NOTE

Mit Ausnahme der Begegnung des Buddha und des Pilgers in der Vorhalle

des Hafners (_Majjhimanikayo_ Nr. 140, wo aber der Pilger den Buddha

versteht und erkennt) und der Bekehrung Angulimalas[1] sind die in

diesem Buche erzählten Begebenheiten von mir frei erfunden--was ich

deshalb bemerke, weil einige Leser des Manuskriptes glaubten, ich hätte

irgend eine indische Sage bearbeitet. Nur die Schilderung des

Ballspieles habe ich aus _Dandins_ Novellenkranze _Daçakumaracaritam_

genommen; auch in der glänzenden Einleitung der deutschen Übersetzung

dieses Werkes--von _J.J. Meyer_--fand ich manchen guten Wink. Daß ich

zum Ausmalen des Milieus kulturhistorische Werke älteren und neueren

Datums--vor allen die _Jatakas_--benutzt habe, versteht sich wohl von

selber; von modernen Werken sei hier _Richard Schmidts_ "_Beiträge zur

indischen Erotik_" als ausgiebige Fundgrube erwähnt (Lotus-Verlag,

Leipzig 1902; in demselben Verlage ist Daçakumaracaritam erschienen).

[1] XXXIV. Kap. Die Einzelheiten der Legende nach Majjh. No. 86. Doch

ist das vereitelte Pfeilschießen von mir hinzugefügt. Das Höllenbild

findet sich auch nicht dort, sondern in No. 50; die daran sich

schließende Stelle vom Höllenrichter ist aus No. 130 genommen; die dann

folgende Skala von den Vielen und den Wenigen gehört einem andern Teile

des Kanons an (Anguttara-Nikayo--nach K.E. Neumanns "Buddhistischer

Anthologie", p. 104 ff.).

Die echten Buddhaworte sind durch ihren Stil leicht als solche zu

erkennen--wiewohl einige nachgemachte (p. 140 bis 144) mit ihnen

verwechselt werden können. Sie sind meistens dem großartigen

Übersetzungswerke Dr. _Karl E. Neumanns_ "_Die Reden Buddhos_"

(Majjhimanikayo) entnommen. Aber auch dem epochemachenden und noch immer

unübertroffenen Werke Prof. _Oldenbergs_ ("Buddha") verdanke ich einige

wichtige Stellen.

Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß die wenigen Upanishadstellen (p.

36ff., 129, 141) nach Prof. _Deussens_ "Sechzig Upanishads des Veda"

zitiert sind. Dem zweiten großen Übersetzungswerke dieses trefflichen

und unermüdlichen Forschers "_Die Sutras des Vedanta_" verdankt mein

_zehntes Kapitel_ seine Entstehung. Wenn dies kuriose Stück inhaltlich

eine Darstellung des Indischen Übermenschentums ist--als des äußersten

Gegensatzes zum Buddhismus--so ist es in seiner Form eine peinlich

genaue Nachbildung des vedantischen Sutrastils, mit der änigmatischen

Kürze des Textes, dessen eigentliches Prinzip--wie Deussen richtig

erkannt hat--darin besteht, nur Stichworte für das Gedächtnis,

keineswegs aber die für den Sinn wichtigen Worte zu geben; so konnte man

ohne Gefahr den Text schriftlich fixieren, da er doch von keinem

verstanden wurde, dem der Lehrer nicht auch mündlich den Kommentar

mitteilte, der dann gewöhnlich um so pedantisch umständlicher ausfiel.

Allerdings sind diese _Kali-Sutras_--wie der ganze Vajaçavas--eine

scherzhafte Fiktion von mir,--aber eine, glaube ich, von der jeder

Kenner des alten Indien zugeben wird, daß sie sich innerhalb der Grenzen

des Möglichen--ja sogar des Wahrscheinlichen--hält. Indien ist eben das

Land, wo auch der Räuber philosophieren muß und es gelegentlich bis zum

"wunderlichen Heiligen" treibt, und wo auch der Höllenwächter "höflich

bis zur letzten Galgensprosse" bleibt.

Sollte nun einen solchen Kenner die Lust anwandeln, mich wegen einiger

Ungenauigkeiten zu schulmeistern, so bitte ich ihn, zu bedenken, daß

der, der den "Pilger Kamanita" schrieb, wohl am besten weiß, welche

Freiheiten er sich genommen hat und warum. So hätte ich ja leicht

anstatt des späteren Sukhavati den Himmel der dreiunddreißig Götter

nehmen können und wäre dann korrekt geblieben. Aber was in aller Welt

hätte ich mit dreiunddreißig Göttern anstellen sollen, da ich nicht

einmal in Sukhavati für den einen Amithaba Verwendung hatte? So ließ

mich denn auch als Dichter die Frage recht kalt, ob das Mahabharatam

schon zur Zeit des Buddha existierte, und in welcher Form. Auch gestehe

ich gern, daß ich gar nicht weiß, ob man von Kusinara aus die

Schneegipfel des Himalaya erblicken kann, ja daß ich dies sogar sehr

bezweifle; wiewohl nicht der Entfernung wegen, da Schlagintweit aus noch

größerer den Gaurisankar von der Ebene aus gesehen hat. Dem sei nun wie

es wolle: ich bin der Ansicht, daß die Forderungen der Poesie denen der

Geographie vorangehen.

Dagegen würde ich mir nie erlaubt haben, am ursprünglichen Buddhismus

"poetischer" Zwecke halber auch nur den geringsten Zug zu ändern; denn

daß ich, wie gesagt, die später so höchst populäre Vorstellung von

Sukhavati hineingezogen habe, wird man mir nicht als eine solche

Entstellung anrechnen können, da doch der Sache nach identische

Vorstellungen im ältesten Buddhismus lebendig sind. Vielmehr ist es mir

ein Herzensbedürfnis gewesen, ein echtes Bild buddhistischer Lebens- und

Weltanschauung aufzurollen. Wenn Dr. _K.E. Neumann_, ohne dessen

Arbeiten diese Dichtung nicht hätte entstehen können, in seinem Nachwort

zum "Wahrheitspfad" vor dreizehn Jahren schrieb: "Die letzten

Jahrzehnte, die letzten Jahre haben uns erst Aufschluß darüber gegeben,

wer der Buddha war und was er gelehrt hat....Die Poesie des Buddhismus,

sein Innerstes, ist uns aber noch ein Buch mit fünf Siegeln. Eins nach

dem andern muß gelöst werden, wollen wir sein Herz verstehen

lernen....Nachdem die Gelehrten das Ihrige getan haben, komme nun der

Dichter und tue das Seinige: die Pali-Urkunden warten auf ihn. Dann erst

wird die Buddhalehre auch bei uns zum Leben erwachen, wird deutsch unter

Deutschen blühn"--so hoffe ich, daß mein gelehrter und verehrter

Freund--und vielleicht mancher mit ihm--in diesem Werk den Anfang der

Erfüllung jenes Wunsches begrüßen wird.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 54 / 55 题