Achtes Kapitel

Die Sonne stand noch nicht im Zenit, als sich die Saporoger bereits zu

einer allgemeinen Beratung versammelten. Aus der Sjetsch war die

Nachricht gekommen, daß die Tataren sie während der Abwesenheit der

Kosaken überfallen und völlig ausgeplündert, ja daß sie sogar die

Schätze, die die Kosaken unter der Erde versteckt hielten, ausgegraben

und alle, die zu Hause geblieben waren, totgeschlagen oder in die

Gefangenschaft geführt hätten, und daß sie mit den geraubten Rinder- und

Roßherden geradewegs nach Perekop gezogen wären. Nur einem einzigen

Kosaken, Marim Goloducha, war es unterwegs gelungen, sich aus den Händen

der Tataren zu befreien; er hatte den Mirza erstochen, dessen mit

Zechinen gefüllten Beutel geraubt und sodann in tatarischer Kleidung und

auf einem Tatarenpferde einen Tag und zwei Nächte auf der Flucht vor

seinen Verfolgern zugebracht. Hierbei hatte er sein eigenes Pferd zu

Tode gehetzt, ein anderes bestiegen, das er ebenfalls zu Schanden

geritten hatte, und so war er erst am dritten Tage ins Lager der

Saporoger gekommen, nachdem er unterwegs erfahren, daß diese bei Dubno

standen. Er vermochte nur noch zu sagen, daß das Unglück geschehen war;

wie es aber geschehen konnte, ob die zurückgebliebenen Saporoger sich

nach Kosakenart betrunken hatten und dann im Rausch gefangen genommen

worden, und wie die Tataren die Stelle entdeckt hatten, an der sich der

Kriegsschatz befand -- von alledem vermochte er nichts zu sagen. Der

Kosak war furchtbar erschöpft und am ganzen Körper geschwollen; der

heiße Wind hatte ihm das Gesicht verbrannt, genug, er sank sofort nieder

und verfiel in einen tiefen Schlaf.

In solchen Fällen war es bei den Saporogern Sitte, den Räubern

unverzüglich nachzujagen und sie noch unterwegs einzuholen, denn es

konnte sonst leicht geschehen, daß die Gefangenen plötzlich auf den

kleinasiatischen Bazaren, in Smyrna, auf der Insel Kreta oder an anderen

Orten auftauchten, und Gott allein mochte wissen, wo man den buschigen

Schädeln der Saporoger noch sonst begegnete. Das war der Grund, weswegen

die Saporoger sich versammelt hatten. Sie alle, vom ersten bis zum

letzten, hatten ihre Mützen aufbehalten, denn sie waren nicht

hergekommen, um von ihrem Hetman Befehle zu hören, sondern um sich als

Gleichgestellte miteinander zu beraten. »Die Ältesten sollen zuerst

sprechen,« riefen einige Stimmen aus der Menge. »Nein, Hetman, gib du

uns einen Rat,« sagten andere.

Der Hetman nahm die Mütze ab, nicht mehr als ihr Anführer, sondern als

ihr Kamerad, dankte für die Ehre und sprach: »Es gibt viele unter uns,

die älter sind, als ich, und viele, die einen klügeren Rat erteilen

könnten, da man mir aber die Ehre erwiesen hat, mich zu fragen, so ist

dies mein Rat: Verliert keine Zeit, Kameraden, und setzt den Tataren

nach, denn ihr wißt ja selbst, was der Tatar für ein Mensch ist. Er wird

mit seinem geraubten Schatz kaum auf unsere Ankunft warten, sondern ihn

sofort verschleudern, sodaß auch nicht eine Spur von ihm übrig bleibt.

Dies also ist mein Rat. Wir müssen aufbrechen, wir haben uns hier schon

genug Bewegung gemacht. Die Polen wissen, wer die Kosaken sind, wir

haben unsern Glauben nach Kräften gerächt. Die ausgehungerte Stadt aber

kann für uns nicht mehr viel bedeuten. Darum lautet mein Rat: Brechen

wir auf!«

»Aufbrechen, aufbrechen!« schrieen die Abteilungen der Saporoger. Aber

diese Worte wollten Taraß Bulba wenig gefallen. Finster runzelte er

seine rabenschwarzen, leicht ergrauten Augenbrauen, die dem dichten

Gestrüpp glichen, das auf dem Scheitel eines Berges wächst und dessen

Spitzen mit feinen weißen Nadeln bereift sind. »Nein, dein Rat ist nicht

gut, Hetman,« sagte er, »deine Worte sind nicht richtig, du scheinst zu

vergessen, daß die Unsern in der Gefangenschaft bei den Polen zurück

bleiben. Du scheinst zu wollen, daß wir das erste und heiligste Gesetz

der Freundschaft mißachten; daß wir unsere Brüder in Stich lassen, damit

man ihnen bei lebendigem Leibe die Haut abzieht oder ihren Kosakenleib

vierteilt und ihn dann durch alle Städte und Dörfer schleppt, wie sie

das bereits mit dem Hetman und den besten Helden der Ukraine gemacht

haben. Haben sie unser Heiligstes noch nicht genug beschimpft? Was sind

wir denn? frage ich euch alle. Was ist das für ein Kosak, der seinen

Kameraden in der Not verläßt und zugibt, daß er in der Fremde verreckt

wie ein Hund? Wenn es schon so weit gekommen ist, daß niemand die

Kosakenehre mehr heilig hält und daß jeder sich erlaubt, uns ins

Angesicht und auf unseren großen Schnurrbart zu speien, und Schimpfworte

auf uns zu häufen -- so soll wenigstens mir keiner einen Vorwurf machen

können. Ich bleibe hier und wenn ich der einzige bin!«

Alle anwesenden Saporoger begannen zu schwanken.

»Tapferer Oberst« entgegnete hierauf der Hetman, »hast du denn

vergessen, daß es ebenfalls unsere Kameraden sind, die sich in den

Händen der Tataren befinden? Daß ihr Leben ein ewiges Sklaventum unter

den Heiden sein wird, entsetzlicher als der schrecklichste Tod, wenn wir

sie nicht befreien? Hast du denn vergessen, daß sie unsern gesamten

Schatz besitzen, der mit teurem Christenblute erkauft ist?«

Die Kosaken wurden nachdenklich und wußten nicht, was sie sagen sollten.

Keiner von ihnen wollte in üblen Ruf kommen. Da trat der Älteste aus dem

Heere der Saporoger, Kaßjan Bowdjug, hervor. Er war hochgeehrt bei den

Kosaken, war schon zweimal Hetman gewesen und galt auch im Kriege als

ein tüchtiger Kosak, aber jetzt war er schon sehr alt und nahm an keinem

Feldzuge mehr teil, auch liebte er es nicht, Rat zu erteilen, sondern

der alte Kämpe zog es vor, im Kreise der Kosaken auf dem Rücken zu

liegen und den Erzählungen über vergangene Abenteuer und Feldzüge der

Kameraden zu lauschen. Er mischte sich nie in ihre Reden, sondern hörte

nur aufmerksam zu und drückte mit den Fingern die Asche in seiner kurzen

Pfeife zusammen, die er nie aus dem Munde ließ. So saß er lange da, die

Augen halb geschlossen, und die Kosaken wußten nie, ob er zuhöre oder

schon schlafe. Während der letzten Feldzüge war er stets zu Hause

geblieben, aber diesmal hatte es ihn aufgerüttelt. Nach Kosakenart hatte

er seine Hand geschwungen und gesagt: »Ach was, diesmal komme ich mit

euch. Vielleicht kann ich dem Kosakentum noch irgendwie nützlich sein.«

Alle Kosaken verstummten, als er jetzt vor die Versammlung trat, denn

schon lange hatte man kein Wort aus seinem Munde gehört. Jeder wollte

wissen, was Bowdjug zu sagen hatte.

»Auch an mich ist jetzt die Reihe gekommen, einige Worte zu sagen, ihr

Herren und Brüder«, begann er, »so hört denn, was euch ein alter Mann

sagt, Kinder. Der Hetman hat weise gesprochen; als Führer des

Kosakenheeres, der verpflichtet ist, den Besitz des Heeres zu hüten und

zu bewahren, konnte er gar nichts Weiseres sagen. Das laßt euch zuerst

gesagt sein. Jetzt aber hört, was ich euch weiter mitzuteilen habe. Und

zwar muß ich euch folgendes sagen. Auch der Oberst Taraß hat eine große

Wahrheit ausgesprochen! Gott möge ihm ein langes Leben bescheren, und

möge es noch oft solche Obersten in der Ukraine geben! Die erste Pflicht

und die höchste Ehre des Kosaken ist es, Waffenbrüderschaft zu halten.

Solange ich auf der Welt bin, ihr Herren und Brüder, habe ich es noch

nicht erlebt, daß der Kosak seinen Kameraden in Stich gelassen oder

verraten hätte. Sowohl die einen wie die andern sind unsere Kameraden;

ob ihrer nun viele oder wenige sind, das ist ganz gleich, sie sind alle

unsere Kameraden und uns alle gleich lieb und wert. Ich will also

folgendes sagen: Diejenigen, denen die Gefangenen der Tataren besonders

lieb sind, sollen sich an die Verfolgung der Tataren machen, die

dagegen, denen die von den Polen Fortgeschleppten mehr am Herzen liegen,

und die deren gerechte Sache nicht verlassen wollen, sollen hier

bleiben. Der Hetman mag seiner Pflicht gemäß mit der einen Hälfte die

Tataren verfolgen, die andere Hälfte aber soll sich unterdessen einen

eigenen stellvertretenden Hetman wählen. Und für dieses Amt eignet sich,

wenn ihr einem Graukopf folgen wollt, niemand besser, als Taraß Bulba.

Es gibt keinen unter uns, der ihm an Mut und Tapferkeit gleich ist.«

So sprach Bowdjug und verstummte; und alle Kosaken freuten sich, daß sie

der Alte so auf den richtigen Weg gewiesen hatte. Alle warfen ihre

Mützen in die Luft und riefen: »Dank dir, Väterchen! Du hast immer

geschwiegen, und geschwiegen, du hast lange geschwiegen, und nun endlich

hast du das einzig Richtige und Wahre gesagt. Du hast nicht vergebens

erklärt, als du mit uns in den Feldzug zogst, daß du dem Kosakentum

nützen könntest: Nun ist es wirklich so gekommen.«

»Seid ihr damit einverstanden?« fragte der Hetman.

»Ja, wir sind Alle einverstanden,« riefen die Kosaken.

»Die Versammlung ist also beendet?«

»Die Versammlung ist beendet,« riefen die Kosaken.

»So vernehmt denn jetzt den Heeresbefehl, Kinder,« sagte der Hetman,

trat vor und setzte die Mütze auf; und alle Saporoger, so viel ihrer da

waren, nahmen die ihren ab und hörten ihn entblößten Hauptes und mit zu

Boden gesenkten Blicken an, wie es bei den Kosaken Sitte war, wenn einer

der Ältesten sprechen wollte. »Jetzt teilt euch in zwei Teile, ihr

Herren und Brüder. Wer gehen will, begebe sich auf die rechte Seite, wer

bleibt, auf die linke. Geht der größere Teil einer Abteilung mit, so

folgt ihnen auch der Führer, ist es jedoch nur der kleinere Teil, so

mögen sich die Übrigbleibenden einer anderen Abteilung anschließen.«

Und Alle teilten sich in zwei Gruppen und stellten sich teils auf die

rechte, teils auf die linke Seite. Wohin sich der größere Teil einer

Abteilung begab, dahin folgte auch der Führer: kleinere Teile schlossen

sich an die größeren Abteilungen an. Und es stellte sich heraus, daß

beide Gruppen fast gleichstark waren. Folgende Abteilungen hatten sich

zum Bleiben entschlossen: beinahe die ganze Abteilung Nesamaikow, die

größere Hälfte der Abteilung Popowitsch, die ganze Abteilung Uman und

Kanew, und die größere Hälfte der Steblikiwschen und Tymoschewschen

Abteilungen. Die übrigen Abteilungen zogen es vor, die Tataren zu

verfolgen. Auf beiden Seiten gab es viele tapfere und wackere Kosaken.

Unter denen, die beschlossen hatten, den Tataren nachzujagen, befanden

sich: ein wackerer, alter Kosak, Tscherewaty, ferner Pokotypole, Lemisch

und Prokopowitsch Choma. Auch Demid Popowitsch hatte sich ihnen

angeschlossen, denn er hatte eine recht hohe Meinung von sich und liebte

es nicht, lange an ein und demselben Ort zu sitzen: er hatte sich nun

mit den Polen gemessen, jetzt wollte er es wieder einmal mit den Tataren

aufnehmen. Die Anführer der einzelnen Abteilungen waren folgende:

Nostjugan, Pokryschka, Newylytschki und noch viele andere wackere und

tapfere Kosaken, die Schwert und Kraft im Kampf gegen die Tataren

erproben wollten. Aber nicht weniger tapfere und brave Kosaken waren

unter denen, die da bleiben wollten: die Abteilungsführer Demytrowitsch,

Kukubenko, Wertychwist, Balaban, Bulbenko und Ostap. Außer ihnen gab es

da noch viele andere berühmte und gewaltige Kosaken: Wowtusenko,

Tscherewytschenko, Stepan Guska, Ochrim Guska, Mykola Gustyj,

Sadoroschny, Metelizja, Iwan Sakrutyguba, Mossy Schilo, Degtjarenko,

Sydorenko, die drei Pissarenko und noch viele andere ausgezeichnete

Kosaken, alles erfahrene, und erprobte Leute. Sie waren an den Küsten

Anatoliens, in den Steppen der Krim, auf allen großen und kleinen

Flüssen, die in den Dnjepr münden, und in den Schluchten und auf den

Inseln dieses Flusses gewesen; sie hatten die Moldau, die Wallachei und

die Türkei besucht, hatten das ganze schwarze Meer mit ihren

zweiruderigen Kosakenbooten durchkreuzt und mit deren fünfzig die

größten und reichsten Schiffe überfallen, nicht wenig Galeeren zum

Kentern gebracht und viel, sehr viel Pulver in ihrem Leben verschossen.

Oft genug hatten sie kostbare Seiden- und Sammetstoffe zerrissen um sich

Fußlappen daraus zu verfertigen, und ihre Beutel am Hosengurt mit

goldenen Zechinen vollgestopft. Und wieviel Geld und Gut jeder von ihnen

schon vertrunken und verjubelt hatte, -- einem andern hätte es für das

ganze Leben gereicht -- das war garnicht auszurechnen. Sie hatten nach

Kosakenart alles verschwendet: alle Welt bewirtet, und Musikanten

bestellt, damit alles, was da lebte, lustig sei! Noch jetzt hatten die

meisten irgendwo Wertgegenstände vergraben: Becher, silbernes

Trinkgeschirr und Armbänder, die sie im Schilf auf den Inseln des Dnjepr

versteckt hielten, damit die Tataren sie nicht auffinden konnten, wenn

es diesen gelingen sollte, die Sjetsch in einem unglücklichen Augenblick

plötzlich zu überfallen. Aber es wäre den Tataren schwer geworden, diese

Schätze zu finden, wußten doch oft die Besitzer selbst nicht mehr, wo

sie sie vergraben hatten. Das waren die Kosaken, die da bleiben wollten,

um die treuen Waffenbrüder und den christlichen Glauben an den Polen zu

rächen. Der alte Kosak Bowdjug wollte gleichfalls mit ihnen

zurückbleiben und sagte: »Ich bin nicht mehr jung genug, um hinter den

Tataren herzulaufen; auch dies ist ein Platz, wo man einen ehrlichen

Kosakentod sterben kann! Schon lange bete ich zu Gott, daß ich, wenn ich

denn sterben soll, mein Leben im Kampf für die heilige Sache Christi

hingeben dürfe. Nun ist es so gekommen. Einen schöneren Tod kann es für

einen alten Kosaken nirgends geben.«

Nachdem sie auseinandergegangen waren und sich in zwei Gruppen nach den

Abteilungen aufgestellt hatten, schritt der Hetman die Reihen ab und

sagte:

»Nun ihr Herren und Brüder, sind die beiden Teile miteinander

zufrieden?«

»Wir sind alle zufrieden Väterchen,« riefen die Kosaken.

»Nun, dann küßt euch und drückt euch zum Abschied die Hände, denn Gott

weiß, ob ihr euch noch einmal im Leben wiederseht. Gehorcht eurem

Hetman, und tut euer Bestes: ihr wißt ja selbst, was die Kosakenehre von

euch fordert.«

Und alle Kosaken, so viele ihrer waren, küßten einander. Die Führer

machten den Anfang, sie strichen sich über ihre grauen Schnurrbärte und

küßten sich dreimal, dann drückten sie sich die Hände und hielten sie

lange fest, als ob sie sagen wollten: »Werden wir uns noch einmal wieder

sehen, Herr Bruder oder nicht?«

Sie sagten aber doch nichts, sondern schwiegen, und ihre grauen Köpfe

versanken in Nachdenken. Auch die Kosaken nahmen Abschied von einander;

alle insgesamt, denn sie wußten, daß es für beide Teile viel zu tun gab.

Sie beschlossen aber, sich nicht sofort zu trennen, sondern bis zum

Anbruch der Nacht zu warten, damit der Feind nichts davon merke, daß das

Kosakenheer kleiner geworden sei. Dann begaben sich alle in die

einzelnen Lager, um sich ihr Mittagsmahl zu bereiten.

Nach der Mahlzeit legten sich alle, die nach Hause gehen wollten zur

Ruhe nieder; sie schliefen lange und fest, wie wenn sie ahnten, daß dies

das letzte Mal sei, wo sie sich als freie Männer auf freiem Felde

ausschlafen konnten. Sie schliefen bis zum Sonnenuntergang: bei Anbruch

der Dunkelheit aber standen sie auf, um ihre Wagen zu schmieren. Als sie

fertig waren, schickten sie die Wagen voraus, sie selbst aber grüßten

ihre Kameraden nochmals mit den Mützen und schritten langsam und still

hinter den Wagen her; die Berittenen zogen in guter Ordnung, ohne die

Pferde durch Schreien und Pfeifen anzuspornen, hinter den Fußgängern

her, und bald waren sie in der Dunkelheit verschwunden. Nur hie und da

hörte man noch das dumpfe Pferdegetrappel und hin und wieder das Knarren

eines Rades herüberschallen, das noch nicht recht in Gang gekommen oder

während der nächtlichen Dunkelheit schlecht geschmiert worden war.

Und lange noch winkten ihnen die zurückgebliebenen Kameraden zu,

obgleich nichts mehr von ihnen zu sehen war. Als sie aber zu ihren

Lagerplätzen zurückgekehrt waren, und als sie bei dem sternhellen Himmel

sahen, daß die gute Hälfte der Wagen nicht mehr da war, und daß viele

ihrer Brüder fehlten, da wurde es ihnen traurig und bang ums Herz, sie

wurden unwillkürlich nachdenklich und ließen ihre unruhigen Köpfe

herabsinken.

Taraß sah, wie schwermütig die Kosaken wurden, und wie sich ihrer Köpfe

eine gewisse Verzagtheit, die eines tapferen Mannes unwürdig ist,

bemächtigte; aber er schwieg, er wollte ihnen Zeit lassen, bis sie sich

an den Schmerz gewöhnten, den der Abschied der Kameraden in ihnen

hervorgerufen hatte. Im stillen nahm er sich jedoch vor, sie plötzlich

durch den Kosaken-Kriegsruf aufzurütteln, um ihrer Seele wieder neuen

frischen Mut und neue Stärke einzuflößen. Jene Stärke, deren nur die

slavische Rasse fähig ist, diese weitherzige, mächtige Rasse, die sich

zu den andern Rassen verhält, wie das Meer zu einem seichten Flüßchen.

Wenn die Zeit stürmisch ist, dann bricht es in ein dröhnendes Gebrüll

und Gedonner aus und wirft und türmt gewaltige Wogenmassen auf, wie es

ein kraftloser Fluß nie vermag; wenn aber Windstille und Ruhe herrscht,

dann streckt es seine unabsehbare, klare Spiegelfläche aus: den Augen

ein ewiges Labsal, und klarer und reiner als je einer der Flüsse.

Taraß befahl seinen Dienern, einen Wagen, der gesondert dastand,

auszupacken. Es war der größte und stärkste von allen Kosakenwagen.

Seine Räder waren mit doppelten mächtigen Reifen beschlagen, er war hoch

beladen, mit Decken und starken Ochsenfellen bespannt und mit gut

geteerten Stricken umwunden. Im Innern befanden sich Gefäße und Fässer

mit gutem alten Wein, der lange in Taraß' Kellern gelagert hatte. Er

hatte diesen Vorrat für einen feierlichen Augenblick aufgespart, damit

ein jeder Kosak -- wenn der große Augenblick gekommen war und große

Taten winkten, die würdig waren, der Nachwelt überliefert zu werden --

einen köstlichen Schluck dieses verbotenen Trunkes koste, auf daß der

große Moment in dem Menschen auch ein großes Gefühl auslöse. Auf den

Befehl des Obersten liefen die Knechte sofort zu den Wagen, hieben mit

ihren Säbeln die dicken Stricke durch, nahmen die starken Ochsenhäute

und Decken ab und zogen die Gefäße und Fässer vom Wagen herunter.

»Nehmt nur alle,« sagte Bulba, »alle, so viele ihr seid, ein jeder

nehme, was er bei der Hand hat: einen Becher, einen Eimer, mit dem er

sonst sein Pferd tränkt, einen Fausthandschuh oder die Mütze, oder wenn

es gar nicht anders geht, so haltet einfach die Hände unter.«

Und alle Kosaken, soviel ihrer da waren, taten, wie Taraß ihnen gebot;

der eine hielt einen Becher unter, ein anderer einen Eimer, aus dem er

sonst sein Pferd tränkte, ein dritter seinen Fausthandschuh und wieder

andere die Mütze, viele aber hielten einfach beide Hände hin. Und Taraß'

Knechte schenkten ihnen allen den Wein aus Gefäßen und Fässern ein.

Allein Taraß gebot ihnen, nicht eher davon zu kosten, als bis er ihnen

ein Zeichen gäbe, damit alle den Wein auf einmal austränken. Man sah es

ihm an, daß er etwas sagen wollte. Taraß wußte, daß, so stark auch die

Wirkung an und für sich ist, die ein guter alter Wein auf das Gemüt des

Menschen ausübt, und so sehr er ihn ermutigt und belebt, der Einfluß des

Trunkes auf Geist und Gemüt noch doppelt so stark ist, wenn er von einem

guten Wort begleitet wird. »Ich habe Euch nicht deshalb zu diesem Trunke

eingeladen, werte Herren und Brüder,« sprach Bulba, »weil ihr mich zu

euerem Führer erwählt habt, so sehr ich mir das auch zur Ehre anrechne,

und auch nicht um den Abschied von unseren Kameraden zu feiern, -- das

würde sich wohl in anderen Zeiten besser geziemen als gerade in diesem

Augenblick. Große, schwere Taten, edlen Schweißes wert, harren unser,

Taten, die den gewaltigen Mut der Kosaken erfordern! Und darum,

Kameraden, laßt uns den Wein austrinken auf einen Zug: vor allem auf den

heiligen christlichen Glauben, damit endlich die Zeit kommt, wo sich der

eine wahre und heilige Glaube über den ganzen Erdboden verbreite und

alle Mohammedaner, soviel ihrer auch sind, gläubige Christen werden. Und

zugleich laßt uns auf die Sjetsch trinken, auf daß diese noch lange

bestehen möge zum Schrecken und Verderben der Mohammedaner, und auf daß

alle Jahre recht viele brave Kosaken, einer tüchtiger und schöner als

der andere, aus ihr hervorgehen mögen. Und endlich laßt uns auch gleich

auf unsern eigenen Ruhm trinken, auf daß Kinder und Kindeskinder sich

von uns erzählen, daß es einst Kosaken gegeben habe, die nicht Verrat

geübt an der Freundschaft und die eigenen Waffenbrüder nicht in Stich

gelassen haben! Also es lebe der Glaube, werte Herren. Es lebe der

Glaube!«

»Es lebe der Glaube!« donnerten alle, die in den vordersten Reihen

standen mit ihren tiefen Baßstimmen los. »Auf unsern Glauben!« fielen

auch die ferner Stehenden ein, und alle Anwesenden, die Alten und die

Jungen, leerten die Becher auf ihren Glauben.

»Auf die Sjetsch!« sagte Bulba und hob den Arm hoch über den Kopf empor.

»Auf die Sjetsch!« riefen die in den vordersten Reihen mit lauter

Stimme. »Auf die Sjetsch!«, sagten die Alten leise und strichen sich die

grauen Schnurrbärte; und die Jungen wiederholten wie ein junger Falke,

der aus dem Schlafe erwacht: »Auf die Sjetsch!« -- und weithin drang

über das Feld der Ruf, mit dem die Kosaken ihrer Sjetsch gedachten.

»Jetzt noch einen letzten Trunk, Kameraden: auf unsere Ehre und unseren

Ruhm und auf alle Christen, die in der Welt leben!«

Und alle Kosaken, vom ersten bis zum letzten, tranken den letzten

Schluck auf Ehre und Ruhm und auf alle Christen, die irgendwo in der

Welt lebten. Und lange noch wiederholten die einzelnen Gruppen und

Abteilungen:

»Auf das Wohl aller Christen, die in der Welt leben!«

Die Becher waren geleert, doch noch immer standen die Kosaken mit

erhobenen Händen da; allein wenn auch der Wein ihre Augen heller und

freudiger glänzen machte, -- sie waren doch immer noch ernst und

nachdenklich. Nicht an Beute und Kriegsglück dachten sie jetzt, auch

nicht daran, ob ihnen wohl goldene Dukaten, kostbare Waffen, gestickte

Röcke und Tscherkessenpferde beschieden sein würden: sie saßen sinnend

da wie eine Schar von Adlern, die sich hoch oben auf den Spitzen

steinerner Felsen und steiler Berge niedergelassen haben, von wo aus man

das weite grenzenlose Meer erblickt, wie es mit Galeeren, Segelschiffen

und allerlei Fahrzeugen, gleichwie mit kleinen Vögeln, besät ist, -- das

Meer mit seinen in der Ferne verschwimmenden Meerbusen und Gestaden, mit

Städten, die wie Fliegen, und mit Wäldern, deren Bäume wie niedrige

Grashalme aussehen. Mit Adlerblick überschauten sie die ganze Ebene und

ihr von ferne winkendes Schicksal. Einst würde das ganze weite Feld, mit

all seinen Wegen und Verstecken, mit nackten weißen Kosakenknochen

bedeckt sein, und auf dem von Kosakenblut gedüngten Boden würde man

zertrümmerte Wagen, zerbrochene Säbel und Lanzen erblicken; überall

würden dicht behaarte Köpfe mit zerzausten und blutigen Mähnen und tief

herabhängenden Schnurrbärten herumliegen, die Adler würden sich auf die

Leichen stürzen und ihnen mit ihren Schnäbeln die Kosaken-Augen

heraushacken. Aber wie schön und herrlich war doch trotz allem ein so

weites, freies Sterbelager! Keine ihrer großen Taten würde vergessen

werden, und der Kosakenruhm würde nie vergehen und nie sich verlieren

wie die kleine Kugel, die den Flintenlauf verlassen hat. Ein

Bandura-Spieler mit einem weißen, bis an den Gürtel reichenden Bart

würde einst von ihm singen oder vielleicht auch ein weißhaariger Greis,

der aber noch immer ein Bild kraftvoller männlicher Schönheit ist: ein

Wahrsager und Prophet, würde er mit gewaltigen, mächtigen Worten von ihm

künden! Und weithin über die Welt würde sich der Ruhm der Kosaken

verbreiten, und alle, die nach ihnen geboren würden, würden von ihnen

reden. Denn leicht verbreitet sich ein gewaltiges Heldenwort, leicht wie

der Ton aus schallendem Glockenerz, in das der Meister viel köstliches

und reines Silber gemischt hat, auf daß der herrliche Klang in alle

Städte und Dörfer, Paläste und Hütten dringe, und alle Christen zum

heiligen Gebete rufe.

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod · 第 16 / 34 题