Immermann.
12.
Magdeburg, den 21. März 1824.
Endlich wird sich doch, theure Freundin, der Himmel bei Ihnen entwölkt
haben, wie hier geschehen ist, und Sie zu einem heitern Gefühl Ihres
Daseins gelangen lassen. Seitdem ich Ihre vom Wetter abhängige Natur kenne,
interessirt es mich sehr, und Sie erlauben mir, da es ein Gegenstand von
Wichtigkeit ist für Sie, davon zu reden, wenn man gleich dies Gespräch aus
der guten Unterhaltung verbannt hat. Freilich sind die Gespräche über die
Fehler der Nächsten ein viel interessanteres und reichhaltigeres Kapitel.
Für das übersendete Buch meinen herzlichen Dank, so wie für den Anfang der
Uebersetzung. Ich bedaure nur, daß letztere, wie ein unschuldiges Kind,
bei dem ersten Kapitel stehen geblieben ist. Meine Arbeit hat gleich wieder
begonnen, und es ist auch hohe Zeit damit.
Ich kann mich ganz in Ihr Gefühl und in Ihren Wunsch nach Beschäftigung
hineinfinden, und sinne nur, was für Arbeit ich Ihnen rathen soll. Möglich
wäre es, daß Sie für Ihre eigne Rechnung den Frauenverein überbieten, und
in der Stille Mutter einiger Dürftigen werden könnten, die Ihr Auge wohl zu
entdecken im Stande wäre; denn es giebt in allen Orten des Elendes genug.
Wohlthätigkeit und Werke der Menschenliebe haben zu allen Zeiten edle
Herzen beruhigt. Glück kann die Erfüllung der Pflicht nie schaffen, wer
das behauptet, kennt das Leben und das menschliche Gemüth nicht, aber
beschwichtigen kann sie, versöhnen und den herben Schmerz mildern. Auch
ich ertrüge ein nüchternes, leeres Dasein nicht, wenn nicht jede Stunde ihr
beschiednes Theil Arbeit hätte. Diese fortgesetzte Beschäftigung macht mich
allein fähig, zu existiren, und es graut mir vor allen Gesellschaften,
vor allen Besuchen bei meinen Bekannten und Verwandten in der Gegend,
weil solche arbeitslose Stunden und Tage mich sehr unglücklich machen und
verstimmen. -- Mitunter kommt es mir so vor, als sei unser jetziges Leben
und Treiben besonders veraltet und abgenutzt -- dann aber lese ich wieder
in einem griechischen Tragiker oder in Shakespear Stellen, die nur aus
demselben Gefühl entspringen konnten, und es kommt der Trost über mich,
daß das Leben zu keiner Zeit ohne Dissonanzen gewesen ist, und daß sich in
allen Zeiten Annäherungen zur Harmonie finden lassen.
Man spricht in der hiesigen Militairwelt von Veränderungen. Hake soll
abgehn, wohin weiß ich nicht, und das Generalcommando des 4. Armeekorps
hieher kommen. Dem Herrn General bitte ich diese Notizen nebst meiner
Empfehlung zu sagen, wenn sie ihn interessiren.
Es fehlt hier in Magdeburg gar nicht an Gelegenheit, das _charmanteste_
Leben zu führen, und jeder junge Mann hat es, wie die Tanten behaupten,
sich selbst beizumessen, wenn er nicht in Cours kommt; hohe Generalität,
Präsidentschaft, Beamte mit unversorgten Töchtern, Kaufleute, welche die
Geige spielen u. s. w. alle Ingredienzien, die zum herrlichsten Dasein
gehören. Leider hat es Ihrem Freunde noch nicht gelingen wollen, in dieses
große Räderwerk als brauchbare Walze einzugreifen. Ich finde, daß die
Leute, die ich zufällig kennen gelernt habe, so unendlich mit sich
zufrieden sind, daß ein Dritter ihnen nichts mehr bieten kann, und finde es
daher angemessen, sie ihrem Reichthum zu überlassen.