XI.

Das Resultat, meine Herren: am besten ist – überhaupt nichts tun! Lieber

kontemplative Inertie! Und darum – es lebe der dunkle Untergrund! Ich

habe zwar gesagt, daß ich den normalen Menschen bis zur grünsten Galle

beneide, doch in jenen Verhältnissen, in denen ich ihn sehe, will ich

nicht er sein – obgleich ich trotzdem nicht aufhören werde, ihn zu

beneiden. Nein, nein, der Untergrund ist in jedem Fall vorteilhafter! In

ihm kann man wenigstens ... Ach! Ich lüge ja schon wieder, sogar hier

lüge ich! Ich lüge, weil ich ja selbst weiß, wie zweimal-zwei-ist-vier

weiß, daß der Untergrund keineswegs besser ist, sondern etwas Anderes,

ganz Anderes, nachdem ich mich sehne, über die Maßen sehne, und das ich

doch nicht finden kann! Der Teufel hole den Untergrund!

Ja, wissen Sie, was dieses „Besser“ wäre: das wäre – wenn ich selbst nur

an irgend etwas von dem glauben könnte, was ich soeben geschrieben habe.

Ich schwöre Ihnen doch, meine Herren, daß ich keinem einzigen, aber auch

wirklich keinem einzigen Wort von all dem, was ich geschrieben habe,

glaube! Das heißt, schließlich glaube ich ja auch, doch im selben

Augenblick fühle und argwöhne ich, weiß wirklich nicht warum, daß ich

wie ein Schuster lüge.

„Ja, wozu haben Sie denn das alles geschrieben?“ fragen Sie mich.

Warten Sie mal, ich werde Sie auf vierzig Jahre ohne jede Beschäftigung

in einen Keller einsperren, und dann nach vierzig Jahren zu Ihnen

kommen, um mich zu erkundigen, wie weit Sie es gebracht haben. Kann man

denn einen Menschen vierzig Jahre lang ohne Arbeit allein lassen?

„Und Sie schämen sich nicht einmal!?“ werden Sie mir vielleicht mit

verächtlichem Kopfschütteln zurufen. „Sie lechzen nach dem Leben und

wollen dabei doch die Lebensfragen mit logischem Unsinn lösen? Und wie

zudringlich, wie frech Ihre Ausfälle sind, und, zu gleicher Zeit, wie

fürchten Sie sich doch! Sie reden Unsinn und finden Gefallen an ihm; Sie

sagen Frechheiten, wegen deren Sie sich fürchten, und für die Sie

ununterbrochen um Entschuldigung bitten. Sie versichern, Sie fürchteten

nichts, und währenddessen bemühen Sie sich doch, unsere gute Meinung zu

erschmeicheln. Sie versichern, Sie knirschten mit den Zähnen, und zu

gleicher Zeit reißen Sie Witzchen, um uns zu erheitern. Sie wissen, daß

Ihre Witze nicht geistreich sind, doch sind Sie mit ihrem literarischen

Wert augenscheinlich zufrieden. Es ist möglich, daß Sie vielleicht

wirklich gelitten haben, doch achten Sie ihre Leiden nicht im

Geringsten. In Ihnen steckt allerdings auch Wahrheit, doch was Ihnen

gänzlich fehlt, ist Keuschheit; aus kleinlicher Ruhmsucht tragen Sie

Ihre Wahrheit zur Schau, zu Schimpf und Schande auf den Markt ... Sie

wollen, wie’s scheint, tatsächlich etwas sagen, doch aus Furcht

verstecken Sie Ihr letztes Wort, denn Sie haben keinen Mut, es

auszusprechen. Sie haben ja nur feige Gemeinheit. Sie rühmen sich mit

Ihrer Erkenntnis, doch wirklich überzeugt sind Sie von keiner einzigen:

Sie schwanken zwischen allen Erkenntnissen hin und her, denn wenn Ihr

Verstand auch arbeitet, so ist doch Ihr Herz von Verderbnis beschmutzt,

ohne ein reines Herz jedoch – wird man niemals zu voller, rechter

Erkenntnis gelangen. Und wie zudringlich Sie sind, wie Sie sich

verstellen! Alles ist bei Ihnen Lüge, Lüge, Lüge!“

Selbstverständlich habe ich diese Ihre Worte mir selbst ausgedacht. Die

kommen gleichfalls aus dem Untergrund. Dort habe ich vierzig Jahre lang

auf diese Ihre Worte durch eine kleine Spalte gelauscht. Ich habe sie

mir selbst ausgedacht ... das ist ja doch alles, was bei meinem Denken

herausgekommen ist. Was Wunder, wenn ich sie schon auswendig hersagen

kann, und wenn sie literarische Form angenommen haben ...

Sollte es möglich sein, wäre es wirklich möglich, daß Sie tatsächlich so

leichtgläubig sind und faktisch glauben, ich würde alles, was ich

geschrieben habe, drucken lassen und es dann noch Ihnen zu lesen geben?

Und dann ist mir noch eines rätselhaft: warum nenne ich Sie „meine

Herren“, warum wende ich mich an Sie, ganz als ob ich mich wirklich an

Leser wendete? Geständnisse, wie _ich_ sie zu machen beabsichtige, läßt

man nicht drucken, und gibt man nicht anderen zu lesen. Wenigstens habe

ich nicht so viel Festigkeit in mir, um so etwas zu tun, und ich halte

es auch für überflüssig, sie zu haben. Aber, sehen Sie, mir ist ein

phantastischer Gedanke in den Kopf gekommen, und nun will ich ihn

unbedingt aussprechen. Es handelt sich um folgendes:

In den Erinnerungen eines jeden Menschen gibt es Dinge, die er nicht

allen mitteilt, sondern höchstens seinen Freunden. Aber es gibt auch

Dinge, die er nicht einmal den Freunden aufdeckt, sondern nur sich

selbst, ja und auch das nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit.

Endlich gibt es aber auch noch Dinge, die der Mensch sogar sich selbst

zu sagen sich fürchtet, und solcher Dinge sammelt sich bei jedem

anständigen Menschen eine ganz beträchtliche Menge an. Und zwar läßt

sich sogar folgendes sagen: je mehr er ein „anständiger Mensch“ ist,

desto mehr wird er solcher Dinge haben. Wenigstens habe ich mich erst

vor ganz kurzer Zeit entschlossen, mich einiger meiner früheren

Erlebnisse zu erinnern, bis dahin aber umging ich sie immer mit einer

gewissen Unruhe. Jetzt jedoch, da ich nicht nur an sie denke, sondern

mich sogar entschlossen habe, sie niederzuschreiben, jetzt will ich

gerade erproben: kann man denn wenigstens sich selbst gegenüber ganz und

gar aufrichtig sein, ohne die Wahrheit zu fürchten? Bei der Gelegenheit:

Heine behauptet, wahrheitsgetreue Autobiographien gäbe es überhaupt

nicht, der Mensch könne niemals die ganze Wahrheit über sich schreiben.

Seiner Meinung nach hat z. B. Rousseau in seinen Bekenntnissen bestimmt

über sich selbst gelogen, und sogar bewußt gelogen, aus Ruhmsucht. Ich

bin überzeugt, daß Heine recht hat; ich verstehe sehr gut, wie man sich

zuweilen einzig aus Ruhmsucht ganze Verbrechen aufschwätzen kann, und

ich begreife auch vollkommen, welcher Art diese Ruhmsucht ist. Doch

Heine urteilte über einen Menschen, der vor dem Publikum beichtete. Ich

jedoch schreibe nur für mich und erkläre hiermit ein für alle Mal, daß

ich, wenn ich auch so schreibe, als ob ich mich an meine Leser wende, es

nur zum Schein tue, weil es mir so leichter ist, zu schreiben. Es ist

also nur eine gewisse Form bei mir, eine ganz bedeutungslose

Redewendung; Leser werde ich niemals haben. Übrigens habe ich das ja

schon einmal gesagt ...

Ich will mich in der Redaktion meiner Aufzeichnungen durch nichts

beeinflussen lassen. Ein besonderes System werde ich nicht anwenden.

Werde schreiben, was mir gerade einfällt.

Nun, sehen Sie, da könnten Sie mich jetzt mit vollem Recht fragen:

„Warum treffen Sie denn, wenn Sie wirklich nicht auf Leser rechnen, mit

sich selbst und dazu noch schriftlich solche Verabredungen, wie z. B.,

daß Sie kein System einführen würden, daß Sie alles so niederschreiben

wollten, wie es Ihnen einfällt u. s. w.? Wozu erklären Sie so viel?

Warum entschuldigen Sie sich?“

„Ja, seht doch mal!“

Hierin liegt übrigens die ganze Psychologie. Es kann aber auch sein, daß

ich einfach nur ein Feigling bin. Aber es kann auch sein, daß ich mir

absichtlich ein Publikum ausdenke, um mich in der Zeit, in der ich

schreibe, anständiger zu benehmen. Gründe kann es doch wirklich zu

Tausenden geben.

Aber noch eines: warum eigentlich, zu welch einem Zweck will ich denn

schreiben? Wenn es nicht für ein Publikum geschieht, so könnte man sich

alles dessen doch auch so, einfach in Gedanken, erinnern, ohne es zu

Papier zu bringen?

Stimmt. Aber auf dem Papier nimmt es sich doch gewissermaßen feierlicher

aus, geschrieben liegt etwas eindringlicheres darin, es wird mehr wie

Gericht über sich selbst sein, der Stil wird sich entwickeln. Außerdem:

vielleicht wird mir das Aufschreiben wirklich Erleichterung bringen.

Augenblicklich bedrückt mich ganz besonders eine dumme Erinnerung. Vor

einigen Tagen fiel mir diese Geschichte plötzlich ein, und seit der Zeit

kann ich sie nicht mehr los werden, ganz wie ein lästiges musikalisches

Motiv, das einem zuweilen nicht aus den Ohren will. Und doch muß ich

mich endlich von ihr befreien. Solcher Erinnerungen habe ich zu

Hunderten; zuweilen aber löst sich aus den Hunderten eine einzige,

irgend eine, die dann anfängt, mich zu quälen. Aus einem unbestimmten

Grunde glaube ich, daß ich mich von ihr befreien werde, wenn ich sie

niederschreibe. Warum soll ich’s nicht versuchen?

Und dann: ich habe es langweilig, habe nie etwas zu tun. Schreiben aber

ist doch immerhin so etwas wie eine Arbeit. Man sagt, daß der Mensch

durch Arbeit gut und ehrlich werde. Nun, da hätten wir wenigstens eine

Chance.

Es schneit. Nasser, gelber, schwerer Schnee. Gestern schneite es

gleichfalls, und auch vor einigen Tagen hat es geschneit. Ich glaube,

dieser nasse Schnee war die Ursache, warum mir jene Geschichte, die ich

jetzt nicht mehr los werden kann, wieder einfiel. So mag denn auch meine

kleine Erzählung so heißen: Bei nassem Schnee.

Zweiter Teil. Bei nassem Schnee.

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