Eine schreckliche Ruhe kam über mich, als ich jetzt in meine Zimmer
zurückkehrte. Es gab nichts mehr zu bedenken, kein Zweifel war zu
bekämpfen, keine Fragen wollten beantwortet sein. Alles war entschieden.
Sein Karma wollte es so. Offenbar war er durch seinen doppelten Verrat
mir und Angulimala verfallen.
So groß war diese Ruhe, daß ich einschlief, sobald ich mich auf das
Lager gestreckt hatte--als ob meine Natur ängstlich bemüht gewesen wäre,
über diese inhaltslosen Wartestunden hinwegzukommen.
Als es dunkel wurde, ging ich auf die Terrasse. Der Mond war noch nicht
aufgegangen. Ich brauchte nicht lange zu warten. Die mächtige Gestalt
Angulimalas schwang sich über die Brustwehr und kam auf die Bank zu, auf
der ich, halb abgewendet, saß.
Ich rührte mich nicht, und ohne den Blick von dem Muster der bunten
Marmorfliesen zu erheben, sprach ich:--
"Was du zu wissen wünschest, weiß ich. Alles: die Stunde, wann er
fortzieht, die Stärke seiner Begleitung, die Richtung, die er
einschlägt, und Wege und Pfade, denen er folgt. Von seinem bösen Karma
getrieben, hat er selber mir seine Vertraulichkeit aufgedrungen, sonst
wüßte ich das alles nicht, denn nie hätte ich es ihm durch heuchlerische
Zärtlichkeit entlockt."
Ich hatte mir diese Worte wohl überlegt; denn so töricht sind wir in
unserem Stolz, daß es selbst jetzt, da ich mich zum Handlanger eines
Verbrechers machte, für mich ein unerträglicher Gedanke war, in seinen
Augen niedriger zu erscheinen, als ich wirklich war.
Nicht weniger überlegt waren meine weiteren Worte.
"Von all dem wirst du aber keine Silbe erfahren, wofern du mir nicht
zuerst versprichst, daß du ihn _nur_ töten, auf keine Weise aber quälen
wirst, und daß du nur _ihn_, jedoch keinen seiner Begleiter töten wirst,
wenn du es nicht zur Selbstverteidigung nötig hast. Ich werde dir aber
eine Stelle zeigen, wo du ihn ganz allein und ohne Handgemenge tödlich
treffen kannst. Dies also mußt du mir mit einem feierlichen Eide
versprechen. Sonst kannst du mich töten, wirst aber kein Wort mehr von
mir vernehmen."
"So wahr ich bis heute ein treuer Diener Kalis war," erwiderte
Angulimala, "so gewiß will ich keinen von seinen Begleitern töten, und
so gewiß soll er auch keine Qual erleiden."
"Gut," sagte ich, "ich will dir trauen. So höre also nun und merke dir
Alles genau. Wenn du hier in der Stadt Hehler hast, so wirst du schon
erfahren haben, daß Vorbereitungen getroffen werden, um morgen gegen die
Räuber vorzugehen. Das ist aber alles leerer Schein, um dich zu
täuschen. In Wirklichkeit verläßt Satagira, von dreißig Reitern gefolgt,
noch heute, eine Stunde nach Mitternacht, die Stadt durch das südliche
Tor, läßt den Sinsapawald links liegen und biegt noch etwas südlicher
aus, um auf Nebenwegen durch das Hügelland ostwärts zu ziehen."
Und ich gab ihm nun eine ganz genaue Beschreibung der Gegend bis zu
jener engen Schlucht, durch die Satagira kommen mußte, und wo er ihn
leicht und sicher erschlagen konnte.
Meiner Rede folgte ein bedrückendes Schweigen, währenddessen ich nur
mein eigenes schweres Atemholen hörte. Ich fühlte, daß ich noch nicht
Kraft genug hatte, um mich zu erheben und wegzugehen, wie ich es mir
vorgenommen hatte.
Endlich sprach Angulimala, und schon der milde, ja traurige Klang seiner
Stimme überraschte mich derart, daß ich fast erschrak und unwillkürlich
zusammenfuhr.
"So wäre es denn also nun geschehen," sagte er, "und du, die zarte,
milde Frau, die du gewiß niemals mit Willen auch nur dem geringsten
Geschöpfe ein Leid zugefügt hast, du wärest nunmehr im Bunde mit dem
schlechtesten Menschen, dessen Hände von Blut triefen, ja der Mord
deines Gatten lastete auf deinem Gewissen und würde für dich seine
schwarzen Karmafäden auf abschüssiger Fährte bis in die höllische Welt
weiter wirken--ja, so wäre es in der Tat, wenn du jetzt zu dem Räuber
Angulimala geredet hättest."
Ich wußte nicht, ob ich meinen Ohren trauen sollte. Zu wem sonst hatte
ich denn geredet? War es doch die Stimme Angulimalas, wenn auch mit
jener sonderbaren Veränderung des Klanges; und als ich mich jetzt
bestürzt umwandte und ihn scharf ansah, war es außer allem Zweifel, daß
der Räuberhäuptling vor mir stand, wenn auch in seiner ganzen Haltung
sich gleichsam ein anderer Charakter ausdrückte als der, der mich Tags
zuvor in seinem furchtbaren Banne gehalten hatte.
"Aber sei unbesorgt, edle Frau"--fügte er hinzu--"dies Alles ist nicht
geschehen. Nichts ist geschehen, nicht mehr, als wenn du deine Rede an
diesen Baum gerichtet hättest."
Diese Worte waren mir so rätselhaft wie die vorhergehenden. So viel aber
verstand ich, daß er aus irgend einem Grunde seinen Racheplan gegen
Satagira aufgegeben hatte.
Nachdem ich mich durch furchtbare Seelenkämpfe zu dieser unnatürlichen
Höhe des Verbrechens emporgerungen hatte, war dies plötzliche
unbegreifliche Zerrinnen, diese spukhafte Verflüchtigung des Werkes eine
Enttäuschung, die ich nicht ertrug. Die krankhafte Spannung meines
Gemütes machte sich Luft in einem Strome von Schimpfworten, die ich
Angulimala ins Gesicht schleuderte. Ich nannte ihn einen ehrlosen
Schuft, einen wortbrecherischen, leeren Prahler, eine Memme und was weiß
ich noch--das Schlimmste, was mir einfallen wollte, denn ich hoffte, daß
dieser wegen seines Jähzorns in ganz Indien berüchtigte Mann,
solchermaßen gereizt, mich mit einem Schlage seiner eisernen Faust
leblos zu Boden strecken würde.
Als ich aber schwieg, eher, weil mir der Atem als der Wortvorrat
ausging, antwortete mir Angulimala mit beschämender Ruhe:--
"Dies alles und noch Schimpflicheres habe ich ja von dir verdient, und
nicht einmal den alten Angulimala hättest du damit, glaube ich, so
reizen können, daß er dich getötet hätte--denn dies zu erreichen ist ja,
wie ich wohl erkenne, deine Absicht. Aber wenn auch jetzt ein anderer
mir noch Schlimmeres gesagt hätte, so würde ich das nicht nur ruhig
ertragen haben, sondern ihm sogar dankbar dafür sein, daß er mir
Gelegenheit gab, eine heilsame Prüfung zu bestehen. Hat doch der Meister
selber mich gelehrt: 'Der Erde gleich, Angulimala, sollst du Gleichmut
üben. Gleichwie man da auf die Erde Reines hinwirft und Unreines
hinwirft, und die Erde sich weder darob entsetzt noch sich sträubt--also
sollst du, Angulimala, der Erde gleich Gleichmut üben.' Denn du sprichst
ja, Vasitthi, nicht mit dem Räuber, sondern mit dem Jünger Angulimala."
"Was für ein Jünger? Welcher Meister?" fragte ich mit verächtlicher
Ungeduld, obwohl die seltsame Sprache dieses unbegreiflichen Mannes
nicht verfehlte, eine eigentümliche, fast bestrickende Wirkung auf mich
auszuüben.
"Den sie den Vollendeten nennen, den Weltkenner, den vollkommen
Erwachten, den Buddha," antwortete er, "der ist der Meister. Du hast
doch wohl auch schon von ihm gehört?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Glücklich preise ich mich," rief er, "daß ich es bin, durch dessen Mund
du zuerst den Namen des Gesegneten vernimmst. Hat Angulimala dir einst
als der Räuber viel Böses getan, so hat er dir jetzt als Jünger noch
mehr Gutes getan."
"Wer ist denn dieser Buddha?" fragte ich wieder in demselben Tone, ohne
mir es anmerken lassen zu wollen, wie sehr meine Teilnahme geweckt
war.--"Was hat er mit diesem deinem rätselhaften Betragen zu tun, und
was könnte mir das für Segen bringen, seinen Namen zu hören?"
"Auch nur den Namen dessen zu hören, den sie den Willkommenen nennen,"
sagte Angulimala, "ist wie der erste Schimmer einer Leuchte für den, der
im Dunkel sitzt. Aber ich will dir jetzt Alles erzählen, wie er mir
begegnet ist und mein Leben gewendet hat; denn gewiß ist das nicht zum
wenigsten deinetwegen gerade heute geschehen."
Schon am ersten Abend hatte mich trotz der Wildheit, die seinem Wesen
entströmte, ein gewisser Anstand seines Betragens überrascht; noch
auffallender war aber die ungesuchte Würde, mit der er jetzt neben mir
Platz nahm, wie Einer, der sich bei seinesgleichen fühlt.