte, stand er zuweilen fünf
Stunden lang auf ein und demselben Fleck und ließ sie nicht aus den
Augen. Sie war ihm zur fixen Idee geworden: das kann ich sehr gut
verstehn. Wenn sie schläft, wacht er bei ihr, küßt und bekreuzt sie.
Selbst geht er in einem schäbigen Rock, ist geizig bis zur
Unglaublichkeit – für sie aber kauft er alles, was sie haben will, macht
ihr teure Geschenke und freut sich wie ein Kind, wenn das Geschenk ihr
gefällt. Der Vater liebt die Töchter immer mehr als die Mutter. Viele
Töchter haben ein gutes Leben zu Haus! Ich aber würde meine Tochter
wahrscheinlich überhaupt nicht heiraten lassen.“
„Warum denn nicht?“ fragte sie, kaum, kaum lächelnd.
„Weiß Gott! Ich glaube, aus Eifersucht nicht. Sie soll einen Fremden
küssen? Einen Fremden mehr als den Vater lieben? Es wird einem ja
unheimlich, bloß wenn man daran denkt! Aber das ist ja natürlich Unsinn;
schließlich nehmen ja auch solche Väter Vernunft an. Ich aber würde mich
vorher bestimmt schon allein durch die Sorge totquälen: würde alle
Heiratskandidaten ausbrackieren. Schließlich würde ich sie aber doch
verheiraten, und würde sie natürlich nur dem geben, den sie liebt. Man
weiß doch, daß derjenige, den die Tochter selbst liebgewinnt, dem Vater
immer der Schlechteste scheint. Das ist schon einmal so. Deswegen kommt
es zu viel häßlichen Auftritten in manchen Familien.“
„Manche sind froh, wenn sie ihre Tochter verkaufen können, nicht daß sie
sie in Ehren fortgeben wollten,“ sagte sie plötzlich.
(„Aha! das also ist’s!“)
„Das, Lisa, kommt nur in jenen verfluchten Familien vor, in denen weder
Gott noch Liebe ist,“ griff ich eifrig das neue Thema auf, „wo es aber
keine Liebe gibt, dort gibt es auch keinen Verstand. Solche Familien
gibt es, ich weiß es selbst, aber nicht von ihnen spreche ich. Du mußt
wohl in Deiner Familie wenig Güte gesehn haben, wenn Du so sprichst.
Glaube es Dir gern, daß Du unglücklich bist. Hm! ... Das geschieht aber
doch meistens nur aus Armut.“
„Ist es denn bei den reichen Herrschaften besser? Auch in der Armut
leben gute Menschen ehrlich.“
„Hm! ... ja. Vielleicht. Aber sieh, Lisa ... der Mensch liebt es, nur
sein Leid in Betracht zu ziehen, sein Glück aber nicht. Würde er aber
alles richtig einschätzen, so müßte er zugeben, daß es überall Glück
gibt. Jedem Menschen ist Glück beschert. Wie schön aber ist es, wenn in
der Familie alles wohlgelingt, wenn Gottes Segen auf ihr ruht, wenn Du
einen Mann hast, der Dich liebt und hätschelt, keinen Schritt von Dir
geht. Schön ist solch eine Familie! Ja, zuweilen ist es dann sogar mit
dem Leid schön; und wo gibt es denn kein Leid? Solltest Du einmal
heiraten, dann wirst Du es selbst erfahren. Und denk bloß an die erste
Zeit nach der Hochzeit, wenn Du den bekommen hast, den Du liebst –:
wieviel Glück, wieviel wundervolles herrliches Glück es dann zuweilen
gibt! Glück auf Schritt und Tritt! In der ersten Zeit endet sogar jeder
Streit zwischen Mann und Frau mit Glück! Manche Frauen rufen sogar desto
häufiger Streit hervor, je mehr sie ihren Mann lieben. Nein, nein,
tatsächlich, ich habe selbst solch eine Frau gekannt: ‚Ich liebe Dich so
sehr,‘ sagt sie, ‚und so quäle ich Dich denn aus lauter Liebe – Du aber
solltest das fühlen‘. Weißt Du auch, daß man einen Menschen aus Liebe
absichtlich quälen kann? Meistens tuns die Frauen. Bei sich aber denken
sie dann: ‚Dafür werde ich Dich nachher so lieben, werde so reizend zu
Dir sein, daß es doch keine schlimme Sünde sein kann, Dich jetzt ein
bißchen zu quälen‘. Und ein jeder, der Euch sieht, freut sich über Euch
und Ihr seid gut, fröhlich, friedlich, und ehrlich ... Manche sind
natürlich eifersüchtig. Geht der Mann einmal aus, – ich kannte solch
eine –, da hält sie’s nicht aus und läuft sogar in der Nacht hinaus, um
heimlich zu erfahren, wo er ist: in diesem oder jenem Hause, bei dieser
oder jener? Das ist schon nicht mehr schön. Und das weiß sie ja auch und
verurteilt sich auch selbst und das Herz bleibt ihr stehn vor Angst, –
aber sie liebt doch! Es geschieht ja nur aus Liebe! Und wie schön ist
es, sich nachher zu versöhnen, ihn um Verzeihung zu bitten oder selbst
zu verzeihen. Und so gut werden beide, so schön wird’s ihnen zu Mut –
ganz als ob sie sich von neuem gefunden hätten, und von neuem beginnt
ihre Liebe. Und niemand, niemand soll wissen, was zwischen Mann und Weib
geschieht, wenn sie sich beide lieben. Und was für ein Streit auch
zwischen ihnen ausbrechen mag – selbst die leibliche Mutter dürfen sie
nicht zum Richter wählen, noch darf ihr der eine über den anderen etwas
erzählen. Sie müssen sich selbst Richter sein. Die Liebe ist ein
Geheimnis Gottes und sie muß allen fremden Augen verborgen bleiben – was
auch geschehen möge. Dadurch wird sie heiliger, schöner. Mann und Weib
werden sich dann gegenseitig mehr achten, auf der Achtung aber beruht
gar vieles. Und wenn schon einmal Liebe zwischen ihnen gewesen ist, wenn
sie sich um der Liebe willen geheiratet haben, warum soll dann die Liebe
vergehen? Sollte sie sich wirklich nicht erhalten lassen? Nur ganz
selten kommt es vor, daß man sie nicht mehr erhalten kann, daß es
wirklich unmöglich ist. Ist aber der Mann ein guter, ehrlicher Mensch,
wie soll dann die Liebe vergehn? Die erste Liebe – die vergeht natürlich
mit der Zeit, aber dann kommt ja wieder eine andere, ebenso schöne
Liebe. Dann nähern sich die Seelen; alle Angelegenheiten werden
gemeinsam erörtert, beraten, kein Geheimnis besteht zwischen ihnen. Und
kommen dann die Kinder, so sind ja selbst die schwersten Zeiten lauteres
Glück. Wenn man nur liebt und mutig ist. Dann ist auch die Arbeit eine
Freude, dann versagt man sich manches Mal auch ein Stückchen Brot, um es
den hungrigen Mäulchen zu geben – und auch das ist dann Freude. Werden
sie doch später Dich dafür lieb haben. Die Kinder werden größer – und Du
fühlst, daß Du ihnen ein Beispiel, eine Stütze bist; Du weißt, daß sie
nach Deinem Tode Deine Gedanken und Gefühle ihr Leben lang in sich
tragen werden, da Du sie ihnen gegeben hast. Sie werden Dein Ebenbild
sein. Wie Du siehst: das ist eine große Pflicht! Wie sollen sich dann
Vater und Mutter nicht nähertreten? Da sagt man allerdings, Kinder haben
sei schwer! Wie ist das nur möglich! Kinder sind doch Himmelsglück!
Liebst Du kleine Kinderchen, Lisa? Ich liebe sie furchtbar. Weißt Du, –
solch ein rosarotes zartes Bengelchen saugt Dir an der Brust, – Gott!
welch eines Mannes Herz wird nicht zu seiner Frau gezogen, wenn er
sieht, wie sie sein Kind nährt! Das Kerlchen ist so weich und dick,
zappelt, reckt und streckt sich, breitet die Ärmchen nach Dir aus; die
Beinchen, die Händchen sind noch voller Grübchen, die Nägelchen sind
reingewaschen, klein, ho! so klein, daß es zum lachen ist; die Augen
aber blicken schon drein, als ob er alles verstände. Saugt er, so haut
er mit den Fäustchen um sich rum, schlägt Dir auf die Brust womöglich,
spielt. Tritt der Papa an ihn heran, – reißt er sich los von der Brust,
biegt sich zurück, guckt ihn an, lacht – ganz als obs weiß Gott wie
lachhaft wäre – und dann geht von neuem das Trinken an. Und mitunter,
wenn’s dem Schlingel mal einfällt, da beißt er die Brust, wenn die
Zähnchen schon kommen, selbst aber lugt der Racker dann mit seinen
kleinen Äuglein: ‚siehst Du, hab gebissen‘! Ja, ist denn das kein Glück,
wenn sie drei beisammen sind – Mann, Weib und Kind? Für diese Minuten
kann man vieles verzeihen. Nein, Lisa, weißt Du, zuerst muß man selbst
zu leben lernen und dann andere beschuldigen!“
„Mit solchen kleinen Bildern, gerade mit solchen, muß man Dir kommen!“ –
dachte ich bei mir, obgleich ich, bei Gott, mit tiefem Gefühle sprach,
und plötzlich errötete ich: „Wie aber, wenn sie jetzt plötzlich lacht
wohin soll ich mich dann verkriechen?“ – Dieser Gedanke machte mich
rasend! Zum Schluß der Rede war ich tatsächlich in Begeisterung geraten
und darum litt mein Ehrgeiz, als sie nichts darauf erwiderte.
Das Schweigen dauerte an. Ich wollte ihr fast schon einen Stoß geben.
„Nein, – Sie ...“ begann sie plötzlich – und stockte.
Doch ich hatte schon alles begriffen: in ihrer Stimme zitterte etwas
anderes, nicht mehr Schroffes, Rauhes, wie vorher, sondern etwas Weiches
und Verschämtes, dermaßen Verschämtes, daß ich mich plötzlich auch vor
ihr schämte, daß ich mich vor ihr schuldig fühlte.
„Was?“ fragte ich in zärtlicher Neugier.
„Sie ...“
„Was denn?“
„Nein, Sie sprechen wirklich ganz wie ein Buch,“ sagte sie stockend und
wieder schien es mir, daß in ihrer Stimme etwas Spöttisches klang.
Oh, schmerzhaft traf mich diese Bemerkung. Nicht das hatte ich erwartet!
Ich begriff nicht einmal, daß sie sich absichtlich hinter dem Spott
verbergen wollte, daß dieses gewöhnlich der letzte Winkelzug aller
schamhaften Menschen ist, die keuschen Herzens sind, und denen man
aufdringlich und roh in die Seele dringt. Ich begriff nicht, daß sie
sich bis zum letzten Augenblick aus Stolz nicht ergeben wollte, und sich
fürchtete, jemandem ihr Gefühl zu zeigen. Schon die Zaghaftigkeit, mit
der sie sich erst nach mehreren Ansätzen zu ihrem Spott entschloß, hätte
mir alles verraten müssen. Ich aber erriet es nicht, und ein böses
Gefühl erfaßte mich.
„Wart mal!“ dachte ich.