Immermann.
9.
Magdeburg, den 1. März 1824.
Recht herzlich freut es mich, liebe Freundin, von Ihnen vernommen zu
haben, daß Sie gesund und wohl sind. Ihre Zeilen sind mir eine freundliche
Erscheinung in meinem hiesigen strengen und ernsten Verhältniß, sie wehen
mir wie die ersten lauen Lüfte des Frühlings Trost und Freude in's Herz,
und erinnern mich wieder, daß es noch eine schönere Welt giebt, als die der
sauren Arbeit und der todten Mühe. Es ist aber gut, wenn man auch solche
Zeitläufte einmal durchmacht, damit man Fleiß an Andern schätzen lernt. Ich
komme mir, wenn ich beim Schein meiner Morgenlampe mich zu den Akten setze,
vor, wie einer von den Schmiedegesellen des Vulkan, die auch mit frühem
Morgen das berußte Schurzfell umnehmen und in der Esse zu hämmern beginnen.
Mit meinem Bruder, der in ähnlicher beständiger Arbeit steckt, scherze ich
oft über unsere Lage und wir nennen uns gegenseitig die zwei _Banausen_.
Sie erinnern sich des Worts, welches durch Vossens und Stolberg's Streit
allgemein bekannt wurde, und in der ursprünglichen Bedeutung einen
Menschen anzeigt, der beim Feuer arbeitet, in der abgeleiteten aber jeden
bezeichnet, der sich handwerksmäßig abmüht.
Sie sind dort recht reich an Kunstgenüssen gewesen, und ich möchte fast mit
Ihnen schelten, daß Sie den »König Lear« verschmähen konnten. Doch werde
ich über diesen Punkt wohl nicht mit Ihnen fertig werden und wir wollen die
Partie lieber für remis erklären, da ich um der Wahrheit willen mich nicht
für matt erklären kann, auf der andern Seite es aber für unbescheiden
halte, Ihnen fernerhin immerfort Schach zu bieten. Dem Herrn General danke
ich im Namen der Kunst für die Paulmann zuerst angethane Ehre. -- Hier
steht es schrecklich mit dem Theater -- nicht sowohl mit dem Personal,
welches wirklich mittelmäßig genug ist, sondern mit dem Publico, welches
kalt wie Eis sich nimmt, und nur am Sonntag -- wenn das Haus voller
Schüler, Handlungsdiener und Handwerksgesellen steckt, warm wird. -- Die
Musik ist die einzige liberale Beschäftigung, welche hier, wie aller Orten,
blüht, wenn man die armselige Koketterie, die mit dieser Kunst getrieben
wird, eine Blüthe nennen kann. Doch ist eine Diskantstimme hier -- deren
Genuß ich Ihnen wohl wünschte. Ein so herrlicher, reiner und unverbildeter
Glockenton, daß man nichts Schöneres und Herzergreifenderes hören kann.
Nächstens werde ich auch einige Zeilen des Dankes und der Erinnerung an den
alten Horn abgehen lassen. Er bleibt mir immer im Herzen. Hier steht
sein Andenken -- wenigstens bei den Männern -- überall auf das beste
angeschrieben. Sie sehen also, daß diese Liebschaft unsres Geschlechts
-- wie Sie oft die Neigung zu ihm nannten, eine allgemeine ist, und der
würdige Herr zu den umworbenen und gefeierten Schönen gehört.
Leben Sie wohl, meine Freundin, und gedenken Sie Ihres Freundes in Gutem.
Immermann.
10.
Magdeburg, den 6. März 1824.
Ihre letzten lieben Zeilen, meine Freundin, habe ich erhalten, und sage
Ihnen herzlichen Dank dafür. Ich freue mich, daß Ihnen der projectirte
Frauenverein Gelegenheit zur Thätigkeit geben wird, in der Ihnen so wohl
ist; nur fürchte ich, daß die edle Errichterin Sie bald aus der schönen
Vereinigung jagen wird, da mir ihr Talent zu lösen und zu stören, wohl --
die Fähigkeit zusammenzuhalten aber weniger bekannt ist. Sie müssen sich
indessen doch zwingen und so lange aushalten als möglich, denn etwas
äußeres Leben ist jedem Menschen, besonders aber Ihnen, nöthig, wenn Sie
nicht in düstern Trübsinn versinken sollen.
Wäre ich doch einer Ihrer reichen Verwandten, Sie sollten sich gewiß nicht
über Verlassenheit zu beklagen haben. Wie traurig ist es, daß Freunde so
selten Verwandte und Verwandte so selten Freunde sind! Die Verwandtschaft
pflegt in der Regel sich nur durch Hemmen und Schenken bemerkbar zu machen,
wenn aber Noth eintritt und man dann nach der Familie sich umsieht, da ist
man ganz frei und unbeschränkt.
Vor einigen Tagen fand ich in »Des Knaben Wunderhorn« zwei Gedichte: »Lob
der himmlischen Freuden« und »Antonius Fischpredigt,« die Ihrem komischen
Sinne zusagen werden und deren Abschrift ich Ihnen das nächste Mal
mitschicke. Könnte ich sie Ihnen nur vorlesen! Hier nimmt niemand irgend
etwas von mir in Anspruch, als das Geschäftstalent, und das ist meine
schwächste Seite. Ein Dichter ist wirklich ein sehr unglücklicher Mensch
-- alle andren Künste haben doch auch eine Art von Stelle in der Welt, der
Dichter aber schwebt vogelfrei zwischen Himmel und Erde. Drum müssen wir
uns an den Genuß halten, den wir selbst von unsren Vortrefflichkeiten
haben, und unser Heil in der Einbildung suchen. --
Der Winter scheint seine Rechte nachholen zu wollen, es ist empfindlich
kalt, jedoch heitrer, klarer Himmel; und wäre ich dort, so holte ich Sie
heute zu einem Spaziergange ab. Hier komme ich nicht viel zum Wandern, ich
suche mir aber dadurch zu helfen, daß ich stehend arbeite und beim Dictiren
hin und her gehe.
Wenn jemand das Unglück hat, zur Festung verurtheilt zu werden, so wünsche
ich ihm keinen andern Strafort, als Magdeburg. Denn um hier Glück in der
Gesellschaft zu machen, muß man durchaus Staatsgefangener sein -- diese
dürfen überall erscheinen und erregen das meiste Interesse. Mehrere haben
sich schon von hier Frauen geholt. -- Mir kommt es mitunter so vor, als sei
ich zur Festung verurtheilt, aber von Glück hat sich noch nichts einfinden
wollen.