S. 270:

_Post Pugnam ad Torgaviam_

d. 3. Nov. 1760.

Vivat Rex Borußiae!

Tutor hic Ecclesiae,

Et Defensor Patriae!

Victor sit Theresiae,

Atque Regis Galliae,

Copiarum Sueciae

Barbarorum Rußiae

Corporis Germaniae,

Nec non Regis Sueviae

Vivat Rex Borußiae!

Auch unter den zahlreichen Gedichten und sonstigen Eintragungen nicht

politischer Art findet sich noch manches Stück, das kulturgeschichtlich

nicht ohne Interesse und zugleich -- infolge der ausgesprochenen Neigung

des Sammlers zu Scherz und Satire -- recht unterhaltend und belustigend

ist, wie etwa (S. 473):

_Schwäbischen Bauren ihr Gebet, als viele durch ansteckende

Kranckheit schnell hingerißen worden._

Ach! du liaba Heara Gott! was hab'n wir Dia gethaun?

Daß Du uns arma Schwöabla wilt gar nimma leben laun?

Wir wolla nimma betha, wolla nimma in Kircha gaun,

Wir wolla Di scho nöatha, daß d' uns must lebe laun!

oder eine prächtige Satire -- es ist noch nicht einmal ausgemacht, ob

der Brief, um den es sich handelt, nicht auch wirklich in ähnlicher

Weise geschrieben worden ist -- auf den Mißbrauch und Mißverstand der

Fremdwörter (S. 464) u.a.m. Doch ein weiteres Eingehen auf den Inhalt

des interessanten Codex scheint hier um so weniger erforderlich, als

diese Blätter lediglich den Zweck haben sollten, den Leser unserer

Mitteilungen mit der willkommenen Bereicherung, welche die Bibliothek

des germanischen Museums erfahren hat, bekannt zu machen, insbesondere

auch den Spezialforscher darauf hinzuweisen und zum Studium des Buches

und genauerer Prüfung seines Inhalts einzuladen.

_Nürnberg._

_Th. H._

Die letzten Tage des Malers Georg Pentz.

Die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums besitzt eine für die

Lebensgeschichte der Nürnberger Künstler des 16. Jahrhunderts ungemein

wichtige Quelle, das handschriftliche Totengeläutbuch von St. Sebald in

Nürnberg aus den Jahren 1517 bis 1572. Darin findet sich auch eine

Nachricht über das Ableben des Malers Georg Pentz, die in diesen

Mitteilungen (Jahrg. 1893, S. 39 u. 40) bereits zum Gegenstande einer

längeren Erörterung gemacht wurde[70].

Den dort gegebenen Ausführungen läßt sich zur Ergänzung noch einiges

hinzufügen.

Nach dem Totengeläutbuch von St. Sebald ist Georg Pentz im Jahre 1550 in

_Breslau_ verschieden[71]. Nachforschungen, die in Breslau gepflogen

wurden, bestätigten jedoch diese Nachricht nicht oder, genauer gesagt,

sie führten zu keinem Ergebnis: Die Breslauer Totenbücher gehen nämlich

nicht bis zum Jahre 1550 zurück, und auch in den Breslauer Archiven, dem

königlichen Staatsarchiv und dem Stadtarchiv, ließ sich keine auf Pentz

bezügliche Notiz ermitteln.

[Fußnote 70: Eine Biographie des Malers Georg Pentz gedenkt in nicht

ferner Zeit Albrecht Kurzwelly zu veröffentlichen. In seiner zu Leipzig

1895 erschienenen Inaugural-Dissertation »Forschungen zu Georg Pencz«

kommt Kurzwelly noch nicht auf den Tod des Malers zu sprechen.]

[Fußnote 71: Die Einträge in diesem Totengeläutbuche sind nach Quartalen

gruppiert, weil die Abrechnung über die gezahlten Läutgelder quartalweis

erfolgte. Der Eintrag über das Totengeläut, das zu Ehren des Malers

Georg Pentz von den Thürmen der Sebaldskirche erklang, ist im Quartal

»von Crucis bis Lucie« des Jahres 1550, also zwischen dem 15. September

und 13. Dezember und zwar an 16. Stelle mit den Worten verzeichnet:

»Jörg Penntz, moler, zu Pressla verschieden«.]

Wären die Totengeläutbücher eine durchaus zuverlässige Quelle, so wäre

es unangebracht, die Angabe des Nürnberger Totengeläutbuches von St.

Sebald, Pentz sei _in Breslau_ gestorben, in Zweifel zu ziehen. Allein

die Totengeläutbücher hatten nicht den Zweck, über die Personalien der

Verstorbenen genaue und sichere Ausweise zu bieten, sondern sie waren

lediglich dazu bestimmt, _als Rechnungsbücher_ über die bezahlten oder

nicht bezahlten Totengeläutgelder zu dienen. Außerdem mögen aber auch

öfter die Anmeldungen nicht von den Hinterbliebenen selbst, sondern von

ferner Stehenden, von Seelfrauen u.s.w., hinterbracht worden sein.

Hieraus erklärt es sich zur Genüge, daß in den Totengeläutbüchern nicht

gar selten irrige Einträge namentlich bezüglich der Vornamen sich

finden. Die Personalangaben der Totengeläutbücher wird man daher immer

mit einer gewissen Vorsicht aufnehmen und, wo es geht, andere

gleichzeitige Quellen zur Kontrolle heranziehen müssen.

Nagler hat als Pentz' Todesort Breslau verworfen und dafür -- jedoch

ohne Quellenzitat -- Königsberg (in Preußen) eingesetzt[72]. Aus einer

gleichzeitigen Königsberger Quelle kann er jedoch nicht geschöpft haben;

denn auch die Königsberger Totenbücher reichen nicht bis zum Jahre 1550

zurück, und die Königsberger Archivalien enthalten zwar einzelnes über

Pentz aus dem Jahre 1550, berichten aber nicht, daß er dort gestorben

sei. Immerhin aber ist Naglers Angabe wegen der Beziehungen, die Pentz

gerade in seinen letzten Lebenstagen zu Königsberg hatte, nicht ganz aus

der Luft gegriffen.

Bei meinen Studien über Nürnberger Künstler stieß ich nun auf bisher

unbeachtete Nachrichten, die über Pentz' letzte Lebenszeit völlig neue

Aufschlüsse geben. Hiernach ist Pentz weder in Breslau, noch in

Königsberg gestorben.

Ehe ich jedoch hierauf weiter eingehe, muß ich noch etwas zurückgreifen.

Georg Pentz war als Fremder in Nürnberg eingewandert und dort am 8.

August 1523 gegen Zahlung von vier Gulden Währung als Bürger aufgenommen

worden[73]; er war also nicht begütert, da vier Gulden als

Aufnahmegebühr von denen gezahlt wurden, deren Gesamtvermögen nicht über

100 Gulden an Wert ausmachte. Nach der Sitte der Zeit wird er damals

sich verheiratet haben. Seiner Ehe entsproß eine sehr zahlreiche

Nachkommenschaft: zwar erfahren wir nichts über seinen Nachwuchs aus den

ersten neun Jahren seiner Ehe, da die Nürnberger Taufbücher erst mit dem

Jahre 1533 einsetzen, daß aber seine Ehe auch anfangs eine sehr

fruchtbare gewesen sein muß, läßt sich daraus schließen, daß ihm später

nach 1532 laut der Nürnberger Taufbücher noch neun Kinder geboren

wurden[74]. Er hatte also für eine sehr große Familie zu sorgen, und es

ist daher kein Wunder, daß er bei seiner Vermögenslosigkeit und bei dem

geringen Verdienste, wie ihn zu seiner Zeit die Maler in Nürnberg

hatten, sich oft in sehr mißlichen Verhältnissen befand. Am 31. Mai 1532

erhielt er eine Bestallung als Nürnberger Stadtmaler, dem Rate mit

seiner Kunst zum Reißen, Malen und Visiermachen gewärtig zu sein, und

dazu ein festes jährliches Wartgeld von 10 Gulden[75]; aber schon nach

vier Tagen wurde ihm dieses Wartgeld, »so über ein Jar fellig, aus

angezeigter Not« im Voraus gezahlt[76]. Und das Jahr darauf verfügte der

Rat am 1. September: »Jorgen Benntzen soll man seine jährliche Pension

vor heraus geben alle Jar, so lange ime die zuraichen einem Rate

gefellig ist«, und gleichzeitig wurden ihm für eine Visierung vier

Gulden ausgezahlt[77]. Im Jahre 1542 muß er sich wieder in sehr großer

Not befunden haben; denn am 7. März verkaufte er zusammen mit seiner

Frau Margareta, die damals ihrer Entbindung entgegensah[78], an den

Maler Michel Graff um fünfunddreißig Gulden »Hausrat, Kleider und andere

Fahrnuß«[79]. Weiterhin im Jahre 1548 verehrte er nach damaliger Sitte,

um sich Geld zu verschaffen, dem Nürnberger Rate ein »künstliches«

Gemälde »Sant Jeronimus Pild« und erhielt dafür 80 Gulden als

Gegengabe[80]. So sehen wir ihn also immerwährend mit einem widrigen

Geschick kämpfen. Zuletzt wußte er sich nur noch durch Schuldenmachen zu

helfen. In diese üble Lage war er aber nicht ohne eigenen Fehl geraten;

denn er besaß ein unruhiges Temperament und eine ausschweifende

Phantasie, wie dies schon seine Beteiligung an der radikal-religiösen

und sozialistischen Bewegung im Jahre 1525 beweist, und dazu hatte er

eine Frau, die durch ihre Trunksucht ihn noch mehr ins Verderben

brachte.

[Fußnote 72: Nagler, Monogrammisten, München 1863, III. Band. S. 69.]

[Fußnote 73: Bürgerbuch de 1496-1534, M. S. 237, Fol. 12a: Sabbato post

Sixti 1523 .... Herman Unfug, gertner. _Jorg Pentz, maler_, juraverunt

et dedit quibibet 4 fl. werung.]

[Fußnote 74: Ein Kind aus den ersten Jahren seiner Ehe dürfte jenes

»Söhnlein« gewesen sein, durch welches Pentz am 24. März 1543 ein von

sich gemaltes Porträt des Kardinals Granvella in die Losungsstube

schickte, um es den Losungherren zu zeigen. Nürnberger Jahresregister

1543, 1. Frage, im k. Kreisarchiv Nürnberg. J. Baader, Beiträge zur

Kunstgeschichte Nürnbergs, Nördlingen 1860, I, S. 40, bringt hier die

unrichtige Jahresangabe 1544. -- Der von Campe erwähnte Sohn Egidius ist

sonst nicht nachzuweisen. Vgl. hierzu G. W. K. Lochner, des Johann

Neudörfer, Schreib- und Rechenmeisters zu Nürnberg, Nachrichten von

Künstlern und Werkleuten daselbst, Wien 1875, S. 137. -- Über Kinder,

die dem Maler Georg Pentz nach 1532 geboren wurden, melden die

Nürnberger Kirchenbücher Folgendes. I. Taufbuch von St. Sebald: Georg

Pentz ein Sohn: _Gedeon_, (getauft) 12. Septembris 1533. Georg Pentz ein

Tochter: _Rachel_, 22. Octobris 1534. Georgius Pentz ein Tochter:

_Hester_, 29. July 1538. Georgius Bentz ein Son: _Georgius_, septimo

decembris 1539. -- I. Taufbuch von St. Lorenz: Jorg Penz, Margaretha:

_Martha_, (getauft in der Woche des) dominica exaudi 1542. Jorg Pentz,

Margaretha: _Vergilius_, dominica decima post trinitatis 1543. -- II.

Taufbuch von St. Sebald: Georgius Pentz ein Son: _Walterus_, tertio July

1546. Georgius Pentz ein Son: _Albertus_, 17. Juny 1547. Georg Pentz ein

Son: _Longinus_, 30. Augusti 1548. -- Es möge hiebei noch bemerkt

werden, daß der Täufling den Namen in der Regel nach seinem Paten

erhielt. Der Maler Vergilius Solis, die einzige Persönlichkeit, bei der

sich in dieser Zeit der Vorname Vergilius in Nürnberg nachweisen läßt,

hat also wahrscheinlich bei Pentz' Sohne Vergilius Paten gestanden.]

[Fußnote 75: Ratsmanuale 1532/33, Heft 3, Fol. 1r. Ratsbuch 16, Fol.

13a. Der über diese Bestallung von »Jorg Benntz, Maler, Burger zu

Nurmberg« unterm 31. Mai 1532 gefertigte Revers befindet sich im k.

Kreisarchiv Nürnberg. Signatur: S 5 44/1r Nr. 532, Bd. 6. Seinem

Wortlaut nach ist er veröffentlicht von E. Mummenhoff in den

Mitteilungen des Vereins f. Gesch. d. Stadt Nürnberg, 8. Heft, 1889, S.

246.]

[Fußnote 76: Ratsbuch 15, Fol. 13r.]

[Fußnote 77: Ratsmanuale 1533/34, Heft 5, Fol. 20r und Ratsbuch 16, Fol.

103.]

[Fußnote 78: Wenige Wochen darauf wurde ihm seine Tochter Martha

geboren, die in der Woche des Sonntags Exaudi (21. Mai) ihre Taufe

empfing. S. Anm. 5.]

[Fußnote 79: Conservatorien, Band 55, Fol. 106b im Nürnberger

Stadtarchiv. Lochner a. a. O. S. 138.]

[Fußnote 80: Nürnberger Jahresregister 1548, fünfte Frage, zum 9. Juli.

-- J. Baader a. a. O. zweite Reihe, S. 54.]

Unter diesen Umständen wird es ihm wie eine Erlösung vorgekommen sein,

als er eine Bestallung zum Hofmaler des als Freund der Künste und

Wissenschaften bekannten Herzogs Albrecht von Preußen erhielt. Die

Bestallung, in Königsberg ausgefertigt, datiert vom 6. September

1550[81].

Es liegt auf der Hand, daß Pentz sich sogleich auf den Weg gemacht haben

wird. Die Nachricht von seiner Ernennung zum preußischen Hofmaler traf

aber sicher selbst bei schneller Beförderung nicht vor Ende September in

Nürnberg ein. Pentz kann daher erst um diese Zeit die Reise nach

Königsberg angetreten haben. Da er jedoch, wie dies bereits von anderer

Seite auf Grund des Totengeläutbuchs von St. Sebald festgestellt

wurde[82], schon vor Mitte Oktober seinen Tod gefunden hat, so muß er

noch vor Erreichung seines Zieles unterwegs gestorben sein. Der Ort, wo

er verschied, kann aber demnach nicht Breslau gewesen sein, da es viel

zu abseits von der Hauptstraße liegt, die von Nürnberg nach Norden

führt.

Nun ließe sich allerdings einwenden: es ist doch wohl möglich und

denkbar, daß Pentz schon vor Oktober oder September nach Breslau gezogen

war, um dort Verdienst zu suchen. Hiegegen wäre zu erwidern: wenn es

Pentz in Nürnberg, das an Reichtum, Bedeutung und Verkehr die Stadt an

der Oder damals noch weit überragte, schon recht sauer geworden war, für

sich und seine zahlreiche Familie das tägliche Brot zu erringen, so

hätte er sich schwerlich in Breslau eine bessere Existenz versprechen

können. In Nürnberg hatte er ja zudem auch noch durch seine Stellung als

Stadtmaler einen Rückhalt.

Nach dem Vorhergesagten wird man also mit größerer Berechtigung als

Pentz' Todesstätte einen Ort zu vermuten haben, der mit Pentz' Ernennung

zum Hofmaler des Herzogs Albrecht von Preußen und mit einer Reise des

Künstlers nach Königsberg sich in Beziehung bringen läßt, einen Ort, der

an der von Nürnberg nach Norden gehenden Hauptverkehrsstraße zu suchen

und nicht gar zu entfernt von Nürnberg anzunehmen ist, weil Pentz, nach

der Zeit seines Ablebens zu schließen, nicht allzuweit auf seiner Reise

gekommen sein kann.

Diese Vermutungen finden ihre Bestätigung durch einen Eintrag der

Nürnberger Ratsmanuale. Hiernach brachte am 17. Oktober 1550 Hans Zeser,

der zusammen mit Pentz die Vormundschaft über die Kinder des Hans

Wolf[83] führte, bei dem Nürnberger Rate zur Anzeige, daß in Abwesenheit

des Georg Pentz, »_so yetzo zu Leiptzigk mit Tod abgangen_«, eine Truhe,

die den bevormundeten Wolf'schen Kindern gehörte, in Pentz' Behausung

aufgesperrt, und daß daraus etliche Ding' entwendet worden seien.

[Fußnote 81: Mitteilung des k. Staatsarchivs zu Königsberg i. Pr.]

[Fußnote 82: Hans Bösch, der Todestag des Malers Georg Penz, im Jahrgang

1893 dieser Mitteilungen, S. 40.]

Die Angaben Zesers verdienen vollen Glauben, weil er als einer der

Nächstbeteiligten gute Kenntnis hatte, und weil er dem Rate gegenüber

sich nur auf zuverlässige Nachrichten gestützt haben kann.

Die Kunde von Pentz' Tode brauchte bei dem schnellen Postverkehr, der

damals zwischen Nürnberg und Leipzig durch reitende Boten geschah, kaum

fünf Tage um zu den Hinterbliebenen zu gelangen.

Nach all dem wird man also kaum fehl gehen, wenn man den zu Leipzig

erfolgten Tod des Malers Georg Pentz in die Tage vom 11.-13. Oktober

1550 verlegt.

Der Nürnberger Rat verfügte auf die Anzeige Zesers eine Untersuchung,

die den Verstorbenen schwer belastete. Die Haltung aber, die der Rat und

alle Beteiligten in dieser Sache zeigten, läßt deutlich erkennen, daß

Pentz trotz seiner menschlichen Schwächen bei seinen Mitbürgern beliebt

und als Künstler hoch geachtet war.

Doch lassen wir nunmehr die Quellen selbst sprechen:

Freitags, 17. octobris 1550. Dieweil nach anzaig Hansen Zesers, als

vormund Hansen Wolfs kinder, in abwesen Jörg Pentzen, seines

gewesnen mitvormunds seligen, so yetzo zu Leiptzigk mit tod

abgangen, ain truhen, in soliche vormundschaft gehörig, in sein,

des Pentzen behausung geöffent und etlich ding daraus entwendt

sol worden sein, sol des Pentzen wittib beschickt und derhalb zu

red gehalten, ir antwurt wider pracht und ir eingepunden werden,

weiter nichts aus dieser truhen entwenden zulassen, weil die nit

ir oder irs manns gewest, sonder in berurte vormundschaft gehörig

sey. -- C. Grolandt.

[Ratsmanuale 1550/51, Heft 7, Fol. 34a.]

Sambstags, 18. octobris 1550. Auf Jörgen Pentzen seligen verlassener

wittib verantwurtung, das nit sy, sonder ir verstorbner hauswirt

seliger die truhen vor seinem hynnen raysen aufgespert, etliche

pecher heraus gethan, versetzt und die schlüssel mitsampt den

hausschlüsseln mit ime hinwegk genomen hab etc., sol dieselb

truhen von gerichts und ampts wegen in beysein der wittib und

Hansen Zesers geöffent, was darinn, inventirt und beschryben,

auch volgends wider darinn verspert und verpetschirt, dem Zeser

und der wittib yedem ain abschryft gegeben und solichs alles ime dem

Zeser angesagt, auch auf ine gestelt werden, sein clag und vorderung

gegen der wittib und des Pentzen kinder vormundern, die in aufs

fürderlichst von oberkait gesetzt werden sollen, zuthun, und

fürzunemen, wie das sein gelegenhait und notturft ervordern oder

in rathe befynden werde. -- C. Grolandt.

[Ratsmanuale 1550/51, Heft 7, Fol. 36r.]

Donerstag, 13. novembris 1550. Margareten (Jörg) Pentzin ir

supplicirn ableinen und sagen, das meine herren ir eingangs

halben nit wilfarn könden. -- Joch. Haller.

[Ratsmanuale 1550/51, Heft 8, Fol. 29a.]

Freytag, 30. january 1551. Margretha Jörg Pentzen wittib auf ir

suppliciren in ansehung irer vyl kinder und grossen armut, das

auch ir man ain feyner künstner, mit dem meine herren wol

zufriden gewesen, zu bezalung irer übrigen schulden, die man ir,

weils unmündige kinder betryfft, nit nachlassen kan, aus ainem

guten willen mit den begerten 66 fl. zustatten kumen und

dargeben[84], doch den zwayen vordersten fürbittern, als dem abt

Egidi und dem prediger zu sandt Sebaldt, sagen, das solichs nit ir

der frauen, weil man wol wiss, das sy iren man seligen redlich

zum verderben geholfen und alles, das sy überkumen, vertrunken

hab, sonder iren armen kindern zu gutem und irem man seligen, als

ainem künstner undter der erden, zu eeren geschehe, mit beger, ir

und den andern fürbittern solichs also anzuzaigen und dabey, wan

sy wider mit dergleichen begern kumen, wurd man in weiter nit

wilfaren, sonder sy die frauen zum almusen weysen, das zaichen

zutragen, wie andere burger auch thun. -- J. Schürstab.

[Ratsmanuale 1550/51, Heft 11, Fol. 30r.]

Zwischen Petern Eppenbach und Hansen Marschalck, beden als

vormundern weiland Jorgen Petzen, molers, seligen verlassner

kinder, an ainem und Margarethen, seiner verlassnen wittibin, am

andern thailn ist darumb, ob die vormundere sich umb der kinder

vatterlichen erbthail von der frauen an einer gemainen caution

uff allen iren hab und gutern settigen zulassen schuldig seien

oder nicht, uf der frauen furbringen, das sie niemand hie hab,

den sy zur burgschafft zuvermögen wesst, und das gemein irs mans

seligen glaubiger ir alle schulden nachgelassen haben, auch nach

besichtigung des aufgerichten inventarii und allerlei gelegenheit

diser sachen erkannt, das di vormundere sich an der frauen

erbieten der gemeinen caution halb uf allen iren hab und guetern

settigen zulassen schuldig sein sollen. Actum in judicio (feria)

quarta 22. aprilis 1551ten jar.

[Conservatorien, Band 71, Fol. 219r.]

[Fußnote 83: Die Persönlichkeit dieses Hans Wolf konnte ich dem Stande

nach nicht feststellen, da es gleichzeitig vier Bürger Namens Hans Wolf

in Nürnberg gab.]

[Fußnote 84: Die Angabe Baaders, Beiträge II, S. 54: der Rat habe im

Jahre 1550 sechszig Gulden bezahlt, die Pentz einer Vormundschaft

schuldig war, ist vor allem, was Jahr und Geldsumme betrifft, unrichtig.

Sie entstammt nicht den Ratsmanualen, sondern den Jahresregistern und

lautet: Item LXVI gulden den Georgen Pentzen seligen vormundt, nemlich

Peter Eppenbach und Hans Marschalk, die Pentzs seliger in ein

vormundtschafft schuldig worden und seine glaubiger in kein vertrag geen

wollen, solich schult sei dan bezalt. Solichs dan (!) weib und kindt in

ansehung der armutt propter deum beschehen. Actum sabbato adi ultimo

january 1551.]

_Nürnberg._

Dr. _Alfred Bauch_.

Initialen in Holzschnitt von dem Rechenmeister Paulus Frank (um

1600).

Herr Geheimrat Dr. von Hefner-Alteneck in München hat dem germanischen

Museum vor einigen Wochen eine Sammlung von 46 Blatt Initialen in

Holzschnitt aus der Wende des 16. Jahrhunderts zum Geschenk gemacht, die

in der That, was Schwung und Bravour der Ausführung betrifft, ihres

Gleichen suchen und von einem hoch entwickelten Sinn für ornamentale

Schönheit zeugen, wenn auch die Deutlichkeit der Buchstaben hin und

wieder zu wünschen übrig läßt. Die Initialen gehören im ganzen fünf

verschiedenen Alphabeten an. Eines derselben ist jedoch nur durch einen

Buchstaben, ein W, vertreten, welches offenbar aus der Schule Neudörfers

stammt und im Folgendem unberücksichtigt bleibt. Von den vier anderen

Alphabeten sind die prachtvollen Initialen des einen fast in kl.

2°-Format ausgeführt, die Buchstaben des zweiten nur etwa halb so groß

und diejenigen des dritten und vierten wiederum halb so groß als die

Buchstaben der zweiten Folge. Das dritte Alphabet unterscheidet sich von

dem vierten wesentlich dadurch, daß die Initialen des einen in

gewöhnlichem kl. 8°-Format, die des andern in kl. qu. 8°-Format

angeordnet sind.

[Illustration: Fig. 1.]

Alle diese vier Alphabete rühren, wie schon die oberflächlichste

Betrachtung mit vollkommener Deutlichkeit lehrt, von einem und demselben

Meister her, der auch seinen Namen auf allen Holzschnitten der großen

Folge mit nur einer Ausnahme und auf den meisten Blättern des mittleren

Alphabets durch ein verschlungenes ·PF· in gotischen Lettern -- nur

einmal stehen beide Buchstaben gesondert -- angedeutet hat.

Wer war dieser Meister ·PF·? Diese Frage beantwortet uns ein zu Nürnberg

bei Christoff Gerhard im Jahre 1655 gedrucktes Buch, welches den Titel

trägt: »Kunstrichtige Schreibart Allerhand Versalien oder Anfangs

Buchstaben Der Teütschen Lateinischen und Italianischen Schrifften, aus

unterschiedlichen Meistern der Edlen Schreibkunst zusammen getragen.

Nürnberg Bey Paulus Fürsten Kunsthändlern daselbst«, und welches in

seiner zweiten Hälfte die vier Alphabete vollständig enthält. Auch die

beiden Holzschnittfolgen des kleinsten Formates, die in unserer Sammlung

nur durch ein, bezw. zwei Blätter vertreten waren, weisen hier meistens

das Monogramm ·PF· auf.

Man würde nun aber sehr irren, wollte man dasselbe etwa auf Paul Fürst

beziehen und aus dem Buchhändler zugleich den Formschneider oder

Zeichner für den Holzschnitt konstruieren. Die Übereinstimmung der

Anfangsbuchstaben des Namens ist nur zufällig. Den wahren Verfertiger

dieser Alphabete lernen wir vielmehr erst aus der Vorrede zu dem

genannten Buche kennen, in der es auf S. 14 zu Anfang des V. Abschnittes

(»Von diesem Wercke«) heißt:

[Illustration: Fig. 2.]

»FErners ist zu wissen, daß dieses Wercke von Paulo Francken, weiland

Modisten und Rechenmeistern zu Memmingen angefangen, und 1601 in Druck

gegeben worden, nachmals hat solches jetziger Verleger an sich erkaufft,

und es nun der lehrgierigen Jugend zu guten, mit etlicher Autoren Hand

vermehret, wider aufflegen lassen, nicht zweifflend, es werde allen

Liebhabern der zierlichen Schreibkunst, damit bedient seyn; sonderlich

aber den Schulhaltern, welche sich durch diese Vorschrifften vieler Mühe

entheben können.«

Damit wären wir nun bei Paulus Frank als dem Autor unserer Sammlung von

Initialen angelangt. Daß an dieser Autorschaft in der That nicht zu

zweifeln ist, ergiebt sich noch aus einer Reihe weiterer Umstände, die

zugleich einiges Licht über die Persönlichkeit des kunstreichen

»Modisten und Rechenmeisters« verbreiten.

Das »R«, welches er bei dem L der mittleren Folge seinem Monogramm

hinzugefügt hat, bedeutet ohne Zweifel »Rechenmeister«. Eine weitere

Hinzufügung findet sich auf dem X der mittleren Folge (s. Fig. 1)[85],

nämlich die Zahl 97, welche wohl nichts anderes als die Jahreszahl 1597

bedeuten kann. Es ist also anzunehmen, daß Paul Frank die Zeichnungen zu

diesen Holzschnitten um das Jahr 1597 angefertigt hat. Ob sich

vollständige Exemplare des von ihm dann 1601 in Druck gegebenen Werkes,

dem, wie die trefflichere Erhaltung, die klarere und schärfere

Ausführung zu verraten scheint, auch unsere Blätter angehören mögen,

noch erhalten haben, vermag ich nicht zu sagen. Es kann jedoch als

wahrscheinlich gelten.

[Fußnote 85: Die Abbildungen sind in ½ der Originalgröße gegeben.]

Zeitlich noch weiter zurück führt uns eine in Leder gebundene

Handschrift in kl.-qu.-fol., welche der im germanischen Museum

deponierten Merkelschen Sammlung angehört[86] und auf 16

Pergamentblättern die köstlichsten kaligraphischen Schreibvorlagen von

Paul Franks Hand enthält[87]. Das Titelblatt lautet: »Anweißung

Kunnstlichs vnnd artlichs schreibens Daraus dann ein Jeder Junger die

Fundament der gebreuchligisten Lateinischen Teutschen Fractur Cantzley

vnd Currentschrifften begreiffen vnd lernnen kan Durch Paulum Franckh

von Gfreß Allen liebhabern dieser Kunst zum besten verordnet. Im Jar

Jhesu Christi Anno 1587.«

[Illustration: Fig. 3.]

Jedenfalls ist auch diese »Anweißung« auf den Druck berechnet gewesen,

mit dem Buch von 1601 hat sie aber wohl nichts zu thun, da sie mit

unseren Holzschnitten keine direkten Berührungspunkte bietet,

beispielsweise auch das Monogramm Paul Franks auf keiner der

handschriftlichen Schreibvorlagen erscheint, von ihm also wohl erst um

etwa zehn Jahre später in seine zur Reproduktion bestimmten Arbeiten

aufgenommen wurde. Ein gedrucktes Exemplar ist mir von der »Anweißung«

ebenfalls nicht bekannt. Wie sehr sich dieselbe aber im Stil unseren

Holzschnittfolgen nähert, wird am besten durch die Gegenüberstellung

eines F der Handschrift (Fig. 2) mit einem Holzschnitt-F (Fig. 3),

welches zu dem Alphabete mittlerer Größe gehört, veranschaulicht werden.

Hier wie dort der gleiche prächtige Schwung der Linien und Schnörkel,

die gleiche Vorliebe für schön verlaufende Spiralen, für allerlei

Vergitterungen und für die wie kräftige gotische m-Striche aussehenden

Quer-Einschiebsel, die für Paul Franks Art besonders charakteristisch

sind. Nur ist, wie zu erwarten, die ganze Ausführung in den

Handzeichnungen auf Pergament noch eine ungleich sorgfältigere, feinere

und reichere, als die Holzschnitte aufweisen. Auch das ergiebt sich

bereits aus einem Vergleich der beiden hier reproduzierten F.

[Fußnote 86: Hs. Nr. 301 der Merkel'schen Sammlung.]

[Fußnote 87: Außerdem ist ein Doppelblatt (Papier) mit einem

prachtvollen, zum Teil mit metallisch glänzenden Farben ausgezierten J,

ebenfalls von Paul Frank, mit eingeheftet.]

Zur Biographie des Paul Frank erfahren wir aus der Pergamenthandschrift

der Merkelschen Sammlung vor Allem, daß er aus Gefrees in Oberfranken

gebürtig gewesen ist. Als er seine »Anweißung« schrieb, im Jahre

1587[88], war er aber wahrscheinlich bereits in Memmingen ansässig. Es

wäre sonst wenigstens auffallend, daß der Inhalt seiner Schreibvorlagen

mehrmals[89] gerade auf Memminger Verhältnisse Bezug nimmt. Acht Jahre

später (1595) ereignete sich mit Paul Frank in Memmingen ein tragischer

Fall: er wurde zum Mörder. Christoph Schorer berichtet darüber in seiner

Memminger Chronik: »Den 3. October hat Paulus Franck, Modist vnd

Teutscher Schulmeister allhier, so mit andern Teutschen Schulmeistern

auff dem Stadt Weyher (welcher den vorigen Tag gefischet worden)

gewesen, im herein gehen zwischen den Gärten den David Lochbichler,

sonst Girtler genand, Schulhaltern mit einem Faust-Hammer am Haupt also

verletzet, daß er den 13. October hernach gestorben«[90]. Welches die

Veranlassung zu dieser That gewesen, ob überhaupt eine vorsätzliche

Verwundung vorgelegen oder nur ein unglücklicher Zufall obgewaltet hat,

hören wir nicht. Möglich, daß Konkurrenzneid oder verletzte Eitelkeit

dabei im Spiel gewesen sind, denn -- um schließlich auch noch ein Wort

über den mutmaßlichen Charakter unseres Mannes zu sagen -- ein etwas

übertriebenes Selbstgefühl scheint Paul Frank eigen gewesen zu sein und

verrät sich auch in seinen Arbeiten. Ist es schon ein seltenes

Vorkommnis, daß ein Rechenmeister fast jedes seiner für den Holzschnitt

gefertigten Blätter mit seinem Monogramm signiert, so kennzeichnen ihn

auch mehrere der für seine »Anweißung Kunnstlichs vnnd artlichs

schreibens« gewählten Vorlagen oder Beispiele durch ihren Inhalt als

eitel und von unverhältnismäßigem Stolze auf seinen Künstlerberuf

erfüllt. Verschiedentlich ist darin von den Rechenmeistern oder

Schreibkünstlern die Rede, namentlich von dem durch seine »Ehrbarkeit,

Redlichkeit, gute Sitten, Tugend und Vernunft berühmten« kaiserlichen

Kammer-Kanzleischreiber Veit Stoß aus Schweinfurt, von dem weiterhin

einmal[91] in der »sehr gemainen vngebrochenen Canntzleyschrifft«,

nebenher, aber wohl sehr geflissentlich mitgeteilt wird, daß ihm Konrad

Lang von Überlingen »Ein Schloß Hummelburg gnant widerkaufflichen

verkaufft habe«[92] u. s. f.

[Fußnote 88: Der braune Ledereinband des Manuskripts ist auf der Vorder-

und Rückseite mit sehr geschmackvoller Goldpressung verziert. Die

Vorderseite weist u. a. die Inschrift P·F·V·G (Paul Frank von Gefrees)

und die Jahreszahl 1585 auf. In letzterer haben wir vielleicht den

Zeitpunkt für die erste Anlage, für den Beginn des Buches zu erblicken.]

[Fußnote 89: Blatt 9b, 12a und 13b.]

[Fußnote 90: Chr. Schorer, Memminger Chronick. Ulm 1660. S. 114.]

Über den späteren Lebensgang des Paul Frank habe ich bisher nichts

weiter ermitteln können, als was sich aus seinen Holzschnitten und der

Vorrede zu der »Kunstrichtigen Schreibart« des Paulus Fürst ergab und

oben mitgeteilt worden ist.

[Fußnote 91: Blatt 10a.]

[Fußnote 92: Der Sinn der Urkunde, die hier zu Grunde liegt, kann

schwerlich ein anderer gewesen sein, wenn auch in der Abschrift das

Satzgefüge nicht ganz in Ordnung ist.]

_Nürnberg._

_Th. Hampe._

Albrecht Dürer und der Rahmen des Allerheiligenbildes.

Vom Lauferschlagturm bis hinauf gegen den Egidienberg erstreckte sich um

das Jahr 1500 noch ein Rest des alten Nürnberger Befestigungsgürtels mit

Stadtgraben und Zwinger. Davon erwarb ein Stück der wohlhabende Rot- und

Bildgießer in der Beckschlagergasse, Mathäus Landauer; er ließ daselbst

ein stattlich Bruderhaus mit einer Kapelle, mit Hof und Garten anlegen,

dem er den Namen zu Allerheiligen gab. Ein Alchimist Erasmus Schildkrot,

ein geborner Engländer, der sich von Königsberg in Preußen nach Nürnberg

gewendet, hatte in Landauers Werkstätte ein Plätzchen für sein

Laboratorium gefunden; und da ihm seine Kunst Segen brachte, konnte er

durch ein großes Vermächtnis den Grund zu der wohlthätigen Stiftung

Mathäus Landauers legen; so etwa berichtet Andreas Würfel in seiner

ausführlichen Beschreibung aller und jeder Kirchen, Klöster, Kapellen

und der annoch in denenselben befindlichen merkwürdigen Monumenten vom

Jahre 1766.

Das Haus steht, manchmal umgebaut und seit Mitte unsres Jahrhunderts als

Kunstgewerbeschule benützt, noch heute; die Kapelle, ein hohes Gelaß von

fast quadratem Grundriß, hat als einzigen Schmuck ein sechsteiliges

Netzgewölbe von mannigfach abwechselnder Rippenführung. Zwischen den

beiden spiralig kannelirten knauflosen Pfeilern, die das Gewölbe tragen,

und der Ostwand, senken sich die Rippen von der Decke zu einem

eigenartigen Hängewerk, an dessen unterem Ende das Wappenschild der

Landauer hängt[93]; es mag wohl sein, daß die ganze, eigenartige

Anordnung nach den Angaben des damaligem Meisters auf der Peunt, des

hochbegabten Hans Beheim getroffen wurde.

[Fußnote 93: Das Wappenschild der Landauer, wie es noch mehrmals an dem

Bruderhaus wie an der Predella des Altars angebracht wurde, enthält in

rotem Feld eine geschweifte silberne Spitze, darin in verwechselten

Farben [...] gestellt drei Lindenblätter.]

Hier an der Ostwand, gegenüber der Eingangsthür, war der Platz für den

Altar, vor dessen Stufen in der Mitte seines Kirchleins Mathäus Landauer

sich die letzte Ruhestätte bestimmt hatte. Albrecht Dürer sollte die

Altartafel ausführen. Die Bestellung muß schon bald nach der Rückkehr

des Meisters aus Venedig erfolgt sein; denn schon im Jahre 1508 ward dem

Besteller ein sorgfältig mit der Feder ausgeführter, mit Wasserfarben

leicht getönter Entwurf vorgelegt, der offenbar Landauers volle

Billigung fand[94]: über einer flachen anmutigen Seelandschaft umgibt

die Schaar der Heiligen in anbetender Verehrung den dreieinigen Gott,

der in den Wolken schwebt; nur dies eine große Fest aller Heiligen,

denen das Bruderhaus ja geweiht sein sollte, keine Flügelbilder, kein

Gemälde in der Predella sollte dazu kommen. Dagegen wollte Dürer die

ganze Kraft seiner Dekorationsgabe an die Fassung des Gemäldes wenden:

ein reich geschnitzter Rahmen mit Säulen in antikischer Art und statt

der aufstrebenden gotischen Fialen und Türmchen ein kräftiges Gesims mit

einer Rundbogennische darüber, sollte die Tafel umschließen. Und hier

ließ sich auch wie eine Ergänzung der Hauptdarstellung eine zweite große

Scene aus der heiligen Geschichte anbringen, eine Andeutung des jüngsten

Gerichts. Das Ganze dieser Komposition ist außerordentlich feinsinnig

erdacht und künstlerisch abgewogen.

Drei Jahre dauerte es noch, bis der fertige Altar aufgestellt werden

konnte. Dürer hatte damals das Gemälde für Jakob Heller in Frankfurt

auszuführen, an das er so lange Monate seinen besten Fleiß wandte, und

aus seinen eigenen Worten dürfen wir wohl schließen, daß ihm damals

seine kleine Kunstware, seine Stiche und Holzschnitte mehr Freude

machten als die großen Gemälde. 1511 wurde das Werk vollendet, und schon

1515 starb der Stifter und ward in seiner Kapelle beigesetzt, nachdem er

sich schon früher mit dem Probst von S. Sebald, Erasmus Toppler,

auseinandergesetzt wegen der an der Sebalduskirche erst erworbenen

Begräbnisstätte[95].

[Fußnote 94: Die Handzeichnung befindet sich in der Sammlung des Herzogs

von Aumale, und ist bisher noch nicht in Farben wiedergegeben worden.

Abb. siehe bei _Ephrussi_, Albert Durer et ses Dessins zu Seite 172 und

danach in Hirths _Formenschatz_ 1889 Nr. 136. Abbildungen des Rahmens

und einiger Einzelheiten seiner Ornamentik enthält _Thausing_ Albrecht

Dürers Leben und Werke II/27. Ferner _Bucher & Gnauth_ Das Kunsthandwerk

I. S. 32 und danach der Katalog der Originalskulpturen des germanischen

Museums S. 43. Sie haben alle den Mangel, daß sie vor der

Wiedervereinigung des Frieses mit dem Rahmen gezeichnet, jenen nur

andeutungsweise und ungenau wiedergeben. Eine gewissenhafte Kopie des

Gemäldes samt Rahmen hat die Familie von Tucher der Gemäldegalerie des

germ. Museums geschenkt. Die alte Bemalung des Rahmens ist nur noch an

den köstlichen Friesfiguren erhalten, dadurch daß diese zur Zeit der

Restauration durch Keim vom Hauptstück entfernt waren, und erst später

unter Heideloffs Nachlaß sich wiederfanden. Unter dem heutigen

Ölfarbanstrich lassen sich Reste der Bemalung noch überall feststellen.

Demnach gibt die nach Angaben des Dr. von Essenwein angefertigte Kopie

des Rahmens im ganzen die richtige Vorstellung von dem ehemaligen

Farbenglanz des Ganzen. Daß Gold zusammen mit einem matten Blau die

indifferentesten Farbtöne sind, die am wenigsten die aus kräftigen

Lokaltönen zusammengesetzte Farbenwirkung des Gemäldes zu

beeinträchtigen vermögen, das wußten die Italiener schon lange; und auch

diesseits der Alpen übte man schon im 15. Jahrhundert diese Technik der

Gemäldefassung: vergoldetes Laubwerk auf blauem Grunde, die abgefasten

Ecken und Hohlkehlen gelegentlich auch dunkelrot, bei den Figuren

goldene Gewänder mit blauen umgeschlagenen Säumen, das war z. B. in

Wohlgemuts Werkstatt Regel. Wenn uns heute an der erst vor wenigen

Jahren angefertigten Kopie des Allerheiligenbildes die Vergoldung zu

aufdringlich erscheint, so mag man dagegen erwägen, daß für das

gedämpfte Licht eines Kirchenraumes stärkere Effekte nötig waren, als

sie ein moderner Oberlichtsaal zuläßt; und überdies that der

ausgleichende Einfluß der Natur bald das Seine, um die übergroße

Leuchtkraft der Farben zu dämpfen.]

Das Gemälde kam an Rudolph II. und befindet sich nun in den k. k.

Kunstsammlungen in Wien, der Rahmen ist seltsamer Weise leer stehen

geblieben und als eines der wichtigsten Stücke der städtischen

Sammlungen ins germanische Museum gekommen, nachdem er zuletzt in der

Zeit Heideloffs ausgebessert und mit graugelber Ölfarbe überstrichen

worden war.

Von der ersten dem Besteller vorgelegten Skizze bis zur Vollendung des

Altars war ein weiter Weg, und manches kam anders zur Ausführung als es

entworfen war. Rechnen wir zunächst das ab, was ungeschickte

Restauration dem Werke anthat -- das leere Maßwerk an Stelle des

prachtvollen Bildfrieses, der sich merkwürdiger Weise später erst in

Heideloffs Nachlaß wiederfand, und das Stabwerk am untern Sturz des

Architravs, so können wir vom Gesamteindruck sagen, der Rahmen ist

entschieden gotischer geworden als er im Entwurf gedacht war. Nicht im

Gerüst, in der Grundidee des Aufbaus, sondern in den Zierformen: Die

Säulen, die in der Zeichnung ungegliedert als kräftige Masse vor dem

ebenfalls glatten Grund stehen, sind im oberen Dritteil des Schaftes mit

kräftigen, blau in gold gefaßten Kanneluren versehen und darunter

umsponnen von üppigen Reblaubranken in halb gotischer, halb dürerischer

Stilisirung; das beliebte gerollte Distelblattband füllt die Rückleisten

und die Hohlkehle nach dem Gemälde hin. Dagegen fehlen in der Ausführung

die echt dürerisch gezeichneten Rankenleisten am unteren Rande des

Bildes und oben an der Schmiege des Hauptgesimses. Am auffallendsten

tritt die Umgestaltung an der Umrahmung des Rundbogenaufsatzes zu Tage:

an Stelle des mageren gotischen Maßwerks und der Zinnenleiste hatte

Dürer eine dreifach gegliederte Archivolte vorgesehen: außen ein

schmales Gesimsprofil mit einer Art Perlstab, dann ein Ornamentband mit

Ranken, wie sie etwa auf dem Rahmen einiger Blätter vom Marienleben sich

finden, und innerhalb davon ein Band mit radialen Einschnitten, die den

Eindruck der Rundnische betonen sollen, genau so wie sie Dürer in der

Thronlehne auf dem Mittelbilde des Lorenz Tucher'schen Triptychon

anbrachte, das 1511 Hans von Kulmbach nach seines Meisters Zeichnung für

den Chor von S. Sebald ausführte, vgl. Lippmann Handzeichnungen Albr.

Dürers.

Aus diesen an sich geringfügigen Änderungen lassen sich, wie ich meine,

Schlüsse ziehen: Wenn Dürer den Rahmen für das Allerheiligenbild in

dieser neuen, von den landesüblichen Formen so stark abweichenden

Fassung entworfen hatte, wird man annehmen müssen, daß er auch die

Ausarbeitung in seiner Werkstatt überwachte und leitete; dabei

verfertigte der Bildschnitzer die Ornamentstücke offenbar meist ohne

weitere Detailzeichnungen seines Meisters in den ihm geläufigen

gotischen Mustern. Nur daß sie so dem Schnitzer handgerechter waren,

erklärt dies Abgehen vom Entwurf. Für andere Stücke wieder, wie für das

Füllornament am Sockel der Säulen oder für die Säulenknäufe, hat

zweifellos Dürer ausführliche Zeichnungen angefertigt, wie wenig diese

letzteren auch mit irgend welchen italienischen Kapitellformen

übereinstimmen. Gerade ihm und nur ihm eigentümlich ist diese ganz

persönliche Zierkunst, die wir gerade in diesen Jahren seiner

Künstlerentwicklung in den Blättern des Marienlebens[96] in den

Randzeichnungen zum Gebetbuch des Kaisers Max am schönsten ausgesprochen

finden.

[Fußnote 95: Vgl. _Würfel_ a. a. O. In der Zeit, da Landauer vor der

Gründung des Bruderhauses noch Pfleger von S. Sebald war, hatte er sich

zusammen mit seinem Amtsgenossen Sebolt Schreyer am Chor der

Sebalduskirche ein Familienbegräbnis bestellt, dessen berühmte

Reliefplatte Adam Kraft zur Ausführung übertragen worden war.]

Es wäre wirklich vergebene Mühe, zu erforschen, bei welchem Italiener

Dürer eine Anleihe gemacht haben könnte, denn er ist nie Kopist, er ist

immer Dürer. Aber eine andere folgenreiche Neuerung hat der

Allerheiligen-Altar der deutschen Kunst gebracht, die unmittelbar auf

italienische Eindrücke zurückgeführt werden muß; es war der erste

Angriff auf den in seinem weitläufigen Aufbau entschieden

unkünstlerischen nordischen Flügelaltar. In Deutschland war man bis

dahin gewöhnt den Hauptaltarschrein, das Mittelfeld, dem Bildschnitzer

zu überlassen; eine Reihe von Heiligengestalten unter zierlichen

Baldachinen oder eine Scene des biblischen Dramas unter einem flachen

Korbbogen voll wilden gotischen Rankenwerks war das Übliche; zwei-

und dreifache Flügel jederseits mit einer bilderbogenartig

nebeneinandergestellten Reihe von Darstellungen der Legende des

Kirchenpatrons fügte der Maler dann an die Seiten des Schreins, über dem

eine ganze Architektur von Türmchen und Fialen in die Höhe strebte. --

In Italien war das anders: die monumentale Überlieferung, in der dort

die Malerei groß geworden war, zwang schon, das Wandgemälde mit der

umgebenden Architektur als ein Ganzes zu behandeln; den Ausblick in das

Blau des Himmels, in dem eine Schaar von Putten sich tummelt, an eine

Gewölbdecke malen, heißt doch die Architektur der Halle zum Rahmen des

Gemäldes machen. Und wo man solche Aufgaben mit so viel Geschick zu

lösen vermochte, da lag es auch nahe, das freistehende Altarbild durch

einen Rahmen von Sockel, Pfeilerstellung und Gesimsstücke als eine

Architektur im kleinen zu behandeln. Der streng symmetrische Aufbau der

Gruppen, dem die späteren Quadrocentisten huldigen, mag diese Neigung zu

einer so knappen Fassung in strenggegliedertem Architekturrahmen

begünstigt haben. Und gerade derjenige Meister, von dem wir aus Dürers

eignem Munde wissen, daß er ihn unter den Venezianern am höchsten

schätzte, dessen glänzende Werke damals die Dogenstadt in Staunen

versetzten -- Giovanni Bellini -- zeigt uns, wie sehr er gewohnt war,

Bild und Rahmen als ein künstlerisches Ganzes zu denken und zu

komponieren.

In S. Maria dei Frari zu Venedig steht eines der Hauptwerke Bellinis,

der 1488 entstandene Marienaltar[97]: Die Madonna mit dem Knaben und

zwei musizierenden Engeln in der Mitte und auf den feststehenden

Seitenflügeln zwei Paare ehrwürdiger Heiliger in ruhiger Haltung. Die

drei Gemälde werden durch vier breite Pilaster umrahmt, die in der Mitte

mit einem hohen Rundbogen, zu beiden Seiten mit geradem Gesims

überdeckt, den ganzen prächtigen Aufbau wie eine Vorwegnahme Palladios

erscheinen lassen.

[Fußnote 96: Vgl. das gotische Portal aus der Scene der Beschneidung.]

Und der architektonische Eindruck dieses mit reichem Reliefschmuck

gezierten Rahmens wird erhöht bis zur Täuschung, indem der Maler den

Hintergrund des Mittelbildes eine in ihren Formen dem Rahmen ganz

angepaßte Nische um den Thron der Maria bilden läßt und anderseits auf

den beiden Flügeln Gebälk und Pfeiler einer Halle in sorgfältig

festgehaltener Perspektive darstellt, als hingen sie mit dem Pilaster

des Rahmens zusammen. Dieser höchst eigenartige künstlerische Gedanke,

den Hans Holbein für seine Fassadenentwürfe aufnahm, und den die

Dekorateure des 18. Jahrhunderts in ihrer Weise so vorzüglich

auszubeuten verstanden, ist für Bellinis Auffassung von Bild und

Bilderrahmen höchst bezeichnend: In dem Kreise von Künstlern, in dem

Dürer in Venedig verkehrte, legte man Gewicht auf derartige

künstlerische Fassung der Gemälde; Dürer sah ihre Werke, hörte den

Gedanken aussprechen, und als er wieder nach Nürnberg kam, verarbeitete

er ihn in seiner Weise zu dem Landauer Altar.

Man hat bisher auf diese innere Verwandtschaft zwischen Dürers

Neuschöpfung und der in Italien schon lange geübten Art nicht geachtet;

dagegen hat Thausing auf eine andere Gattung von Denkmälern dekorativer

Bildhauerkunst hingewiesen, unter denen Dürers Vorbild zu suchen sei,

auf die Grabmonumente Venedigs. Es ist wahr, der oberitalienische

Grabmaltypus, wie er am Ende des Quattrocento sich ausgereift hat, diese

Nischenarchitektur mit Pilastern und Rundbogen, die den Sarkophag des

Entschlafenen dekorativ umschließt, baut sich aus denselben Elementen

auf, und kleine Verschiedenheiten ließen sich unschwer aus Material und

Bestimmung erklären. Thausing hat sogar das unmittelbare Vorbild Dürers

zu finden geglaubt, ein Werk, das allerdings dein Meister ebensowohl

bekannt sein mußte als Bellinis Marienaltar -- das Grabmal des Dogen

Pasquale Malipiero in SS. Giovanni e Paolo, das bald nach 1462

entstanden sein dürfte. Auch abgesehen von der typischen Ähnlichkeit des

ganzen besticht dieser Vergleich wirklich durch die übereinstimmende

Anordnung eines dreifigurigen Reliefs -- Christus als Schmerzensmann,

gestützt von zwei Engeln -- im Bogenfeld und der akroterartigen

Anbringung dreier Freifiguren am Scheitel und an den Seiten der

Archivolte. Weiter geht aber die Ähnlichkeit nicht, und die

akroterartigen Aufsätze hatte Bellinis Marienaltar ebenfalls; beiden ist

die ungemein geschickte Art, wie Dürer die überdies feinsinnig in die

Komposition hineingezogenen drei Engelchen anbrachte, weit überlegen.

[Fußnote 97: Neuerdings veröffentlicht im _klassischen Bilderschatz_

Bruckmann 1896, Nr. 1102. Ich wähle unter manchen verwandten

italienischen Altarwerken dieser Zeit gerade Bellinis Gemälde, weil

Dürer dieses zweifellos in Venedig gesehen hat.]

Wenn Dürer in diesem Altarwerk zum ersten Male die epische Breite der

bisherigen deutschen Wandelaltäre vermied, wenn er statt der bisher

üblichen zahlreichen Heiligenlegenden und dramatischen Bibelscenen hier

eine einzige knappe aber erschöpfende Komposition vorzog, so konnte er

sich doch nicht versagen, das angeschlagene Thema, da wo der Rahmen

Platz zu figürlichen Darstellungen bot, weiter auszuspinnen durch den

Hinweis auf das jüngste Gericht. Es ist nun höchst lehrreich zu sehen,

wie er den Stoff verarbeitet:

Wie oft war seit dem Wandgemälde in der S. Georgskirche auf der

Reichenau oder seit der ersten großen plastischen Darstellung des

Weltgerichts in der Vorhalle des Freiburger Münsters der Stoff im Lauf

der Jahrhunderte auf deutschem Boden zur Darstellung gekommen, und wie

wenig war der einmal eingelebte Typus abgewandelt worden. Die Reihe der

aus den Gräbern auferstehenden, die Reihe der Seligen und Verdammten,

darüber die Schaar der Apostel und endlich Christus als Weltenrichter,

umgeben von den Engeln, die durch Posaunenstöße den Tag des Gerichts

verkündigen -- so wiederholte sich gut und recht in lehrhaftem Schema

der Bilderzyklus, und wer etwa davon abzuweichen versuchte wie in seiner

Rosenkranztafel Veit Stoß -- sonst ein Meister der Beschränkung in der

Komposition -- scheiterte, weil er die große Figurenzahl nicht zu

bemeistern, auf das plastisch Darstellbare zu beschränken wußte. Dürer

griff nun die beiden wesentlichen Gruppen heraus: Im Bogenfeld sitzt

Christus auf dem Regenbogen, seine Füße ruhen auf der Weltkugel, die

rechte hat er segnend erhoben, die linke weist hinab zu den Verdammten;

anbetend knien zur Seite Maria und Johannes in den Wolken. Zwei

Posaunenengel, echt dürerische Putten, sitzen an den Seiten des

Rundbogens und geben zusammen mit dem im Original verloren gegangenen

Engelsfigürchen, das ehemals die Bekrönung des ganzen bildete, eine

anmutige Belebung des sonst streng architektonischen Aufbaus.

Unter dem Hauptgesims folgt dann im Fries der in flachem Relief

ausgeführte Zug der Seligen, die Petrus in die Himmelspforte -- eine

Strahlensonne -- einführt, und die von grotesken Teufelsfratzen an einer

Kette in den Höllenrachen gezogenen Verdammten. Noch nie war in der

deutschen Kunst eine Komposition so plastisch gedacht, so im Sinne des

antiken Reliefstils erfunden worden. Am dichtesten gruppieren sich die

Gestalten an den beiden Enden des Frieses, wo unter den vordersten der

Reihe der Verdammten ebensowohl wie der Seligen dem demokratischen Geist

der Zeit gemäß Papst und Kaiser, Bischof und Kardinal, an ihrer

Kopfbedeckung kenntlich ihrem Bestimmungsorte zugeführt werden. Nach der

Mitte werden die Reihen lockerer, die einzelnen Gestalten stehen fast

ohne Überschneidung nebeneinander; dafür ist aber hier die stärkste

dramatische Bewegung ausgedrückt in der großartigen Kampfgruppe: der

letzte in der Reihe der Seligen, der sich eilt, dem Zuge nachzukommen,

hat einen am Boden liegenden Freund am Arme gefaßt, um ihn mit sich zu

ziehen; von der andern Seite faßt ein Teufel nach den Beinen des Mannes,

den er herüberreißen möchte, indem er zugleich um Hilfe schreiend den

Kopf zurückwirft. Wie die Bewegungsmotive in all diesen Figuren variiert

und jedes einzelne durchgebildet ist, wie das sanfte Geleiten auf der

einen Seite in Haltung und Geberde der beiden Engel, im Faltenwurfe

sogar zum Ausdruck kommt, alles das sind Feinheiten in formaler Natur

sowohl wie in Bezug auf den Gedankeninhalt des ganzen, wie sie kein

deutsches Bildwerk bis dahin aufweisen konnte.

Wer war aber der Künstler, dessen Schnitzmesser sich so ganz Dürers

Zeichnung anzupassen vermochte, daß wir keine andere als Dürers Hand

noch heute darin erkennen? Manches, wie die auffallende Flachheit der

Reliefbilder im Tympanon, läßt fast einen Dilettanten vermuten; ich

meine, überhaupt kann es kein im Beruf des Bildhauers gereifter Mann

gewesen sein, da ein solcher Spuren seines eigenen Stils in seinem Werke

hätte hinterlassen müssen. Im Katalog der Originalskulpturen des

germanischen Museums steht der Rahmen des Allerheiligenbilds als Nr. 318

neben dem Reliefbild der Krönung Mariae und der großen Rosenkranztafel

an dritter Stelle unter den Werken des Veit Stoß. Daß man dem

berühmtesten, oder richtiger gesagt, dem einzig bekannten Nürnberger

Bildschnitzer dieser Zeit dies zweifellos zu den hervorragendsten Werken

deutscher Plastik gehörige Stück zuweisen wollte, ist begreiflich;

jedenfalls verdient diese Annahme mehr Beachtung als die seltsame

Meinung des sonst so feinsinnigen Thausing, der sich an die Art Albert

(sic!) Krafts erinnert fühlt. Adam Kraft muß um Weihnachten 1508 im

Spital zu Schwabach gestorben sein[98]; und daß er oder einer seiner

Gehilfen, die doch Steinmetzen von Beruf waren, in Holz gearbeitet und

unbekleidete Figuren von ähnlich klassischer Bildung wie die des

jüngsten Gerichts geschaffen habe, müßte doch erst nachgewiesen werden.

Aber auch Veit Stoß, für den sich Bergau und Lübke entschieden haben,

hat mit der Ausführung von Dürers Skizze nichts zu thun. Denn gerade er

hatte seinen außerordentlich ausgeprägten persönlichen Stil nach seiner

Rückkehr von Krakau in keinem seiner Werke verleugnet und würde es als

Mann von weit über 50 Jahren, wie er damals war, auch nicht mehr

vermocht haben.

Übrigens besitzen wir ja ungefähr aus den gleichen Jahren und im

gleichen Größenverhältnis ausgeführt in der Rosenkranztafel eine

Darstellung des jüngsten Gerichts und einige Gruppen aus der

Schöpfungsgeschichte, die uns von der ungelenken derben Durchbildung des

nackten Körpers bei Veit Stoß eine Vorstellung geben[99]. Es klingt

etwas befremdlich wenn wir in Neudörffers Nachrichten hören, Stoß habe

für den König von Portugal zwei vielbewunderte Statuetten von Adam und

Eva gefertigt; denn die Behandlung des Nackten war nie seine Stärke. Die

in ihrer Eckigkeit sehr übertriebene, oft überflüssig erregte Bewegtheit

seiner Figuren, die eingeschnürten Leiber und verrenkten Hüften, die

flachen typischen Gesichter stehen ganz gewiß der hohen Formenschönheit

im Fries des Altarrahmens konträr entgegen. Und die drei Figuren des

Tympanons geben Falte um Falte die Gewandanordnung von Dürers Zeichnung

wieder, ohne daß man irgendwo eine Spur des sonst doch leicht wieder zu

kennenden stoßischen Faltenschwungs wahrnehmen könnte.

[Fußnote 98: Vgl. _Alfr. Bauch_ im Repertorium für Kunstwissenschaft.

Bd. IXX. Heft 1.]

[Fußnote 99: Vgl. die Werke des Veit Stoß in Photographien mit

begleitendem Text von _Bergau_, Nürnberg Soldan, und K. _Schaefer_,

Meisterwerke deutscher Bildschnitzerkunst im germanischen Museum, wo

auch eine vollständige Wiedergabe des Frieses vom jüngsten Gericht.]

Ein einziges Denkmal deutscher Bildhauerkunst ist uns bekannt geworden,

das mit den Figuren des Altarfrieses aufs engste verbunden werden muß,

das nicht nur durch die ganze eminent plastische Auffassung und die

Durchbildung des nackten Körpers, sondern auch durch Einzelheiten, wie

die originell behandelte Haartracht mit den beiden übers Ohr gelegten

Zöpfen dieselbe Hand verrät, wie die Seligen des jüngsten Gerichts --

das ist die Plakette mit dem Flachrelief einer nackten Frau mit Dürers

Monogramm und der Jahreszahl 1509. Es gibt davon zwei Platten in

Kelheimer Stein, von denen eine wohl das größte Recht hat, als Original

angesehen zu werden; denn daß Metallabgüsse nach diesen gefertigt worden

seien, ist jedenfalls wahrscheinlicher als das umgekehrte. Nach welchem

der Originale Thausing seine Abbildung der Plakette herstellen ließ, ist

fraglich, da er das Imhofsche Relief nicht gesehen hat. Auch mir ist es

nicht gelungen, das Kästchen, zu dessen Schmuck das Silberrelief

gefertigt sein soll, zu sehen, da der Familienälteste Major Frhr. von

Imhof versichert, daß er trotz wiederholter Bemühungen nicht habe

feststellen können, ob und wo das Kunstwerk existiere. Das Relief im

Nationalmuseum zu München ist in zahlreichen Gipsabgüssen, das zweite

durch eine Lichtdrucktafel XVII im Katalog der Sammlung Felix bekannt.

Das Relief ist der Technik entsprechend flacher als der holzgeschnitzte

Fries, die Modellirung hier der Fernwirkung wegen kräftiger[100].

Thausing suchte bekanntlich gerade dieses Relief als Zeugen und zwar als

einzig übrigen Zeugen von Dürers Versuchen in der Bildhauerkunst

festzuhalten; mir scheinen seine Schlüsse nicht unglaubhaft, und

jedenfalls hat sich noch niemand gefunden, der sie widerlegte. Die ganze

Frage nach Dürers etwaigem Anteil an der Plastik seiner Zeit hier wieder

aufzugreifen, ist müßig, da wesentlich neue Beweisgründe seit Thausings

kritischer Enquete auf diesem Gebiet nicht herbeigebracht wurden. Nun

liegt es mir gewiß fern, zu behaupten, Albrecht Dürer müsse mit eigener

Hand das figürliche Schnitzwerk zum Rahmen des Landauer Altars

angefertigt haben; wir bedenken überhaupt viel zu wenig, welche große

Anzahl namhafter und namenloser Künstler noch zwischen einem Adam Kraft,

Veit Stoß und Albrecht Dürer stand, von denen wir nur deshalb nichts

wissen, weil sie Neudörffers Aufmerksamkeit entgangen sind; aber das

steht wohl fest: ebensowohl wie an der Imhofischen Silberplakette ist an

dem Fries der Seligen und Verdammten das Beste, das stilistisch Große,

den gleichzeitigen Werken z. B. Veit Stoß' weit überlegene, Dürers

geistiges Eigentum, und wenn eine Gehilfenhand dabei beteiligt war, die

sich von des Meisters Geist führen ließ, so fällt ihr nichts weiter zu,

als die handwerkliche Arbeit, nichts von dem Stil, der hohen Schönheit

des Werkes.

[Fußnote 100: Einige, vielleicht allerdings nur äußerliche Ähnlichkeit

mit den Figürchen des Frieses zeigt eine kleine kreisrunde Komposition

einer thronenden Maria, die unterstützt von zwei über ihr schwebenden

Engeln an die versammelten Vertreter der Christenheit Rosenkränze

austeilt. Das bemalte und vergoldete Relief, das 31 cm Durchmesser hat,

ist irrtümlicher Weise in den Katalog der Originalskulpturen des

germanischen Museums als Nr. 156 aufgenommen. Es ist keine Terrakotta,

sondern ein Abguß in einer Thonmasse, die des besseren Anhaftens der

Farben wegen, wie es scheint, ein wenig gebrannt wurde. Das nicht

uninteressante Original dazu im Besitz der Kunsthandlung Fleischmann in

Nürnberg ist ein Ölgemälde auf Holz, in dessen Mitte umrahmt von einem

Kranze gemalter Rosen das Relief eingelassen ist. Das ungefähr 1515

entstandene Werk soll aus einer Kirche im bayerischen Schwaben stammen.]

[Illustration: Taf. II.

Mitteilungen aus dem germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1896 · 第 17 / 37 题