Zehntes Kapitel

»Ich habe wohl lange geschlafen!« sagte Taraß wie nach einem Rausch aus

schwerem Schlafe erwachend, und er versuchte es, die ihn umgebenden

Gegenstände zu erkennen. Dabei fühlte er eine entsetzliche Schwäche in

seinen Gliedern. Die Wände und Ecken des ihm ganz unbekannten Zimmers

bewegten sich leise hin und her. Endlich bemerkte er, daß sein Kamerad

Towkatsch neben ihm saß und jedem seiner Atemzüge zu lauschen schien.

»Ja,« dachte Towkatsch, »du wärst vielleicht für immer eingeschlafen!«

Er sagte nichts, sondern drohte nur mit dem Finger und machte ihm ein

Zeichen, daß er schweigen solle.

»So sag mir doch, wo ich jetzt bin?« fragte Taraß von neuem. Er strengte

seinen Verstand an und bemühte sich, sich das Vergangene wieder ins

Gedächtnis zu rufen.

»So schweig doch,« fuhr ihn der Gefährte scharf an, »was willst du noch

wissen? Siehst du denn nicht, daß du ganz zerhauen bist? Schon zwei

Wochen galoppiere ich mit dir herum, ohne mir Zeit zum Atmen zu gönnen,

und während dieser Zeit sprichst und schwatzt du im Fieber allen

möglichen Unsinn zusammen. Es ist heute das erstemal, daß du ruhig

eingeschlafen bist. So schweige doch endlich, wenn du nicht selbst das

Unheil auf dich herabrufen willst.«

Taraß strengte sich aus aller Kraft an, seine Gedanken zu sammeln und

sich das Vergangene ins Gedächtnis zu rufen. »Die Polen hatten mich aber

doch gepackt und mich ganz umzingelt? Ich hatte doch gar keine

Möglichkeit, zu entkommen?«

»So schweig doch, hörst du, du Teufelssohn!« schrie Towkatsch ärgerlich

wie eine ungeduldige Wärterin, die ein unartiges und unruhiges Kind

anschreit. »Was hast du davon, wenn du weißt, wie du davongekommen bist!

Sei froh, daß es so ist! Es fanden sich eben Männer, die dich nicht im

Stich gelassen haben -- und nun sei zufrieden. Wir haben noch manche

Nacht zu reiten. Du meinst wohl, daß sie dich für einen Kosaken halten?

Nein, man hat deinen Kopf auf zweitausend Dukaten geschätzt!«

»Und Ostap?« rief Taraß plötzlich, indem er sich aufzurichten versuchte.

Jetzt erst erinnerte er sich, wie man Ostap gefangen und vor seinen

Augen gebunden hatte, und daß er sich jetzt in den Händen der Polen

befand. Und Schmerz und Trauer übermannten den Alten. Er riß die

Verbände von seinen Wunden, schleuderte sie weit von sich und wollte

laut etwas sagen -- aber er sprach nur unzusammenhängende Worte, das

Fieber bemächtigte sich seiner aufs neue, und er begann wieder zu

phantasieren und allerhand unzusammenhängendes Zeug zu reden.

Unterdessen stand sein treuer Gefährte neben ihm und überschüttete ihn

mit zahllosen Schmähungen und Vorwürfen. Endlich packte er ihn an Händen

und Füßen, wickelte ihn ein wie ein Kind und brachte die Verbände wieder

in Ordnung. Dann hüllte er ihn in eine Ochsenhaut, band sie mit Bast

zusammen, befestigte seine Last mit Stricken am Sattel und ritt mit ihm

auf und davon.

»Und wenn du auch unterwegs sterben solltest, ich bringe dich doch in

die Heimat zurück. Ich werde es nicht zulassen, daß die Polen deine

Kosakenehre beschimpfen, deinen Körper in Stücke reißen und ins Wasser

werfen. Soll dir denn der Adler durchaus die Augen aushacken -- so mag

es wenigstens unser Steppenadler sein und kein polnischer Adler, keiner

der aus polnischen Ländern kommt. Tot oder lebendig -- ich bringe dich

in die Ukraine zurück.«

So sprach der treue Gefährte. Und er ritt Tag und Nacht rastlos dahin,

bis er den völlig Bewußtlosen wirklich in die Sjetsch der Saporoger

brachte. Dort behandelte er ihn unermüdlich mit Kräutern und Umschlagen,

machte eine erfahrene, kenntnisreiche Jüdin ausfindig, die Taraß einen

Monat lang allerlei Getränke einflößte -- und so fing er denn wirklich

an, sich zu erholen. Ob es nun die Medizin oder seine eigene eiserne

Natur war -- genug, nach anderthalb Monat stand er wieder auf den

Beinen. Die Wunden waren verheilt, und nur die Säbelnarben bezeugten

noch, wie schwer der alte Kosak einst verwundet worden war. Allein er

war immer traurig, und sein Gemüt war sehr verdüstert. Drei tiefe Falten

hatten sich in seine Stirn gegraben und schwanden nicht mehr von ihr.

Soweit er um sich blicken mochte: alles war ihm neu in der Sjetsch. Die

alten Waffenbrüder waren alle tot. Keiner von denen, die einst für die

gerechte Sache, den Glauben und die Kameradschaft gekämpft hatten, war

noch da, und auch jene, die zusammen mit dem Hetman die Tataren verfolgt

hatten, waren nicht mehr am Leben. Sie alle waren tot und elend

umgekommen. Die einen waren einen ehrlichen Tod im Kampfe gestorben, die

andern vor Hunger und Erschöpfung in den Salzgründen der Krim zugrunde

gegangen, andere wieder waren, unfähig diese Schmach zu ertragen, in der

Gefangenschaft umgekommen. Auch der frühere Hetman war tot, keiner von

den alten Kriegsgefährten war mehr am Leben, und längst schon wuchs Gras

über ihnen, die einst so kraftvolle und mutige Kosaken gewesen waren.

Er hörte nur, daß man ein großes lärmendes Fest gefeiert hatte. Das

Geschirr war in Stücke zerschlagen, kein Tropfen Wein war übrig

geblieben, die Gäste und ihre Diener hatten alle kostbaren Becher und

Gefäße gestohlen -- und der Hausherr stand traurig da und dachte: »O

hätte doch jenes Fest gar nicht stattgefunden!« Vergebens bemühte man

sich, Taraß zu ermuntern und zu zerstreuen. Vergebens rühmten die alten

bärtigen Bandurenspieler, die zu zweien oder dreien durch die Sjetsch

kamen, seine Heldentaten unter den Kosaken -- finster und gleichgültig

ließ er alles geschehen; auf seinem unbeweglichen Gesicht malte sich ein

tiefes, nie verstummendes Leid, und mit gesenktem Kopf sprach er leise

vor sich hin: »Mein Sohn, mein Ostap.«

Mittlerweile hatten die Saporoger ein Unternehmen zur See vorbereitet.

Zweihundert Boote fuhren den Dnjepr hinab; plötzlich erblickte man in

Klein-Asien eine Schar von Kosaken mit rasierten Schädeln und langen

Mähnen: und mit Feuer und Schwert verheerten sie die blühenden Küsten.

Die Turbane der mohammedanischen Bevölkerung lagen blutgetränkt gleich

abgemähten Blumen auf den blutigen Feldern umher, oder schwammen an den

Ufern. Auch manche teerbeschmierte Kosakenhose sah man in Kleinasien und

manch muskulöse Faust mit der schwarzen Kugelpeitsche. Die Saporoger

fraßen alle Weintrauben auf, vernichteten alle Weinberge, ließen ganze

Haufen Unrat in den Moscheen zurück, umhüllten ihre Füße mit kostbaren

persischen Tüchern oder banden sie als Gürtel um ihre schmutzigen

Kittel. Und noch lange nachher sah man dort die kurzen Tabakpfeifen der

Kosaken herumliegen. Dann fuhren sie fröhlich wieder zurück. Allein ein

türkisches Schiff mit zehn Kanonen jagte hinter ihnen her und zerstreute

ihre morschen Boote mit einer Salve aus allen Geschützen wie scheue

Vögel. Der dritte Teil versank in den Tiefen des Meeres; die übrigen

vermochten sich jedoch wieder zu sammeln und erreichten mit zwölf

Fässern voller Zechinen die Mündung des Dnjepr.

Doch dies alles ließ Taraß völlig kalt. Wie mit der Absicht, zu jagen,

durchstreifte er Felder und Steppen, aber niemals gab sein Gewehr einen

Schuß ab. Voller Schwermut legte er es neben sich, während er sich

unbeweglich am Meeresgestade niederließ. Lange saß er so mit gesenktem

Kopf da und flüsterte immer wieder vor sich hin: »Ostap, mein Ostap«.

Das ungeheure schwarze Meer lag leuchtend und blitzend vor ihm, im

fernen Schilf schrie eine Möwe, sein grauer Schnurrbart schimmerte

silbern, und eine Träne nach der andern rollte über seine Wangen.

Endlich aber hielt es Taraß nicht länger aus. »Was da auch kommen mag,

ich will hingehen und erfahren, was mit ihm geschehen ist. Ob er noch

lebt, oder schon im Grabe liegt? Vielleicht hat er nicht einmal ein

Grab. Ich muß es erfahren, es koste, was es wolle.« Eine Woche später

war er bereits, hoch zu Roß, mit Lanze und Säbel bewaffnet, den

Reisesack am Sattel und mit einem Kessel voll Weizenbrei, Pulver,

Patronen, einem Koppelseil und sonstigem Gerät ausgerüstet, in der Stadt

Uman. Er ritt geradewegs auf ein schmutziges Häuschen zu, dessen kleine

verräucherte Fenster kaum zu sehen waren. Der Schornstein war mit einem

Lappen zugestopft, und auf dem durchlöcherten Dach wimmelte es von

Spatzen. Vor der Tür lag ein Kehrichthaufen, und aus dem Fenster guckte

der Kopf einer Jüdin heraus, die ein mit schwärzlichen Perlen besetztes

Häubchen trug.

»Ist dein Mann zu Hause?« fragte Bulba, stieg vom Pferde und band die

Zügel an einen eisernen Haken, der sich neben der Tür befand.

»Ja, er ist zu Hause,« antwortete die Jüdin und trug eiligst Weizen für

das Pferd und einen Krug Bier für den Ritter herbei.

»Wo ist denn dein Jude?«

»Er betet im andern Zimmer,« sagte die Jüdin, verbeugte sich tief und

wünschte Bulba, als er den Krug an die Lippen führte, eine gute

Gesundheit.

»Bleib hier, füttere und tränke mein Pferd, ich will mit ihm allein

sprechen. Ich habe Wichtiges mit ihm zu verhandeln.«

Dieser Jude war der uns wohlbekannte Jankel. Er war jetzt bereits

Pächter und Schankwirt. Mit der Zeit hatte er alle benachbarten Herren

und Edelleute in seine Hände bekommen, ihnen nach und nach fast all ihr

Geld abgenommen und sich überhaupt in jener Gegend äußerst bemerkbar

gemacht; drei Meilen weit nach allen Richtungen war kein Haus mehr in

einem ordentlichen Zustand, alles verfiel und wurde alt und morsch, alle

Leute hatten sich dem Trunke ergeben, und man bemerkte nichts als Armut

und Elend. Die ganze Gegend sah so aus, als ob hier ein verheerender

Brand stattgefunden, oder als ob die Pest hier gehaust hätte. Und hätte

Jankel noch zehn Jahre dort gelebt, er hätte wahrscheinlich die ganze

Wojewodenschaft zugrunde gerichtet.

Taraß trat ins Zimmer. Der Jude saß in einem ziemlich schmutzigen

Leinenrock da und betete; er wandte sich gerade um, um zum letztenmal

auszuspeien wie es seine Religion vorschreibt, als sein Blick plötzlich

auf den hinter ihm stehenden Bulba fiel. Das erste, was dem Juden

einfiel, waren die zweitausend Dukaten, die auf Bulbas Kopf gesetzt

waren, aber er schämte sich gleich wieder seiner Geldgier und bemühte

sich, den unablässigen Hunger nach Geld zu unterdrücken, der an seiner

Seele nagte, wie an der aller Juden.

»Hör zu, Jankel,« sagte Taraß zu dem Juden, der sich vor ihm verbeugte,

und schloß vorsichtig die Tür, damit man ihn nicht sehen sollte, »ich

habe dir das Leben gerettet -- die Saporoger hätten dich wie einen Hund

in Stücke gerissen -- jetzt ist die Reihe an dir, mir einen Dienst zu

erweisen.«

Das Gesicht des Juden verfinsterte sich ein wenig. »Was für einen

Dienst? Wenn es möglich ist, warum nicht?«

»Genug, kein Wort mehr. Bringe mich nach Warschau.«

»Nach Warschau? Warum nach Warschau,« fragte Jankel, indem er Schultern

und Brauen bestürzt in die Höhe zog.

»Schweig. Bring mich nach Warschau. Was auch geschehen mag, ich will ihn

noch einmal sehen und ihm wenigstens noch ein Wort sagen.«

»Wem ein Wort sagen?«

»Ihm, Ostap, meinem Sohne!«

»Hat denn der Herr nicht gehört, daß schon ...«

»Ich weiß, ich weiß alles, man bietet zweitausend Dukaten für meinen

Kopf. Was verstehen die Narren von Preisen! Ich werde dir fünftausend

Dukaten geben.

Da hast du gleich zweitausend (Bulba schüttete zweitausend Dukaten aus

seinem ledernen Beutel), die übrigen erhältst du, sowie ich

zurückgekehrt bin.«

Der Jude ergriff sofort ein Handtuch und bedeckte die Dukaten damit. Ȁ

schönes Geld, ä feines Geld,« sagte er, drehte einen Dukaten in der Hand

herum und prüfte einen zweiten mit den Zähnen. »Ich denke, der Mensch,

dem der Herr so schöne Dukaten abgenommen hat, hat keine Stunde mehr

gelebt; er ist gleich zum Fluß gegangen und hat sich ertränkt -- nachdem

er so herrliche Dukaten gehabt hat!«

»Ich würde dich nicht in Anspruch nehmen, vielleicht hätte ich auch

allein den Weg nach Warschau gefunden; aber die verfluchten Polen

könnten mich irgendwo erkennen und gefangen nehmen, denn ich verstehe

mich nicht auf Listen und Kunststücke. Ihr Juden aber seid dafür wie

geschaffen. Ihr könnt den Teufel selbst hinters Licht führen, ihr

beherrscht alle Kniffe. Jetzt weißt du, weshalb ich zu dir gekommen bin.

Ja, und ich allein würde ja auch in Warschau nichts ausrichten. Spann

also sofort an und bringe mich nach Warschau!«

»Der Herr denkt wohl, das geht so einfach? Man braucht wohl nur die

Stute anzuspannen und zu rufen: »He, holla los«! Glaubt denn der Herr,

daß man ihn so mitnehmen kann, ohne ihn zu verstecken?«

»Nun, so verstecke mich -- tu was du willst! Steck mich meinetwegen in

ein Faß!«

»Ei, ei! Meint der Herr, daß man ihn stecken kann in ein leeres Faß?

Weiß denn der Herr nicht, daß jeder denken wird, es sei Branntwein

darin!«

»Schön, laß ihn doch denken, daß Branntwein darin ist!«

»Wie! Er soll denken dürfen, daß Branntwein darin ist?« rief der Jude

aus, ergriff seine Locken mit beiden Händen und hob sie m die Höhe.

»Was setzt dich so in Erstaunen?«

»Weiß denn der Herr nicht, daß Gott den Branntwein geschaffen hat, damit

ihn jedermann probiere? Das sind doch alles Leckermäuler und

Feinschmecker. Fünf Werst wird der Edelmann herlaufen hinter dem Faß,

wird ä Löchelchen hineinbohren, und wenn nichts herauskommt, wird er

sich gleich sagen: der Jude wird schon kein leeres Faß mit sich

herumschleppen, es wird schon was darin sein! Packt den Juden, bindet

den Juden, nehmt dem Juden alles Geld fort, steckt den Juden ins

Gefängnis! Denn alles was es Schlechtes auf der Welt gibt, wird gewälzt

auf den Juden, jeder behandelt den Juden wie einen Hund: alle denken,

wer ein Jude ist, ist kein Mensch.«

»Nun, so verstecke mich in einem Fischwagen!«

»Das geht nicht Herr, bei Gott, es geht nicht. In ganz Polen sind die

Menschen jetzt so ausgehungert wie die Hunde: sie würden die Fische

fortschleppen und den Herrn entdecken.«

»So setz mich meinetwegen auf den Teufel, aber bring mich hin!«

»So hört doch Herr,« sagte der Jude, streifte die Ärmelaufschläge in die

Höhe und streckte seine weit auseinander gespreizten Finger gegen ihn

aus. »Wir werden es so machen. Jetzt werden überall Festungen und

Schlösser gebaut: es sind französische Baumeister aus Deutschland

angekommen, und deshalb gibt es viele Wagen mit Ziegeln und Steinen auf

der Landstraße. Der Herr soll sich also auf den Boden eines Wagens

ausstrecken, und ich werde über ihn mit Ziegeln bepacken. Der Herr sieht

gesund und kräftig aus, es wird ihm nichts schaden, wenn die Last ein

bißchen schwer drückt; ich werde unten in den Wagen eine kleine Öffnung

bohren, um dem Herrn die Nahrung zu reichen.«

»Mach was du willst, nur spann an!«

Nach einer Stunde verließ ein Wagen mit Ziegelsteinen, vor den zwei

Mähren gespannt waren, die Stadt Uman. Auf der einen saß der lange

Jankel, und seine großen Hängelocken flatterten lustig unter der

Judenmütze hervor, während er auf dem Gaule herumhopste, auf dem er sich

ausnahm wie eine am Wege stehende Meilenstange.

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod · 第 18 / 34 题