Ihr Freund

Immermann.

11.

Magdeburg, den 14. März 1824.

Was Sie mir, theure Freundin, von den Carnevalslustbarkeiten und Ihren

Aengsten erzählt haben, hat mich (Sie verzeihen mir) sehr ergötzt, und

ich sah Sie ganz deutlich bei verschlossenen Thüren hinter dicken Mauern

zittern. Ehe ich Sie näher kannte, hielt ich Sie immer für eine Art von

Heroine, bei genauerer Betrachtung ist zwar dieser erhabne Glanz von Ihnen

abgefallen, dafür sprang aber eine um so angenehmere Aengstlichkeit hervor,

wie denn überhaupt alles bei Ihnen sich in Liebenswürdigkeit kleidet. --

Ich habe diese Tage, wie alle meine Tage, hier sehr still verlebt, nichts

erinnert hier an das Fest, welches den Süden so tumultuarisch bewegt, als

die sonnabendlichen Redouten im Schauspielhause, die aber auch herzlich

schlecht sind. Sonst waren in den kleinen Städten um Magdeburg Maskenbälle,

wozu die _Honetten_, welche sich auf die hiesigen nicht wagen dürfen,

eilten, jetzt ist das auch eingegangen. Was soll aus der Welt werden, wenn

wir im trocknen Ernste so fortschreiten, wie bisher? Nicht viel Kluges,

meiner Meinung nach, denn die Menschheit bedarf, wie der Einzelne, zuweilen

einen Thorensprung, um sich zu erfrischen, und um mit desto größerer

Kraft sich nachher wieder auf Tugend und Vernunft legen zu können.

Die bedeutendsten, würdigsten Ereignisse in der Geschichte sind immer

diejenigen Handlungen, durch welche ein Einzelner oder ein Volk eine

große Narrheit oder Sünde gut zu machen strebt, wie soll er aber dazu noch

kommen, wenn man am Ende nur regelrechte Verstandesmäßigkeit kennt?

In diesen Tagen las ich in den Charakteristiken und Kritiken von den beiden

Schlegel's manches gute, treffende Wort, welches ich Ihnen gern, frisch

wie ich es empfangen, wiedererzählt hätte. Lassen Sie sich doch einmal die

beiden Bände geben, und lesen Sie was darin über »Romeo und Julia« und

über »Wilhelm Meister« gesagt wird. Es ist gar nicht zu läugnen, daß die

Schlegel's den Funken, der zuerst durch Lessing entzündet wurde, zur

Flamme angefacht, und eine neue Art der Kritik gegründet haben, nämlich die

auslegende, ergänzende, nachweisende, statt daß früher die vernichtende,

zersetzende, absprechende galt. Der Streit zwischen beiden ist noch nicht

ganz ausgefochten, doch neigt sich der Sieg schon sichtbar auf die Seite,

welche mir die bessere zu sein scheint.

Der Grundbegriff der Schule, welcher ich auch angehöre, ist: daß man zu

einem Kunstwerk nicht mit dem bloßen Verstande, sondern mit dem Einklang

aller seiner Kräfte, Phantasie und Gefühl mitgerechnet, treten muß, wenn

man es begreifen will, daß man von dem Glaubenssatze ausgeht: alles, was

einmal entstand, mußte nach Gesetzen entstehen, und daß man eine unendliche

Mannigfaltigkeit der Wege, die das künstlerische Vermögen einschlagen

kann, zugiebt. -- Hieraus folgen gewisse Maximen. Man wird nichts unbedingt

verwerfen, sondern die Gesetze, aus denen sich die einzelne Erscheinung

nachweisen läßt, aufsuchen, man wird nicht bei der ersten Lesung oder

Anschauung ein Urtheil fällen, sondern zuerst das Werk auf die offene Seele

einwirken lassen, und endlich, man wird die kritische Wissenschaft für

eine äußerst schwere halten, weil eine große Menge von Erfahrungen,

Beobachtungen und Beispielen dazu gehört, um darin nur zu den ersten

Resultaten zu gelangen.

Ich steige von meiner Kanzel, auf der ich Ihnen bisher predigte, und Ihre

Geduld ermüdete, um Sie zu bitten, den einliegenden Brief an Bilstedt dem

Herrn General nebst bester Empfehlung von mir zu geben. -- Mit Vergnügen

bin ich zu aller ferneren Correspondenz bereit. --

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's · 第 12 / 49 题