[Illustration]
Melanchthon tanzte mit der Fledermaus, die den Kopf unten und oben die
Füße hatte.
Die Flügel um den Leib geschlagen und in den Krallenzehen einen großen
goldenen Reifen steif emporhaltend, wie um anzudeuten, daß sie von
irgendwo herabhänge, sah sie ganz absonderlich aus, und es mußte einen
merkwürdigen Eindruck auf Melanchthon machen, wenn er beim Tanzen
beständig durch diesen Ring zu sehen gezwungen war, der genau in seine
Gesichtshöhe reichte.
Sie war eine der originellsten Masken auf dem Feste des persischen
Prinzen — auch eine der scheußlichsten allerdings — diese Fledermaus. —
Sogar Seiner Durchlaucht Mohammed Darasche-Koh, dem Gastgeber, war sie
aufgefallen.
„+Schöne+ Maske, ich kenne dich“, hatte er ihr zugeflüstert und damit
große Heiterkeit bei den Nebenstehenden erregt.
„Es ist bestimmt die kleine Marquise, die intime Freundin der
Fürstin“, meinte ein holländischer Ratsherr, gekleidet im Stile
Rembrandts —, es könne gar nicht anders sein; jeden Winkel wisse sie
im Schlosse — ihren Reden nach —, und vorhin, als mehreren Kavalieren
der „frostige“ Einfall gekommen, sich von dem alten Kammerdiener
Filzstiefel und Fackeln bringen zu lassen, um draußen im Parke
Schneeballen zu werfen, wobei die Fledermaus ausgelassen mitgetollt
habe, hätte er wetten mögen, ein ihm wohlbekanntes Hyazintharmband an
ihrem Handgelenk aufblitzen gesehen zu haben.
„Ach, wie interessant,“ mischte sich ein blauer Schmetterling ins
Gespräch, — „könnte da nicht Melanchthon vorsichtig ein wenig
sondieren, ob Graf de Faast, wie es in letzter Zeit den Anschein hat,
bei der Fürstin wirklich Hahn im Korbe ist?“
„Ich warne dich, Maske, sprich nicht so laut“, unterbrach ernst der
holländische Ratsherr. „Nur gut, daß die Musik den Walzerschluß
~fortissimo~ spielte, — vor wenigen Augenblicken noch stand der Prinz
hier ganz in der Nähe!“
„Ja ja, am besten kein Wort über solche Dinge,“ riet flüsternd ein
ägyptischer Anubis, „die Eifersucht dieses Asiaten kennt keine Grenzen;
und es liegt vielleicht mehr Zündstoff im Schlosse aufgehäuft, als wir
alle ahnen. — Graf de Faast spielt schon zu lange mit dem Feuer, und
wenn Darasche-Koh wüßte — —“
Eine rauhe, zottige Figur, ein geschlungenes Knäuel aus Seil
darstellend, bahnte sich — in wilder Flucht vor einem hellenischen
Krieger in schimmerndem Waffenschmuck — eine Gasse durch die Gruppe
der Masken, die den beiden verständnislos nachsahen, wie sie auf
flinken Gummisohlen über den spiegelglatten Steinboden huschten.
„Hättest +du+ denn keine Angst, +durchgehauen+ zu werden, Mynheer
Kannitverstahn, wenn du der gordische Knoten wärest und wüßtest, daß
Alexander der Große hinter dir her ist?“ spottete die umgekehrte
Fledermaus und tippte mit dem Fächer auf des Holländers ernsthafte Nase.
„Ei, ei, ei, schöne Marquise Fledermaus, der scharfe Geist verrät
sich stets“, scherzte ein baumlanger „Junker Hans“ mit Schweif und
Pferdefuß. „Wie schade, ach wie schade, daß man dich — Füßchen oben —
nur als Fledermaus so auf dem Kopfe stehen sehen darf.“
Jemand stieß ein brüllendes Gelächter aus.
Alle drehten sich um und sahen einen dicken Alten mit breiten Hosen und
einem Ochsenkopf.
„Ah, der pensionierte Herr Handelsgerichtsvizepräsident hat gelacht“,
sagte trocken der „Junker Hans“.
Da ertönt dumpfes Läuten, und ein Henker im roten Talar der
westfälischen Feme, eine erzene Glocke schwingend, stellt sich inmitten
des ungeheuren Saales auf — über sein blitzendes Beil gelehnt.
Aus den Nischen und Loggien strömen die Masken herbei: Harlekins,
„~Ladies with the rose~“, Menschenfresser, Ibisse und gestiefelte
Kater, Piquefünfe, Chinesinnen, deutsche Dichter mit der Aufschrift:
„Nur ein Viertelstündchen“, Don Quichottes und Wallensteinsche Reiter,
Kolombinen, Bajaderen und Dominos in allen Farben.
Der rote Henker verteilt Täfelchen aus Elfenbein mit Goldschrift unter
die Menge.
„Ah, Programme für die Vorstellung!!“
„Der Mann in der Flasche“
Marionetten-Komödie im Geiste Aubrey Beardsleys
von Prinz Mohammed Darasche-Koh
Personen:
Der Mann in der Flasche Miguel Graf de Faast
Der Mann auf der Flasche Prinz Mohammed Darasche-Koh
Die Dame in der Sänfte * * *