R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1907

Petersburg ist die abstrakteste und künstlichste Stadt der

Welt.

_Dostojewski._

Zur Einführung.

Bemerkungen über Dostojewski als Dichter der Großstadt.

Die Großstadt ist der Kampfplatz des modernen Lebens, sie ist die große

Siegesstätte und zugleich die große Schädelstätte der modernen

Menschheit. Auch wenn man die Großstadt vor dem allgemeinen Hintergrund

des ganzen Volkes sieht und sich durchaus darüber klar ist, daß die

nährenden, die schöpferischen Kräfte gerade des Lebens unserer Zeit nach

wie vor im Lande liegen, in dem weiten, breiten, fruchtbaren Schooß der

vielen Millionen, gegen die auch die größte Großstadt doch immer nur

einen Bruchteil aufzuweisen hat – auch dann bleibt die Großstadt doch

noch etwas ganz Besonderes. Sie zeigt Seiten des modernen Lebens doppelt

charakteristisch ausgeprägt. Sie ist das Musterbeispiel aller neuen

Erfindung und Erfahrung. Sie ist gleichsam die zivilisatorische

Versuchsstation der Epoche, der Schmelzofen der Werte, das Bassin des

Erdenkraters, aus dem die Erde ihre neuen Menschen und Werke dichter,

gedrängter herausschleudert. Draußen auf dem Lande geht die schwere,

ruhige, gleichmäßige Weiterentwickelung der Nation vor sich, erneut sich

ihr unerschöpflicher Menschen- und Kräftereichtum, der das Ganze

zusammenhält und immer wieder spendet und spendet. Drinnen in der

Großstadt aber werden die Kämpfe der Zeit ausgefochten, spitzen die

Probleme sich zu, finden ihre Lösung oder brechen aus im Konflikt. Hier

wird jene Nähe aller Ferne am deutlichsten empfunden, die wir den

modernen Verkehrsmitteln verdanken. Hier liegt die Kreuzung aller Züge,

der Treffpunkt aller Wege, der Austausch von Völkern und Erdteilen. Hier

strahlt das elektrische Licht heller als anderswo, hier ist auch in der

Nacht unausgesetzt Tag, hier stehen Arbeit und Genuß, Not und Glanz samt

allen Lastern der Zeit am gefährlichsten nebeneinander. Die Menschen der

Großstadt haben etwas voraus vor anderen Menschen, sie sind Pioniere und

Märtyrer zugleich, die die überraschenden Wandlungen mit vermehrter

Nervenanspannung aushalten mußten. Generationen auf Generationen wurden

in der Großstadt eingesetzt, Lücken wurden gerissen und Opfer gebracht,

und doch fanden sich immer wieder Neue, die kühn in das Unbekannte der

modernen Kultur vordrangen, die wir alle suchen. Gewiß wird unsere

Kultur dereinst von dem ganzen Lande gelten, von jedem Gau, dessen

Menschen an ihr mitgearbeitet haben. Vielleicht werden sogar ihre

tiefsten und mächtigsten Werke, diejenigen welche dann über die ganze

Welt sich erstrecken und das Ewige ausdrücken, ursprünglich aus den

stillen Winkeln irgend einer engeren Heimat kommen – aber die

eigentlichen Kulturformen, die modernen Kunstformen, die neuen

Stilformen werden doch immer und überall in irgend einer Weise

diejenigen sein, welche die Großstadt zuerst als Lebensformen

ausgebildet hat.

* * * * *

In die moderne Dichtung hat sich der Gegensatz von Land und Großstadt

früh schon hineingezogen; nirgendwo schärfer als dort, wo der Gegensatz

auch im Leben heftig und unvermittelt einsetzte: als in Rußland und der

russischen Dichtung. Beinahe unmittelbar lösten hier patriarchalische

Verfassung und moderne, europäische Kultur einander ab. Beinahe

übergangslos folgten hier Vergangenheit und Zukunft auf einander, indes

keine oder doch nur eine halbe, unausgesprochene, zerrissene Gegenwart

da war, die vermitteln konnte. Es wurde der Gegensatz von Tolstoi und

Dostojewski. Beide wuchsen durch ihn zu monumentalen Erscheinungen aus.

Der eine, indem er die ganze robuste Volks- und Urkraft in sich

aufspeicherte, die im flachen Lande, im Leben des russischen Bauern und

des russischen Landadels liegt, und die er dann in seinen Romanen in

Kapiteln vorführte, die fast die Ruhe und den Fluß homerischer Gesänge

hatten. Und der andere, indem er all das Fieber aufnahm, das von der

Stadt Peters des Großen aufstieg, und all das Grauen und den Wahnsinn,

all den Schmerz und das Elend versammelte, die das Leben ihrer neuen

Menschen erfüllen. Monumentalität ist immer in irgend einer Weise

Überpersönlichkeit, ist Ausdruck nicht so sehr des einzelnen Dichters,

als Ausdruck des massiven Lebens der Vielen, der Menge, des ganzen

Volkes, oder doch eines bestimmten und immer eines beträchtlichen Teiles

desselben. Die Monumentalität Tolstois wie Dostojewskis ist von dieser

Art. Nur das ist der Unterschied, daß die Monumentalität der Natur, vor

der wir bei Tolstoi stehen, im Grunde wieder die alte, große, ewige ist,

während die Monumentalität der Großstadt, die Dostojewski erreichte, ein

Neues, Kühnes, Unerhörtes war. Wir wußten bereits, daß die ewigen

Wahrheiten starker und gesunder Liebe monumental gestaltet werden

konnten, die großen Verhältnisse von Herr und Knecht, die von allen

Zeiten gelten, die schlichten einfachen Daseinsbeziehungen schlichter

einfacher Menschen, die so riesig wirken, weil sie das gerade

herausgegriffene Beispiel von Millionen sind. Aber wir wußten noch

nicht, daß auch aus dem modernen Leben, all seinen ungewohnten

Verhältnissen, absonderlichen Menschen, seltsamen Schicksalen, all

seinen ungeahnten Tragödien und unheimlichen Problemen diese gewaltigen

Wirklichkeitsfresken zu malen waren. Eine Monumentalität der modernen

Großstadtdichtung: die gibt es erst von Dostojewski an.

* * * * *

Wohl haben auch die Dichter anderer Länder die Großstadt geschildert.

Man könnte vor allem an Amerika denken, wo sich der Übergang von dem

patriarchalischen Leben, das dort die Kolonisten führten, zur modernen

Zivilisation, wenn auch im Einzelnen natürlich unter ganz anderen

Lebenserscheinungen, ähnlich rapid vollzog wie in Rußland. Doch die

amerikanischen Großstädte, die in ihrer kalten Klarheit der Anlage und

bei dem ungeheuren Raum, der für ihre noch immer weitere Ausdehnung

vorhanden ist, immer mehr ins Riesenhafte wachsen, scheinen nicht von

einer schildernden, sondern nur von einer peripherischen, fast möchte

man sagen einer geographischen Phantasie erfaßt werden zu können.

Deshalb näherte sich ihnen Walt Whitman nur von Ferne, wie ein greiser

Seher, der die Hand über die Augen hob und die Stätte der Menschen

schaute. Weit, weit am Horizont liegen bei ihm Boston und Newyork, dazu

unter indianischem Namen, obwohl gerade Walt Whitman sonst das moderne

Wort nicht scheut, und nur selten führt er, wenn er die Städte auch

liebt und preist, bis hin in ihre Straßen. Poe dagegen, der in diesen

Städten leben mußte, ging an ihnen zu Grunde, als der einzelne

Schwärmer, der ihrem Leben nicht gewachsen war. Doch hat gerade Poe

einmal, im „Mann der Menge“, den Geist der Großstadt symbolisch gefaßt

wie ein wandelndes Gespenst und eine Geschichte aus ihr gebildet, die

ihr mächtiger Ausdruck sein wird, solange es eine Großstadt gibt. Nur

war Poe deshalb noch nicht monumental in dem Sinne, wie es Dostojewski,

der Großstadtschilderer, ist. Zwar könnte man schon, im Vergleiche des

Menschlichen, in Walt Whitman einen amerikanischen Tolstoi und in Poe

einen amerikanischen Dostojewski sehen. Auch Poe ist der Mensch, der

unter der Großstadt leidet, obwohl er beinahe nur in _ihr_ leben kann,

der Mensch der nervösen, tragischen, kataleptischen Seele. Aber

künstlerisch fehlt doch jene Allgemeingültigkeit, die Dostojewski so

groß macht, seine Erscheinung bleibt problematisch und statt Schilderung

ist alles Bekenntnis. Hinzukommt, daß Poe den Großstadtmenschen fast

durchweg romantisch verkleidete. Seine Novellen sind wie Träume eines

Mannes, der mitten in grauer und ihn schreckender Wirklichkeit steht und

sich hinüberphantasiert in reinere Gefilde. Darin zeigte sich noch der

Byronismus in Poe, während Dostojewski in Rußland Byronismus und

Romantik mit Puschkin schon erledigt fand. Immerhin verspürt man bei

Poe, nicht aus gewaltiger Ferne, wie bei Walt Whitman, sondern aus

unheimlicher Nähe, etwas von dem Geist der modernen Großstadt. Nur

braucht es nicht unbedingt die amerikanische Großstadt zu sein: nicht

das Pionierhafte, nur das Gespenstische des Amerikanertums hat Poe

begriffen, und bezeichnend ist, daß gerade sein „Mann der Menge“ von ihm

nach London verlegt wurde. England selbst, dem die romantische, die

allegorisch-mystische, prärafaelitische Hälfte von Poes Seele noch

angehörte, hat überhaupt keine Großstadtkunst hervorgebracht, obwohl es

in London früh schon, bereits im siebzehnten Jahrhundert, eine Stadt mit

modernem Großstadtcharakter ausbildete und im alten Defoe auch schon

einen kräftigen Großstadtschilderer, den ersten modernen überhaupt,

bekam. Aber auf Defoe folgte kein ebenbürtiger Gestalter mehr, nur noch

platte und rührselige Skribenten. Selbst Dickens ist schließlich nur ein

Unterhaltungsschriftsteller, kein Künstler, und Wilde, der eher ein

Künstler war, ist gerade als Großstadtschilderer nur eine Wiederholung

von Poe. Nicht ganz so versagte Frankreich vor dem Problem der

Großstadtschilderung. Zwar ist Paris gar keine eigentliche und

einheitliche Großstadt, sondern eine Metropole, die zusammengesetzt ist

aus alten und neuen, bald beinahe romantischen, bald bourgoisen, bald

mondainen Quartiers und Faubourgs. Aber von den Lyrikern waren doch

Verlaine und Rimbaud echte Großstadterscheinungen, und von den

Romanciers hat Zola in gar manchem Roman wenigstens die Monumentalität

einer Massenwirkung erreicht, wie es denn auch durchaus folgerichtig

war, daß er vor dem Thema „Paris“ als Ganzem versagte, und sein Bestes

immer nur in Ausschnitten gab, in Romanen, die er aus dem Leben der

Künstlerwelt, der Hallen, der großen Magazine zog. An Deutschland

dagegen scheint das Problem der Großstadtschilderung überhaupt noch

nicht herangekommen zu sein. Man mag das mit dem engen Zusammenhang

erklären, den der Deutsche nach wie vor zur Natur haben muß, wenn er

schöpferisch sein soll. Jedenfalls haben unsere Persönlichkeiten,

Liliencron, Dehmel, Hauptmann, Frenssen, die stärksten Wurzeln ihrer

Kraft in der Heimat, im Rahmen der deutschen Landschaft. Nur Schlaf hat

einmal den großangelegten Versuch gemacht, Berlin wenigstens als

Panorama zu geben. Entziehen können wir uns dem Problem nicht. Wir sind

nun einmal in unserem Leben wie kein zweites Leben das Volk der

Großstädte. So werden wir es, bei der Wechselbeziehung zwischen beiden,

auch in unserer Dichtung sein und irgend eine individuelle Lösung finden

müssen. Im übrigen liegt die Schuld nicht so sehr an den Dichtern, als

an unseren Großstädten selbst. Denn es hat einen inneren Grund, ob eine

Großstadt ihren Dichter findet, und welchen, und wann. Die Städte

bekommen ihren Dichter genau in dem Augenblick, in dem sie ihren

Charakter bekommen. Es ist fast ein geschichtliches Zeugnis, das sich

eine Stadt damit ausstellt, daß sie ihren Dichter hervorbringt. Sie

zeigt damit an, daß sie herausgetreten ist aus der Periode der

Vorbereitung, und von nun an als ein geschlossenes Ganzes betrachtet

werden kann. Unsere deutschen Städte aber sind noch nicht fertig, selbst

Berlin ist es noch nicht. Eine große Bestimmung liegt vor ihnen. Einen

ganz neuen Städtestil gilt es zu entwickeln, dem europäischen Kontinent

die neue Welthauptstadt zu schaffen. Und da ist es denn klar, daß erst

zusammen mit der Erfüllung dieser Bestimmung einer Stadt wie Berlin ihr

Dichter erscheinen wird. So bleibt, wie seltsam es klingen mag,

vorläufig Rußland das einzige Land, in dem Großstadt und Dichter sich

bereits zusammengefunden haben – Petersburg und Dostojewski.

* * * * *

Petersburg ist die Tragödie Rußlands, und diese Tragödie hat Dostojewski

ausgedrückt. Man kann nicht sagen, daß Petersburg einen bestimmten

Charakter habe, und erst recht hat es, ganz ungleich Moskau darin,

keinen bestimmten Stil. Petersburg ist verkörperte, Stadt gewordene

Idee. Wenn man seinen Charakter suchen wollte, so würde man ihn finden

in einer ewigen Unfertigkeit, und seinen Stil in einer rein äußerlich

bleibenden Einbeziehung so ziemlich sämtlicher Stile. Petersburg ist

etwas anderes: Petersburg ist Geist, Problem, Phantasie. Auf eine Idee

hin wurde es von Peter dem Großen aufgebaut, mitten in den Sumpf hinein,

eine sozusagen befohlene Stadt, die nur die politische Berechtigung

hatte, daß durch sie Rußland an die Ostsee gebracht wurde, und die

alsbald mit einem Heer von Hofbediensteten, Staatsarbeitern, Beamten,

Offizieren pöpliert wurde. Solange Petersburg im siebzehnten und

achtzehnten Jahrhundert kaum mehr als eine große Residenz war, mochte

Rußland sich bei dieser Schöpfung beruhigen, obwohl die Rivalität mit

Moskau früh schon bedenkliche Formen annahm. Gefährlich, verhängnisvoll

wurde die Stellung Petersburgs erst, als im neunzehnten Jahrhundert

Rußland immer entschiedener in die Reihe der europäischen Großmächte

hineindrängte, als Petersburg jäh aufschoß, in eine für Rußland zunächst

unnatürliche moderne Entwicklung hineingezogen wurde und gleichfalls

seinen Platz unter den europäischen Großstädten beanspruchte. Von da an

war an Petersburg Alles dunkel und ungewiß. Ungewiß war jetzt nicht mehr

bloß der schwankende Wassergrund, auf dem es ruht und in den es jeden

Augenblick versinken kann. Ungewiß war seine ganze Zukunft, seine

kulturelle, seine politische. Jetzt zeigte sich, wie das russische Volk

an Petersburg litt. Wohl ist es seine offizielle Hauptstadt, doch das

russische Volk drängt nach Moskau, der alten organischen, zurück, und

noch über Moskau hinaus. Rußland sucht erst seine wahre Hauptstadt, wie

es seine politische Form erst sucht. Möglich, daß Rußland groß erst

werden wird, wenn der Nationalitätenkoloß, der es heute ist, dereinst

auseinanderfällt und aus ihm ein reines Rußland reiner Russen

hervorgeht. So steht ganz Rußland in einem Übergang, und die Stadt

dieser Übergangszeit ist Petersburg. Es kann sterben, wie Ravenna und

Brügge gestorben sind, es kann auch noch immer weiter wachsen – es wird

stets etwas Beängstigendes, Verhängnisvolles, Unseliges über sich haben.

Nicht anders als so, in dieser Mystik von Nebel, Tod und Schrecken, hat

es Dostojewski aufgefaßt. Sein Petersburg, das ist das Fatum des ganzen

Landes und Volkes, das ist das Rußland, das bei sich zu Hause Europa

kopiert, das Rußland, das da Weltmacht sein will und doch immer wieder

darauf gestoßen wird, daß es nur eine russische, eine slawische

Bestimmung hat, das Rußland, das die glänzendste Aristokratie, die

ausgebildetste Bürokratie besitzt und zugleich draußen im flachen Lande

viele, viele Millionen, die nicht lesen und nicht schreiben können, und

die doch zugleich seine treueste, seine fast unsterbliche seelische und

auch körperliche Kraft sind. Jedenfalls ist es gerade die ihm

geschichtlich aufgezwungene russische Rolle, die so tragisch an

Petersburg ist. Die „künstlichste und abstrakteste“ Stadt hat

Dostojewski Petersburg genannt, und tragisch hat er es geschildert.

* * * * *

Man kann Großstadt auf zweierlei Weise schildern: als Ort und Stimmung,

malerisch gleichsam, und in den Menschen, psychologisch. Dostojewski hat

beides getan. Sein Petersburg, das ist wirklich die kalte nordische

Stadt mit den Farben schneeweiß und feuchtgrau, deren Winter acht Monate

währt und über der dann die Sonne nur selten steht, hängend, wie ein

blaßroter Schwamm, ohne Strahlen, und deren helle Frühlingsnächte

sehnsüchtig und verträumt wie die Jugend Petersburgs selbst zu sein

scheinen. Auf diesem vagen gespensterhaften Hintergrunde hat Dostojewski

das Leben der Großstadt geschildert, ihr gewaltiges Hin und Her, ihren

ungeheuren Lärm, und doch die furchtbare, die unheimliche Stille

wiederum mitten im Geräusch. Aber dann war Dostojewski doch vor allem

ein Menschenschilderer. Die Menge der Typen, Silhouetten, Physiognomien,

die er in seinem Gesamtwerk vorführt, ist endlos, unzählbar,

unübersehbar. Aus jedem Hause Petersburgs scheint eine Gestalt

herauszugehen, die wir kennen lernen. Einmal, in der Figur des

Raskolnikoff, hat er den Helden ihrer furchtbaren moralischen Kämpfe und

Krisen gefunden. Andere Gestalten in anderen Werken ergänzen ihn. Wir

sehen von ihnen einen ganzen Zug tragischer Jünglinge, deren Gestalten

schließlich in der Ferne Sibiriens verschwinden. Und um die Jünglinge

gruppieren sich die Frauen, Studentinnen, Heldinnen, die, wenn es

nottut, für ihre Idee zu sterben wissen. Schwer dazwischen schieben sich

die dicken Figuren von Spießbürgern. Offiziere und Beamte, hohe und

niedere, anmaßende und gedrückte, lernen wir kennen. Dazu die Menge der

Verkommenen einer Großstadt, der Gescheiterten und Verlorenen aller Art,

der Menschen, Männer und Frauen, mit dem oft tief rührenden

zersprungenen Klang auch in Not noch und Schande. Als eine

Übergangsstadt hat Dostojewski Petersburg geschildert, von

Übergangsmenschen bewohnt, von vielen, vielen Unglücklichen, Suchenden,

Irrenden, die mitten in Rußlands Hauptstadt aus Rußland wie verbannt zu

sein scheinen und den Sinn ihres Lebens, so sehr sie auch suchen mögen,

nicht finden können. Dostojewski hat damit die Großstadt überhaupt

geschildert. Denn sind die Großstadtmenschen nicht alle in irgend einer

Weise Übergangsmenschen, vielleicht nicht so verzweifelte,

aussichtslose, doppelt scharf und unheilvoll ausgeprägte wie in Rußland,

aber doch immer solche, heute wenigstens und fürs erste, die noch nicht

den Punkt gefunden haben, auf dem sie zu stehen vermögen? und den Platz

noch nicht, auf dem sie ruhig leben und arbeiten können?

* * * * *

Woher wird die Erlösung für alle diese Menschen kommen? Irgendwoher muß

sie kommen, das hat auch Dostojewski gewußt, und im Grunde handelt sein

ganzes mächtiges Werk von nichts als den Erlösungsmöglichkeiten der

Menschheit. Er hat verschiedene Antworten gegeben, er hat oft an das

flache Land gedacht, an die Rückkehr zur Natur, zur Rasse und dem

schlichten starken Gott der Väter. Aber schließlich weiß er doch immer

wieder zu sagen, und dadurch unterscheidet er sich von Tolstoi, daß

gerade aus der Großstadt, aus all ihrem Leid und Wirrsal, durch das wir

nun einmal hindurch müssen, nachdem wir es uns selbst geschaffen, die

Erlösung für uns kommen wird, daß gerade aus diesen blassen und eilenden

Menschen, die grau in grau durch die feuchten asphaltierten Straßen

ziehen, sich eines Tages, wenn die Not zu gewaltig, unerträglich

geworden ist, die Gestalt eines neuen Heilandes für uns ablösen wird.

Für Tolstoi und seine Bauern genügte Christus, derselbe Christus, den

wir nun schon seit zwei Jahrtausenden aus der Überlieferung kennen. Auch

Dostojewski denkt an Christus, er hat selbst ein Buch über Christus

schreiben wollen, und vielleicht wäre er der einzige Mensch gewesen, der

es je gekonnt hätte. Aber wenn Dostojewski von Heil und Erlösung

spricht, so ist es doch stets die Gestalt eines neuen, eines russischen,

eines modernen Christus, hervorgegangen aus dem Leben der Menschen von

Heute. Dostojewski hat nicht zu allegorischen oder symbolischen Mitteln

zu greifen brauchen, um diesen Zug zur Erlösung auszudrücken, der durch

unsere Zeit geht. Die Wirklichkeit, die ihn umgab, genügte ihm durchaus.

Gar mancher unscheinbare Mensch, den er schilderte, trägt bereits

Heilandszüge, und aus seinem ganzen Werke steigt es schon auf wie Tod

und Verklärung gerade der Großstadt.

_Moeller van den Bruck._

Vorwort.

Der Band enthält drei Jugendnovellen Dostojewskis: „Der Herr

Prochartschin“ – „Polsunkoff“ – „Der ehrliche Dieb“, die erste aus dem

Jahre 1846, die beiden letzteren aus dem Jahre 1848. Ferner sind da zwei

Novellen des mittleren Dostojewski: „Eine dumme Geschichte“ aus dem

Jahre 1862, und „Aus dem Dunkel der Großstadt“ aus dem Jahre 1864, beide

geschrieben in der Zeit nach der Rückkehr Dostojewskis aus Sibirien.

Schließlich folgen drei Novellen des späteren Dostojewski, die „Letzten

Novellen“: „Bobock“ aus dem Jahre 1873, „Die Kleine“ aus dem Jahre 1876

und „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ aus dem Jahre 1877. Die

Zusammenstellung geschah unter dem Gesichtspunkte, daß alle Novellen in

der Großstadt spielen und speziell Petersburg zum Hintergrund haben.

Dieser Gesichtspunkt gab zugleich die Berechtigung, dem Bande die größte

und wichtigste Novelle voranzustellen und ihm ihren Titel

vorzuschreiben: „Aus dem Dunkel der Großstadt“.

Eine wörtliche Übertragung des russischen Titels dieser Novelle ging

nicht an. Der russische Titel vereinigt in der Art, wie er von

Dostojewski geprägt und zweifellos auch gedacht ist, das soziale und

seelische Milieu in einem einzigen knappen Wort. Die deutsche Sprache

bietet zu einer derartigen Vereinigung nicht die Möglichkeit. Das lokale

Milieu allein würde etwa die Übertragung „Aus dem dunkelsten Winkel der

Großstadt“ bedingen. Es klingt sozial, doch Soziales liegt der Novelle

nur im allergeringsten Maße zu Grunde. Das seelische Milieu dagegen

würde etwa eine Übertragung verlangen wie: „Aus dem dunkelsten Innern

des Großstadtmenschen“. Aber hier wird wiederum das Intim-Persönliche zu

stark betont. Einen Ausweg bot schließlich der gewählte Titel, der

innerlich und seelisch ist, dabei den Ort angibt, und doch den Ort nicht

zu realistisch-genau bezeichnet.

Die hier als „Letzte Novellen“ zusammengefaßten Erzählungen hat

Dostojewski nicht als solche veröffentlicht. Sie stehen im „Tagebuch

eines Schriftstellers aus dem Jahre 1873“, bezw. 1876, bezw. 1877,

eingerahmt von literarischen und politischen Aufsätzen Dostojewskis.

Ihre Entstehungszeit, die zwischen „Die Dämonen“ und „Die Brüder

Karamasoff“ fällt, verbürgt schon ihren außerordentlichen Wert im Werke

Dostojewskis. In der Tat gehört „Die Kleine“, die da wirkt wie ein

lebendiges Heiligenbild aus dem modernen Petersburg, zu dem Schönsten,

und „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ zu dem Tiefsten, was

Dostojewski geschrieben hat, während „Bobock“, dieses tolle Satyrspiel

des Großstadtlebens, Dostojewski von einer ganz eigenartigen, seiner

humoristischen, exzentrischen, grotesken Seite zeigt.

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