Immermann.
19.
Magdeburg, den 26. Juni 1824.
Wenn Sie solche düstre Regentage dort gehabt haben, theure Freundin, als
wir hier, so wird Ihr Herz Ihnen wieder etwas bange geworden sein. Ich
lebte in meinem Gartenhause, wie in der Arche Noä, nur Ihre Briefe waren
die Oelblätter, welche mir Zeugniß gaben, daß es noch grüne Stellen des
Lebens gebe. Ich will diese Zeit, die schwer genug für mich ist, redlich
durcharbeiten, es ist eine eiserne, die mich in der Entbehrung und
Entsagung übt -- dann muß es aber besser werden.
Vor einigen Tagen hatte ich hier eine sonderbare Ansicht. In meiner guten
Vaterstadt, worin alles Nützliche wirklich mit großem Eifer emporgebracht
wird, ist ein großer Wollmarkt arrangirt. Denken Sie sich auf dem
Domplatze, den Dom und grüne Bäume im Hintergrunde, wenigstens 300
Wollwagen in zwei Reihen aufgefahren, einer wie der andre, alle grau,
dazwischen Schafknechte und Fuhrleute auf Wollsäcken und Stroh liegend,
und Sie haben das vollständige Bild einer auf der Wanderung begriffenen
Tatarenhorde, nur die Koch- und Lagerfeuer fehlten. Es sind gute Geschäfte
gemacht, und die Einrichtung flicht unserm für das Wohl der Stadt
unablässig bemühten Oberbürgermeister _Francke_ eine neue Bürgerkrone.
Quedlinburg ist durch das Conversations-Lexicon jetzt dahinter gekommen,
daß Klopstock in seinen Mauern das Licht der Welt erblickte. Am nächsten
Mittwoch wird dort zur Feier seines Geburtstages ein großes Musikfest
gegeben, der »Messias« von Händel wird aufgeführt und Karl Maria von Weber
dirigirt. Ich würde es auf die Gefahr, aus dem Städtlein, welches ich so
gröblich beleidigt habe, gewiesen zu werden, wagen, hinzureisen, wenn meine
Geschäfte es erlaubten. Der Zusammenfluß von Musikern, Dilettanten und
Hörern wird allem Anschein nach sehr groß sein. Bei diesen und ähnlichen
Gelegenheiten kann ich mich eines gewissen Unmuths nicht erwehren.
Unter allen Aeußerungen des menschlichen Bildungstriebs wird doch der
dichterische am schlechtesten behandelt. Was geschieht wohl im Aeußeren für
Poesie? Gar nichts. Der Dichter immer muß sich zurückgewiesen sehen, muß
zuletzt einseitig werden. Wenn ich bedenke, daß die Athener dem Sophokles
für seine Antigone eine Feldherrnstelle gaben, so muß ich das griechische
Volk bewundern, dessen ganzes Leben und Dasein nur in der Schönheit ruhte.
Ich lese jetzt Wilhelm von Humboldt's ästhetische Versuche, namentlich
den Theil, der über »Hermann und Dorothea« redet. Es ist ein ganz
vortreffliches Werk, voll tiefer Einsicht, und doch sehr klar und einfach
dargestellt. Hätte ich nicht solche unüberwindliche Abneigung gegen das
Abschreiben, so hätte ich schon einige Stellen copirt und sendete sie Ihnen
mit. Ich werde Ihnen aber das Buch nach Dresden senden, da sollen Sie sich
an ihm erbauen. Ich werde auch fleißig Zeichen einlegen, denn ganz werden
Sie es freilich wohl nicht lesen mögen.
Morgen sende ich Ihnen eine Ansicht von Magdeburg, Papier und einige
Briefe. Die Ansicht ist schlecht genug, sie darf sich nicht viel Gunst von
Ihnen versprechen, die Stadt ist auch bei Ihnen zur Ungnade vorherbestimmt;
(Sie wissen, daß ich glaube, Neigung und Abneigung der Damen werde durch
ein reines Verhängniß bestimmt,) zerreißen Sie nur das Blatt nicht in Ihrem
Zorne. Die Stadt hat wenigstens das Gute, daß sie Ihnen Freunde gab.
Erzählen Sie mir recht viel von sich, und schenken Sie mir, wie früher,
volles Vertrauen. Ich hoffe es zu verdienen, und glaube Ihnen sagen zu
können, daß meine Gesinnung sich Ihnen in jeder Lage des Lebens bewähren
wird; daß es keinen Dienst giebt, den ich Ihnen nicht mit Freuden leisten
kann, keine Treue, welche mein Gemüth Ihnen nicht bewahrt. Mit diesen
Worten lassen Sie mich diesmal Ihnen Lebewohl sagen.
Immermann.
20.
Magdeburg, den 10. Juli 1824.
Ich habe mich sehr, theure Freundin, gefreut, aus Ihrem letzten Briefe zu
sehen, daß Sie ruhiger und heitrer geworden waren. Gewiß verläßt Sie der
Himmel nicht, auch Sie sind ein Wesen, welches er dazu bestimmte, Freude
und Behagen zu empfinden und des Daseins nach den Gesetzen seiner Natur zu
genießen, ja, Sie sind vor Vielen dazu berufen, da Ihr reiches Herz so viel
Gutes um sich verbreitet, so manchen Segen um sich zu pflanzen weiß. Dieses
Gute, dieser Segen muß aber, nach den ewigen Gesetzen der Welt, zu
Ihnen zurückkehren, und gewiß haben Sie dies auch schon in mancher
Anhänglichkeit, die Ihnen auf dem Lebenswege wurde, dankbar gegen Gott,
empfunden. Daß wir in dem schönen Wolbeck nicht zusammen gewesen sind,
bedauert gewiß niemand mehr als ich -- ich war so gern mit Ihnen in der
Natur, und hatte meine Freude an Ihrem für alle Schönheiten des Daseins
aufgeschlossenen Sinn. Sonst haben wir wohl so ziemlich in Münster alle
hübsche Parthien mit einander gesehen.
Ihr nächster Brief wird mir sagen, was weiter zu besprechen ist -- bis zum
Eingang desselben, vermeide ich die Berührung dieser Dinge.
Es freut mich, daß Sie Eßlair auch persönlich kennen gelernt haben, und
daß er so galant gegen Sie gewesen ist. Sein Wesen hat wirklich etwas sehr
Ansprechendes. Ueber die Jugendgeschichte dieses Mannes ist man noch sehr
im Dunkeln. Das Conversations-Lexicon drückt sich mystisch genug aus. Er
soll aus einem alten gräflichen Geschlechte sein, von Slavonien herstammen
u. d. m. Die Ahnen werden sich daher wohl etwas gerührt haben, als der
ungerathne Enkel unter die Schauspieler ging.
Auf meinem Tische liegt der zweite Theil des Tagebuchs von Wilhelm Meister,
von Pustkuchen. Dieses Pfäfflein wandelt getrost seinen trutzigen Gang
fort, versteigt sich aber in diesem Theile, wie ich aus den ersten zwanzig
Seiten bereits ersehen habe, bedeutend in's Ungereimte, und so steht
denn zu hoffen, daß das Horn seines Uebermuthes nahe am Zerbrechen ist.
Vielleicht rühre ich meine Feder auch noch zu diesem Ende, doch ist es sehr
zweifelhaft, da ich eigentlich zu solchen Arbeiten keine rechte Lust habe.
Ich wünsche Ihnen alles, was Sie bedürfen, und bleibe mit alter
Anhänglichkeit