Mit großer Verehrung

Immermann.

4.

Münster, den 5. März 1822.

Ich sende Ihnen eine Folge von Landschaften von Antonius Waterloo, die,

wenn Ihr Auge nicht vom alterthümlichen Aufzug dieser Blätter beleidigt

wird, Ihnen wegen der geistreichen Ausführung vielleicht gefallen werden.

Einige Wille's liegen auch dabei.

Als ich mich heute wieder lebhaft und freudig unsres vorgestrigen Abends

erinnerte, kam mir das mitfolgende Gedicht in's Gedächtniß, welches das

Gefühl einer einst verlebten wunderbaren Mondnacht bewahrt. Ich habe es

für Sie abgeschrieben, weil es mir vielleicht Verzeihung für meine fatale

Englische Krankheit erwirkt.

Ich denke, es soll schön und heiter bleiben. Wie herrlich wird dann unser

Ausflug sein!

Immermann.

5.

Magdeburg, den 1. Februar 1824.

Die heutigen Stunden der Muße seien Ihnen gewidmet, meine liebe Freundin.

Ich bin hier noch nicht recht zur Ruhe gekommen, sonst würde dieser Brief

früher abgegangen sein; möchte er sie gesund treffen! Meine Reise war im

Ganzen sehr einförmig, das wahre Muster einer Winterreise. Am Dienstag vor

acht Tagen kam ich bei meiner Schwester an, fand dort die Mutter, und

bin nun seit acht Tagen in der Vaterstadt, die mir aber bei dem reißenden

Wechsel aller Verhältnisse fast fremd geworden ist, und worin niemand,

bis auf meinen Bruder _Ferdinand_, der unterdessen außerordentlich sich

entwickelt hat, meine Sprache zu reden scheint. Diese Erfahrung haben

Sie wohl auch schon gemacht, daß Sie deutsche Worte und Reden hörten,

und dennoch merkten, wie die Leute mit diesen Worten ganz andre Begriffe

verbanden, als Sie.

Ich wohne im Hause meiner verstorbenen Großmutter, und ihre alte

langjährige Freundin, von der ich Ihnen erzählte, sorgt für mich auf das

beste, so daß ich nur nöthig habe, mich vor Verwöhnung in Acht zu nehmen,

wie man denn in dieser Beziehung sich immer hüten muß, wenn man das Glück

hat, ein Gegenstand weiblicher Sorge und Pflege zu sein. Glücklicherweise

ist das Leben zu strenge, als daß die weichen und weichlichen Seiten in

unsrer Natur so leicht überhand nehmen können.

Die Stadt hat sich in mancher Hinsicht verschönert. So sind zum Beispiel

am Fürstenwall, an einer Stelle, wo sich sonst nur eine kahle Mauer befand,

schöne grüne Terrassen angelegt, welche mit Rosen und andrem Gesträuch

besetzt werden. Das Ganze muß, wenn es fertig ist, einen erfreulichen

Anblick geben. Die Anpflanzungen, welche der alte Horn anlegte, scheinen

auch gediehen zu sein, soweit sich dies im Winter sehen läßt; kurz, meine

Freundin, Sie brauchen sich jetzt grade keine Wüste um Magdeburg zu denken,

wenn wir gleich durch Natur und militairisches Verhältniß immer nur auf das

Nothdürftige hingewiesen sein werden. -- Das Theater ist zweimal besucht

worden, außer einem gewissen _Hartmann_ senior, von dem ich den Hugo in

der Schuld sah, ist nichts des Nennens Werthes unter der Gesellschaft. Die

Erleuchtung ist zu Gunsten derer, welche Ursach haben, ihr Gesicht nicht

zu zeigen, denn es ist so finster darin, daß man kaum die Gesichtszüge der

Schauspieler erkennen kann. Was man sonst hier für Aesthetik treibt, darum

habe ich mich noch nicht bekümmern können.

Denn es ist eine solche Masse von Arbeit über mich gestürzt, daß ich

freilich, der ich dort doch eigentlich nur ein Müßiggänger war, alle Hände

voll zu thun habe, und die frühen Morgenstunden zum Actenlesen benutzen

muß, damit ich vorbereitet am Tage verhören kann. -- Hiervon nichts weiter!

Wenn ich mich mit Ihnen unterrede, wollen wir in freieren und heiterern

Regionen wandeln, als wohin den Juristen sein Pfad führt.

Ueber meine hiesigen Umgebungen und Verhältnisse erwarten Sie wohl noch

kein Urtheil von mir. Personen und Sachen darf ich das Mißbehagen, welches

mich nicht verläßt, wahrlich nicht zur Last legen. Aber ich habe in jeder

Beziehung zu viel verloren, als daß ich vergnügt sein dürfte. Neigung und

Dank wandern beständig in die Ferne, da kann man freilich in der Nähe und

Gegenwart nicht zu Hause sein. Indessen bin ich gefaßt, denn ich habe,

wie Sie wissen, meinen ganzen gegenwärtigen Zustand in Münster schon

vorhergesehen.

Die Koffer, worin Ihre Papiere aus Versehen mit eingepackt sind, habe ich

noch nicht. Sobald sie ankommen, erfolgen die Papiere zurück. Ich bitte,

dieß dem Herrn General nebst meiner besten Empfehlung und nochmaligen

Danksagung für alle erwiesene Gewogenheit, zu melden. -- Ueber Ihre

Geldangelegenheiten nächstens mehr, ich muß diesen Brief gleich absenden,

und kann deßhalb jetzt über jenen Punkt mit Ihnen nicht ausführlich reden.

Möge mir nun bald gute und schöne Kunde von Ihnen zukommen! Ich habe den

Wunsch und das Bedürfniß mit Ihnen in beständiger naher Verbindung zu

bleiben. Die heutigen flüchtigen Zeilen sehen Sie nur wie ein Billet an,

welches Ihnen in der Eile von einem fernen Freunde und seiner Gesinnung

Nachricht giebt.

Der Reiz, die Anmuth und Würde Ihres Wesens, werden Sie gewiß immer tragen

und halten. In dieser Zuversicht sage ich Ihnen heute Lebewohl als

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's · 第 5 / 49 题