Es war einmal ein Mann, den verdroß die Welt so sehr, daß er beschloß,
im Bette liegen zu bleiben. Jedesmal, wenn er aufwachte, wälzte er sich
auf die andere Seite, und so gelang es ihm, jedesmal noch ein bißchen
weiterzuschlafen.
Aber eines Tages ging es durchaus nicht mehr. Es ging nicht mehr und
ging nicht mehr.
Da lag der Mann im Bette und blieb ganz unbeweglich, aus Furcht, es
werde ihn frösteln, wenn er seine Lage verändere.
Von seinem Kopfkissen aus war er gezwungen, durch das Fenster ins Freie
zu sehen, und eben jetzt, wo er ganz ausgeschlafen war, ging es dem
Sonnenuntergang zu.
Eine breite, goldgelbe Wunde klaffte quer über den Himmel unter einem
dunklen Wolkenkopf hervor.
Es geht nicht an, gerade um diese unglückselige Stunde herum
aufzustehen, sagte der Mann zähneklappernd — und fürchtete sich noch
mehr vor dem Frösteln als vorher —, auch für einen, den das Leben nicht
so verdrießt, wie mich.
Elend, stierte er wieder in das Abendgelb unter dem glimmenden
Nebelsaum.
Eine schwarze Wolke hatte sich losgetrennt, wie ein geschwungener
Flügel geformt, mit befiedertem Rand.
Da kroch langsam im Hirn des Mannes — mit den flaumigen Umrissen eines
pelzigen Muffs eine Erinnerung an einen Traum aus ihrer Höhle heraus.
An einen Traum von einem Raben, der ein Herz ausgebrütet.
Und die ganze Zeit seines Schlafes über hatte er sich mit diesem Traum
herumgeschlagen. Dessen war sich der Mann jetzt deutlich bewußt.
Ich muß es herausbekommen, wem dieser Flügel gehört, sagte er, stieg
im Hemde aus dem Bett — und die Treppe hinunter auf die Straße. Immer
weiter ging er so, immer dem Sonnenuntergang zu.
Die Leute aber, denen er begegnete, raunten: „Pst, pst, leise, leise,
er träumt doch das alles bloß!“
Nur der beeidete Hostienbäcker Vrieslander glaubte sich einen Spaß
machen zu dürfen. Er stellte sich ihm in den Weg, spitzte den Mund und
machte runde Augen wie ein Fisch. Sein dünner Schneiderbart schien noch
gespenstischer als sonst. Mit den magern Armen und Fingern machte er
eine verrenkte sinnlose Geste und verdrehte die Beine ganz seltsam.
„Ssst, ssst, nur gemach, hörst du,“ flüsterte er dem Manne giftig zu,
„ich bin das Kichern, weißt du, das Kich...“ und schnellte plötzlich
das spitze Knie zur Brust empor, riß den Mund auf und wurde bleifarben
im Gesicht, als habe ihn mitten in seiner tänzelnden Stellung der Tod
ereilt.
Dem Manne im Hemde sträubte sich das Haar vor Grauen, und er lief aus
der Stadt hinaus. — — — Über Wiesen und Stoppelfelder, immer dem
Sonnenuntergange zu, und immer mit bloßen Füßen.
Zuweilen trat er auf einen Frosch.
— — — — Erst in der Nacht, als sich längst der glühende Riß am Himmel
wieder geschlossen, erreichte er die weiße, langgestreckte Mauer,
hinter der der Wolkenstrich verschwunden war.
Er setzte sich auf einen kleinen Hügel. Ich bin hier auf dem Friedhof,
je nun, sagte er sich und sah um sich, je nun, das kann ein arger
Kitsch werden. Aber ich muß doch erfahren, wem der Flügel eigentlich
gehört!
Als die Nacht vorrückte, wurde ihr Schein allmählich heller, und
der Mond kroch langsam über die Mauer. Eine gewisse Art dämmernden
Erstaunens legte sich an den Himmel.
Wie der Mondglanz grell auf den Flächen schwamm, schlüpften hinter
den Grabsteinen, an den Seiten, die dem Lichte abgewandt waren,
blauschwarze Vögel aus der Erde und flogen lautlos in Scharen auf die
kalkbetünchte Mauer.
Dann lag eine lange Zeit eine leichenhafte Unbeweglichkeit auf allem.
Es ist der dunkle Wald in der Ferne, der aus den Nebeln taucht,
natürlich, und in der Mitte der runde Kopf, das ist der Hügel mit
seinen Bäumen, träumte der Mann im Hemde, doch als seine Augen schärfer
sahen, da war es ein riesiger Rabe, der mit ausgespannten Schwingen auf
der anderen Mauer saß.
Ah, der Flügel, — besann sich der Mann und war sehr zufriedengestellt,
der Flügel — — — Und der Vogel brüstete sich: „Ich bin der Rabe,
der die Herzen ausbrütet. Wenn einem Menschen ein Sprung am Herzen
geschieht, so fahren sie ihn schnell heraus zu mir.“ Dann flog er
von der Mauer herab auf einen Marmorstein, und der Wind von seinem
Flügelschlag roch wie verwelkte Blumen.
Unter dem Marmorstein aber lag einer seit heute morgen bei seiner
Familie.
Der Mann im Hemde buchstabierte einen Namen und wurde sehr neugierig,
was für ein Vogel aus diesem gesprungenen Herzen kriechen werde, denn
der Verstorbene war ein bekannter Menschenfreund gewesen, hatte sein
ganzes Leben für Aufklärung gewirkt, nur Gutes getan und gesprochen,
die Bibel gereinigt und erhebende Bücher geschrieben. Seine Augen,
schlicht und ohne Falsch — wie Spiegeleier, — stets hatten sie
Wohlwollen gestrahlt im Leben, und auch jetzt noch im Tode stand:
Üb immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab
Und weiche keinen Finger breit
Vom Weg des Rechten ab
in goldenen Lettern auf seiner Gruft.
Der Mann im Hemde war sehr gespannt. Aus dem Grabe drang leises
Knistern, wie sich der junge Vogel aus dem Herzen löste, — und da
flog’s auch schon — pechschwarz — mit Gekrächz hinauf zu den andern auf
die Mauer. —
„Das war aber doch wirklich vorauszusehen; — oder? Haben Euer Liebden
vielleicht ein Rebhuhn erwartet?“ spottete der Rabe.
„Etwas Weißes hat er doch“, sagte der Mann verbissen und meinte damit
eine leichte helle Feder, die deutlich abstand.
Der Rabe lachte. „Der Gänseflaum? — Der ist doch nur angeklebt. Vom
Daunenkissen, worauf der Tote immer schlief!“ und weiter flog er von
Grab zu Grab und brütete da und brütete dort, und überall wurde es
flügge und kam schwarz aus dem Boden geflattert.
„Alle, alle sind sie schwarz?“ fragte der Mann beklommen nach einer
Weile.
„Alle, alle sind sie schwarz!“ brummte der Rabe.
Da bereute der Mann im Hemde, daß er nicht in seinem Bette geblieben
war.
Und wie er empor zum Himmel blickte, standen die Sterne voll Tränen und
blinzelten. Nur der Mond glotzte vor sich hin und begriff nicht.
Auf einem Kreuz aber saß mit einemmal regungslos ein Rabe, der glänzte
schneeweiß. Und es schien, als käme all der Schimmer der Nacht von ihm.
Der Mann sah ihn erst, als er zufällig den Kopf nach ihm wandte. Auf
dem Kreuz die Inschrift nannte den Namen eines, der war ein Müßiggänger
gewesen sein Leben lang.
Der Mann im Hemde kannte ihn gut. Und er sann lange nach.
„Welche Tat hat denn sein Herz so weiß gemacht?“ fragte er endlich.
Der schwarze Rabe aber war mürrisch und mühte sich unablässig, über
seinen eigenen Schatten zu springen.
„Welche Tat, welche Tat, welche Tat?“ quälte der Mann ruhelos.
Da fuhr der Rabe zornig auf: „Glaubst du, +Taten+ können weiß machen?
Du ... Du ... +kannst+ ja nicht einmal eine Tat +tun+! — Eher spränge
ich noch über meinen Schatten. Der morsche Hampelmann auf dem kleinen
Grab — siehst du ihn? Er gehörte einst dem Kinde dort unten — der
morsche Hampelmann glaubte auch eine lange Zeit, er fuchtle in der Welt
herum. Weil er die Schnüre nicht sah, an denen er hing, und es nicht
wahr haben wollte, daß ein Kind mit ihm spiele. Und du!? Und du!? Was
glaubst du wohl, wird mit +dir+ sein, wenn das — — ‚Kind‘ ein anderes
Spielzeug sucht! — Wirst alle viere von dir strecken und ver — —,“ der
Rabe blinzelte listig zur Mauer hin, — „und ver — —“
„— — — recken!“ krächzte die Rabenschar, fröhlich, daß sie auch einmal
dran kam.
Da erschrak der Mann im Hemde ganz außerordentlich.
„Und was denn sonst hat sein Herz so weiß gemacht? Hörst du denn nicht,
— was denn sonst hat sein Herz so weiß gemacht?“ fragte er.
Unschlüssig trat der Rabe von einem Bein aufs andere: „Es muß wohl die
Sehnsucht gewesen sein. Die Sehnsucht nach etwas Verborgenem, das ich
nicht kenne und auf der Erde nirgends gefunden habe. Wir alle sahen
seine Sehnsucht wachsen wie ein Feuer und begriffen es nicht; — es
verbrannte sein Blut und endlich sein Hirn — — wir begriffen es
nicht — —“
Den Mann im Hemde faßte es eiskalt an: — — — — Es Schien Das Licht In
Der Finsternis, Und Die Finsternisse Haben Es Nicht Begriffen — —!
— — — „ja, wir begriffen es nicht,“ fuhr der Rabe fort, „doch einer
der gigantischen schimmernden Vögel, die im Weltenraume unbeweglich
schweben seit Anbeginn, erspähte die flammende Lohe und stieß herab.
— Wie Weißglut. Und er hat auf jenes Menschen Herz gebrütet Nacht um
Nacht.“
Scharfe Bilder traten dem Mann im Hemde vor das Auge, Bilder, die
in seinem Gedächtnis nicht hatten sterben können, — Geschehnisse im
Schicksal des Müßiggängers, die immer noch von Mund zu Mund gingen
unter den Leuten: — Er sah jenen Menschen unter dem Galgen stehen — —
der Henker zog ihm die leinene Maske übers Gesicht — — die Feder, die
das Brett unter den Füßen des armen Sünders kippen sollte, weigerte
sich, — da führten sie ihn weg und rückten das Brett zurecht.
Und wieder ordnete der Henker die leinene Maske — — und wieder versagte
die Feder. Und als nach einem Monat abermals der Mensch dort stand, die
leinene Maske über den Augen, — — da brach die Feder.
Die Richter aber ergrimmten und bissen die Zähne zusammen über — — den
Zimmermann, der den Galgen so schlecht gezimmert hatte.
— — — — — — — — —
Dann verschwand die Vision.
„Und was ist aus dem Menschen geworden?“ fragte voll Grauen der Mann im
Hemde.
„Ich habe sein Fleisch gefressen und seine Gebeine, die Erde ist
kleiner geworden um das Stück, das sein Leib groß war“, sagte der weiße
Rabe.
„Ja, ja,“ flüsterte der schwarze, „sein Sarg ist leer, er hat das Grab
betrogen.“
— — Das hörte der Mann, und sein Haar sträubte sich, er zerriß sein
Hemd über der Brust und lief hin zu dem weißen Vogel, der auf dem
Kreuze saß: „Brüte mein Herz, brüte mein Herz! Mein Herz ist voll
Sehnsucht — — —!“
Doch der +schwarze+ Rabe warf ihn mit den Schwingen zur Erde und setzte
sich schwer auf ihn — — die Luft roch nach sterbenden Blumen — — „Daß
Euer Liebden nur nicht irren: Gier und nicht Sehnsucht schläft in Euer
Liebden Herz! Ja, das möchte mancher gern probieren vor dem Kre — —,“
listig blinzelte er zur Mauer hin, „vor dem Kre — — —?“
„— — — pieren!“ pfiff die Rabenschar, entzückt, daß sie schon wieder
dran kam.
— Die Hitze seines Leibes ist fremdartig und erregend wie das Fieber,
fühlte der Mann, dann zerflatterte sein Bewußtsein.
— — — — — — — — —
Als er nach langem Schlaf erwachte, da stand der Mond gerade im Zenith
und starrte ihm ins Gesicht.
Der Glanz hatte die Schatten getrunken und troff an den Steinen herab
von allen Seiten.
Die schwarzen Raben waren fortgeflogen.
Noch hatte der Mann ihr hämisches Gekrächz in den Ohren, und verdrossen
stieg er über die Mauer in sein Bett.
Schon stand da auch im schwarzen Rock der Herr Medizinalrat, faßte
seinen Puls, schloß die Augen hinter der goldenen Brille und babbelte
lang und unhörbar mit der Unterlippe. Suchte dann umständlich in seinem
Taschenbuch und schrieb auf einen Zettel:
~Rp~:
~Cort. chin. reg. rud. tus~ 3β
~coque c. suff. quant. vini rubri, per horam~ ~j~
~ad co’at~ 3~viij~
~cum hac inf. herb. abs.~ 3~j~
~postea solve~
~acet. lix.~ 3~j~
~tunc adde~
~syr. cort. aur~ 3β
~M. d. ad~
~vitr. s.~
dreimal täglich ein Eßlöffel.
Und als er damit fertig war, schritt er mit Weihe zur Tür, sah noch
einmal zurück und sagte geheimnisvoll, den Zeigefinger würdig erhoben:
„Gögön das Fübör, gögön das Fübör.“