Wij.[2]

[Fußnote 2: Wij ist eine ins Riesenhafte gehende Schöpfung der

Volksphantasie. So heißt nämlich bei den Klein-Russen der Fürst der

Gnomen, dessen Augenlider bis an die Erde reichen. Die ganze folgende

Erzählung ist eine Volkssage. Ich wollte sie völlig unverändert lassen,

und erzähle sie daher fast ebenso schlicht und einfach, wie ich sie

gehört habe.]

Sowie die helle Glocke ertönte, die an der Pforte des

Bruderschaftsklosters zu Kiew hing, kamen die Schüler und Seminaristen

von allen Enden der Stadt in dichten Scharen herbeigeeilt. Die

Grammatiker, die Rhetoriker, die Philosophen und Theologen, sie alle

strebten mit ihren Heften unter dem Arm der Schule zu. Die Grammatiker

waren noch sehr klein; sie balgten sich unterwegs und schimpften sich

mit ihren feinen Diskantstimmen. Fast immer hatten sie zerrissene,

schmutzige Kleider an, und ihre Taschen waren stets mit allerlei Plunder

wie: Knöcheln, Federkielpfeifen und angebissenen Pasteten vollgestopft.

Manchmal trugen sie sogar junge Spatzen in der Tasche, und mitunter

begann wohl der eine oder der andere, wenn tiefe Stille in der Klasse

herrschte, zu zwitschern, was seinem Besitzer ein paar tüchtige Schläge

auf beide Hände, und ab und zu auch eine Tracht Prügel mit der Rute aus

jungen Kirschbaumzweigen eintrug. Bei den Rhetorikern ging es schon

solider zu; ihre Kleider waren oft noch vollkommen heil, aber dafür

waren sie im Gesicht fast immer mit einer Trophäe in Form einer

rhetorischen Trope geschmückt: entweder versteckte sich ein Auge ganz

unter der geschwollenen Stirn, oder man sah statt der Lippen eine große

Blase, oder auch ein anderes charakteristisches Merkzeichen. Diese

Rhetoriker sprachen und fluchten im Tenor, die Philosophen aber griffen

eine ganze Oktave tiefer. Ihre Taschen enthielten nichts, außer

kräftigen Tabaksblättern. Sie legten sich keine Vorräte an, denn alles,

was ihnen unter die Finger kam, wurde sofort verzehrt. Sie rochen oft

schon von weitem so stark nach Tabak und Schnaps, daß ein

vorübergehender Handwerker stets stehen blieb und wie ein Jagdhund in

der Luft herum schnüffelte.

Um diese Zeit begann der Marktplatz langsam zu erwachen. Die

Händlerinnen breiteten ihre Bretzeln, Semmeln, Wassermelonen und

Mohnsamen mit Honig aus und zupften die Vorübergehenden, die Kleider aus

feinem Tuch oder schmuckem Baumwollstoff trugen, an den Rockschößen.

»Junge Herren, junge Herren, hierher! hierher!« riefen sie von allen

Seiten. »Sehen Sie nur, was für Mohnkuchen, was für schöne Brötchen und

Bretzeln -- sie sind ganz ausgezeichnet, bei Gott! Von feinstem Honig --

ich habe sie selbst gebacken!«

Eine andere hielt ein langes, gewundenes Gebäck aus Teig in die Höhe und

schrie: »He, he, die schöne Honigstange! Junger Herr kaufen Sie doch

diese Honigstange!«

»Kaufen Sie ja nichts bei der: Sehen Sie doch diese widerliche Person

an, die häßliche Nase, die unsauberen Hände ...«

Die Philosophen und Theologen aber ließen sie in Ruhe; denn diese

liebten es nur zu »probieren«, und zwar nahmen sie sich immer gleich

eine ganze Hand voll.

Im Seminar angekommen, verteilte sich die ganze Schar sogleich in den

Klassen, die sich in niedrigen aber ziemlich geräumigen Zimmern, mit

breiten Türen, kleinen Fenstern und schmutzigen Bänken befanden.

Plötzlich erfüllte ein vielstimmiges Summen die Räume: die älteren

Schüler, die sogenannten Auditoren, hörten den jüngeren ihre Lektionen

ab; hierbei war der helle Diskant des Grammatikers genau auf den Ton der

kleinen Fensterscheibe abgestimmt, die ihn fast unverändert zurückwarf;

in der Ecke brüllte ein Rhetor, dessen Mund und wulstige Lippen

eigentlich mehr zu einem Philosophen paßten. Er rezitierte mit tiefer

Baßstimme und man vernahm von weitem nichts wie ein dumpfes Bu, bu, bu,

bu ... Die Auditoren, die den jüngeren Schülern ihre Lektion überhörten,

schielten mit einem Auge unter die Bank, wo gewöhnlich aus der Tasche

des ihnen unterstellten Seminaristen ein Brot, ein Quarkkuchen, oder

Kürbissamen hervorblickten.

Traf es sich, daß sich die ganze gelehrte Schar etwas früher als nötig

versammelt hatte, oder wenn es bekannt wurde, daß die Professoren später

als sonst kommen würden, dann inszenierte man unter allgemeinen Beifall

eine »Schlacht«, an der alle Schüler, sogar die Zensoren teilnehmen

mußten, die verpflichtet waren, die Ordnung aufrechtzuerhalten, und die

die Moral des ganzen Schülerstandes zu beaufsichtigen hatten. Gewöhnlich

entschieden zwei Theologen, wie die Schlacht vor sich gehen, ob jede

Klasse für sich kämpfen, oder ob alle zusammen zwei Lager, nämlich die

Bursa und das Seminar, bilden sollten. Auf alle Fälle machten die

Grammatiker den Anfang, sobald sich dann die Rhetoriker hineinmengten,

liefen sie fort und stellten sich an erhöhten Plätzen auf, um den Gang

der Schlacht zu beobachten. Dann kamen die Philosophen mit ihren langen

schwarzen Schnurrbärten an die Reihe, und ganz zuletzt griffen die

Theologen mit ihren gräßlichen Hosen und den furchtbaren, dicken Hälsen

in die Schlacht ein. Gewöhnlich endete der Kampf damit, daß die

Theologie sämtliche Kämpfer besiegte, die Philosophie aber wurde in die

Klasse gedrängt, rieb sich die Lenden und setzte sich auf die Bänke, um

sich zu erholen. Der Professor, der zu seiner Zeit auch an ähnlichen

Kämpfen teilgenommen hatte, merkte beim Eintritt in die Klasse sofort an

den Gesichtern seiner Zuhörer, daß es keine üble Schlacht gegeben hatte,

und klopfte den Rhetoren mit Ruten auf die Finger, während sein Kollege

in der anderen Klasse die Hände der Philosophen mit einer Holzleiste

bearbeitete. Mit den Theologen wurde ganz anders verfahren: ihnen wurde,

nach dem Ausdruck des Theologieprofessors, ein Maß »grober Erbsen«, und

zwar vermittelst eines kurzen Lederriemens zugemessen.

An Festen und an Feiertagen zogen die Seminaristen und Schüler mit einem

Puppentheater von Haus zu Haus; manchmal spielten sie auch selbst

Komödie, und dann zeichnete sich immer ein Theologe besonders aus:

irgend ein Riese, der nicht viel kleiner war, als der Glockenturm von

Kiew. Er spielte die Herodias oder Frau Potiphar, die Gemahlin des

ägyptischen Kämmerers. Zur Belohnung erhielten sie ein Stück Leinwand,

einen Sack Hirse, die Hälfte einer gebratenen Gans und dergleichen. All

diesem gelehrten Volk, der Bursa, wie dem Seminar -- die eine ererbte

Antipathie gegeneinander hegten -- fehlte es meist an den notwendigen

Subsistenzmitteln, dabei aber waren sie außerordentlich gefräßig; es

wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, die Zahl der Klöße anzugeben,

die jeder von ihnen beim Abendbrot herunterschlang; so reichten denn

auch die freiwilligen Spenden der wohlhabenden Gutsbesitzer gewöhnlich

nicht aus. Daher schickte mitunter der Senat, der nur aus Philosophen

und Theologen bestand, die Grammatiker und Rhetoriker unter Führung

eines Philosophen, -- zuweilen aber schloß er sich auch selbst ^in

corpore^ an -- mit Säcken auf den Schultern in die fremden Gemüsegärten;

an solchen Tagen gab's in der Bursa Kürbisbrei. Die Senatoren schlugen

sich den Magen so mit Melonen und Wassermelonen voll, daß die Auditoren

am nächsten Tage statt eines Vortrages, deren zwei zu hören bekamen: der

eine drang aus dem Munde, der andere aus dem Magen des Senators hervor.

Die Zöglinge der Bursa wie auch die des Seminars trugen lange Röcke,

welche »bis _dahin_« reichten; ein technischer Ausdruck, der soviel

besagte als: »bis an die Fersen«.

Das feierlichste Ereignis für das Seminar aber war der Anbruch der

Ferien, die Zeit vom Monat Juni an, wo die Bursa gewöhnlich nach Hause

entlassen wurde. Dann war die Landstraße wie besät von Grammatikern,

Rhetoren, Philosophen und Theologen. Wer kein eigenes Heim besaß, zog zu

einem seiner Kameraden. Die Philosophen und Theologen gingen in

»_Kondition_«, d. h. sie unterrichteten oder bereiteten die Kinder

wohlhabender Leute für die Schule vor. Dafür erhielten sie einmal im

Jahr ein Paar neue Stiefel und manchmal auch etwas Geld zu einem neuen

Rock. Diese ganze Gesellschaft zog geschlossen aus wie eine

Zigeunerbande, kochte sich ihre Grütze und übernachtete im Freien. Jeder

trug einen Sack, in dem sich ein Hemd und ein Paar Fußlappen befanden.

Die Theologen waren besonders sparsam und peinlich: um ihre Stiefeln zu

schonen, zogen sie sie aus, hängten sie auf ihre Stöcke, und trugen sie

auf ihren Schultern; das taten sie besonders, wenn es auf der Straße

sehr schmutzig war. Sie krempelten ihre Hosen bis zu den Knien auf und

patschten furchtlos mit den bloßen Füßen durch die Pfützen. Sowie sie

irgendwo ein Gehöft erblickten, schwenkten sie von der Landstraße ab,

näherten sich der stattlichsten Hütte, stellten sich vor den Fenstern in

Reih und Glied auf und begannen aus voller Kehle einen Kantus

anzustimmen. Der Hausherr, der gewöhnlich ein alter, ansäßiger Kosak

war, stützte den Kopf auf beide Hände und hörte ihnen lange zu, dann

fing er bitterlich an zu weinen und wandte sich an seine Frau: »Frau,

was die Scholaren da singen, das muß etwas sehr Gescheites sein. Bring

ihnen doch etwas Speck hinaus, und was sonst noch da ist.« Dann wurde

eine ganze Schüssel voller Quarkkuchen in den Sack geschüttet, dazu ein

gehöriges Stück Speck; auch einige Laib Brot verschwanden darin und

manchmal sogar ein zusammengebundenes Huhn. Nachdem sie sich so einen

tüchtigen Vorrat angelegt hatten, zogen die Grammatiker, Rhetoren,

Philosophen und Theologen wieder ihres Weges. Je weiter sie jedoch

kamen, um so kleiner wurde die Schar. Allmählich zerstreute sich alles

und wanderte nach Haus, und es blieben nur die übrig, deren Elternhaus

weiter entfernt war, als das der andern.

Einst bogen während einer solchen Reise drei Burschen von der Landstraße

ab, um beim ersten besten Gehöft, auf das sie stießen, den schon längst

geleerten Sack mit neuen Vorräten zu versorgen. Dies waren der Theologe

Haljawa, der Philosoph Choma Brut und der Rhetor Tiberius Gorobetz.

Der Theologe war ein großer, breitschultriger Bursche und hatte die

äußerst merkwürdige Gewohnheit, alles zu stehlen, was in seine Nähe kam.

Übrigens hatte er einen sehr finsteren Charakter; wenn er betrunken war,

versteckte er sich im Gebüsch, und das Seminar hatte viel Mühe, ihn von

dort hervorzuholen.

Der Philosoph, Choma Brut, war von heiterer Gemütsart, er liebte es

sehr, auf der Bank zu liegen und seine Pfeife zu rauchen; wenn er trank,

ließ er sogleich »Musikanten« kommen und tanzte einen Trepak.[3]

Er hatte schon oft ein Maß »grober Erbsen« zu kosten bekommen, aber er

ertrug es mit stoischem Gleichmut und sagte nur: niemand entgeht seinem

Schicksal.

Der Rhetor, Tiberius Gorobetz, hatte noch nicht das Recht, einen

Schnurrbart zu tragen, Schnaps zu trinken und zu rauchen. Er trug nur

einen Haarschopf auf dem Scheitel, und sein Charakter war damals noch

wenig entwickelt. Aber aus den großen Beulen auf der Stirn, mit denen er

oft in die Klasse kam, ließ sich schließen, daß er einmal einen

tüchtigen Soldaten abgeben würde. Der Theologe Haljawa und der

Philosoph, Choma, zupften ihn oft zum Zeichen ihrer Gönnerschaft am

Schopfe und gebrauchten ihn als Boten.

[Fußnote 3: Ein russischer Nationaltanz.]

Es war schon Abend, als sie von der Landstraße abbogen; die Sonne war

eben untergegangen, und noch spürte man in der Luft die Wärme des Tages.

Der Theologe und der Philosoph marschierten schweigsam mit der Pfeife im

Munde dahin und der Rhetor, Tiberius Gorobetz, schlug mit seinem Stab

den am Wege wachsenden Disteln die Köpfe ab. Der Weg zog sich zwischen

Gruppen von Eichen und Nußbäumen dahin, welche die Wiesen beschatteten;

dann und wann unterbrachen Hügel und kleine grüne Berge, die so rund

waren wie Kuppeln, die Ebene. Verstreute Ackerfelder, mit reifendem

Getreide bestellt, ließen erkennen, daß irgendwo ein Dorf in der Nähe

sein müsse. Aber es war schon mehr als eine Stunde vergangen, seit sie

an dem Ackerfelde vorbeigekommen waren, und noch immer war kein Gehöft

zu sehn. Die Dämmerung hatte schon den ganzen Himmel eingehüllt: nur

fern im Westen schimmerte noch ein schmaler, blauer Streifen Abendrot.

»Weiß der Teufel,« sagte der Philosoph Choma Brut, »es sah doch ganz so

aus, als müßten wir gleich auf ein Gehöft stoßen!«

Der Theologe schwieg und sah sich nach allen Seiten um, dann steckte er

seine Pfeife wieder in den Mund, und alle drei trabten weiter.

»Bei Gott,« rief der Philosoph und blieb wieder stehen, »es ist rein gar

nichts zu sehen. Hol's der Henker!«

»Vielleicht erreichen wir doch noch ein Gehöft,« sagte der Theologe,

ohne seine Pfeife aus dem Munde zunehmen.

Unterdessen war die Nacht hereingebrochen, eine finstere, dunkele Nacht;

die kleinen Wolken am Himmel verstärkten die Finsternis nur noch mehr,

und allem Anscheine nach durfte man weder auf Mond noch Sterne rechnen.

Die Burschen merkten, daß sie sich verirrt hatten und längst vom

richtigen Wege abgekommen waren.

Der Philosoph tastet mit dem Fuß nach allen Seiten und rief endlich kurz

aus. »Ja, wo ist denn der Weg?«

Der Theologe schwieg, und murmelte nach einigem Nachdenken: »Ja, die

Nacht ist dunkel ..!«

Der Rhetor kniete nieder und versuchte den Weg mit den Händen zu

befühlen, aber seine Hände gerieten fortwährend in einen Fuchsbau

hinein. Ringsumher lag die öde Steppe: scheinbar war hier noch nie

jemand vorbei gefahren.

Die Wanderer machten noch einen Versuch, weiterzugehen: aber überall

stießen sie auf die gleiche Wildnis. Der Philosoph fing an zu rufen:

jedoch seine Stimme verhallte ohne in der Umgegend das geringste Echo zu

wecken. Nach einer Weile hörten sie ein schwaches Stöhnen, das einige

Ähnlichkeit mit dem Heulen eines Wolfes hatte.

»Teufel -- was ist hier zu machen?« sagte der Philosoph.

»Was? -- wir bleiben hier und übernachten im Feld,« erwiderte der

Theologe und griff in die Tasche, um sein Feuerzeug hervorzuholen und

sich von neuem die Pfeife anzuzünden. Aber der Philosoph wollte nicht

darauf eingehen: er hatte die Gewohnheit, vor dem Schlafengehn noch

einen halben Zentner Brot und vier Pfund Speck zu vertilgen, und fühlte

eine unerträgliche Leere im Magen; auch fürchtete er sich trotz seiner

heiteren Gemütsart ein wenig vor den Wölfen.

»Nein, Haljawa, das geht nicht,« sagte er. »Wollen wir uns etwa ohne

jede Stärkung hinlegen und einschlafen, wie die Hunde? Versuchen wir's

doch noch einmal, vielleicht stoßen wir noch auf irgend ein Haus, und

vielleicht glückt es uns wenigstens, vor dem Schlafengehen noch ein

Gläschen Schnaps herunterzugießen.«

Bei dem Worte »Schnaps« spuckte der Theologe aus und murmelte:

»natürlich, wozu sollten wir auch im Freien übernachten?«

Die Burschen gingen weiter und glaubten bald zu ihrer großen Freude in

der Ferne etwas wie Hundegebell zu vernehmen. Sie horchten, von welcher

Seite das Gebell herkam, und schritten fröhlich vorwärts. Nach einer

Weile erblickten sie ein Licht.

»Ein Gehöft, bei Gott, ein Gehöft,« rief der Philosoph.

Seine Vermutung hatte ihn nicht betrogen. Nach einiger Zeit bemerkten

sie eine Ansiedlung, die nur aus zwei Hütten und einem Hof bestand. In

den Fenstern schimmerte Licht; ein Dutzend Pflaumenbäume ragte über den

Zaun. Als die Burschen durch die Spalten zwischen den Brettern des Tores

blickten, gewahrten sie einen Hof, der voller großer Lastwagen stand.

Jetzt erglänzten auch einige Sterne am Himmel.

»Hallo Brüder, jetzt heißt es energisch sein! Koste es was es wolle, wir

müssen uns ein Nachtlager erobern!«

Die drei Bildungsbeflissenen klopften einmütig an das Tor und riefen:

»Macht auf!«

Die Tür der einen Hütte knarrte, und einen Augenblick darauf sahen die

Burschen ein altes Weib in einem Pelzrock vor sich.

»Wer ist da,« rief sie, und hustete dumpf.

»Mütterchen, laß uns hier übernachten; wir haben uns verirrt, im Freien

ist es ebenso schlimm wie in einem leeren Magen.«

»Was seid ihr für Volk?«

»Harmlose Leute: der Theologe Haljawa, der Philosoph Brut und der Rhetor

Gorobetz.«

»Es geht nicht,« knurrte die Alte, »mein Hof ist voll, jeder Winkel ist

besetzt. Wo soll ich hin mit euch? Mit solchen großen, gesunden

Burschen! Meine Hütte wird noch einstürzen, wenn ich solche Riesen in

ihr unterbringe. Diese Theologen und Philosophen kenne ich: wenn man

sich erst einmal mit solchen Trunkenbolden einläßt, ist man bald ohne

Haus und Hof. Macht, daß ihr weiter kommt, hier ist kein Platz für

euresgleichen!«

»Erbarme dich Mütterchen! Das geht doch nicht, daß ein Christenmensch so

um nichts und wieder nichts umkommen soll. Steck uns, wohin du willst,

wenn wir nur das Geringste anstellen -- dann mögen uns die Hände

verdorren, Gott weiß, was uns da passieren mag ... Hörst du?«

Wie es schien, ließ sich die Alte ein wenig erweichen. »Gut,« sagte sie

nach kurzem Bedenken, »ich will euch hereinlassen, aber ich werde jedem

von euch einen anderen Ort anweisen; ich habe keine Ruhe, wenn ihr

zusammen bleibt.«

»Wie du willst, wir fügen uns in alles,« antworteten die Burschen. Die

Pforte knarrte, und sie traten in den Hof.

»Nun, wie steht's, Mütterchen,« sagte der Philosoph, während er der

Alten folgte, »wenn du, sozusagen ... bei Gott, mir ist's, als ob mir

jemand mit einem Wagen im Magen herumfährt. Seit heute morgen habe ich

keinen Bissen im Munde gehabt!«

»Sieh einer an, was der für Gelüste hat,« sagte die Alte, »nein, ich

habe nichts, und der Ofen ist heute auch gar nicht geheizt worden.«

»Wir würden ja morgen alles gehörig bezahlen,« fuhr der Philosoph fort,

»wahrhaftig -- bar bezahlen.« Und er setzte leise hinzu: »Hol dir's doch

vom Teufel.«

»Vorwärts, vorwärts, seid zufrieden mit dem, was man euch gibt. Daß mir

der Teufel auch solch feine Herren zuführen mußte!«

Bei diesen Worten wurde es dem Philosophen Choma ganz wehmütig ums Herz,

plötzlich aber witterte seine Nase den Geruch von getrockneten Fischen.

Er warf einen Blick auf die Hosen des Theologen, der neben ihm ging, und

sah, daß ihm ein riesiger Fischschwanz aus der Tasche ragte.

Der Theologe hatte nämlich schon Zeit gefunden, eine ganze Karausche aus

der Fuhre wegzustibizen. Da dies aber nicht aus Habgier, sondern mehr

aus Gewohnheit geschehen war, hatte er seine Karausche längst vergessen

und spähte schon wieder nach allen Seiten, was er nun noch erwischen

könnte: selbst ein zerbrochenes Rad war nicht sicher vor ihm. Der

Philosoph Choma steckte daher seine Hand in Haljawas Tasche, als sei's

seine eigene, und holte die Karausche hervor.

Die Alte hatte die Burschen bald untergebracht: der Rhetor kam in die

Hütte, der Theologe in eine leere Kammer, und den Philosophen führte sie

in einen Schafstall.

Als der Philosoph allein war, verspeiste er sofort die Karausche,

untersuchte die geflochtenen Wände des Stalls, versetzte einem

neugierigen Schwein, das den Rüssel aus dem anstoßenden Kober hinein

steckte, einen Stoß mit dem Fuß, und legte sich auf die rechte Seite, um

sofort einzuschlafen wie ein Toter. Da öffnete sich plötzlich die

niedrige Tür, und die Alte trat gebückt in den Stall.

»Ah, Mütterchen! Was willst du?« sagte der Philosoph.

Aber die Alte ging mit ausgebreiteten Armen gerade auf ihn zu.

»Ach so,« dachte der Philosoph. »Nein, mein Täubchen, du bist mir zu

alt.«

Er rückte etwas ab, aber die Alte kam unbekümmert näher.

»Höre, Mütterchen, jetzt ist's Fastenzeit, und ich gehöre zu den

Menschen, die die Fasten auch für tausend Goldstücke nicht verletzen,«

sagte der Philosoph.

Aber die Alte sprach kein Wort; sie breitete ihre Arme aus und suchte

ihn zu fangen.

Dem Philosophen wurde ganz unheimlich zumute, besonders als er merkte,

daß ihre Augen in ungewöhnlichem Glanze aufleuchteten. »Mütterchen, was

ist mit dir! Geh mit Gott!« schrie er.

Aber die Alte sagte noch immer nichts und griff mit beiden Händen nach

ihm.

Er sprang auf, um fort zu laufen, doch die Alte stellte sich in die Tür,

sah ihn mit funkelnden Augen an und ging von neuem auf ihn los.

Der Philosoph wollte sie mit den Händen fortstoßen, aber er fühlte zu

seinem Erstaunen, daß er die Arme nicht bewegen konnte. Seine Füße

rührten sich nicht vom Fleck, er empfand mit Schrecken, daß ihm selbst

die Stimme den Dienst versagte; er wollte etwas sagen, aber seine Lippen

bewegten sich nur, ohne einen Laut hervorzubringen. Er hörte nur, wie

sein Herz schlug und sah, wie die Alte dicht an ihn herantrat, ihm die

Hände zusammen legte, ihm den Kopf hinabbog und mit katzenartiger

Geschwindigkeit auf seinen Rücken sprang. Sie gab ihm mit dem Besen

einen Schlag auf die Lenden, und er galoppierte wie ein Reitpferd davon

und trug sie auf den Schultern fort. Dies alles geschah so schnell, daß

der Philosoph gar nicht zur Besinnung kam; er griff mit beiden Händen

nach seinen Knien und wollte die Beine festhalten; aber zu seiner

größten Bestürzung bewegten sie sich gegen seinen Willen und machten

Sprünge, wie der beste Tscherkessen-Renner. Erst als sie aus dem Gehöft

heraus waren, und sich die weite Schlucht und der kohlschwarze Wald zu

ihrer Rechten ausbreitete, da sagte er zu sich selbst: »Aha, das ist

eine Hexe.«

Die ihm zugewandte Mondsichel leuchtete hell am Himmel, der schüchterne,

nächtliche Glanz breitete sich gleich einer durchsichtigen Decke über

die Erde und wogte wie eine zarte Rauchwolke hin und her; Wald, Wiesen,

Himmel und Täler, alles schien mit offenen Augen zu schlafen; es war

ganz windstill, nirgends schien sich ein Lüftlein zu regen. Etwas

Feuchtes und Laues lag in der mitternächtlichen Kühle; die Schatten der

Bäume und Sträucher fielen gleich Kometenschweifen spitz und kantig auf

die abschüssige Ebene. In solcher Nacht jagte der Philosoph Choma Brut,

mit seinem seltsamen Reiter auf dem Rücken, dahin. Ein wunderbar

quälendes, unheimlich süßes Gefühl erfüllte sein Herz. Er senkte den

Kopf und sah, daß das Gras, das seine Füße noch kurz zuvor berührt

hatten, jetzt tief, tief unter ihm lag, und darüberhin floß ein

durchsichtiges Gewässer, krystallhell wie das einer Gebirgsquelle; das

Gras schien den Boden eines hellen, durchsichtigen, bis zum Grunde

klaren Meeres zu bilden, wenigstens sah er deutlich, daß er sich mit der

auf seinem Rücken hockenden Alten darin spiegelte. Er sah dort unten

statt des Mondes eine Sonne aufleuchten, er hörte die blauen

Glockenblumen mit gesenkten Köpfchen läuten und er bemerkte, wie eine

Nixe aus dem Riedgras hervorschwamm -- ihr Rücken und ihre vollen

prallen Lenden bebten und leuchteten, sie schien ganz aus Licht und

Glanz gewebt. Sie wandte sich ihm zu, und er blickte ihr in ihr Antlitz

mit den klaren, hellen, strahlenden Augen -- sie kam näher, ihrem Munde

entströmte ein Gesang, der ihm bis in die Tiefen der Seele drang --

jetzt schwamm sie auf der Oberfläche -- stimmte ein silberhelles Lachen

an und entfernte sich wieder. Doch nun warf sie sich auf den Rücken.

Ihre Brüste, die mit dem sanften Glanze des Porzellans, dem der Schmelz

fehlt, wie durch eine Wolkenhülle hindurchschimmerten, leuchteten aus

ihrer weißen, schwellenden, zarten Umgebung hervor; das Wasser rann wie

ein Perlenregen in kleinen Tröpfchen auf sie herab, und sie zittert und

bebt und lacht hell aus der Flut hervor. --

Sieht er es oder sieht er es nicht? Träumt er oder ist er wach? Und was

soll das bedeuten? Ist das vielleicht der Wind, oder ist es Musik? Es

klingt und klingt, steigt auf und kommt näher und dringt ihm in die

Seele wie ein unerträglicher jubelnder Triller.

»Was ist das,« dachte der Philosoph Choma Brut während er hinunter

blickte, und raste weiter. Der Schweiß floß ihm in Strömen von der

Stirn; er hatte ein dämonisch-süßes Gefühl; eine durchbohrende,

quälende, schreckliche Wonne rieselte durch seinen Körper. Manchmal

glaubte er, daß er kein Herz mehr habe, und er griff erschrocken mit der

Hand danach. Erschöpft und verwirrt begann er alle ihm bekannten Gebete

vor sich hin zu murmeln; er wiederholte alle Geisterbeschwörungen und

fühlte plötzlich etwas wie eine Erleichterung; er merkte, wie sein

Schritt sich verlangsamte, die Hexe klammerte sich weniger fest an

seinen Rücken, er berührte das dichte Gras, das für ihn alles

Außergewöhnliche verloren hatte, wieder mit den Füßen. Die Mondsichel

leuchtete hell am Himmel.

»Vortrefflich,« dachte der Philosoph Choma und begann seine

Beschwörungen fast laut herzusagen. Endlich sprang er mit blitzartiger

Schnelligkeit unter der Alten fort, und setzte sich nun seinerseits auf

ihren Rücken. Die Alte lief mit kurzen kleinen Schritten vorwärts, aber

so schnell, daß dem Reiter fast der Atem ausging. Er konnte die Erde

kaum noch erkennen; alles war deutlich sichtbar, obgleich es nicht

einmal Vollmond war. Die Täler waren flach, aber die große Schnelligkeit

mit der sie vorüberrasten, ließ dem Auge alles unklar und trügerisch

erscheinen. Choma ergriff ein am Boden liegendes Holzscheit, und begann

die Alte aus Leibeskräften zu prügeln. Sie stöhnte anfangs wütend und

drohend auf, dann aber schwächer, angenehmer, immer reiner und leiser,

und zuletzt klang es wie Silberglockengeläut, und drang ihm tief in die

Seele. Unwillkürlich kam ihm der Gedanke: ist das wirklich noch die

Alte? »Ach, ich kann nicht mehr!« flüsterte sie ganz erschöpft und fiel

zu Boden.

Er sprang auf, und sah ihr in die Augen. Die Morgenröte stieg empor, in

der Ferne erstrahlten die Kirchen von Kiew. Vor ihm lag ein wunderbar

schönes Mädchen, mit einem herrlichen zerzausten Zopf, und schweren,

seidenweichen Wimpern, die so lang waren, wie ein Pfeil. Sie breitete

gefühllos ihre nackten, weißen Arme aus, richtete die tränenerfüllten

Augen nach oben und stöhnte.

Choma zitterte am ganzen Körper wie ein Espenblatt. Etwas wie Mitleid,

eine seltsame Aufregung, und eine ihm bis dahin ganz fremde

Schüchternheit erfaßten ihn. Er sprang auf und lief so schnell er

konnte. Sein Herz klopfte unruhig; er vermochte sich das neue Gefühl,

das ihn gepackt hatte, garnicht zu erklären. In das Gehöft

zurückzukehren -- dazu verspürte er keine Lust; so lief er denn nach

Kiew, und dachte den ganzen Weg lang über das unerklärliche Abenteuer

nach.

Es war kaum noch ein Seminarist in der Stadt. Alle waren auf den Dörfern

»in Kondition,« oder auch nicht, da man auf den kleinrussischen Gütern

Käse, Saure Gurken und Quarkkuchen, die so groß sind wie ein Hut, essen

darf, ohne einen Heller dafür zu bezahlen. Die große baufällige Hütte,

in der die Bursa einquartiert war, stand ganz leer, und soviel der

Philosoph auch in allen Ecken herumsuchen mochte -- er ließ selbst die

Löcher und Spalten im Dach nicht unbeachtet -- nirgends fand er ein

Stück Speck, ja nicht einmal eine alte Bretzel, die die Seminaristen an

solchen Stellen zu verstecken pflegten.

Übrigens fand der Philosoph bald ein Mittel, um dies Übel abzustellen.

Er ging auf den Markt, spazierte hier drei- bis viermal pfeifend auf und

ab, winkte einer am anderen Ende sitzenden jungen Witwe mit einem gelben

Kopftuch zu, die mit Bändern, Schrot und Rädern handelte, und wurde noch

am selben Tage mit Quarkkuchen aus Weizenmehl, Hühnerbraten usw.

versorgt -- es ist unmöglich, aufzuzählen, was da alles auf dem Tische

stand, der in einem kleinen Lehmhäuschen inmitten eines Kirschgartens

gedeckt wurde. Am Abend sah man den Philosophen in der Schenke; er lag

auf der Bank, rauchte wie gewöhnlich seine Pfeife und warf dem jüdischen

Wirt vor allen Leuten ein kleines Goldstück hin. Vor ihm stand ein Krug

mit Schnaps, er betrachtete die Kommenden und Gehenden mit

gleichgültigen, zufriedenen Blicken und dachte nicht im geringsten mehr

an sein seltsames Abenteuer.

* * * * *

Inzwischen aber verbreitete sich überall das Gerücht, die Tochter eines

der reichsten Hauptleute -- der ungefähr 50 Werst von Kiew eine

Besitzung hatte -- sei eines Morgens ganz zerschlagen von einem

Spaziergang zurückgekommen. Sie hätte kaum noch die Kraft gehabt, das

väterliche Haus zu erreichen, läge im Sterben, und hätte den Wunsch

geäußert, der Seminarist Choma Brut aus Kiew solle nach ihrem Tode

während dreier Nächte, die Totenmesse bei ihr lesen. Der Philosoph

erfuhr das alles durch den Rektor selbst, der ihn zu sich ins Zimmer

beschied und ihn beauftragte, sich unverzüglich auf den Weg zu machen,

da der berühmte Hauptmann zu diesem Zweck ein paar Leute und seinen

Wagen hergeschickt hätte.

Der Philosoph zitterte; ein unerklärliches Gefühl überkam ihn. Er konnte

sich selbst keine Rechenschaft über den Grund geben, aber eine dunkle

Ahnung sagte ihm, daß ihm nichts Gutes bevorstände. Ohne selbst zu

wissen warum, erklärte er geradeheraus, daß er nicht hinfahren werde.

»Hör' mal Domine Choma,« sagte der Rektor (es gab Fälle, wo er sehr

höflich mit seinen Untergebenen umging), »kein Teufel fragt danach, ob

du fahren willst oder nicht. Ich sage dir nur eins. Wenn du hier den

Störrischen spielst und räsonierst, so lasse ich dir den Rücken und

anliegende Körperteile so mit jungen Birkenruten durchbleuen, daß du dir

den Gang ins Bad ersparen kannst.« Der Philosoph kratzte sich ein wenig

hinter dem Ohr, ging wortlos hinaus, und setzte seine ganze Hoffnung auf

seine Beine, von denen er bei der ersten günstigen Gelegenheit Gebrauch

machen wollte. Ganz in Gedanken versunken stieg er die steile Treppe

hinab, die in den pappelumstandenen Hof führte und blieb einen Moment

stehen; er hörte den Rektor mit deutlicher Stimme dem Verwalter und noch

jemanden, -- wahrscheinlich einem Boten des Hauptmanns, der nach ihm

gekommen war, -- Befehle erteilen und sagen:

»Danke deinem Herrn für die Grütze und die Eier und sage ihm, sobald die

Bücher, von denen er schreibt, fertig sind, würde ich sie ihm zusenden;

ich habe sie dem Schreiber schon zur Abschrift übergeben. Und noch was,

mein Lieber, vergiß deinen Herrn nicht daran zu erinnern, daß ihr auf

eurem Gut so herrliche Fische habt, besonders einen ganz ausgezeichneten

Stör: er könnte mir bei Gelegenheit etwas davon schicken; bei uns auf

den Jahrmärkten ist er nicht gut und zu teuer. Und du, Jantuch, gib den

Leuten einen Becher Schnaps; den Philosophen aber bindet mir fest, sonst

läuft er euch noch davon.«

»Sieh doch den Teufelskerl!« dachte der Philosoph, »er hat es schon

herausgeschnüffelt! So'n Schlammbeißer!«

Er ging hinunter und erblickte einen Wagen, den er zuerst für einen

Getreideschuppen auf vier Rädern hielt; und wahrhaftig, er war so tief

wie ein Ofen, in dem man Ziegel brennt. Dies war ein gewöhnlicher

Krakauer Wagen, in dem an die fünfzig Juden samt ihrer Ware in allen

Städten herumzufahren pflegen, wo sie nur einen Jahrmarkt wittern. Sechs

gesunde, kräftige, ältere Kosaken erwarteten ihn. Die kurzen mit

Troddeln verzierten Röcke aus feinem Tuch bewiesen, daß die Kosaken

einem reichen und angesehenen Herrn dienten. Die kleinen Narben auf der

Stirn ließen erkennen, daß sie im Kriege gewesen und nicht ganz ruhmlos

gekämpft hatten.

»Was bleibt mir übrig! Kein Mensch kann seinem Schicksal entgehen,«

dachte der Philosoph, wandte sich an die Kosaken und rief mit lauter

Stimme: »Grüß Gott, Kameraden!«

»Grüß Gott, Herr Philosoph,« erwiderten einige von den Kosaken.

»Ich soll also mit euch zusammen fahren? Der Wagen kann sich schon sehen

lassen!« fuhr er fort und stieg ein. »Schade, daß keine Musikanten dabei

sind, hier ließe sich's gut tanzen!«

»Ja, es ist ein geräumiger Wagen,« sagte der eine Kosak und stieg mit

dem Kutscher auf den Bock. Dieser hatte statt der Mütze, die er in der

Schenke gelassen, ein Tuch um den Kopf gebunden. Die übrigen fünf

krochen mit dem Philosophen in die Versenkung und setzten sich dort auf

Säcke, die mit allerlei Waren, welche die Kosaken in der Stadt gekauft

hatten, angefüllt waren.

»Es wäre interessant, zu wissen,« begann der Philosoph, »wieviel Pferde

nötig wären, um den Wagen von der Stelle zu bringen, wenn man ihn mit

allerhand Waren, etwa mit Salz oder Eisenschienen beladen würde«.

»Ja,« sagte nach einigem Schweigen der Kosak, der auf dem Bock saß, »da

wäre wohl eine große Menge dazu nötig«.

Mit dieser befriedigenden Antwort glaubte der Kosak sich das Recht

erworben zu haben, den Rest des Weges über zu schweigen.

Der Philosoph hätte gern Genaueres über den Hauptmann erfahren: über

seinen Charakter, was man über seine Tochter wußte, die unter so

merkwürdigen Umständen nach Hause gekommen war und jetzt im Sterben lag,

und deren Geschick nun mit seinem eigenen verknüpft wurde; wie sie leben

und was sie zu Hause treiben. Er suchte seine Begleiter auszufragen,

aber wahrscheinlich waren die Kosaken auch Philosophen, denn statt zu

antworten, schwiegen sie still und rauchten, auf den Säcken

hingestreckt, weiter.

Nur der eine wandte sich mit dem kurzen Befehl an den Kameraden auf dem

Kutschbock: »Paß auf, Owerko, alter Maulaffe; wenn du bei der Schenke an

der Straße nach Tschuchrailowsk vorbeikommst, so vergiß nicht anzuhalten

und uns zu wecken, falls einer von uns einschlafen sollte.«

Hierauf schlummerte er ziemlich geräuschvoll ein. Übrigens war diese

Ermahnung ganz überflüssig, denn kaum näherte sich das Riesengefährt der

Schenke an der Straße nach Tschuchrailowsk, als alle wie aus einem Munde

losschrien: »Halt!« Auch waren Owerkos Gäule schon so abgerichtet, daß

sie von selbst vor jeder Schenke still standen. Trotz des heißen

Julitages krochen alle aus dem Wagen und gingen in die niedrige,

schmutzige Stube, wo der jüdische Schankwirt seine alten Bekannten

voller Freude begrüßte. Der Jude holte sofort ein paar Würste aus

Schweinefleisch herbei, die er unter seinen Rockschößen versteckt hielt,

und legte sie auf den Tisch, um sich schleunigst von diesem vom Talmud

verbotenen Gericht abzuwenden. Alle setzten sich um den Tisch herum, und

bald hatte jeder Gast einen Tonkrug vor sich stehen. Auch der Philosoph,

Choma Brut, mußte an dem gemeinsamen Mahle teilnehmen. Und da die

Kleinrussen sofort anfangen, sich zu küssen oder zu heulen, wenn sie ein

wenig angetrunken sind, so hallte die Hütte bald von schallenden Küssen

wider. »Laß uns anstoßen Spirid! Komm her Dorosch, ich will dich

küssen!« Einer der Kosaken, der etwas älter war als die anderen, und

dessen Schnurrbart schon grau zu werden begann, stützte seinen Kopf auf

die Hand und fing bitterlich an zu weinen. Er jammerte, daß er weder

Vater noch Mutter habe und ganz allein auf der Welt dastehe. Ein

anderer, der ein großer Schwätzer war, tröstete ihn fortwährend, und

sagte: »Weine doch nicht, bei Gott, weine nicht, was ist dann dabei ....

Gott weiß schon, warum es so ist.«

Ein anderer, namens Dorosch, wurde plötzlich sehr neugierig, wandte sich

an den Philosophen Choma und fragte ihn in einem fort. »Ich möchte gern

wissen, was man euch in der Bursa eigentlich beibringt. Das, was der

Vorsänger in der Kirche vorliest, oder etwas anderes?«

»Frag' doch nicht,« sagte der Schwätzer gedehnt, »laß es doch, gehn wie

es geht. Gott weiß schon, wie es am besten ist, Gott weiß alles!«

»Nein, ich will wissen, was in den Büchern steht,« sagte Dorosch,

»vielleicht ist es etwas ganz anderes, als was der Vorsänger sagt!«

»Mein Gott, mein Gott,« sagte der weise Moralist, »wie kann man nur so

sprechen? Gott hat es nun einmal so gemacht: und was Gott gemacht hat,

das läßt sich nicht ändern.«

»Ich will aber alles wissen, was in den Büchern steht; ich will in die

Bursa eintreten, bei Gott, ich werde dort eintreten! Was? was denkst du?

Ich werde nichts lernen? Alles werde ich lernen, alles!«

»Mein Gott, mein Gott,« sagte der Moralist, und legte seinen Kopf auf

den Tisch, er war wirklich nicht mehr imstande, ihn noch länger auf den

Schultern zu tragen. Die übrigen Kosaken sprachen von ihren Herrschaften

und darüber, warum wohl der Mond am Himmel leuchte.

Als der Philosoph Choma merkte, wie es in ihren Köpfen aussah, beschloß

er den Moment auszunutzen und sich aus dem Staube zu machen. Zuerst

wandte er sich an den graubärtigen Kosaken, der sich um Vater und Mutter

grämte. »Was weinst du Onkelchen?« fragte er. »Sieh, ich bin auch eine

Waise. Freunde, laßt mich laufen! Gebt mir die Freiheit! Wozu braucht

ihr mich?«

»Lassen wir ihn laufen,« sagten einige, »er ist ja eine Waise. Lassen

wir ihn gehn, wohin er will.«

»O mein Gott, mein Gott,« stöhnte der Moralist, langsam seinen Kopf

erhebend, »laßt ihn laufen! Mag er gehen, wohin er will!«

Und die Kosaken waren schon im Begriff, ihn selbst ins Freie zu führen,

aber der, der so viel Wißbegierde gezeigt hatte, hielt sie zurück und

sagte: »Rührt ihn nicht an; ich will mit ihm über die Bursa reden, ich

werde selbst in die Bursa eintreten!«

Übrigens wäre ihm die Flucht kaum gelungen, denn als der Philosoph sich

vom Tisch zu erheben suchte, fühlte er, daß seine Beine wie aus Holz

waren, und er glaubte im Zimmer so viel Türen zu erblicken, daß er kaum

die rechte gefunden hätte.

Erst gegen Abend fiel es der Gesellschaft ein, daß sie sich wieder auf

den Weg machen müßte. Sie machten sich's im Wagen bequem, und brachen

auf, indem sie die Pferde antrieben und ein Lied anstimmten, dessen Sinn

und Wortlaut wohl niemand enträtselt hätte. Nachdem sie die größere

Hälfte der Nacht gefahren waren, wobei sie beständig vom Wege abkamen,

obwohl sie ihn fast auswendig kannten, rollten sie endlich einen steilen

Berg ins Tal hinab; der Philosoph erblickte zu beiden Seiten des Weges

Staketzäune, Hecken und Dächer, die hier und da zwischen den niedrigen

Bäumen hervorschauten. Es war ein großes Dorf, welches dem Hauptmann

gehörte. Mitternacht war längst vorüber; der Himmel war dunkel, nur hier

und da sah man einen einsamen Stern blinken und in keiner Hütte war ein

Licht zu entdecken. Sie fuhren von Hundegebell begleitet in das Dorf

ein. Auf beiden Seiten standen Scheunen und kleine Häuser mit

Strohdächern; das eine, welches gerade in der Mitte und dem Tor

gegenüber lag, war größer als die übrigen und schien dem Hauptmann als

Wohnung zu dienen. Das Gefährt hielt vor einem kleinen Wagenschuppen,

und unsere Reisenden legten sich nieder, um zu schlafen. Der Philosoph

verspürte jedoch den Drang, sich die herrschaftlichen Wohnräume

wenigstens von außen anzusehen, aber wie sehr er auch seine Augen

anstrengte; er konnte nichts klar unterscheiden: statt des Hauses

erblickte er einen Bären, und der Schornstein schien ihm dem Rektor zu

gleichen. -- Der Philosoph gab daher seine Bemühungen auf, und ging

schlafen.

Als er wieder erwachte, war der ganze Hof schon in Bewegung: die Tochter

des Hauses war in der Nacht gestorben. Die Diener liefen atemlos hin und

her; ein paar alte Weiber heulten, eine Menge Neugieriger versuchte es,

durch die Ritzen im Zaune zu erspähen, was auf dem herrschaftlichen Hof

vorging. Der Philosoph begann, in aller Ruhe die Stätte zu betrachten,

die er in der Nacht nicht hatte erkennen können. Das herrschaftliche

Haus war ein kleines niedriges Gebäude, wie man sie in alten Zeiten in

Kleinrußland zu bauen pflegte, und hatte ein Strohdach. Die kleine spitz

zulaufende, hohe Giebelwand mit dem einen Fenster, das wie ein nach oben

gerichtetes Auge aussah, war ganz mit blauen und gelben Blumen und roten

Halbmonden bemalt. Sie ruhte auf Eichenpfosten, die oben rund und

kunstvoll gedrechselt und unten sechseckig waren. Unter der Giebelwand

befand sich eine kleine Treppe, und rechts und links standen Bänke. An

den Seiten des Hauses gab es Schutzdächer auf ähnlichen und hier und da

gewundenen Säulen. Davor stand ein hoher Birnbaum mit pyramidenförmiger

Krone in der grünen Pracht seiner bebenden Blätter. In der Mitte des

Hofes befanden sich mehrere, in zwei Reihen geordnete Speicher, die

gleichsam eine breite Straße bildeten, welche direkt zum Herrenhause

führte. Hinter den Speichern, dicht beim Tor, standen zwei dreieckige

Kellergebäude, die einander gerade gegenüber lagen und gleichfalls mit

Stroh gedeckt waren. Ihre dreieckigen Vorderwände hatten eine niedrige

Tür, und waren mit allerlei Bildern bemalt. Auf der einen war ein Kosak

dargestellt, der auf einem Faß saß und einen Krug mit der Inschrift: Ich

trinke Rest! in die Höhe hob. Die andere hatte der Künstler mit runden

und flachen Flaschen bemalt, und zu beiden Seiten erblickte man, was

wohl besonders schön sein sollte, je ein Pferd, das sich emporbäumte,

und ferner mehrere Pfeifen und Schellen, worunter zu lesen war: »Der

Wein ist des Kosaken Wonne!« Durch das riesige Bodenfenster guckten eine

Trommel und ein paar kupferne Trompeten heraus. Am Tor standen zwei

Kanonen. Dies alles ließ vermuten, daß der Hausherr sich zu amüsieren

liebte, und daß der Hof oft von lustigen Gelagen widerhalle. Hinter dem

Tor standen zwei Windmühlen. An der Rückseite des Hauses befanden sich

Gärten, und zwischen den Wipfeln der Bäume sah man nichts wie die

dunklen Kappen der Schornsteine, der im dichten Grün verborgenen Hütten.

Das ganze Dorf lag auf dem breiten und ebenen Vorsprung eines Berges. Im

Norden wurde dies alles von dem steil aufsteigenden Felsen

abgeschlossen, der mit seinem Fuß bis dicht an den Hof heranreichte. Von

unten gesehen schien er noch steiler zu sein und auf seinem Gipfel hoben

sich die zerstreut stehenden Stengel des dürren Steppengrases schwarz

vom hellen Himmel ab. Die nackte Lehmerde war ganz von Wasserrinnen und

Regenlöchern zerrissen und verbreitete eine seltsame Schwermut. Auf dem

abschüssigen Abhang sah man an zwei Stellen je eine Hütte stehen, deren

eine von einem Apfelbaum beschattet wurde, der an der Wurzel durch

kleine Pflöcke gestützt, mit herangefahrener Erde bedeckt war, und

dessen Äpfel, die der Wind herunterwarf, bis in den herrschaftlichen Hof

rollten. Vom Gipfel führte ein Weg über den ganzen Berg am Hofe vorbei

bis ins Dorf hinunter. Als der Philosoph den furchtbaren Abhang des

Berges betrachtete, und sich der gestrigen Fahrt erinnerte, sagte er

sich, der Hausherr müsse fabelhaft kluge Pferde, oder die Kosaken enorm

harte Köpfe haben, wenn sie nicht einmal im Rausche mitsamt dem riesigen

Gefährt und dem Gepäck Hals über Kopf in den Hof hinabgerollt waren. Der

Philosoph stand auf dem höchsten Punkte des Hofes: als er sich umwandte

und auf die entgegengesetzte Seite blickte, bot sich ihm ein ganz

anderes Bild dar. Das Dorf zog sich längs dem Abhange bis in die Ebene

hin. Unabsehbare Wiesen erstreckten sich im Umkreis bis an den Horizont,

deren helles Grün sich in der Ferne immermehr verdunkelte. Im

Hintergrunde sah man eine ganze Reihe von Gehöften im blauen Dämmerlicht

dagegen, obgleich sie wohl zwanzig und mehr Werst weit entfernt sein

mochten. Rechts von diesen Wiesen zog sich eine Hügelkette hin, und ganz

hinten erglühte ein dunkler Streifen des Dnjepr.

»Welch herrliches Stück Erde,« sagte der Philosoph, »wie schön ließe

sich's hier leben; im Dnjepr und in den Teichen könnte man Fische

fangen, und mit Gewehr und Netz auf Schnepfen und Zwergtrappen jagen;

übrigens wird es in diesen Wiesen auch andere Trappen geben. Man könnte

in Hülle und Fülle Früchte trocknen, und sie in der Stadt verkaufen,

oder noch besser Schnäpse daraus machen, denn Fruchtschnaps geht doch

noch über Branntwein. -- Herrgott, ich muß mich doch umsehen, wie ich am

besten ausreißen könnte.«

Hinter dem Zaun bemerkte er einen kleinen Fußweg, der ganz mit

Steppengras bewachsen war; mechanisch setzte er den Fuß drauf; er wollte

anfangs nur ein wenig spazieren gehen, und dann still zwischen den

Hütten hindurchschlendern und sich ins freie Feld schlagen. Da fühlte er

plötzlich eine kräftige Hand auf seiner Schulter.

Hinter ihm stand der alte Kosak, der gestern über den Verlust von Vater

und Mutter und über seine Einsamkeit geklagt hatte.

»Du hoffst vergeblich, aus diesem Hofe zu entfliehen, Herr Philosoph,«

sagte er, »das ist kein Haus, wo man davonlaufen kann; -- übrigens sind

auch die Wege sehr schlecht und beschwerlich für Fußgänger -- geh lieber

zum Herrn, er erwartet dich schon längst in seinem Zimmer.«

»Gut denn, gehn wir, warum auch nicht -- ich habe nichts dagegen,«

antwortete der Philosoph und folgte dem Kosaken.

Der Hauptmann war schon alt. Er hatte einen grauen Schnurrbart und saß,

den Kopf auf beide Hände gestützt, mit einem Ausdruck dumpfer Trauer am

Tisch. Er mochte fünfzig Jahre alt sein; aber der tiefe Gram in seinen

Zügen und die bleiche, schlechte Farbe bewiesen, daß sein Herz ganz

plötzlich gebrochen und vernichtet, und daß all seine frühere

Fröhlichkeit und das laute sorglose Leben für immer zerstört war. Als

Choma mit dem alten Kosak in das Zimmer trat, nahm der Hauptmann die

eine Hand vom Gesichte und nickte unmerklich mit dem Kopfe; Choma und

der Kosak verbeugten sich tief vor ihm und blieben ehrfurchtsvoll an der

Türe stehen.

»Wer bist du und wo kommst du her, mein Lieber. Was ist dein Beruf?«

fragte der Hauptmann nicht eben freundlich, aber auch nicht schroff.

»Ich bin ein Seminarist und heiße Choma Brut, der Philosoph.«

»Und wer war dein Vater?«

»Ich weiß es nicht, gnädiger Herr.«

»Und deine Mutter?«

»Meine Mutter habe ich auch nicht gekannt. Es ist natürlich

selbstverständlich, daß ich eine Mutter gehabt habe, aber wer sie war,

woher sie stammte und wo sie gelebt hat, das weiß ich bei Gott nicht,

gnädiger Herr!«

Der Alte schwieg und schien einen Augenblick in Grübeleien versunken.

»Wie hast du denn meine Tochter kennen gelernt?«

»Ich habe sie gar nicht kennen gelernt, gnädiger Herr, bei Gott, ich

habe sie nie kennen gelernt. Solange ich auf der Welt bin, habe ich noch

nie mit einem Fräulein zu tun gehabt. Gott bewahre mich davor, um nichts

Unschicklicheres zu sagen.«

»Warum hat sie denn aber gerade dich und keinen anderen dazu bestimmt,

an ihrem Sarge zu beten?«

Der Philosoph zuckte die Achseln. »Mein Gott, wie soll ich das erklären?

Es ist ja bekannt, daß die vornehmen Herrschaften manchmal auf Dinge

kommen, die auch der gelehrteste Mensch nicht zu erklären vermag. >Wenn

der Herr will -- muß der Knecht springen<, sagt das Sprichwort.«

»Lügst du auch nicht, Herr Philosoph?«

»So wahr ich hier stehe, der Blitz soll mich treffen, wenn ich lüge!«

»Wenn sie nur noch einen Augenblick länger gelebt hätte,« sagte der

Hauptmann traurig, »dann hätte ich gewiß alles erfahren. >Laß niemand

für mich beten, Vater, schicke gleich in das Kiewer Seminar und laß den

Seminaristen Choma Brut kommen. Er soll drei Nächte lang für meine

sündige Seele beten. Er weiß alles ...< was er aber wissen sollte, das

bekam ich nicht mehr zu hören. Nur dies konnte mein Liebling noch sagen,

dann starb sie. Du bist sicherlich durch deinen reinen Lebenswandel und

durch deine Gottesfurcht berühmt, mein Lieber, und sie hat vielleicht

von dir gehört.«

»Wer? Ich?« sagte der Seminarist und trat vor Erstaunen einen Schritt

zurück. »Ich, wegen meines gottesfürchtigen Lebens berühmt?« Er sah dem

Hauptmann gerade in die Augen. »Gott segne Sie! Herr, was sagen Sie da!

Ich ... ich ... ich schäme mich fast, davon zu reden ... aber ich bin am

Abend vor Gründonnerstag noch zur Bäckerin gegangen!«

»Nun, nun ... sie wird schon ihren Grund gehabt haben, als sie diese

Bestimmung traf! Du mußt gleich heute beginnen.«

»Euer Gnaden, gestatten Sie mir, darauf zu erwidern ... natürlich, jeder

Mensch, der die heilige Schrift kennt, kann ja -- je nach den

Verhältnissen ... aber hier wäre ein Diakonus oder wenigstens ein

Vorsänger mehr am Platz. Das sind doch verständige Leute, die da wissen,

wie alles gemacht werden muß ... ich dagegen ... ich habe ja nicht

einmal die Stimme, die dazu nötig ist, ich bin ... weiß der Teufel, was

ich bin! Ich sehe ja auch nach nichts aus!«

»Mach, was du willst, aber ich will alles tun, was mein Liebling

bestimmt hat, und nichts soll mich gereuen. Wenn du von heute an die

üblichen drei Nächte bei ihr wachen und beten willst, sollst du

reichlich belohnt werden. Wenn du dich dagegen weigerst -- ich möchte

selbst dem Teufel nicht raten, mich zu reizen!«

Der Hauptmann sprach diese letzten Worte mit solch einer Energie aus,

daß der Philosoph ihren Sinn vollkommen begriff.

»Folge mir,« sagte der Hauptmann.

Sie traten in den Flur. Der Hauptmann öffnete die Tür des

gegenüberliegenden Zimmers. Der Philosoph blieb einen Augenblick im Flur

stehen, um sich die Nase zu putzen, und trat dann mit einem

unwillkürlichen Schauder über die Schwelle.

Der ganze Boden war mit rotem chinesischem Tuch bedeckt. In der Ecke,

unter den Heiligenbildern war die Tote auf einem hohen Tisch aufgebahrt.

Sie lag auf einer blausamtenen Decke, die mit goldenen Fransen und

Quasten geschmückt war. Am Kopf- und Fußende standen hohe mit

Schneeballblüten umwundene Wachskerzen, die ein mattes Licht

verbreiteten, das in der Helle des Tages verblich. Vor der Leiche saß

der untröstliche Vater; er hatte der Tür den Rücken zugekehrt und

verdeckte das Antlitz der Entschlafenen, sodaß Choma es nicht sehen

konnte. Der Philosoph war aufs höchste erstaunt über die Worte, die er

bei seinem Eintritt ins Zimmer vernahm.

»Ich weine nicht deshalb, liebes Töchterlein, weil du mir zum Kummer und

Herzeleid, in der Blüte der Jahre die Erde verläßt, ohne das Alter

erreicht zu haben, das dem Menschen vergönnt ist; ich klage darüber, daß

ich nicht weiß, welcher grimme Feind deinen Tod verursacht hat. Wüßte

ich, wer es gewagt hat, dich zu beleidigen, oder nur ein böses Wort über

dich zu sagen -- bei Gott, wenn er ein alter Mann ist, wie ich, er

sollte seine Kinder nicht wiedersehn; -- und wenn er noch jung ist,

sollte er nie wieder zu Vater und Mutter zurückkehren. Seine Leiche

sollte den Vögeln und wilden Tieren der Steppe zum Fraße dienen! Weh

mir, du Blume des Feldes, meine kleine Wachtel, du Licht meiner Augen --

ich muß den Rest meiner Tage freudlos und traurig verbringen und mit dem

Saum meines Rockes die kargen Tränen trocknen, die aus meinen alten

Augen tropfen, während meine Feinde sich des Lebens freuen, und sich in

der Stille über den schwachen Greis lustig machen werden!«

Er schwieg, ein heftiger Schmerz erschütterte ihn und machte sich in

einem Tränenstrom Luft.

Der Philosoph war tief gerührt von diesem namenlosen Kummer. Er hustete

ein wenig, stieß einen dumpfen krächzenden Ton aus und räusperte sich.

Der Hauptmann wandte sich um und wies ihm einen Platz am kleinen

Lesepult zu Häupten der Toten an. Auf dem Pult lagen mehrere Bücher.

»Ich will die drei Nächte schon irgendwie hinbringen und mein Pensum

absolvieren,« dachte der Philosoph, »dafür wird mir der Herr auch beide

Taschen mit neuen glänzenden Goldstücken anfüllen.«

Er ging näher, räusperte sich noch einmal und begann zu lesen, ohne sich

umzusehen, denn er hatte nicht den Mut, der Toten ins Gesicht zu

blicken. Eine tiefe Stille umfing ihn: er merkte, daß der Hauptmann

hinausgegangen war. Langsam wandte er den Kopf um, um die Tote anzusehen

und ....

Ein Zittern lief durch seine Glieder: vor ihm lag das schönste Mädchen,

das je auf Erden gelebt hatte. Wohl nie noch war in der Form der

Gesichtszüge strenge Schönheit so mit Harmonie vereinigt gewesen wie

hier. Sie lag da wie eine Lebende; die herrliche, zarte, schnee- und

silberweiße Stirn schien auf eine intensive Gedankenarbeit hinzudeuten,

die feinen edlen Brauen, die wie ein nächtliches Dunkel die sonnige

Helle des Tages durchbrachen -- schwangen sich stolz über die

geschlossenen Augen; lange Wimpern senkten sich wie eine Schar spitzer

Pfeile auf die vom Feuer geheimer Wünsche glühenden Wangen; die

rubinroten Lippen schienen zu einem seligen Lächeln und zu Ausbrüchen

des Glücks und der Freude bereit .... Und doch glaubte er in diesen

Zügen etwas Schauerliches zu entdecken, das sich tief in seine Seele

bohrte. Choma fühlte einen quälenden Schmerz in seinem Herzen; es war,

wie wenn mitten im Wirbel ausgelassener Fröhlichkeit und einer sich im

wilden Taumel drehenden Menge jemand einen Choral angestimmt hätte. Die

Rubinlippen leuchteten so rot wie Herzblut. Plötzlich glaubte er in

ihrem Gesicht etwas furchtbar Vertrautes zu erkennen; mit völlig

veränderter Stimme schrie er auf: »Es ist die Hexe ..«, erblaßte, wandte

die Augen ab und begann von neuem die Gebete herunter zu lesen. Es war

dieselbe Hexe, die er getötet hatte.

Als die Sonne herabzusinken begann, wurde die Verstorbene in die Kirche

getragen. Der Philosoph stützte den schwarzen Sarg mit seiner Schulter

und Eiseskälte durchrieselte ihn. Der Hauptmann ging selbst voran, und

hielt die rechte Seite des engen Totengehäuses mit der Hand fest. Die

verwitterte hölzerne Kirche mit ihren drei kegelförmigen Kuppeln stand

trübselig und moosbewachsen am Ende des Dorfes: man spürte, daß hier

lange kein Gottesdienst gehalten worden war. Fast vor jedem

Heiligenbilde brannten Kerzen. Der Sarg wurde in der Mitte der Kirche,

gegenüber dem Altare hingestellt. Der alte Hauptmann küßte die Tote noch

einmal, warf sich nieder, berührte den Boden mit der Stirn und verließ

mit den Trägern die Kirche, nachdem er den Befehl gegeben hatte, dem

Philosophen gut zu essen zu geben und ihn abends wieder in die Kirche zu

führen. Als sie in die Küche traten, legten alle, die den Sarg getragen

hatten, einer nach dem andern die Hand an den Ofen, was die Kleinrussen

stets zu tun pflegen, wenn sie eine Leiche gesehen haben. Der Hunger,

welchen der Philosoph um diese Zeit zu spüren begann, ließ ihn auf

einige Augenblicke die Tote vollständig vergessen. Allmählich

versammelte sich hier das ganze Gesinde, denn die Küche des Hauptmanns

war eine Art Klub oder Versammlungsort, und hier strömte alles zusammen,

was im Hofe lebte, selbst die Hunde, die schweifwedelnd vor der Tür

erschienen, um sich einen Knochen und andere Abfälle zu holen. Jeder,

der irgendeinen Auftrag erhalten hatte, oder irgendwohin geschickt

worden war, kam immer erst in die Küche, um sich einen Augenblick auf

die Bank zu legen, auszuruhen und eine Pfeife zu rauchen. Alle

Junggesellen, die im Hause lebten und in eleganten Kosakenröcken umher

liefen, lagen fast den ganzen Tag lang auf dem Ofen, oder _auf_ und

_unter_ den Bänken -- mit einem Wort überall, wo sich ein bequemes

Ruheplätzchen fand. Außerdem hatte immer jemand etwas in der Küche

vergessen: seine Mütze, die Peitsche, die für die fremden Hunde bestimmt

war, oder etwas Ähnliches. Aber die zahlreichste Gesellschaft fand sich

doch erst zum Abendbrot zusammen, dann kamen auch der Pferdehirt, der

seine Pferde in die Hürden getrieben, und der Viehhirt, der die Kühe zur

Tränke geführt hatte, und alle die, die am Tage nicht zu sehen gewesen

waren. Beim Abendbrot wurde auch die schweigsamste Zunge redselig. Hier

wurde gewöhnlich alles besprochen: wer sich neue Hosen genäht hatte, was

sich im Innern der Erde befindet, und wer einen Wolf gesehen hatte. Hier

kamen auch die Witzbolde zu ihrem Recht, an denen unter den Kleinrussen

ja kein Mangel ist.

Der Philosoph setzte sich im Freien, mit vielen andern in einem großen

Kreis, dicht an der Küchenschwelle nieder. Bald erschien eine Frau mit

einem roten Kopftuch an der Tür; sie trug eine Schüssel mit heißen

Klößen in den Händen und stellte sie in die Mitte vor die Hungrigen hin,

die sich zum Abendessen anschickten. Jeder holte seinen Holzlöffel, und

in Ermangelung eines Besseren, ein hölzernes Stäbchen aus der Tasche.

Als die Kinnbacken sich langsamer zu bewegen anfingen und der

Wolfshunger der ganzen Gesellschaft ein wenig gestillt war, begannen

mehrere von den Anwesenden, sich zu unterhalten. Das Gespräch wandte

sich natürlich der Verstorbenen zu.

»Ist es wahr,« fragte ein junger Schafhirt, der an seinem Pfeifenriemen

so viel Knöpfe und Messingplatten angebracht hatte, daß er dem Kramladen

einer kleinen Händlerin glich, »ist es wahr, daß das Fräulein -- ohne

daß ich ihr deswegen etwas Böses nachsagen wollte, -- es mit dem

Gottseibeiuns zu tun gehabt hat?«

»Wer? Unser Fräulein?« sagte Dorosch, der unserem Philosophen schon von

früher bekannt war, »ja, das war eine richtige Hexe. Ich will jeden

Schwur darauf ablegen -- daß sie eine Hexe war.«

»Hör auf, Dorosch, hör auf,« sagte der andere, der schon während der

Fahrt eine große Neigung gezeigt hatte, alle Gegensätze zu mildern, »das

geht uns nichts an, Gott mit ihr! Wozu sollen wir darüber sprechen.«

Aber Dorosch hatte gar keine Lust zu schweigen; er war erst eben mit dem

Kellermeister in einer wichtigen Angelegenheit in den Keller gegangen,

war nachdem er sich ein paarmal über zwei oder drei Fässer gebeugt

hatte, sehr aufgeräumt von dort zurückgekehrt und redete nun in einem

fort.

»Was willst du? Daß ich schweigen soll?« sagte er, »ja sie ist doch aber

auf mir selbst herumgeritten! Bei Gott, sie ist auf mir herumgeritten!«

»Onkelchen,« rief der junge Schafhirt mit den vielen Knöpfen, »gibt es

ein Zeichen, an dem man eine Hexe erkennen kann?«

»Nein,« antwortete Dorosch, »die kann kein Mensch erkennen; du kannst

den ganzen Psalter durchlesen, und erkennst sie doch nicht!«

»Sag das nicht, Dorosch, man kann sie wohl erkennen,« fiel ihm der

Moralist von gestern ins Wort, »Gott hat nicht umsonst einem jeden sein

besonderes Abzeichen gegeben: die Gelehrten sagen, daß die Hexen hinten

ein kleines Schwänzchen haben.«

»Wenn sie alt wird, ist jedes Weib eine Hexe,« sagte der alte Kosak

kaltblütig.

»O, o, ihr seid mir die Rechten,« rief die Alte, die eben frische Klöße

in die Schüssel schüttete, »ihr seid mir rechte Wildschweine!«

Der alte Kosak, der Jawtuch hieß, aber den Spitznamen Kowtun erhalten

hatte, schmunzelte vergnügt, als er sah, daß die Alte sich von seinen

Worten getroffen fühlte, der Viehhirt aber brach in ein so wüstes

Gelächter aus, als hätten zwei Ochsen sich gegenübergestellt und zu

gleicher Zeit losgebrüllt.

Das begonnene Gespräch hatte die Neugierde und den dringenden Wunsch des

Philosophen geweckt, Genaueres über die Tochter des Hauptmanns zu

erfahren, und er fragte daher, um wieder auf das alte Thema

zurückzukommen, seinen Nachbar:

»Ich möchte doch wissen, warum halten alle, die hier beim Abendbrot

sitzen, die Tochter des Herrn für eine Hexe? Hat sie denn jemanden etwas

Böses zugefügt? Oder ihn gar behext?«

»Es ist alles schon dagewesen,« sagte einer der Zunächstsitzenden, der

ein ganz glattes Gesicht hatte, das so eben war wie eine Schaufel.

»Wer erinnert sich nicht noch des Jägers Mikita, oder des ...«

»Und was ist mit dem Jäger Mikita geschehen?« fragte der Philosoph.

»Halt! Ich will die Geschichte vom Jäger Mikita erzählen,« rief Dorosch.

»Nein, ich will die Geschichte vom Mikita erzählen,« schrie der

Pferdehirt, »es war doch mein Gevatter!«

»Nein, ich will die Geschichte vom Jäger Mikita erzählen,« sagte Spirid.

»Laßt ihn erzählen, laßt Spirid erzählen!« riefen alle.

Spirid begann. »Du hast Mikita nicht gekannt, Herr Philosoph. Ja, das

war ein seltener Mensch. Jeden Hund kannte er wie seinen leiblichen

Vater. Der jetzige Hundeaufseher, Mikolo, der dritte dort in der Reihe,

reicht lange nicht an ihn heran, obgleich er seine Sache auch gut

versteht, aber gegen Mikita ist er nichts wie Schund und Dreck.«

»Du erzählst ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet,« warf Dorosch ein und

nickte zufrieden mit dem Kopfe.

Spirid fuhr fort. »Noch ehe du dir den Tabak aus der Nase wischst, hat

der den Hasen gesehen. Es kam vor, daß er den Hunden zurief: >Auf,

Räuber, auf Schneller< und saß selbst schon auf dem Gaul und sauste mit

Windeseile davon. Es war unmöglich, vorauszusagen, ob er -- die Hunde,

oder die Hunde -- ihn überholen würden. Der goß euch ein Viertel

Branntwein hinunter, wie wenn nichts passiert wäre. Ein herrlicher

Jäger! Aber plötzlich fing er an, sich in einem fort nach dem Fräulein

umzusehen. War er in sie verschossen, oder hatte sie ihn schon behext,

kurz der Mann war verloren, und ein richtiger Weiberknecht geworden.

Weiß der Teufel, was aus dem geworden war. Pfui -- man schämt sich, es

auszusprechen.«

»Ausgezeichnet,« sagte Dorosch.

»Das Fräulein brauchte ihn nur anzusehen, und die Zügel glitten ihm aus

den Händen. Den >Räuber< nannte er >Brauner<, er stotterte fortwährend

und trieb weiß Gott was für einen Unsinn. Einmal kam das Fräulein in den

Stall, wo er die Pferde putzte. >Erlaub mal, Mikita,< sagte sie, >daß

ich meinen Fuß auf dich setze.< Und der Esel -- freut sich noch und

sagt: >nicht bloß deinen Fuß, setz dich ganz auf mich.< Das Fräulein hob

den Fuß in die Höhe, und wie er ihr nacktes, volles, weißes Bein sieht,

da hat mich der Zauber völlig betäubt, sagte er. Der Esel bückte sich,

faßte ihre beiden nackten Beine mit seinen Händen und begann zu

galoppieren wie ein Pferd, immer die Felder entlang und immer weiter;

wohin sie eigentlich geritten waren, das wußte er nie zu sagen.

Jedenfalls kam er halbtot zurück, und wurde von da ab dürr und mager wie

ein Kienspan; als man einmal in den Pferdestall kam, lag an der Stelle,

wo er sonst zu schlafen pflegte, nur ein Haufen Asche und ein leerer

Eimer; er war verbrannt, ganz von selbst verbrannt. Und war doch ein

Jäger gewesen, wie man auf der ganzen Welt keinen zweiten findet!«

Als Spirid seine Erzählung beendet hatte, begann man sich allerseits der

Vorzüge des früheren Jägers zu erinnern.

»Hast du auch nichts von dem Scheptschicha gehört,« wandte sich Dorosch

an Choma.

»Nein.«

»He! Sieh an! Man scheint euch in der Bursa nicht viel Gescheites

beizubringen. Na paß mal auf. Wir haben im Dorf einen Kosaken, Scheptun,

einen feinen Kosaken sag ich dir. Er liebt es zwar, hin und wieder was

zu stibitzen und einen ohne Grund anzulügen -- aber er ist doch ein

feiner Kosak. Seine Hütte liegt nicht weit von hier. Einst setzten sich

also Scheptun und seine Frau zum Abendbrot, es war so um dieselbe Zeit

wie jetzt; nach dem Abendessen legten sie sich nieder, und weil das

Wetter schön war, legte sich die Frau auf den Hof, während sich Scheptun

in der Hütte auf einer Bank ausstreckte, oder nein: die Frau lag in der

Hütte auf der Bank und Scheptun auf dem Hof ...«

»Die Frau legte sich auch nicht auf die Bank, sondern auf den Boden,«

rief eine Alte dazwischen, die auf der Schwelle stand und, den Kopf in

die Hand gestützt, zuhörte.

Dorosch sah sie an, schlug die Augen nieder, sah sie dann noch einmal an

und sagte nach einer Weile: »Wenn ich dir öffentlich deinen Unterrock

aufstreife, wird dir das sicher nicht angenehm sein.«

Die Warnung verfehlte ihre Wirkung nicht; die Alte schwieg und hütete

sich, ihn noch einmal zu unterbrechen.

Dorosch fuhr fort. »In der Wiege, welche mitten in der Hütte hing, lag

ein einjähriges Kind, ich weiß es nicht mehr, ob es ein Knabe oder ein

Mädchen war. Die Frau des Scheptun lag eine Weile da, da hört sie

plötzlich, wie der Hund vor der Hütte scharrt und heult und heult, -- es

war um davonzulaufen. Die Frau erschrickt -- die Weiber sind ja so ein

dummes Volk, steckt ihnen abends die Zunge durch die Türspalte, so

verlieren sie den Kopf vor lauter Angst -- sie denkt aber doch: ich

werde dem verdammten Hund eins auf die Schnauze geben, dann wird er wohl

mit seinem Geheul aufhören. Sie nimmt also die Ofenzange und will die

Tür öffnen, kaum aber hat sie sie ein wenig aufgetan, da springt der

Hund zwischen ihren Beinen hindurch und stürzt auf die Wiege des Kindes

los. Jetzt sah die Frau erst, daß es gar kein Hund war, sondern das

Fräulein -- ja wenn es noch das Fräulein gewesen wäre, wie sie es sonst

gesehen hatte -- das wäre noch nicht so schlimm gewesen; aber die Sache

war eben die und der Umstand der: sie war ganz dunkelblau, und ihre

Augen glühten wie feurige Kohlen. Sie ergriff das Kind, biß ihm die

Gurgel entzwei und fing an, ihm das Blut auszusaugen. Die Frau schrie

bloß: Ach und weh, und stürzte aus der Hütte. Als sie sah, daß die Tür

im Flur verschlossen war, kroch sie auf den Dachboden: da sitzt nun das

dumme Weib und zittert, aber plötzlich sieht sie, wie das Fräulein ihr

auf den Boden nachklettert -- und hier wirft sich das Fräulein über das

dumme Weib und fängt an, sie zu beißen. Am nächsten Morgen holt Scheptun

seine Frau ganz blau und zerbissen vom Boden herunter -- und am

folgenden Tage starb das dumme Weib. Was es nicht für Dinge und Vorfälle

gibt! Ja, ja, wenn sie auch von vornehmer Herkunft ist -- eine Hexe

bleibt sie doch!«

Nach dieser Erzählung blickte sich Dorosch zufrieden im Kreise um und

bohrte seine Finger tief in die Pfeife, um sie von neuem zu stopfen. Das

Hexenthema war unerschöpflich, ein jeder brannte darauf, etwas zu

erzählen. Zu dem einen war die Hexe in Gestalt eines Heuschobers bis

dicht an die Tür gekommen; einem andern hatte sie die Mütze oder die

Pfeife gestohlen; vielen Mädchen im Dorfe hatte sie die Zöpfe

abgeschnitten, und andern das Blut eimerweis ausgesogen.

Endlich merkte die ganze Gesellschaft, daß sie sich erheblich

verplaudert hatte, denn es war auf dem Hofe stockfinster geworden. Alle

suchten ihr Lager auf, das sich teils in der Küche, teils auf dem

Speicher oder im Hofe befand. »Nun, Herr Choma! für uns ist es jetzt

Zeit, zu der Toten zu gehn,« sagte der alte Kosak, indem er sich an den

Philosophen wandte; sie gingen also zu viert -- Spirid und Dorosch kamen

auch mit -- zur Kirche und wehrten mit ihren Peitschen die Hunde ab, die

in Massen auf der Dorfstraße herumlungerten, bellten und sich wütend in

die Peitschengriffe verbissen.

Je mehr sie sich der erleuchteten Kirche näherten, um so lebhafter war

die Angst, die der Philosoph im geheimen in seinem Herzen aufsteigen

fühlte, obschon er sich durch einen tüchtigen Krug Schnaps gestärkt

hatte. Die Geschichten und Abenteuer, die er soeben gehört hatte, hatten

seine Phantasie noch mehr erregt. Die Dunkelheit, die in der Nähe des

Staketenzaunes und unter den Bäumen herrschte, erhellte sich ein wenig,

die Strecke wurde freier. Endlich traten sie in die alte Umfriedung vor

der Kirche ein: da gab es keinen Baum, nur ödes Feld, und dahinter lagen

in nächtliches Dunkel gehüllte Wiesen. Die drei Kosaken stiegen mit

Choma die steilen Stufen der Treppe bis zum Flur hinauf und betraten die

Kirche. Hier wünschten sie dem Philosophen eine glückliche Vollendung

seiner Aufgabe und gingen fort, nachdem sie auf Befehl ihres Herrn die

Tür hinter ihm geschlossen hatten.

Der Philosoph war allein. Erst gähnte er ein paarmal, dann streckte er

sich, blies in beide Hände und sah sich endlich in der Kirche um. In der

Mitte stand der schwarze Sarg. Vor den dunklen Heiligenbildern brannten

Kerzen, aber das Licht erleuchtete nur den Altar und warf einen

schwachen Schimmer bis in die Mitte der Kirche. Der hohe altertümliche

Altar machte einen recht gebrechlichen Eindruck; das durchbrochene und

vergoldete Schnitzwerk hatte nur noch an ganz vereinzelten Stellen

seinen Glanz bewahrt, die Vergoldung war stellenweise abgebröckelt oder

nachgedunkelt. Die Gesichter der Heiligen waren ganz schwarz und

blickten sehr düster und ernst aus den Rahmen. Der Philosoph sah sich

noch einmal um. »Nun,« sagte er, »wovor hätte ich mich hier zu fürchten?

Kein Mensch kann herein, und gegen Tote und Gespenster aus der andern

Welt habe ich meine Gebete; wenn ich die hersage, wird kein Geist es

wagen, mich auch nur mit einem Finger zu berühren. Ach was,« fügte er

resigniert hinzu, »also fangen wir an zu lesen.« Als er in die Nähe des

Chors kam, erblickte er einige Bündel Kerzen. »Das ist ausgezeichnet,«

dachte der Philosoph, »ich werde die ganze Kirche taghell erleuchten!

Schade nur, daß man hier im Gotteshause keine Pfeife rauchen darf!«

Und er fing an, jedes Gesims, jedes Lesepult und jedes Heiligenbild mit

Kerzen zu versehen; er sparte nicht mit ihnen, und bald war die ganze

Kirche von Licht erfüllt. Nur oben schien die Dunkelheit noch größer

geworden zu sein, und die düsteren Heiligen schauten noch finsterer aus

ihren altmodischen, geschnitzten Rahmen, deren Vergoldung hier und da

aufblitzte. Er näherte sich dem Sarge und blickte verstohlen der Toten

ins Antlitz -- ein leichtes Frösteln durchlief seine Glieder. Er mußte

die Augen schließen vor dieser dämonisch strahlenden Schönheit!

Er wandte sich ab und wollte gehen; aber infolge einer seltsamen

Neugierde, die den Menschen besonders in Augenblicken der Angst zu

quälen pflegt, konnte er es nicht unterlassen, im Fortgehen noch einen

Blick auf die Tote zu werfen, und als derselbe Schauder ihn

durchrieselte, sie noch einmal anzusehen. Und in der Tat, die grausame

Schönheit der Verstorbenen erschien ihm schrecklich. Vielleicht hätte

sie diese lähmende Furcht nicht hervorgerufen, wenn sie weniger schön

gewesen wäre. In den Zügen war nichts Schlaffes, Trübes, Erstarrtes; es

war dem Philosophen, als wenn ihn die Tote trotz ihrer geschlossenen

Augen ansähe. Es schien ihm, als ob eine Träne zwischen den Wimpern des

rechten Auges hervorquelle, und als sie über die Wange rollte, sah er

deutlich, daß es ein Blutstropfen war.

Er trat schnell zum Chor, schlug das Buch auf, und begann, um sich Mut

zu machen, so laut als möglich zu lesen. Seine Stimme schlug gegen die

längst verstummten, tauben Holzwände, aber sein voller Baß fand in der

Totenstille kein Echo und erschien dem Leser rauh und fremd. »Wovor soll

ich mich fürchten,« dachte er sich, »sie wird doch nicht aus dem Sarge

aufstehen! Sie wird doch Furcht vor dem Wort Gottes haben! Sie soll

ruhig liegen bleiben! Was wäre ich für ein Kosak, wenn ich Furcht hätte?

Sicher, ich habe ein wenig zu viel getrunken, daher ist mir's so

unheimlich. Ich will jetzt eine Prise nehmen. Hm, ein feiner Tabak! Ein

herrlicher Tabak!« Allein, während er die Seiten umblätterte, schielte

er immer wieder nach dem Sarge, und ein unabweisbares Gefühl flüsterte

ihm ins Ohr: »Jetzt wird sie gleich aufstehen. Da -- jetzt erhebt sie

sich. Jetzt sieht sie hierher!«

Aber nichts störte die Totenstille, der Sarg stand unbeweglich da, und

die Kerzen strömten ein ganzes Meer von Licht aus. Wie schrecklich ist

doch eine hellerleuchtete Kirche -- nachts, wenn sie einen Leichnam

beherbergt, und keine Menschenseele in ihr ist!

Er erhob seine Stimme und begann in den verschiedensten Tonarten zu

singen, um den Rest von Angst in seiner Seele zu betäuben. Aber immer

wieder wanderten seine Augen zum Sarge, wie wenn sie unwillkürlich

fragen wollten: »und was wird geschehen, wenn sie sich plötzlich erhebt,

und aus dem Sarge steigt?«

Allein der Sarg rührte sich nicht. Wenn auch nur das kleinste Geräusch

zu hören gewesen wäre! Wenn nur ein lebendes Wesen einen Laut von sich

gegeben hätte! Aber nicht einmal ein Heimchen machte sich im Winkel

bemerkbar. Nur dann und wann hörte man das schwache Knistern einer

entfernten Kerze, oder den leicht aufklopfenden Ton eines zu Boden

fallenden Wachströpfchens.

»Wie wenn sie aufstünde!«

Sie erhob den Kopf ....

Er schaute wild um sich und rieb sich die Augen. Wahrhaftig, sie lag

nicht mehr, sie saß aufrecht im Sarge. Er wandte den Blick ab, aber im

nächsten Moment sah er wieder mit Schrecken nach dem Sarge. Sie war

aufgestanden -- und ging mit geschlossenen Augen durch die Kirche ...

immer wieder breitete sie die Arme aus, als wolle sie jemanden

umschlingen!

Jetzt kam sie direkt auf ihn zu. In seiner Todesangst beschrieb er einen

Kreis um sich und betete aus Leibeskräften. Er sagte alle Beschwörungen

her, die ihn ein Mönch gelehrt, welcher sein ganzes Leben lang mit Hexen

und bösen Geistern zu tun gehabt hatte.

Dicht vor dem Kreise blieb sie stehen. Man sah, sie hatte nicht die

Macht, ihn zu überschreiten und wurde ganz blau, wie ein Mensch, der

schon vor mehreren Tagen gestorben ist. Choma hatte nicht den Mut, sie

anzusehen, sie war zu schrecklich. Ihre Zähne schlugen aufeinander, und

sie öffnete ihre toten Augen, aber sie vermochte nichts zu sehen. Voller

Wut -- die sich deutlich in ihrem verzerrten Gesichte widerspiegelte --

wandte sie sich nach der anderen Seite, und umschlang mit ihren

ausgebreiteten Armen jeden Pfeiler, und betastete jede Ecke: sie wollte

Choma fangen. Endlich blieb sie stehen, drohte mit dem Finger und legte

sich wieder in ihren Sarg.

Der Philosoph konnte nicht gleich wieder zu sich kommen, und blickte

voller Furcht auf die enge Behausung der Hexe. Da aber riß sich der Sarg

plötzlich mit einem Rucke los und begann mit furchtbaren Pfeifen durch

die Kirche zu fliegen, wobei er die Luft nach allen Richtungen kreuzte.

Der Philosoph sah ihn einen Augenblick dicht über seinem Kopf, aber er

bemerkte wohl, daß er den von ihm beschriebenen Kreis nicht zu berühren

vermochte, und verstärkte seine Beschwörungen. Der Sarg stürzte mitten

in der Kirche wieder herab und blieb unbeweglich liegen. Wieder erhob

sich der Leichnam, der jetzt ganz blau und grün aussah. Da ertönte der

ferne Ruf eines Hahnes: der Leichnam sank in den Sarg zurück, und der

Deckel fiel krachend zu.

Dem Philosophen klopfte das Herz zum Zerspringen. Er war ganz in Schweiß

gebadet, aber durch den Hahnenschrei ermutigt, fing er an, schneller zu

lesen, bis er sein Pensum Seite für Seite vollendet hatte. Beim ersten

Frührot lösten ihn der Vorsänger, und der alte Jawtuch, der damals das

Amt eines Kirchenvorstehers bekleidete, ab.

Nachdem der Philosoph sein fernes Lager erreicht hatte, konnte er noch

lange nicht einschlafen. Endlich aber siegte die Müdigkeit, und er

schlummerte bis zum Mittag. Als er erwachte, glaubte er das ganze

nächtliche Abenteuer geträumt zu haben. Man gab ihm einen Quart Schnaps

zur Stärkung. Beim Essen ermunterte er sich vollkommen, flocht ein paar

Bemerkungen in die Unterhaltung ein und aß beinahe allein ein ziemlich

ausgewachsenes Ferkel auf. Aber ein unerklärliches Gefühl hielt ihn ab,

von den Ereignissen in der Kirche zu sprechen, und er antwortete auf

alle neugierigen Fragen: »Ja, es gab dort mancherlei Wunderbares.« Der

Philosoph gehörte zu den Menschen, welche sehr leutselig werden, wenn

man ihnen gut zu essen gibt. Er lag mit der Pfeife zwischen den Zähnen,

auf der Bank, sah alle mit freundlichen Blicken an und spuckte

unaufhörlich aus.

Nach dem Essen befand sich der Philosoph in der besten Laune. Er fand

Zeit, durch das ganze Dorf zu spazieren und schloß fast mit allen

Bekanntschaft; aus zwei Hütten wurde er sogar herausgeworfen, und eine

hübsche junge Frau versetzte ihm einen Schlag mit der Schaufel, als er

in seiner Neugierde nachprüfen wollte, aus was für einem Stoff ihr Hemd

und ihr Rock genäht wären. Aber je näher der Abend heranrückte, um so

nachdenklicher wurde der Philosoph. Eine Stunde vor dem Abendbrot

versammelte sich fast das ganze Gesinde, um »Grütze« oder »Klötzchen« zu

spielen, eine Art Kegelspiel, bei dem man statt der Kugeln lange Stöcke

benutzt, und wo der Gewinner dann das Recht hat, auf dem Rücken seines

Partners herumzureiten. Dieses Spiel hatte für den Zuschauer etwas

äußerst Interessantes: oft stieg der Pferdehirt, ein breitschulteriger

Kerl, der aufgeschwemmt war wie ein Pfannkuchen, auf den Rücken des

Schweinehirten, eines elenden, ganz runzligen Männchens. Ein anderes Mal

mußte der Pferdeknecht seinen Rücken darbieten, und Dorosch sagte

jedesmal, wenn er ihn bestieg: »das ist ein kräftiger Stier«. Die

solideren Leute saßen an der Küchenschwelle, rauchten ihre Pfeifen und

blieben immer ernst, auch wenn die Jungen sich über einen Witz des

Pferdeknechts oder Spirids vor Lachen ausschütten wollten. Choma machte

vergeblich den Versuch, am Spiele teilzunehmen; ein finsterer Gedanke

saß ihm wie ein Nagel im Kopf. Beim Abendbrot gab er sich die größte

Mühe, munter zu sein, aber seine Angst stieg in dem Maße, als die

nächtliche Dämmerung den Himmel überzog.

»Nun wird es auch Zeit für uns, Herr Seminarist,« sagte der uns bekannte

alte Kosak, indem er zugleich mit Dorosch aufstand, »komm, gehen wir an

die Arbeit!«

Man führte Choma wie am vorigen Abend in die Kirche und wieder ließ man

ihn allein; da stieg die Angst aufs neue in ihm auf. Wieder sah er die

düsteren Heiligenbilder, die glänzenden Rahmen und den bekannten

schwarzen Sarg, der in drohender Stille unbeweglich in der Mitte der

Kirche stand.

»Nun, all diese Zaubereien sind mir ja jetzt nichts Neues mehr,« sagte

er, »das ist nur zum erstenmal so schrecklich. Ja das erstemal ist es

etwas peinlich, -- aber später ist es schon nicht mehr so schlimm, dann

ist es gar nicht mehr schrecklich.«

Eilig betrat er den Chor, beschrieb einen Kreis um sich, sagte einige

Beschwörungen her und begann laut zu lesen, fest entschlossen, die Augen

nicht vom Buche zu erheben und auf nichts zu achten. Er mochte etwa eine

Stunde gelesen haben und begann schon müde zu werden und dann und wann

zu husten; er nahm daher seine Tabaksdose aus der Tasche; ehe er jedoch

eine Prise nahm, schielte er scheu nach dem Sarge. Sein Herz erstarrte.

Die Tote stand vor ihm, dicht vor dem Kreise und bohrte ihre erloschenen

grünen Augen in die seinen. Der Seminarist erbebte, Eiseskälte

durchrieselte seinen ganzen Körper. Er heftete seine Augen auf das Buch

und begann seine Gebete und Beschwörungen lauter herzusagen; hierbei

hörte er, wie die Tote mit den Zähnen klapperte, und fühlte, wie sie

ihre Arme ausbreitete, um ihn zu umschlingen. Er schielte mit einem Auge

nach der Toten hin, und sah, daß diese nicht dahin griff, wo er stand --

es war also klar, daß sie ihn nicht sehen konnte. Sie begann dumpf zu

murren und sprach mit erstorbenen Lippen drohende Worte, die heiß

aufzischten wie das Brodeln kochenden Peches. Er hätte nicht sagen

können, was diese Worte zu bedeuten hatten, aber sie mußten etwas ganz

Schreckliches enthalten. In seiner Todesangst begriff jedoch der

Philosoph, daß es Beschwörungen waren. Nach ihren Worten erhob sich ein

Sturm in der Kirche, ein Lärm wie von unzähligen Flügeln, die durch die

Luft rauschten. Er hörte, wie die Flügel gegen die Fensterscheiben und

eisernen Fensterrahmen der Kirche schlugen, er hörte es winseln und an

dem Eisen kratzen, eine ungeheuere Kraft stieß donnernd gegen die Tür

und wollte sie aufbrechen. Sein Herz schlug fortwährend zum Zerspringen,

mit geschlossenen Augen las er seine Gebete und Beschwörungen -- endlich

ertönte etwas in der Ferne -- es war ein ferner Hahnenschrei. Der

gepeinigte Philosoph hielt inne und wurde ruhiger.

Als die Ablösung kam, fand man ihn halbtot an der Wand lehnend, und er

stierte die hereintretenden Kosaken mit blöden Augen an. Fast mit Gewalt

führten sie ihn hinaus und mußten ihn unterwegs die ganze Zeit über

stützen. Als sie im Herrenhof ankamen, ermannte er sich jedoch und

verlangte einen Quart Branntwein. Nachdem er ihn ausgetrunken hatte,

strich er über sein Haar und sagte: »Es gibt viel Lumpenzeug auf der

Welt. Und so viel Schreckliches ...« Hierbei fuhr seine Hand durch die

Luft.

Die Umstehenden ließen bei diesen Worten die Köpfe hängen. Selbst ein

kleiner Junge, den alle im Hof schieben und stoßen zu können glaubten,

wenn es den Stall zu reinigen oder Wasser zu tragen galt -- selbst

dieser arme Junge sperrte das Maul auf.

In diesem Augenblicke ging eine nicht mehr ganz junge Frau vorüber,

deren enganliegendes Oberkleid ihre vollen drallen Hüften sehen ließ;

sie war die Gehilfin der alten Köchin und ein furchtbar kokettes

Frauenzimmer, dessen Kopftuch immer mit allerhand schönen Dingen

aufgeputzt war: einem Endchen Band, einer Nelke, ja sogar, wenn gar

nichts Besseres zur Hand war, mit einem Stückchen Papier.

»Guten Morgen, Choma,« sagte sie, als sie den Philosophen erblickte.

»Halloh, was ist denn mit dir los!« schrie sie auf und schlug die Hände

zusammen.

»Ja was denn, dummes Weib?«

»Mein Gott, du bist ja ganz grau!«

»Herrgott, Herrgott! Sie hat wirklich recht!« sagte Spirid und sah ihn

genauer an. »Du bist wirklich ganz grau geworden, wie unser alter

Jawtuch!«

Als der Philosoph dies hörte, lief er schnell in die Küche, wo er ein

kleines dreieckiges und ganz von Fliegen beschmutztes Stückchen Spiegel

an der Wand gesehen hatte; es war mit Vergißmeinnicht, Nelken und sogar

mit einer Girlande geschmückt, was darauf hindeutete, daß es einer

putzsüchtigen Kokette bei der Toilette diente. Mit Schrecken sah Choma,

daß sie die Wahrheit gesprochen hatte, die Hälfte seines Kopfes war

wirklich ganz weiß!

Choma Brut ließ den Kopf hängen und überließ sich seinen Gedanken. »Ich

will zu dem Herrn gehen,« sagte er endlich, »ich will ihm alles erzählen

und ihm erklären, daß ich die Gebete nicht mehr lesen will. Er soll mich

gleich nach Kiew zurückschicken.«

Mit diesem Entschluß ging er auf die Freitreppe des Herrschaftshauses

zu. Der Hauptmann saß fast regungslos in seinem Zimmer. Der trostlose

Gram, den Choma schon früher auf seinem Gesichte bemerkt hatte,

verdüsterte noch immer seine Züge, und seine Wangen waren vielleicht

noch etwas hohler geworden. Man sah, daß er nur wenig oder gar keine

Nahrung zu sich nahm. Die ungewöhnliche Blässe gab seinem Gesicht eine

geradezu steinerne Unbeweglichkeit.

»Guten Morgen, du Ärmster,« sagte er, als er Choma erblickte, der mit

der Mütze in der Hand in der Türe stehen blieb. »Nun wie geht's? Ist

alles in Ordnung?«

»In Ordnung? Jawohl, das ist eine schöne Ordnung! Das ist ja der reinste

Hexensabbat, daß man am liebsten seine Mütze nehmen und davonlaufen

möchte, soweit einen die Füße tragen!«

»Wieso?«

»Ja Herr, Eure Tochter .... Wenn man sich's ordentlich überlegt .... sie

ist ja von vornehmer Abkunft, das wird niemand leugnen .... aber nehmt

es mir nicht übel, Gott gebe ihrer Seele Ruhe ....«

»Was ist denn mit meiner Tochter?«

»Sie hat sich dem Teufel verschrieben. Es geschehen solche furchtbaren

Dinge -- da hilft kein Lesen und kein Beten ....«

»Lies nur, lies. Sie hat dich nicht umsonst hierher gerufen, sie war um

ihr Seelenheil besorgt, das liebe Kind, und wollte alle Versuchungen

durch Gebete zuschanden machen ...«

»Ich stehe in Ihrer Macht, Herr, aber bei Gott, ich kann nicht mehr!«

»Lies, lies nur weiter,« fuhr der Hauptmann in dem gleichen mahnenden

Tone fort, »es ist doch nur noch eine Nacht übrig geblieben, und du tust

ein christliches Werk. Ich werde dich gut belohnen.«

»Und wenn die Belohnung noch so groß wäre, Herr! Nein, wie Ihr wollt,

ich lese nicht mehr,« sagte Choma entschlossen.

»Hör mal, Philosoph,« sagte der Hauptmann, und seine Stimme wurde stark

und drohend, »ich liebe solche Scherze nicht. So etwas magst du in

deiner Bursa machen, aber nicht bei mir. Wenn ich dich durchprügeln

lasse, dann sieht es etwas anders aus, als bei eurem Rektor -- Weißt du,

was ein guter lederner Riemen ist?«

»Wie sollte ich nicht?« sagte der Philosoph und ließ die Stimme sinken:

»ein jeder weiß, was lederne Riemen sind -- ein größere Portion davon --

das kann niemand aushalten.«

»Ja. Aber du weißt wohl noch nicht, wie meine Leute sich aufs Prügeln

verstehen,« sagte der Hauptmann drohend und erhob sich; seine Züge

nahmen eine gebieterische und grausame Miene an, in der sich die ganze

Zügellosigkeit seines Charakters spiegelte, die eben nur durch den

Kummer ein wenig eingeschläfert war. »Bei mir wird erst geprügelt, dann

Branntwein darauf gegossen, und dann geht's von neuem los. Geh, vollende

deine Arbeit. Tust du es nicht -- so stehst du nie wieder auf; gehorchst

du mir dagegen -- so gibt's tausend Goldstücke!«

»Herrgott, das ist ja ein Teufelskerl,« dachte der Philosoph, als er

hinausging, »mit dem darf man nicht spaßen. Paß auf, Freundchen, ich

werde Fersengeld geben, daß du mich mit all deinen Hunden nicht einholen

sollst.«

Choma Brut war fest entschlossen, auszureißen. Er wartete nur noch die

Zeit bis nach dem Mittagessen ab, wo das Gesinde sich ins Heu unter den

Speichern zu legen pflegte, um mit offenem Munde in ein so schreckliches

Pfeifen und Schnarchen auszubrechen, daß sich der Herrschaftshof in eine

Fabrik zu verwandeln schien.

Endlich war es so weit. Selbst Jawtuch streckte sich in der Sonne aus

und schloß die Augen. Zitternd und zagend schlich sich der Philosoph in

den herrschaftlichen Garten, von wo er leicht und unbemerkt ins freie

Feld zu gelangen hoffte. Der Garten war, wie das gewöhnlich der Fall

ist, unglaublich verwildert und schien daher für allerlei geheime

Unternehmungen besonders geeignet. Mit Ausnahme eines kleinen Fußpfades

(der zu wirtschaftlichen Zwecken ausgetreten worden war), waren alle

Wege dicht von Kirschbäumen, Holundersträuchern und Kletten verwachsen,

die ihre langen Stengel mit den klebrigen, rosafarbenen Blüten hoch

hinaufstreckten. Die Spitzen dieses bunten Gemischs von Bäumen und

Sträuchern war wie mit einem Netze von Hopfenranken überzogen. Sie

bildeten gewissermaßen ein Schutzdach, das auf dem geflochtenen Zaune

ruhte und sich in grünen, mit wilden Glockenblumen durchwachsenen

Schlangenwindungen zur Erde hinabließ. Hinter dem Zaun, der den Garten

begrenzte, zog sich ein förmlicher Wald von Steppengras hin: hier schien

noch kein neugieriger Blick hineingeschaut zu haben, und die Sense,

welche mit ihrer Klinge diese dicken holzharten Stengel zu schneiden

versucht hätte, wäre sicher in Stücke zersprungen.

Als der Philosoph über den Zaun steigen wollte, klapperten seine Zähne,

und sein Herz pochte so heftig, daß er selbst erschrak. Die Schöße

seines langen Rockes schienen an der Erde festzukleben, als hätte sie

dort jemand angenagelt. Als er über den Zaun stieg, klang plötzlich ein

betäubender Pfiff an sein Ohr, und eine Stimme schrie: »Wohin, wohin?«

Der Philosoph tauchte im Steppengras unter und begann zu laufen, wobei

er in einem fort über alte Wurzeln stolperte und Maulwürfe zertrat. Er

sah nun, daß er nach dem Heidegras noch ein Stück Feld zu passieren

hatte, hinter dem sich eine dichte Dornenhecke hinzog: dort glaubte er

sich gerettet, da er jenseits der Hecke einen direkten Weg nach Kiew zu

finden meinte. Mit einer geradezu unglaublichen Geschwindigkeit durchmaß

er das Feld, und befand sich plötzlich vor einer dichten Dornbuschhecke.

Er kroch durch die Hecke, wobei er an jedem spitzen Dorn ein Fetzen

seines Gewandes als Tribut zurückließ. Endlich gelangte er zu einem

kleinen Hohlwege, wo eine Weide stand, die mit ihren weit ausgebreiteten

Zweigen ab und zu die Erde berührte, und wo eine schmale, kristallklare

Quelle wie lauteres Silber erglänzte. Das erste, was der Philosoph tat,

war, daß er niederkniete und zu trinken begann -- denn er verspürte

einen geradezu unerträglichen Durst. »Ein herrliches Wasser,« sagte er,

indem er sich die Lippen abtrocknete, »hier könnte man fein ausruhen!«

»Nein, es ist doch besser, wir laufen weiter, vielleicht sind uns die

Verfolger schon auf den Fersen!«

Diese Worte ertönten dicht neben seinem Ohr. Er sah sich um -- Jawtuch

stand vor ihm.

»So ein Teufel, dieser Jawtuch,« dachte der Philosoph, »ich würde dich

mit Vergnügen bei beiden Beinen packen und deine verdammte Fratze samt

allen übrigen Körperteilen mit einem Eichenknüppel bearbeiten!«

»Wozu hast du so einen großen Umweg gemacht,« fuhr Jawtuch fort, »es

wäre klüger gewesen, du hättest den Weg gewählt, den ich gegangen bin:

er führt dicht beim Stall vorbei. Dein Anzug tut mir leid. Solch

ausgezeichnetes Tuch. Was hast du für die Elle bezahlt? -- Doch jetzt

sind wir genug spazieren gegangen: es ist Zeit, nach Hause zu gehen.«

Der Philosoph kratzte sich den Hinterkopf und folgte Jawtuch langsam

nach. »Jetzt wird mir die verdammte Hexe erst recht die Hölle heiß

machen,« dachte er. »Aber was soll denn das! Wovor habe ich Angst? Bin

ich ein Kosak, oder nicht? Ich habe doch zwei Nächte hintereinander

gelesen, so werde ich denn mit Gottes Hilfe auch wohl noch die dritte

überstehen. Die verfluchte Hexe hat sicherlich viel auf dem Gewissen,

daß der Böse so für sie eintritt.«

Mit diesen Gedanken beschäftigt, betrat er den Gutshof. Nachdem er sich

durch solche und ähnliche Erwägungen Mut gemacht hatte, bat er Dorosch,

der durch die Protektion des Kellermeisters manchmal Zutritt zum

herrschaftlichen Keller hatte, ihm eine Flasche gewöhnlichen Branntwein

zu verschaffen. Dann setzten sich beide Kameraden am Speicher nieder und

leerten fast einen halben Eimer, so daß der Philosoph plötzlich

aufsprang und schrie: »Musikanten her! Musikanten!« und ohne zu warten,

bis die Musikanten erschienen, auf einem freien Platz mitten auf dem

Hofe einen Trepak zu tanzen begann. Er tanzte unaufhörlich bis zum

Nachmittag. Das Gesinde, das, wie es in solchen Fällen üblich ist, einen

Kreis um ihn gebildet hatte, spuckte zuletzt aus und zog sich zurück.

Kopfschüttelnd meinten sie: »Wie kann ein Mensch nur so lange tanzen!«

Endlich sank der Philosoph auf derselben Stelle nieder und schlief ein;

erst ein Kübel frischen Wassers vermochte ihn zu wecken, als man sich

zum Abendbrot versammelte. Beim Essen redete er viel davon, was ein

rechter Kosak sei, und behauptete, daß ein Kosak sich vor nichts

fürchten dürfe.

»Es ist Zeit,« sagte Jawtuch, »komm laß uns gehn.«

»Ich wollte, ich könnte dir ein Zündholz durch die Zunge bohren,

verfluchtes Schwein!« dachte der Philosoph, erhob sich jedoch und sagte

»Komm!«

Auf dem Wege zur Kirche sah sich der Philosoph fortwährend um und sprach

ein paar Worte mit seinen Begleitern. Aber Jawtuch schwieg, und selbst

Dorosch blieb stumm.

Es war eine höllische Nacht. Scharen von Wölfen heulten in der Ferne,

selbst das Gebell der Hunde klang unheimlich.

»Es hört sich fast an, als wären das, was dort heult, gar keine Wölfe,«

sagte Dorosch. Jawtuch schwieg. Auch der Philosoph wußte nichts zu

erwidern.

Sie näherten sich der Kirche und betraten den wackligen Holzboden, der

deutlich verriet, wie wenig sich der Gutsherr um Gott und sein

Seelenheil kümmerte. Jawtuch und Dorosch entfernten sich wie gewöhnlich,

der Philosoph blieb allein.

Alles war wie am Tage zuvor. Alles hatte das gleiche, bekannte und

drohende Aussehen. Choma blieb einen Augenblick stehen. Unbeweglich wie

immer stand der Sarg der greulichen Hexe in der Mitte des Gotteshauses.

»Ich fürchte mich nicht, bei Gott, ich fürchte mich nicht,« sagte Choma,

beschrieb wie vormals einen Kreis um sich und rief sich alle

Beschwörungen ins Gedächtnis. Die lautlose Stille war schrecklich: die

Kerzen flackerten und erfüllten die Kirche mit ihrem hellen Licht. Der

Philosoph schlug eine Seite um, dann die zweite und dritte: da bemerkte

er plötzlich, daß er gar nicht das las, was im Buch stand. Vor Schreck

bekreuzigte er sich und begann zu singen. Das beruhigte ihn ein wenig:

das Lesen ging jetzt wieder besser, er schlug eine Seite nach der andern

um.

Da sprang plötzlich -- inmitten der Stille -- der eiserne Sargdeckel

auf. Die Tote richtete sich empor. Sie war noch furchtbarer anzusehen,

als das erstemal. Die Zähne schlugen gräßlich aufeinander, die Lippen

verzerrten sich krampfhaft und stießen heulende, schreckliche

Verwünschungen hervor. Ein Sturm fegte durch die Kirche. Die

Heiligenbilder stürzten zur Erde, und die zerbrochenen Fenstergläser

fielen klirrend auf den Boden. Die Tür wurde aus ihren Angeln gerissen,

und eine Unzahl fürchterlicher Ungeheuer stürzte in das Gotteshaus. Sie

schlugen mit ohrenbetäubendem Lärm ihre Flügel zusammen, kratzten mit

ihren Krallen und erfüllten die Kirche mit einem schrecklichen Getöse.

Alles flog und flatterte hin und her und spähte überall nach dem

Philosophen.

Der letzte Rest seines Rausches war verschwunden. Choma schlug ein Kreuz

ums andere und las alle möglichen Gebete, die er kannte, durcheinander.

Unterdessen aber hörte er, wie die Dämonen um ihn herumtobten, sie

streiften ihn fast mit ihren Flügeln und berührten ihn mit ihren

widerlichen Schwänzen. Er hatte nicht den Mut, sie sich genauer

anzusehen: er bemerkte nur, daß ein riesiges Ungeheuer, das so lang wie

die Wand war, vor ihm stand: Ein dichter Wald von gräulichen

durcheinander gewirrten Haaren hüllte es ein: durch das Geflecht der

Haare aber blickten zwei grausige Augen hervor, deren Brauen ein wenig

in die Höhe gezogen waren. Über ihm in der Luft schwebte eine Art

Riesenblase, aus deren Zentrum sich Tausende von Zangen und

Skorpion-Stacheln hinausstreckten, an deren Enden große Klumpen

schwarzer Erde hingen. Alle blickten den Philosophen an, spähten nach

ihm, und konnten ihn doch nicht sehen, denn er war von dem heiligen

Kreise umgeben. »Führt den Wij her, führt den Wij her,« schrie plötzlich

die Stimme der Toten.

Mit einem Male trat in der Kirche eine tiefe Stille ein. Aus der Ferne

vernahm man das Heulen der Wölfe, und gleich darauf erdröhnten schwere

Schritte, die im Gotteshause laut widerhallten. Choma warf einen scheuen

Blick auf die Tür und sah, wie ein untersetztes, stämmiges, täppisches

Menschenwesen hineingeführt wurde. Es war ganz in schwarze Erde gehüllt.

Seine gleichfalls mit Erde bedeckten Hände und Füße streckten sich wie

zähe, knorrige Wurzeln empor, es stieß polternd mit den Füßen auf den

Boden und stolperte beständig. Die großen Augenlider hingen ihm bis zur

Erde herab und voller Grauen gewahrte Choma, daß sein Antlitz von Eisen

war. Die Geister führten das Ungetüm an der Hand und brachten es bis an

die Stelle, wo Choma stand.

»Hebt mir die Lider empor, ich sehe nicht,« stöhnte Wij mit

unterirdischer Stimme -- und die ganze Dämonenschar stürzte auf ihn zu,

um ihm die Lider empor zu heben.

Eine innere Stimme flüsterte dem Philosophen zu: sieh nicht hin. Aber er

hielt es nicht aus und blickte hin.

»Da ist er,« schrie Wij und deutete mit seinem eisernen Finger auf ihn,

und alle Geister fielen über den Philosophen her. Atemlos stürzte er zu

Boden und gab schreckerfüllt seinen Geist auf.

Da krähte der Hahn. Es war schon der zweite Schrei. Die Geister hatten

den ersten überhört. Die geängstigten Dämonen zerstreuten sich nach

allen Seiten: durch die Tür und durch die Fenster, nur um recht schnell

zu entfliehen. Aber es war schon zu spät, sie blieben zwischen Türen und

Fenstern hängen.

Als der Geistliche die Kirche betrat, blieb er beim Anblick einer

solchen Schändung des Allerheiligsten auf der Schwelle stehen und wagte

es nicht mehr, hier eine Messe abzuhalten. So blieb denn die Kirche mit

den in den Fenstern und Türen festgebannten Ungeheuern in alle Ewigkeit

leer. Wald, Wurzeln, Steppengras und wilde Dornhecken überwucherten sie,

-- und niemand wird je wieder den Weg zu ihr finden.

* * * * *

Als das Gerücht von diesen Begebenheiten bis nach Kiew drang und der

Theologe Haljawa von dem Schicksal des Philosophen Choma hörte, versank

er eine Stunde lang in tiefes Nachdenken. Seitdem war eine große

Veränderung mit ihm vorgegangen. Das Glück war ihm hold gewesen: nach

Beendigung des Kursus war er zum Glöckner des allerhöchsten

Glockenturmes ernannt worden, und nun erschien er nie anders als mit

einer zerschlagenen Nase, da die Treppe im Turm sehr schlecht gebaut

war.

»Hast du schon gehört, wie es Choma ergangen ist?« fragte ihn Tiberius

Gorobetz, als er ihm einmal begegnete, er war jetzt Philosoph und trug

schon einen Schnurrbart.

»Es war Gottes Wille,« sagte der Glöckner, »komm in die Schenke, wir

wollen seiner bei einem Glase gedenken.«

Der junge Philosoph, der begeistert von seinen neuen Rechten Gebrauch

machte -- seine Hosen, sein Rock, ja selbst seine Mütze rochen stark

nach Alkohol und Tabak -- drückte sofort seine Bereitwilligkeit aus.

»Choma war doch ein herrlicher Mensch,« sagte der Glöckner, als der

lahme Wirt den dritten Krug vor ihm hinstellte, »ein famoser Kerl, und

ist so um nichts und wieder nichts umgekommen!«

»Ich weiß, warum er umgekommen ist! Weil er Angst bekommen hat; hätte er

sich nicht gefürchtet, so hätte die Hexe ihm nichts anhaben können. Man

muß nur das Kreuz schlagen, und ihr auf den Schwanz spucken -- dann kann

einem nichts geschehen! Ich kenne das ganz genau. Bei uns in Kiew sind

doch alle Marktweiber Hexen.«

Hier nickte der Glöckner zum Zeichen seines Einverständnisses mit dem

Kopf. Aber als er merkte, daß seine Zunge sich nicht mehr bewegen und

keine Laute mehr hervorbringen konnte, erhob er sich vorsichtig und ging

taumelnd davon, um sich irgendwo abseits im Steppengras auszustrecken.

Hierbei vergaß er es jedoch aus alter Gewohnheit nicht, eine alte

Stiefelsohle einzustecken, die auf einer Bank lag.

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod · 第 22 / 34 题