»Ich habe wohl lange geschlafen!« sagte Taraß wie nach einem Rausch aus
schwerem Schlafe erwachend, und er versuchte es, die ihn umgebenden
Gegenstände zu erkennen. Dabei fühlte er eine entsetzliche Schwäche in
seinen Gliedern. Die Wände und Ecken des ihm ganz unbekannten Zimmers
bewegten sich leise hin und her. Endlich bemerkte er, daß sein Kamerad
Towkatsch neben ihm saß und jedem seiner Atemzüge zu lauschen schien.
»Ja,« dachte Towkatsch, »du wärst vielleicht für immer eingeschlafen!«
Er sagte nichts, sondern drohte nur mit dem Finger und machte ihm ein
Zeichen, daß er schweigen solle.
»So sag mir doch, wo ich jetzt bin?« fragte Taraß von neuem. Er strengte
seinen Verstand an und bemühte sich, sich das Vergangene wieder ins
Gedächtnis zu rufen.
»So schweig doch,« fuhr ihn der Gefährte scharf an, »was willst du noch
wissen? Siehst du denn nicht, daß du ganz zerhauen bist? Schon zwei
Wochen galoppiere ich mit dir herum, ohne mir Zeit zum Atmen zu gönnen,
und während dieser Zeit sprichst und schwatzt du im Fieber allen
möglichen Unsinn zusammen. Es ist heute das erstemal, daß du ruhig
eingeschlafen bist. So schweige doch endlich, wenn du nicht selbst das
Unheil auf dich herabrufen willst.«
Taraß strengte sich aus aller Kraft an, seine Gedanken zu sammeln und
sich das Vergangene ins Gedächtnis zu rufen. »Die Polen hatten mich aber
doch gepackt und mich ganz umzingelt? Ich hatte doch gar keine
Möglichkeit, zu entkommen?«
»So schweig doch, hörst du, du Teufelssohn!« schrie Towkatsch ärgerlich
wie eine ungeduldige Wärterin, die ein unartiges und unruhiges Kind
anschreit. »Was hast du davon, wenn du weißt, wie du davongekommen bist!
Sei froh, daß es so ist! Es fanden sich eben Männer, die dich nicht im
Stich gelassen haben -- und nun sei zufrieden. Wir haben noch manche
Nacht zu reiten. Du meinst wohl, daß sie dich für einen Kosaken halten?
Nein, man hat deinen Kopf auf zweitausend Dukaten geschätzt!«
»Und Ostap?« rief Taraß plötzlich, indem er sich aufzurichten versuchte.
Jetzt erst erinnerte er sich, wie man Ostap gefangen und vor seinen
Augen gebunden hatte, und daß er sich jetzt in den Händen der Polen
befand. Und Schmerz und Trauer übermannten den Alten. Er riß die
Verbände von seinen Wunden, schleuderte sie weit von sich und wollte
laut etwas sagen -- aber er sprach nur unzusammenhängende Worte, das
Fieber bemächtigte sich seiner aufs neue, und er begann wieder zu
phantasieren und allerhand unzusammenhängendes Zeug zu reden.
Unterdessen stand sein treuer Gefährte neben ihm und überschüttete ihn
mit zahllosen Schmähungen und Vorwürfen. Endlich packte er ihn an Händen
und Füßen, wickelte ihn ein wie ein Kind und brachte die Verbände wieder
in Ordnung. Dann hüllte er ihn in eine Ochsenhaut, band sie mit Bast
zusammen, befestigte seine Last mit Stricken am Sattel und ritt mit ihm
auf und davon.
»Und wenn du auch unterwegs sterben solltest, ich bringe dich doch in
die Heimat zurück. Ich werde es nicht zulassen, daß die Polen deine
Kosakenehre beschimpfen, deinen Körper in Stücke reißen und ins Wasser
werfen. Soll dir denn der Adler durchaus die Augen aushacken -- so mag
es wenigstens unser Steppenadler sein und kein polnischer Adler, keiner
der aus polnischen Ländern kommt. Tot oder lebendig -- ich bringe dich
in die Ukraine zurück.«
So sprach der treue Gefährte. Und er ritt Tag und Nacht rastlos dahin,
bis er den völlig Bewußtlosen wirklich in die Sjetsch der Saporoger
brachte. Dort behandelte er ihn unermüdlich mit Kräutern und Umschlagen,
machte eine erfahrene, kenntnisreiche Jüdin ausfindig, die Taraß einen
Monat lang allerlei Getränke einflößte -- und so fing er denn wirklich
an, sich zu erholen. Ob es nun die Medizin oder seine eigene eiserne
Natur war -- genug, nach anderthalb Monat stand er wieder auf den
Beinen. Die Wunden waren verheilt, und nur die Säbelnarben bezeugten
noch, wie schwer der alte Kosak einst verwundet worden war. Allein er
war immer traurig, und sein Gemüt war sehr verdüstert. Drei tiefe Falten
hatten sich in seine Stirn gegraben und schwanden nicht mehr von ihr.
Soweit er um sich blicken mochte: alles war ihm neu in der Sjetsch. Die
alten Waffenbrüder waren alle tot. Keiner von denen, die einst für die
gerechte Sache, den Glauben und die Kameradschaft gekämpft hatten, war
noch da, und auch jene, die zusammen mit dem Hetman die Tataren verfolgt
hatten, waren nicht mehr am Leben. Sie alle waren tot und elend
umgekommen. Die einen waren einen ehrlichen Tod im Kampfe gestorben, die
andern vor Hunger und Erschöpfung in den Salzgründen der Krim zugrunde
gegangen, andere wieder waren, unfähig diese Schmach zu ertragen, in der
Gefangenschaft umgekommen. Auch der frühere Hetman war tot, keiner von
den alten Kriegsgefährten war mehr am Leben, und längst schon wuchs Gras
über ihnen, die einst so kraftvolle und mutige Kosaken gewesen waren.
Er hörte nur, daß man ein großes lärmendes Fest gefeiert hatte. Das
Geschirr war in Stücke zerschlagen, kein Tropfen Wein war übrig
geblieben, die Gäste und ihre Diener hatten alle kostbaren Becher und
Gefäße gestohlen -- und der Hausherr stand traurig da und dachte: »O
hätte doch jenes Fest gar nicht stattgefunden!« Vergebens bemühte man
sich, Taraß zu ermuntern und zu zerstreuen. Vergebens rühmten die alten
bärtigen Bandurenspieler, die zu zweien oder dreien durch die Sjetsch
kamen, seine Heldentaten unter den Kosaken -- finster und gleichgültig
ließ er alles geschehen; auf seinem unbeweglichen Gesicht malte sich ein
tiefes, nie verstummendes Leid, und mit gesenktem Kopf sprach er leise
vor sich hin: »Mein Sohn, mein Ostap.«
Mittlerweile hatten die Saporoger ein Unternehmen zur See vorbereitet.
Zweihundert Boote fuhren den Dnjepr hinab; plötzlich erblickte man in
Klein-Asien eine Schar von Kosaken mit rasierten Schädeln und langen
Mähnen: und mit Feuer und Schwert verheerten sie die blühenden Küsten.
Die Turbane der mohammedanischen Bevölkerung lagen blutgetränkt gleich
abgemähten Blumen auf den blutigen Feldern umher, oder schwammen an den
Ufern. Auch manche teerbeschmierte Kosakenhose sah man in Kleinasien und
manch muskulöse Faust mit der schwarzen Kugelpeitsche. Die Saporoger
fraßen alle Weintrauben auf, vernichteten alle Weinberge, ließen ganze
Haufen Unrat in den Moscheen zurück, umhüllten ihre Füße mit kostbaren
persischen Tüchern oder banden sie als Gürtel um ihre schmutzigen
Kittel. Und noch lange nachher sah man dort die kurzen Tabakpfeifen der
Kosaken herumliegen. Dann fuhren sie fröhlich wieder zurück. Allein ein
türkisches Schiff mit zehn Kanonen jagte hinter ihnen her und zerstreute
ihre morschen Boote mit einer Salve aus allen Geschützen wie scheue
Vögel. Der dritte Teil versank in den Tiefen des Meeres; die übrigen
vermochten sich jedoch wieder zu sammeln und erreichten mit zwölf
Fässern voller Zechinen die Mündung des Dnjepr.
Doch dies alles ließ Taraß völlig kalt. Wie mit der Absicht, zu jagen,
durchstreifte er Felder und Steppen, aber niemals gab sein Gewehr einen
Schuß ab. Voller Schwermut legte er es neben sich, während er sich
unbeweglich am Meeresgestade niederließ. Lange saß er so mit gesenktem
Kopf da und flüsterte immer wieder vor sich hin: »Ostap, mein Ostap«.
Das ungeheure schwarze Meer lag leuchtend und blitzend vor ihm, im
fernen Schilf schrie eine Möwe, sein grauer Schnurrbart schimmerte
silbern, und eine Träne nach der andern rollte über seine Wangen.
Endlich aber hielt es Taraß nicht länger aus. »Was da auch kommen mag,
ich will hingehen und erfahren, was mit ihm geschehen ist. Ob er noch
lebt, oder schon im Grabe liegt? Vielleicht hat er nicht einmal ein
Grab. Ich muß es erfahren, es koste, was es wolle.« Eine Woche später
war er bereits, hoch zu Roß, mit Lanze und Säbel bewaffnet, den
Reisesack am Sattel und mit einem Kessel voll Weizenbrei, Pulver,
Patronen, einem Koppelseil und sonstigem Gerät ausgerüstet, in der Stadt
Uman. Er ritt geradewegs auf ein schmutziges Häuschen zu, dessen kleine
verräucherte Fenster kaum zu sehen waren. Der Schornstein war mit einem
Lappen zugestopft, und auf dem durchlöcherten Dach wimmelte es von
Spatzen. Vor der Tür lag ein Kehrichthaufen, und aus dem Fenster guckte
der Kopf einer Jüdin heraus, die ein mit schwärzlichen Perlen besetztes
Häubchen trug.
»Ist dein Mann zu Hause?« fragte Bulba, stieg vom Pferde und band die
Zügel an einen eisernen Haken, der sich neben der Tür befand.
»Ja, er ist zu Hause,« antwortete die Jüdin und trug eiligst Weizen für
das Pferd und einen Krug Bier für den Ritter herbei.
»Wo ist denn dein Jude?«
»Er betet im andern Zimmer,« sagte die Jüdin, verbeugte sich tief und
wünschte Bulba, als er den Krug an die Lippen führte, eine gute
Gesundheit.
»Bleib hier, füttere und tränke mein Pferd, ich will mit ihm allein
sprechen. Ich habe Wichtiges mit ihm zu verhandeln.«
Dieser Jude war der uns wohlbekannte Jankel. Er war jetzt bereits
Pächter und Schankwirt. Mit der Zeit hatte er alle benachbarten Herren
und Edelleute in seine Hände bekommen, ihnen nach und nach fast all ihr
Geld abgenommen und sich überhaupt in jener Gegend äußerst bemerkbar
gemacht; drei Meilen weit nach allen Richtungen war kein Haus mehr in
einem ordentlichen Zustand, alles verfiel und wurde alt und morsch, alle
Leute hatten sich dem Trunke ergeben, und man bemerkte nichts als Armut
und Elend. Die ganze Gegend sah so aus, als ob hier ein verheerender
Brand stattgefunden, oder als ob die Pest hier gehaust hätte. Und hätte
Jankel noch zehn Jahre dort gelebt, er hätte wahrscheinlich die ganze
Wojewodenschaft zugrunde gerichtet.
Taraß trat ins Zimmer. Der Jude saß in einem ziemlich schmutzigen
Leinenrock da und betete; er wandte sich gerade um, um zum letztenmal
auszuspeien wie es seine Religion vorschreibt, als sein Blick plötzlich
auf den hinter ihm stehenden Bulba fiel. Das erste, was dem Juden
einfiel, waren die zweitausend Dukaten, die auf Bulbas Kopf gesetzt
waren, aber er schämte sich gleich wieder seiner Geldgier und bemühte
sich, den unablässigen Hunger nach Geld zu unterdrücken, der an seiner
Seele nagte, wie an der aller Juden.
»Hör zu, Jankel,« sagte Taraß zu dem Juden, der sich vor ihm verbeugte,
und schloß vorsichtig die Tür, damit man ihn nicht sehen sollte, »ich
habe dir das Leben gerettet -- die Saporoger hätten dich wie einen Hund
in Stücke gerissen -- jetzt ist die Reihe an dir, mir einen Dienst zu
erweisen.«
Das Gesicht des Juden verfinsterte sich ein wenig. »Was für einen
Dienst? Wenn es möglich ist, warum nicht?«
»Genug, kein Wort mehr. Bringe mich nach Warschau.«
»Nach Warschau? Warum nach Warschau,« fragte Jankel, indem er Schultern
und Brauen bestürzt in die Höhe zog.
»Schweig. Bring mich nach Warschau. Was auch geschehen mag, ich will ihn
noch einmal sehen und ihm wenigstens noch ein Wort sagen.«
»Wem ein Wort sagen?«
»Ihm, Ostap, meinem Sohne!«
»Hat denn der Herr nicht gehört, daß schon ...«
»Ich weiß, ich weiß alles, man bietet zweitausend Dukaten für meinen
Kopf. Was verstehen die Narren von Preisen! Ich werde dir fünftausend
Dukaten geben.
Da hast du gleich zweitausend (Bulba schüttete zweitausend Dukaten aus
seinem ledernen Beutel), die übrigen erhältst du, sowie ich
zurückgekehrt bin.«
Der Jude ergriff sofort ein Handtuch und bedeckte die Dukaten damit. Ȁ
schönes Geld, ä feines Geld,« sagte er, drehte einen Dukaten in der Hand
herum und prüfte einen zweiten mit den Zähnen. »Ich denke, der Mensch,
dem der Herr so schöne Dukaten abgenommen hat, hat keine Stunde mehr
gelebt; er ist gleich zum Fluß gegangen und hat sich ertränkt -- nachdem
er so herrliche Dukaten gehabt hat!«
»Ich würde dich nicht in Anspruch nehmen, vielleicht hätte ich auch
allein den Weg nach Warschau gefunden; aber die verfluchten Polen
könnten mich irgendwo erkennen und gefangen nehmen, denn ich verstehe
mich nicht auf Listen und Kunststücke. Ihr Juden aber seid dafür wie
geschaffen. Ihr könnt den Teufel selbst hinters Licht führen, ihr
beherrscht alle Kniffe. Jetzt weißt du, weshalb ich zu dir gekommen bin.
Ja, und ich allein würde ja auch in Warschau nichts ausrichten. Spann
also sofort an und bringe mich nach Warschau!«
»Der Herr denkt wohl, das geht so einfach? Man braucht wohl nur die
Stute anzuspannen und zu rufen: »He, holla los«! Glaubt denn der Herr,
daß man ihn so mitnehmen kann, ohne ihn zu verstecken?«
»Nun, so verstecke mich -- tu was du willst! Steck mich meinetwegen in
ein Faß!«
»Ei, ei! Meint der Herr, daß man ihn stecken kann in ein leeres Faß?
Weiß denn der Herr nicht, daß jeder denken wird, es sei Branntwein
darin!«
»Schön, laß ihn doch denken, daß Branntwein darin ist!«
»Wie! Er soll denken dürfen, daß Branntwein darin ist?« rief der Jude
aus, ergriff seine Locken mit beiden Händen und hob sie m die Höhe.
»Was setzt dich so in Erstaunen?«
»Weiß denn der Herr nicht, daß Gott den Branntwein geschaffen hat, damit
ihn jedermann probiere? Das sind doch alles Leckermäuler und
Feinschmecker. Fünf Werst wird der Edelmann herlaufen hinter dem Faß,
wird ä Löchelchen hineinbohren, und wenn nichts herauskommt, wird er
sich gleich sagen: der Jude wird schon kein leeres Faß mit sich
herumschleppen, es wird schon was darin sein! Packt den Juden, bindet
den Juden, nehmt dem Juden alles Geld fort, steckt den Juden ins
Gefängnis! Denn alles was es Schlechtes auf der Welt gibt, wird gewälzt
auf den Juden, jeder behandelt den Juden wie einen Hund: alle denken,
wer ein Jude ist, ist kein Mensch.«
»Nun, so verstecke mich in einem Fischwagen!«
»Das geht nicht Herr, bei Gott, es geht nicht. In ganz Polen sind die
Menschen jetzt so ausgehungert wie die Hunde: sie würden die Fische
fortschleppen und den Herrn entdecken.«
»So setz mich meinetwegen auf den Teufel, aber bring mich hin!«
»So hört doch Herr,« sagte der Jude, streifte die Ärmelaufschläge in die
Höhe und streckte seine weit auseinander gespreizten Finger gegen ihn
aus. »Wir werden es so machen. Jetzt werden überall Festungen und
Schlösser gebaut: es sind französische Baumeister aus Deutschland
angekommen, und deshalb gibt es viele Wagen mit Ziegeln und Steinen auf
der Landstraße. Der Herr soll sich also auf den Boden eines Wagens
ausstrecken, und ich werde über ihn mit Ziegeln bepacken. Der Herr sieht
gesund und kräftig aus, es wird ihm nichts schaden, wenn die Last ein
bißchen schwer drückt; ich werde unten in den Wagen eine kleine Öffnung
bohren, um dem Herrn die Nahrung zu reichen.«
»Mach was du willst, nur spann an!«
Nach einer Stunde verließ ein Wagen mit Ziegelsteinen, vor den zwei
Mähren gespannt waren, die Stadt Uman. Auf der einen saß der lange
Jankel, und seine großen Hängelocken flatterten lustig unter der
Judenmütze hervor, während er auf dem Gaule herumhopste, auf dem er sich
ausnahm wie eine am Wege stehende Meilenstange.