„Hahaha! Aber das Wollen, das gibt es ja in Wirklichkeit überhaupt
nicht!“ unterbrechen Sie mich lachend. „Die Wissenschaft hat den
Menschen heute schon so anatomiert, daß, wie wir wissen, das Wollen und
der sogenannte freie Wille nichts anderes sind, als ...“
Warten Sie, meine Herren, ich wollte ja selbst damit anfangen! Ich muß
gestehen, ich erschrak sogar, als mir das einfiel. Ich wollte gerade
ausrufen, daß das Wollen weiß der Teufel wovon abhängt, und daß wir
dafür meinetwegen Gott danken können, aber da fiel mir plötzlich die
Wissenschaft ein und ... da unterbrachen Sie mich auch schon. Nun, sagen
wir, daß man einmal wirklich die Formel aller unserer Wünsche und Launen
findet, ich meine, wovon sie abhängig sind, nach welchen Gesetzen sie
eigentlich entstehen, wie sie sich verbreiten, wohin sie in diesem oder
jenem Falle streben u. s. w., kurz, die richtige mathematische Formel, –
so wird doch der Mensch dann sofort womöglich aufhören, zu wollen, ja,
er wird sogar bestimmt aufhören, noch weiter zu wollen. Was ist denn das
für ein Vergnügen, nach dem Kalender zu wollen? Und das wäre ja noch
nicht alles: er verwandelt sich doch sofort aus einem Menschen in einen
Drehorgelstift, oder etwas derartiges; denn was ist der Mensch ohne
Wünsche, ohne Willen anderes, als ein Stiftchen an der Drehorgelwalze?
Was meinen Sie dazu? Untersuchen wir die Wahrscheinlichkeiten, – kann
das geschehen oder nicht?
„Hm! ...“ entscheiden Sie, – „unser Wollen ist infolge der fehlerhaften
Auffassung unserer Vorteile größtenteils fehlerhaft. Darum wollen wir
auch zuweilen reinen Blödsinn, weil wir infolge unserer Dummheit in
diesem Blödsinn den leichtesten Weg zur Erreichung irgend welches
vermeintlichen Vorteils sehen. Wenn aber alles erklärt, schwarz auf weiß
ausgerechnet sein wird, – was keineswegs unmöglich ist, denn es wäre
doch sinnlos und gemein, schon im voraus zu glauben, daß der Mensch
gewisse Naturgesetze niemals erfahren könnte –, so wird es dann
selbstverständlich diese sogenannten Wünsche nicht mehr geben. Denn wenn
sich das Wollen einmal mit der Vernunft vereint haben wird, so werden
wir dann eben vernunftgemäß denken, nicht aber wollen, und zwar einfach
aus dem Grunde nicht, weil man doch z. B. bei voller Vernunft nicht
Blödsinn _wollen_ und somit bewußt gegen seine Vernunft handeln und sich
Nachteiliges wünschen kann ... Da man aber alle Wünsche und Gedanken
tatsächlich einmal berechnet haben wird, denn irgend einmal wird man
doch die Gesetze unseres sogenannten freien Willens entdecken, so wird
es folglich doch zu so etwas in der Art einer Tabelle kommen, so daß wir
dann auch ^in facto^ nach dieser Tabelle wollen werden. Denn wenn man
mir vorrechnet und beweist, daß ich, wenn ich irgend jemandem eine lange
Nase gezeigt, dieses ausschließlich getan habe, weil ich sie unbedingt
gerade so, mit genau solch einer Grimasse habe zeigen müssen, so möchte
ich bloß wissen, was nach dem noch _Freies_ in mir übrig bleibt,
besonders wenn ich Gelehrter bin und irgendwo den Kursus der
Wissenschaften beendet habe? Dann kann ich ja mein Leben auf ganze
dreißig Jahre vorausberechnen. Mit einem Wort, wenn es einmal dazu
kommt, so wird doch nichts mehr daran zu ändern sein; man wird es
einfach annehmen müssen. Ja, und überhaupt müssen wir uns unermüdlich
immer wieder sagen, daß die Natur uns dann und dann, sagen wir im
Augenblick, da wir die lange Nase unter diesen oder jenen Umständen
zeigen, nicht erst nach unserem Willen fragt; wir müssen sie so nehmen,
wie sie ist, nicht aber so, wie wir sie uns vorstellen, und wenn wir
wirklich nach der Tabelle und dem Kalender streben, nun und ... wenn
auch meinetwegen zur Retorte, so – was ist denn dabei zu machen, – so
müssen Sie auch die Retorte annehmen! Andernfalls wird sie eben ohne Sie
angenommen ...“
Wunderbar, aber gerade hier liegt meiner Meinung nach der Haken! Meine
Herren, Sie werden mir verzeihen, daß ich mich von der Philosophie habe
fortreißen lassen; in ihr liegen vierzig Jahre Dunkel! Da können Sie mir
doch erlauben, zu phantasieren. Sehen Sie mal: die Vernunft, meine
Herren, ist eine gute Sache, das wird niemand bestreiten, aber die
Vernunft ist und bleibt nur Vernunft, und befriedigt nur den Geist des
Menschen; das Wollen dagegen ist die Offenbarung des ganzen Lebens, d.
h. des ganzen menschlichen Lebens mit allem, was drum und dran ist. Und
wenn sich auch unser Leben in dieser Offenbarung oftmals als ein
lumpiges Ding erweist, so ist es doch immerhin Leben und nicht nur ein
Ausziehen von Quadratwurzeln. Denn ich z. B. will doch ganz natürlicher
Weise leben, um meine ganze Lebensfähigkeit zu befriedigen, nicht aber,
um bloß meiner Vernunft Genüge zu tun, also irgend einem zwanzigsten
Teil meiner ganzen Lebensfähigkeit. Was weiß denn die Vernunft? Die
Vernunft weiß nur das, was sie bereits erfahren hat – anderes wird sie
überhaupt nie wissen: das ist zwar kein Trost, doch warum soll man es
denn nicht aussprechen? –, die menschliche Natur jedoch handelt stets
als Ganzes, mit allem, was in ihr ist, bewußt und unbewußt, und wenn sie
auch lügt, so lebt sie doch. Ich argwöhne, meine Herren, daß Sie mich
jetzt gewissermaßen bemitleiden; Sie wiederholen mir, daß es für einen
gebildeten und entwickelten Menschen, kurz, für einen Menschen, wie wir
ihn im zukünftigen Typ haben werden, unmöglich sein wird, wissentlich
sich etwas für sich unvorteilhaftes zu wünschen, – daß dieses
mathematisch klar sei. Bin vollkommen einverstanden mit Ihnen, meine
Herren, gebe zu, daß es tatsächlich mathematisch klar ist. Doch trotzdem
sage ich Ihnen zum hundertsten Mal: es gibt solch einen Fall, nur einen
einzigen, in dem sich der Mensch wissentlich, absichtlich sogar
Schädliches, Dummes, ja sogar Allerdümmstes wünschen kann, und zwar: um
das _Recht zu haben_, sich sogar das Dümmste wünschen zu können, und
nicht durch die Pflicht, sich einzig und allein nur Kluges wünschen zu
müssen, gebunden zu sein. Gerade dieses „Allerdümmste“, diese seine
Laune kann ja doch, meine Herren, für unsereinen in der Tat das
Vorteilhafteste von allem sein, was es auf der Welt gibt, und das
besonders noch in gewissen Fällen. Und mitunter kann es sogar
vorteilhafter als alle Vorteile selbst in solch einem Falle sein, wenn
es uns augenscheinlich Schaden bringt und unseren allergesündesten
Vernunftschlüssen über die Vorteile widerspricht, – denn es erhält uns
doch jedenfalls das Hauptsächlichste und Teuerste: unsere
Persönlichkeit, unsere Individualität. Behaupten doch schon einige
Philosophen, daß dieses für den Menschen wirklich das Teuerste sei; das
Wollen kann sich natürlich, wenn es will, auch mit der Vernunft
vereinigen, besonders wenn man sie nicht mißbraucht, sondern sich ihrer
gemäßigt bedient; das ist dann auch ganz nützlich und zuweilen sogar
lobenswert. Nun ist aber das Wollen sehr häufig, ja, sogar größenteils
vollkommen und eigensinnig anderer Meinung, wie die gesunde Vernunft,
und ... und ... und wissen Sie auch, daß auch das nützlich und zuweilen
sogar lobenswert ist? Meine Herren, nehmen wir an, daß der Mensch nicht
dumm ist ... Das kann man ja auch wirklich nicht von ihm sagen, denn
sonst erhebt sich sofort die Frage, wer denn eigentlich klug sein soll?
... Doch wenn er auch nicht dumm ist, so ist er doch – ungeheuer
undankbar! Ganz phänomenal undankbar! Ich glaube sogar, daß die beste
Bezeichnung des Menschen sein würde: ein Wesen, das auf zwei Beinen
steht und undankbar ist. Doch das ist noch nicht so schlimm; das ist
noch nicht sein Hauptfehler; sein Hauptfehler ist – seine fortwährende,
beständige Unsittsamkeit, angefangen von der Sintflut bis zur
Schleswig-Holsteinschen Periode der Menschenschicksale. Ja,
Unsittsamkeit, folglich aber auch Unvernunft; denn es ist doch schon
längst bekannt, daß Unvernunft nicht anders entsteht, als durch
Unsittsamkeit. Versuchen Sie es, werfen Sie einen Blick auf die
Geschichte der Menschheit: nun, was? Großartig – wie? Meinetwegen auch
großartig; allein schon der Koloß von Rhodos, was der wert ist! Nicht
umsonst sagen die einen von ihm, er sei ein Werk von Menschenhand, die
anderen aber, er wäre von der Natur selbst geschaffen worden. – Oder
finden Sie sie bunt? Nun, meinetwegen auch bunt: wollte man bloß die
Paradeuniformen der Militärs und Staatsleute nach den Jahrhunderten und
den Nationen klassifizieren, – welch eine Heidenarbeit wäre schon das
allein, und dabei wären die Mäntel noch nicht einmal mitgerechnet, –
kein Historiker würde das fertig stellen. – Oder einförmig? Nun,
meinetwegen auch einförmig: sie raufen sich, und raufen sich, und raufen
sich jetzt und haben sich früher gerauft und haben sich später gerauft
und werden sich auch noch hinfort raufen – Sie müssen mir doch zugeben,
nicht wahr, daß das denn doch schon verboten einförmig ist! Kurz, man
kann alles über die Weltgeschichte sagen, alles, was der
hirnverbranntesten Einbildungskraft einfällt. Nur eines kann man nicht
sagen, nämlich: daß sie vernünftig wäre. Sie würden bei der ersten Silbe
stecken bleiben und das Hüsteln kriegen. Und dabei stößt man noch bei
jeder Gelegenheit auf folgendes Naturspiel: fortwährend erscheinen im
Leben solche sittsame und vernünftige und weise Leute, und Freunde des
Menschengeschlechts, die es sich zum Ziel setzen, ihr ganzes Leben lang
sich möglichst sittsam und vernünftig zu benehmen, gleichsam um mit
ihrer Person den lieben Nächsten eine Leuchte zu sein, und das
eigentlich nur, um ihnen zu beweisen, daß man in der Welt tatsächlich
sowohl sittsam als vernünftig leben kann. Und? Bekanntlich aber sind
viele dieser Menschheitsfreunde früher oder später oder vielleicht auch
erst am späten Lebensabend sich nicht treu geblieben und haben irgend so
ein Geschichtchen gemacht, zuweilen sogar eines, das zu den
allerunsittsamsten gehört. Jetzt frage ich Sie: was kann man nun von
einem Menschen, als von einem Wesen, das mit solchen sonderbaren
Eigenschaften bedacht ist, erwarten? Überschütten Sie ihn mit allen
Erdengütern, versenken Sie ihn in Glück bis über die Ohren, bis über den
Kopf, so daß auf der Oberfläche des Glücks wie auf dem Wasserspiegel nur
noch Blasen aufsteigen, geben Sie ihm solch ein pekuniäres Auskommen,
daß ihm nichts anderes zu tun übrig bleibt, als zu schlafen,
Pfefferkuchen zu vertilgen und für das Nichtaussterben der Menschheit zu
sorgen, – so wird er, dieser selbe Mensch, Ihnen doch auf der Stelle aus
bloßer Undankbarkeit, einzig zu Ihrer Schmach und Schande einen Streich
spielen. Er wird sogar die Pfefferkuchen aufs Spiel setzen und
sich vielleicht den verderblichsten Blödsinn wünschen, den
allerunökonomischsten Blödsinn, einzig um in diese ganze positive
Vernünftigkeit sein verderbliches, phantastisches Element
hineinzumischen. Gerade seine phantastischen Gedanken, seine gemeinste
Dummheit wird er behalten wollen, und zwar ausschließlich zu dem Zweck,
um sich selbst zu beweisen – ganz als ob das weiß Gott wie nötig wäre –,
daß die Menschen immer noch Menschen sind, und nicht Klaviertasten, auf
denen meinetwegen die Naturgesetze eigenhändig spielen mögen, dafür aber
doch drohen, sich dermaßen einzuspielen, daß man allseits vom Kalender
überhaupt nichts mehr wird wünschen oder wollen dürfen. Und nicht genug
damit: selbst wenn er sich wirklich nur als Klaviertaste erweisen
sollte, und wenn man ihm das sogar wissenschaftlich und mathematisch
beweisen würde, selbst dann würde er nicht Vernunft annehmen, und noch
zum Trotz absichtlich etwas Unheilvolles machen, natürlich nur aus purer
Undankbarkeit, und eigentlich nur, um auf dem Seinen zu bestehn. Falls
sich aber bei ihm keine Mittel, keine Möglichkeiten dazu erweisen
sollten, so würde er sich Zerstörung und Chaos ausdenken, würde sich
womöglich selbst Qualen ausdenken, aber doch auf dem Seinen eigensinnig
bestehn! Flüche würde er über die Welt ausschütten! Da aber nur der
Mensch allein fluchen kann – das ist nun schon einmal sein Privilegium,
eines, das ihn vorzugsweise von den anderen Tieren unterscheidet –, so
wird er doch mit diesem Fluch allein erreichen, was er will, d. h. wird
sich tatsächlich überzeugen, daß er ein Mensch und keine Klaviertaste
ist. Wenn Sie sagen, man könne auch dieses nach der Tabelle ausrechnen,
Chaos, Finsternis und Fluch, so daß schon die bloße Möglichkeit der
vorherigen Berechnung alles stocken macht und die Vernunft dann das Ihre
nimmt, – so wird der Mensch sich ja womöglich verrückt machen, um keine
Vernunft mehr zu haben und somit doch auf dem Seinen bestehn zu können.
Daran glaube ich fest, dafür stehe ich ein, denn genau genommen besteht
doch das ganze menschliche Tun, wie’s scheint, bloß darin, daß der
Mensch sich immerwährend beweist, daß er ein Mensch ist und kein
Stiftchen! Und wenn er es auch selbst ausbaden muß, aber beweisen will
er’s, einerlei womit, aber beweisen, beweisen! Wenn das aber wahr ist,
wie soll man dann nicht sündigen, nicht Gott danken, daß dieses noch
nicht eingeführt ist und das Wollen vorläufig noch weiß der Teufel wovon
abhängt!?
Sie schreien mir zu – wenn Sie mich überhaupt noch Ihres Schreiens
würdigen –, daß mir doch niemand den Willen entziehe, daß man ja hierbei
nur eines im Auge hätte, nämlich: es irgendwie so zu machen, daß mein
Wille ganz von selbst, freiwillig mit meinen normalen Interessen
zusammenfiele, mit den Gesetzen der Natur und Arithmetik.
Ach, meine Herren, was kann es denn da noch für einen eigenen Willen
geben, wenn die Sache schon bis zur Tabelle und bis zur Arithmetik
kommt, wenn nur noch Zweimalzwei = vier im Gange ist? Zweimalzwei wird
auch ohne meinen Willen vier sein. Sieht denn freier Wille etwa so aus?