Mirgorod (Zweiter Teil.)

III. _Wij._ Diese Erzählung ist 1833 begonnen und 1834 noch einmal für

die erste Ausgabe von »Mirgorod« umgearbeitet. Die erste Ausgabe

enthielt noch eine Fußnote, die am Schluß der Erzählung, unter dem

Strich, abgedruckt war, und folgenden Wortlaut hatte: »Ein _Versehen_.

In dieser Erzählung ist aus Unachtsamkeit die Hälfte einer Seite

ausgelassen, aus der wir erfahren, wie der Bursche Choma Brut in der

Tochter des Hauptmanns die Hexe wiedererkannte, die ihm in Gestalt einer

alten Frau begegnet war.« Vermutlich meint der Verfasser folgende Zeilen

des handschriftlichen Textes, die im Drucke weggefallen sind. »>Er kennt

mich, er erinnert sich sicher noch an den Schafs .... Was aber dort im

Schafs .... vorgefallen ist, habe ich nicht mehr gehört. Das liebe Kind

hatte nur noch Zeit diese Worte zu sagen, -- dann legte sie sich hin und

starb.< Ein übermächtiger Schmerz ließ den Hauptmann einen Augenblick

inne halten. >Du mußt wissen<, sagte er, nachdem er sich ein wenig

erholt hatte, >was das zu bedeuten hat, im Schafs ....< -- >Gott mag

wissen, was das heißt, Herr Hauptmann. Ich habe einen Schafspelz.

Vielleicht meinte sie den. Vielleicht hat sie mich einmal auf dem Bazar

oder sonstwo in ihm gesehen<.« Gogol hat dann den _Wij_ für die erste

Ausgabe seiner gesammelten Werke noch einmal umgearbeitet. Hierbei hat

er, abgesehen von mehreren unwesentlichen Verbesserungen, noch folgenden

Stellen eine veränderte Fassung gegeben.

1) Seite 262 von den Worten an: »Sie stöhnte anfangs wütend« bis zum

Ende des Absatzes »Choma zitterte am ganzen Körper« Seite 263. In der

ersten Bearbeitung lautete die Stelle folgendermaßen: »und er begann mit

aller Gewalt auf die Alte loszuschlagen. Nach einigen Schlägen merkte

er, daß sie immer langsamer und langsamer zu laufen begann, der

Philosoph aber schlug immer eifriger auf sie ein. Endlich hielt die Hexe

es nicht mehr aus, fing an zu wanken und brach unter seinen Schlägen

zusammen. Unterdessen war der Tag angebrochen, die Vögel jubilierten in

den stillen, schlaftrunkenen Haselnußsträuchern; vor ihm, wie auf der

Handfläche, lag Kiew mit seinen länglichen birnenförmigen Kuppeln. Er

sprang auf, warf einen Blick auf die vor ihm liegende und kaum noch

atmende Hexe, und er konnte sich sein eigenes Gefühl nicht erklären: sah

er doch, wie ihr Gesicht sich verjüngte, und wie ein schneeweißer Glanz

in ihm aufleuchtete; jetzt kam sie ihm garnicht mehr alt vor, ein

eigentümlicher, halb lieblicher, halb abstoßender Zug umspielte ihre

Lippen und drang ihm schneidend bis ins Herz hinein. Er fühlte etwas wie

Mitleid in sich aufsteigen, aber er wollte nicht länger bei ihr bleiben,

und machte sich schleunigst auf den Weg nach der Stadt, während er

unaufhörlich über dies seltsame Abenteuer nachsann.«

2) _Die Zeilen_: »Plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht etwas furchtbar

Vertrautes zu erkennen. -- Es war dieselbe Hexe, die er getötet hatte.«

(Seite 280) lauteten in der ersten Fassung folgendermaßen: »>Das ist ja

die Hexe, die ich getötet habe,< schrie er entsetzt auf, als er sie sich

näher ansah. Und in der Tat, ihr Gesicht trug dieselben Züge, die ihn

damals in Erstaunen gesetzt hatten, als er statt des alten Weibes eine

Jungfrau vor sich liegen sah >Ah, das also war der Grund, warum ich für

sie beten sollte.< Voll inneren Grauens blickte er auf sie: jeder Zug

ihres Gesichtes schien ihm jetzt etwas Schreckliches und Drohendes zu

haben, und kalter Schweiß rann ihm von der Stirn herab.«

3) Auch die folgende Stelle hat eine Umarbeitung erfahren. (Seite 293:

»Wieder erhob sich der Leichnam, der jetzt ganz blau und grün aussah.

Die Lippen der Toten bewegten sich und schienen etwas sagen zu wollen.

Sie stampfte mit ihrem zarten, fast knochenlosen Fuß dumpf auf den

Boden, und die ganze Kirche erzitterte. Er glaubte zu hören, wie sich

etwas auf sie legte, und an den Fenstern erschienen allerhand

schreckliche Gestalten von furchtbarer Häßlichkeit. Aber in diesem

Augenblick ertönte ein ferner Hahnenschrei, und die Leiche sank in den

Sarg zurück.«

4) Ferner ist folgende Stelle stark gekürzt und umgearbeitet worden.

Seite 304: »Er ließ den Kopf sinken und fuhr in seinen Beschwörungen

fort, da hörte er plötzlich, wie die Tote mit den Zähnen knirschte und

die Hände hin und her zu bewegen begann, als wolle sie ihn fassen. Er

blickte vorsichtig nach ihr hin, und sah, daß die Leiche gar nicht dahin

griff, wo er stand, und daß sie ihn gar nicht sehen konnte. Dieser

Mißerfolg schien die Tote rasend zu machen, sie knirschte wieder mit den

Zähnen, trat in die Mitte der Kirche und stampfte abermals mit dem Fuße,

aber es gab nur einen kurzen dumpfen Ton, ihre Lippen verzerrten sich

und schienen etwas vor sich hin zu murmeln; allein man hörte nicht, was

es war. Der Philosoph vernahm, wie die Wände der Kirche zu stöhnen

begannen, ein seltsames Murren und ein schneidendes Gewimmer drang unter

dem dumpfen Gewölbe hervor, von den Fenstern her erscholl ein

widerwärtiges Kratzen und plötzlich drang aus Türen und Fenstern mit

furchtbarem Lärm und Getöse eine Unzahl von Gnomen von schrecklichem und

abstoßendem Äußern herein, wie sie noch nie jemand -- nicht einmal im

Traume gesehen hat. Der Philosoph sah plötzlich eine ungeheure Menge

widerwärtiger Flügel, Füße und Gliedmaßen vor sich, die er in seiner

Angst gar nicht einzeln zu unterscheiden vermochte. Hoch über alle

hinaus ragte ein seltsames Wesen, das die Form einer Pyramide hatte und

ganz mit Schleim bedeckt war. Statt der Füße besaß es zwei Knochen, die

die Gestalt eines halben menschlichen Kinnbackens hatten; oben von der

Spitze dieser Pyramide hing eine lange Zunge herab, die das Ungeheuer

beständig ausstreckte und nach allen Seiten hin und her bewegte. Auf dem

gegenüberliegenden Chor saß etwas Großes, Weißes mit zwei langen weißen

Säcken, die es statt der Beine herabhängen ließ; an Stelle der Arme,

Augen und Ohren hatte es gleichfalls Säcke, die tief herunterhingen. Ein

wenig weiter reckte sich etwas Schwarzes empor, das ganz mit Schuppen

bedeckt war, es hatte eine Unzahl von feinen dünnen Händen, die es über

der Brust gekreuzt hielt, und statt des Kopfes eine blau schimmernde

Menschenhand. Ein riesenhafter Schwabenkäfer fast von der Größe eines

Elefanten, war an der Tür stehen geblieben und streckte seine Fühler

durch die Türöffnung herein, von der Spitze der Kuppel fiel etwas

Schwarzes lärmend in die Mitte der Kirche herab: es bestand aus lauter

Beinen, die sich auf dem Boden hin und her bewegten und sich

unaufhörlich zusammenkrümmten, wie wenn das Ungeheuer sich erheben

wollte. Ein rötlich-blaues Wesen ohne Hände und ohne Beine streckte zwei

lange Rüssel in die Luft hinaus und schien nach jemand zu suchen, und

eine gewaltige Menge anderer Geschöpfe, die das erschrockene Auge schon

nicht mehr zu unterscheiden vermochte, ging, flog und kroch in allen

Richtungen durcheinander; eins bestand einzig und allein aus einem Kopf,

ein anderes aus einem abscheulichen Rachen, ein drittes aus einem

Flügel, welcher mit unerträglichem Zischen durch die Luft flog. Choma

schloß die Augen und hatte nicht mehr den Mut, hinzublicken. Er hörte

nur, daß diese ganze Gesellschaft nach ihm suchte, er bemühte sich

krampfhaft, sich aller Beschwörungen, die er kannte, zu erinnern, und

sprach sie mit hastiger, stockender Stimme vor sich her.

Die Angst und das Entsetzen trieben ihm den Schweiß auf die Stirn. Es

schien ihm, als müsse er vor lauter Schrecken sterben, wenn das Bein

eines dieser Ungeheuer von so abstoßendem Äußern ihn berühren würde.

Schon sah er, wie eine dieser Mißgeburten seine langen Rüssel

ausstreckte, und wie einer von diesen über den Strich hinaus langte ...

O Gott! Aber da ertönte ein Hahnenschrei, die ganze Schar erhob sich mit

einem Male und flog zu den Türen und Fenstern hinaus.

5) Vollkommen verändert ist auch der Schluß der Erzählung, der in der

ersten Fassung folgenden Wortlaut hatte: »Plötzlich vernahm er inmitten

der Stille aufs neue das widerwärtige Kratzen, Pfeifen, Klirren und

Lärmen an den Scheiben. Ängstlich schloß er die Augen und hörte einen

Augenblick auf, zu lesen. Ohne die Augen zu öffnen, vernahm er

plötzlich, wie ein ganzer Haufen von Ungeheuern mit Getöse auf den Boden

fiel, das von einem schrecklichen dumpfen oder hellen Gepolter, zarten

Geräuschen, wie wenn etwas Weiches herabfiele, oder widerlichem Gewinsel

begleitet war. Er öffnete seine Augen ein wenig, schloß sie aber schnell

wieder. Entsetzen umfing ihn; es waren dieselben Gnomen von gestern, nur

mit dem Unterschiede, daß er noch eine ganze Menge neuer unter ihnen

erblickte. Nahezu ihm gegenüber stand etwas Kohlschwarzes, dessen

dunkles Skelett deutlich hervortrat, und zwischen dessen dunklen Rippen

der gelbe Leib deutlich durchschimmerte. Etwas abseits stand ein langes,

mageres Wesen, das einem Stocke glich und aus lauter Augen mit langen

Wimpern zusammengesetzt zu sein schien. Etwas weiter sah er ein

riesenhaftes Ungeheuer, das beinahe die ganze Wand einnahm und in einen

dichten Wald von durcheinander gewirrten Haaren eingehüllt war. Aus

diesem Haarnetz blickten zwei entsetzliche Augen hervor. Voller Angst

schaute er empor: über ihm in der Luft schwebte etwas wie eine gewaltige

Blase, die aus ihrer Mitte tausend Krebsscheren und Skorpionenstacheln

hervorstreckte, an denen mächtige Klumpen schwarzer Erde hingen.

Entsetzt richtete er seine Augen wieder auf sein Buch. Die Gnomen

machten einen fürchterlichen Lärm mit ihren Schuppenschwänzen, ihren mit

Krallen versehenen Füßen und ihren rauschenden Flügeln, und er hörte,

wie sie ihn allesamt in allen Ecken suchten. Das alles machte, daß der

letzte Rest seines Rausches verschwand, der noch im Kopfe des

Philosophen rumorte, und voller Eifer las er seine Gebete herunter. Er

hörte, wie jene vor Wut rasten, weil sie ihn nicht zu finden vermochten.

>Wie wenn sich nun plötzlich die ganze Schar auf mich stürzte?< dachte

er und schrak bei diesem Gedanken zusammen. >_Wij!_ laßt uns den _Wij_

holen< schrie eine Menge seltsamer Stimmen durcheinander, und es schien

ihm, wie wenn ein Teil der Gnomen sich entfernte. Dennoch aber stand er

mit geschlossenen Augen da, und wagte es nicht aufzublicken. >Wij, Wij,<

schrien alle mit lauter Stimme, und aus der Ferne ertönte Wolfsgeheul

und dumpfes Hundegebell. Die Tür sprang krachend auf, und Choma hörte,

wie eine ganze Schar von Geistern hereinstürzte, dann wurde es plötzlich

still, wie in einem Grabe. Er wollte die Augen öffnen, aber eine innere

Stimme flüsterte ihm zu: >sieh nicht hin<. Er nahm alle Kraft zusammen

.. doch eine unbegreifliche, vielleicht aus der Angst stammende

Neugierde machte, daß sein Auge sich wie von selbst öffnete. Vor ihm

stand ein riesengroßes Geschöpf von menschlicher Gestalt, dessen

Augenlider bis zur Erde herabhingen. Voller Grauen bemerkte der

Philosoph, daß das Antlitz dieses Wesens von Eisen war, und er richtete

seine glühenden Augen wieder auf sein Buch. >Hebt mir die Lider empor,<

sagte Wij mit unterirdischer Stimme, und die ganze Dämonenschar stürzte

auf ihn zu, um ihm die Lider emporzuheben. >Sieh nicht hin,< flüsterte

eine innere Stimme dem Philosophen zu. Aber er hielt es nicht aus und

blickte hin. Zwei schwarze Kanonenkugeln starrten ihm gerade in die

Augen, und eine eiserne Hand erhob sich und wies mit dem Finger auf ihn.

>Da ist er,< schrie Wij, und alle Dämonen, die in der Kirche waren, all

die scheußlichen Ungeheuer fielen zusammen über ihn her, und leblos

stürzte er zu Boden. Der Hahn krähte schon zum zweitenmal, den ersten

Schrei hatten die Geister überhört. Jetzt erhoben sich die

Dämonenscharen und wollten davonfliegen, aber es war schon zu spät, sie

kamen nicht vom Flecke und blieben regungslos zwischen Türen und

Fenstern, an der Kuppel und in den Ecken und Winkeln hängen ... Da

öffnete sich die Tür, und ein Geistlicher, der aus einem fernen Dorfe

gekommen war, um die Totenmesse abzuhalten und die Tote zu begraben,

betrat die Kirche. Entsetzt wich er zurück, als er diese Schändung des

Allerheiligsten erblickte, und er wagte es nicht, das göttliche Wort in

diesen Räumen erklingen zu lassen. So blieb denn seit jener Zeit in

dieser Kirche alles, wie es war. Auch heute noch sind die Ungeheuer dort

in den Fenstern festgebannt. Die Kirche ist mit Moos bewachsen, und von

Bäumen und Sträuchern überwuchert, die ihre Wurzeln bis in die Wände und

Mauern hineinsenken: nie wird sie von einem menschlichen Fuße betreten,

und keine Seele weiß, wo und in welcher Gegend sie sich befindet.«

IV. _Wie Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch sich entzweiten._

Diese Erzählung ist nach Gogols eigenem Zeugnis im Jahre 1831 entworfen;

im April des Jahres 1833 befand sie sich bei Smirdin, der sie im

»Almanach Nowosselje« (Neues Heim) abdruckte. Die Unterschrift des

Zensors trägt das Datum »den 18. April 1834«. Am 7. April desselben

Jahres las Gogol diese Erzählung Puschkin vor.

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod · 第 31 / 34 题