XXXIII. ANGULIMALA

Eine schreckliche Ruhe kam über mich, als ich jetzt in meine Zimmer

zurückkehrte. Es gab nichts mehr zu bedenken, kein Zweifel war zu

bekämpfen, keine Fragen wollten beantwortet sein. Alles war entschieden.

Sein Karma wollte es so. Offenbar war er durch seinen doppelten Verrat

mir und Angulimala verfallen.

So groß war diese Ruhe, daß ich einschlief, sobald ich mich auf das

Lager gestreckt hatte--als ob meine Natur ängstlich bemüht gewesen wäre,

über diese inhaltslosen Wartestunden hinwegzukommen.

Als es dunkel wurde, ging ich auf die Terrasse. Der Mond war noch nicht

aufgegangen. Ich brauchte nicht lange zu warten. Die mächtige Gestalt

Angulimalas schwang sich über die Brustwehr und kam auf die Bank zu, auf

der ich, halb abgewendet, saß.

Ich rührte mich nicht, und ohne den Blick von dem Muster der bunten

Marmorfliesen zu erheben, sprach ich:--

"Was du zu wissen wünschest, weiß ich. Alles: die Stunde, wann er

fortzieht, die Stärke seiner Begleitung, die Richtung, die er

einschlägt, und Wege und Pfade, denen er folgt. Von seinem bösen Karma

getrieben, hat er selber mir seine Vertraulichkeit aufgedrungen, sonst

wüßte ich das alles nicht, denn nie hätte ich es ihm durch heuchlerische

Zärtlichkeit entlockt."

Ich hatte mir diese Worte wohl überlegt; denn so töricht sind wir in

unserem Stolz, daß es selbst jetzt, da ich mich zum Handlanger eines

Verbrechers machte, für mich ein unerträglicher Gedanke war, in seinen

Augen niedriger zu erscheinen, als ich wirklich war.

Nicht weniger überlegt waren meine weiteren Worte.

"Von all dem wirst du aber keine Silbe erfahren, wofern du mir nicht

zuerst versprichst, daß du ihn _nur_ töten, auf keine Weise aber quälen

wirst, und daß du nur _ihn_, jedoch keinen seiner Begleiter töten wirst,

wenn du es nicht zur Selbstverteidigung nötig hast. Ich werde dir aber

eine Stelle zeigen, wo du ihn ganz allein und ohne Handgemenge tödlich

treffen kannst. Dies also mußt du mir mit einem feierlichen Eide

versprechen. Sonst kannst du mich töten, wirst aber kein Wort mehr von

mir vernehmen."

"So wahr ich bis heute ein treuer Diener Kalis war," erwiderte

Angulimala, "so gewiß will ich keinen von seinen Begleitern töten, und

so gewiß soll er auch keine Qual erleiden."

"Gut," sagte ich, "ich will dir trauen. So höre also nun und merke dir

Alles genau. Wenn du hier in der Stadt Hehler hast, so wirst du schon

erfahren haben, daß Vorbereitungen getroffen werden, um morgen gegen die

Räuber vorzugehen. Das ist aber alles leerer Schein, um dich zu

täuschen. In Wirklichkeit verläßt Satagira, von dreißig Reitern gefolgt,

noch heute, eine Stunde nach Mitternacht, die Stadt durch das südliche

Tor, läßt den Sinsapawald links liegen und biegt noch etwas südlicher

aus, um auf Nebenwegen durch das Hügelland ostwärts zu ziehen."

Und ich gab ihm nun eine ganz genaue Beschreibung der Gegend bis zu

jener engen Schlucht, durch die Satagira kommen mußte, und wo er ihn

leicht und sicher erschlagen konnte.

Meiner Rede folgte ein bedrückendes Schweigen, währenddessen ich nur

mein eigenes schweres Atemholen hörte. Ich fühlte, daß ich noch nicht

Kraft genug hatte, um mich zu erheben und wegzugehen, wie ich es mir

vorgenommen hatte.

Endlich sprach Angulimala, und schon der milde, ja traurige Klang seiner

Stimme überraschte mich derart, daß ich fast erschrak und unwillkürlich

zusammenfuhr.

"So wäre es denn also nun geschehen," sagte er, "und du, die zarte,

milde Frau, die du gewiß niemals mit Willen auch nur dem geringsten

Geschöpfe ein Leid zugefügt hast, du wärest nunmehr im Bunde mit dem

schlechtesten Menschen, dessen Hände von Blut triefen, ja der Mord

deines Gatten lastete auf deinem Gewissen und würde für dich seine

schwarzen Karmafäden auf abschüssiger Fährte bis in die höllische Welt

weiter wirken--ja, so wäre es in der Tat, wenn du jetzt zu dem Räuber

Angulimala geredet hättest."

Ich wußte nicht, ob ich meinen Ohren trauen sollte. Zu wem sonst hatte

ich denn geredet? War es doch die Stimme Angulimalas, wenn auch mit

jener sonderbaren Veränderung des Klanges; und als ich mich jetzt

bestürzt umwandte und ihn scharf ansah, war es außer allem Zweifel, daß

der Räuberhäuptling vor mir stand, wenn auch in seiner ganzen Haltung

sich gleichsam ein anderer Charakter ausdrückte als der, der mich Tags

zuvor in seinem furchtbaren Banne gehalten hatte.

"Aber sei unbesorgt, edle Frau"--fügte er hinzu--"dies Alles ist nicht

geschehen. Nichts ist geschehen, nicht mehr, als wenn du deine Rede an

diesen Baum gerichtet hättest."

Diese Worte waren mir so rätselhaft wie die vorhergehenden. So viel aber

verstand ich, daß er aus irgend einem Grunde seinen Racheplan gegen

Satagira aufgegeben hatte.

Nachdem ich mich durch furchtbare Seelenkämpfe zu dieser unnatürlichen

Höhe des Verbrechens emporgerungen hatte, war dies plötzliche

unbegreifliche Zerrinnen, diese spukhafte Verflüchtigung des Werkes eine

Enttäuschung, die ich nicht ertrug. Die krankhafte Spannung meines

Gemütes machte sich Luft in einem Strome von Schimpfworten, die ich

Angulimala ins Gesicht schleuderte. Ich nannte ihn einen ehrlosen

Schuft, einen wortbrecherischen, leeren Prahler, eine Memme und was weiß

ich noch--das Schlimmste, was mir einfallen wollte, denn ich hoffte, daß

dieser wegen seines Jähzorns in ganz Indien berüchtigte Mann,

solchermaßen gereizt, mich mit einem Schlage seiner eisernen Faust

leblos zu Boden strecken würde.

Als ich aber schwieg, eher, weil mir der Atem als der Wortvorrat

ausging, antwortete mir Angulimala mit beschämender Ruhe:--

"Dies alles und noch Schimpflicheres habe ich ja von dir verdient, und

nicht einmal den alten Angulimala hättest du damit, glaube ich, so

reizen können, daß er dich getötet hätte--denn dies zu erreichen ist ja,

wie ich wohl erkenne, deine Absicht. Aber wenn auch jetzt ein anderer

mir noch Schlimmeres gesagt hätte, so würde ich das nicht nur ruhig

ertragen haben, sondern ihm sogar dankbar dafür sein, daß er mir

Gelegenheit gab, eine heilsame Prüfung zu bestehen. Hat doch der Meister

selber mich gelehrt: 'Der Erde gleich, Angulimala, sollst du Gleichmut

üben. Gleichwie man da auf die Erde Reines hinwirft und Unreines

hinwirft, und die Erde sich weder darob entsetzt noch sich sträubt--also

sollst du, Angulimala, der Erde gleich Gleichmut üben.' Denn du sprichst

ja, Vasitthi, nicht mit dem Räuber, sondern mit dem Jünger Angulimala."

"Was für ein Jünger? Welcher Meister?" fragte ich mit verächtlicher

Ungeduld, obwohl die seltsame Sprache dieses unbegreiflichen Mannes

nicht verfehlte, eine eigentümliche, fast bestrickende Wirkung auf mich

auszuüben.

"Den sie den Vollendeten nennen, den Weltkenner, den vollkommen

Erwachten, den Buddha," antwortete er, "der ist der Meister. Du hast

doch wohl auch schon von ihm gehört?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Glücklich preise ich mich," rief er, "daß ich es bin, durch dessen Mund

du zuerst den Namen des Gesegneten vernimmst. Hat Angulimala dir einst

als der Räuber viel Böses getan, so hat er dir jetzt als Jünger noch

mehr Gutes getan."

"Wer ist denn dieser Buddha?" fragte ich wieder in demselben Tone, ohne

mir es anmerken lassen zu wollen, wie sehr meine Teilnahme geweckt

war.--"Was hat er mit diesem deinem rätselhaften Betragen zu tun, und

was könnte mir das für Segen bringen, seinen Namen zu hören?"

"Auch nur den Namen dessen zu hören, den sie den Willkommenen nennen,"

sagte Angulimala, "ist wie der erste Schimmer einer Leuchte für den, der

im Dunkel sitzt. Aber ich will dir jetzt Alles erzählen, wie er mir

begegnet ist und mein Leben gewendet hat; denn gewiß ist das nicht zum

wenigsten deinetwegen gerade heute geschehen."

Schon am ersten Abend hatte mich trotz der Wildheit, die seinem Wesen

entströmte, ein gewisser Anstand seines Betragens überrascht; noch

auffallender war aber die ungesuchte Würde, mit der er jetzt neben mir

Platz nahm, wie Einer, der sich bei seinesgleichen fühlt.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 39 / 55 题