Gleich am nächsten Tage beriet sich Taraß Bulba mit dem neuen Hetman,
wie man die Saporoger zu einem Kriegszuge anstacheln könnte. Der Hetman
war ein kluger, gewiegter Kosak, er kannte die Saporoger und sagte daher
zuerst:
»Den Eid können wir nicht brechen. Das geht auf keinen Fall.« Dann
schwieg er eine Weile und fuhr fort:
»Es macht nichts, es geht auch so. Wir werden den Eid nicht verletzen,
aber ein Vorwand wird sich schon finden. Sorge nur dafür, daß sich das
Volk wieder versammelt, aber nicht auf meinen Befehl hin, sondern aus
freiem Antriebe ... ihr wißt ja selbst am besten, wie das gemacht wird.
Dann kommen wir sogleich mit den Ältesten auf den Platz geeilt, als ob
wir von nichts wüßten.«
Es war noch keine Stunde seit diesem Gespräch vergangen, als schon die
Pauken erdröhnten. Sogleich war auch wieder eine ganze Menge von
betrunkenen und unvernünftigen Kosaken zur Stelle. Tausende von
Kosakenmützen füllten plötzlich den Platz. Ein mächtiges Stimmengewirr
erhob sich. Überall ertönten Fragen: »Was ist geschehen? Warum hat man
uns zusammengerufen?« Niemand antwortete. Endlich tönte es aus dieser
und jener Ecke hervor: »So vergeudet man die Kosakenkraft! Es gibt
keinen Krieg! Die Vorsteher haben sich hinter den Ofen gelegt, und
schwimmen in ihrem Fett! Es gibt keine Gerechtigkeit mehr in der Welt!«
Die Kosaken hörten erst eine Weile zu und stimmten dann mit in das
Geschrei ein: »Wahrhaftig, es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt.« Die
Ältesten schienen über die Vorwürfe sehr bestürzt zu sein. Endlich trat
der Hetman vor und sagte: »Werte Herren Saporoger! erlaubt ihr mir, eine
Rede zu halten?«
»Rede!«
»Werte Herren, es wird jetzt darüber gesprochen, und ihr wißt es am
besten, daß viele Saporoger bei den Juden in den Schenken und auch bei
den eigenen Kameraden viele Schulden haben! Kein Teufel traut ihnen
mehr. Außerdem spricht man darüber, daß es bei uns eine große Anzahl von
jungen Burschen gibt, die noch nie mit eigenen Augen eine Schlacht
gesehen haben -- während ihr doch selbst wißt, werte Herren, daß so ein
junger Mensch ohne Krieg nicht leben kann. Was ist denn das auch für ein
Saporoger, der sich noch nie mit den Heiden herumgeschlagen hat!«
»Er spricht ausgezeichnet,« dachte Bulba.
»Denkt übrigens nicht, ihr Herren, daß ich das sage, um den Frieden zu
stören. Gotte behüte mich! Ich meine das nur so. Und ein Gotteshaus
haben wir -- es ist eine wahre Sünde, wie es aussieht! Solange schon
blüht die Sjetsch durch Gottes Gnade, und bis jetzt sind die
Heiligenbilder -- von dem Äußeren wage ich garnicht zu sprechen -- noch
immer ohne jeden Schmuck! Hätte ihnen wenigstens noch jemand ein
silbernes Gewand geschmiedet! So aber haben sie nur gerade das erhalten,
was ihnen der eine oder der andere Kosak hinterlassen hat. Diese Gaben
waren aber meistens recht ärmlich, hatten sie doch schon bei Lebzeiten
alles vertrunken. Ja, also ich rede nicht etwa, um den Krieg gegen die
Ungläubigen zu predigen: wir haben dem Sultan Frieden geschworen, und es
wäre eine große Sünde ihn zu brechen, denn wir haben auf unsern Glauben
geschworen.«
»Was schwatzt er denn da durcheinander,« sagte Bulba vor sich hin.
»Ihr seht also, werte Herren, daß sich ein Krieg nicht so leicht
beginnen läßt: das wäre gegen unsere Ritterehre. Aber ich in meinem
einfältigen Verstande denke mir folgendes: Man müßte einmal allein die
Jungen auf Kähnen ein bißchen an der Küste Anatoliens herumstreifen
lassen! Was denkt ihr darüber, ihr Herren?«
»Führe uns, führe uns alle dahin,« schrie die Menge von allen Seiten,
»für unsern Glauben opfern wir gern unser Leben.«
Der Hetman erschrak. Er hatte durchaus nicht die Absicht, alle Saporoger
in Aufruhr zu bringen; jedenfalls hielt er es in diesem Falle für
ehrlos, den Frieden zu brechen. »Gestattet mir noch einige Worte, werte
Herren.«
»Hör auf,« riefen die Saporoger, »was Besseres kannst du ja doch nicht
sagen!«
»Nun, wenn ihr meint, so möge es denn sein. Ich bin der Knecht eures
Willens. Wie es ja schon in der Schrift heißt: Volkes Stimme -- Gottes
Stimme. Es läßt sich nichts Klügeres erdenken, als was das ganze Volk
ersonnen hat. Aber, werte Herren, ihr wißt, daß der Sultan das
Vergnügen, das sich unsere tapfern Burschen gestatten werden, nicht
ungestraft lassen wird? Allein inzwischen müssen auch wir uns rüsten und
frische Kräfte sammeln, dann brauchen wir niemand zu fürchten. Aber
während unserer Abwesenheit könnten die Tataren die Sjetsch überfallen:
diese türkischen Hunde wagen es nicht, einem ins Gesicht zu sehen und
einem offen gegenüberzutreten, dagegen beißen sie einem gern von hinten
in die Fersen, und das gründlich. Hm, und um die Wahrheit zu sagen: wir
verfügen auch nicht über so viel Boote und Pulver, wie wir benötigten,
wenn alle mitziehen wollten. Im übrigen: was mich betrifft -- ich bin zu
allem bereit: ich bin nur der Knecht eures Willens.«
Der listige Hetman schwieg. Einzelne Haufen begannen miteinander zu
beratschlagen, ebenso die Hauptleute der einzelnen Heerabteilungen. Zum
Glück waren nicht allzuviele von ihnen betrunken, und man beschloß
daher, sich dem vernünftigen Rat zu fügen.
Sofort wurden einige Leute ans gegenüberliegende Ufer des Dnjepr nach
dem Zeughaus gesandt, wo sich in unzugänglichen Verstecken, unter dem
Wasser und im Schutt, die Kriegeskasse, sowie ein Teil der vom Feinde
erbeuteten Waffen befanden. Die andern machten sich schnell an die
Boote, um sie gründlich zu besichtigen und für die Reise auszurüsten. In
einem Augenblick war das Ufer vom Volk überschwemmt. Die Zimmerleute
kamen mit dem Beil in der Hand herbeigeeilt. Alte, sonnenverbrannte,
breitschultrige Saporoger, mit graumelierten und schwarzen Schnurrbärten
standen mit aufgeschürzten Schifferhosen bis zu den Knien im Wasser und
zogen die Boote an einem festen Tau vom Ufer herab. Andre schleppten
fertige, trockene Balken und Baumstämme herbei. Da wurde ein Kahn mit
Brettern verschlagen, dort kehrte man einen um und kalfaterte und teerte
ihn. Hier befestigte man nach Kosakenbrauch lange Schilfbündel an den
Kahnwänden, damit die Meereswellen die Boote nicht zum Kentern bringen
sollten. Etwas abseits am Ufer wurden kupferne Kessel aufgestellt, in
denen man Pech zum Teeren der Boote siedete. Die Älteren und Erfahrenen
belehrten die Jungen, ringsum hallte alles von dem Lärm der Arbeit
wider, das ganze Ufer war voller Leben und Bewegung.
Unterdessen näherte sich dem Ufer eine große Fähre, deren Bemannung
schon von fern mit den Händen winkte. Es waren Kosaken in zerlumpten
Röcken. Ihre zerrissene Bekleidung -- mehrere von ihnen hatten nichts
als ein Hemd an und eine kurze Pfeife in den Zähnen -- bewies, daß sie
soeben einer großen Gefahr entronnen waren oder ihr gesamtes Besitztum
vertrunken und verbummelt hatten. Aus ihrer Mitte trat ein kleiner,
breitschultriger Kosak von etwa fünfzig Jahren hervor, und stellte sich
vorn auf die Fähre. Er schrie und bewegte die Arme noch heftiger, als
die andern: aber der Lärm und das Klopfen der Arbeiter übertönte seine
Stimme. »Wie kommt ihr hierher,« fragte der Hetman, als die Fähre ans
Ufer stieß. Alle Arbeiter stellten die Arbeit ein, ließen Beil und
Meißel ruhen und schauten voller Erwartung drein.
»Wir haben Unglück gehabt,« schrie der kleine Kosak auf der Fähre.
»Was für ein Unglück?«
»Erlauben die Herren Saporoger einige Worte?«
»Sprich.«
»Wollt ihr nicht lieber eine Versammlung abhalten?«
»Sprich, wir sind alle hier.«
Das Volk drängte sich zu einem Haufen zusammen.
»Habt ihr denn garnichts davon gehört, was in der Ukraine vorgeht?«
»Was denn?« fragte einer der Hauptleute.
»Was? euch hat wohl der Tatar die Ohren verstopft, daß ihr nichts gehört
habt!«
»So sprich doch, was geschehen ist!«
»Es geschieht etwas, was wir seit unserer Geburt und unserer Taufe nicht
gesehen haben!«
»So sag doch endlich, was es ist, du Hundessohn!« schrie einer aus der
Menge, der die Geduld zu verlieren schien.
»Es ist eine Zeit angebrochen, wo selbst die heiligen Kirchen nicht mehr
uns gehören!«
»Weshalb gehören sie uns nicht?«
»Sie sind jetzt an die Juden verpachtet. Wenn man die Juden nicht erst
bezahlt, kann man keine Messe mehr darin abhalten.«
»Was faselst du?«
»Und wenn so ein Judenhund mit seiner unreinen Hand nicht ein Zeichen
über die Hostie macht, kann man auch kein Ostern mehr feiern.«
»Er lügt, Brüder, es ist unmöglich, daß der unreine Jude ein Zeichen
über die Hostie macht!«
»Hört zu, ich werde euch noch ganz andere Dinge erzählen. Katholische
Geistliche fahren jetzt in Bauernwagen in der Ukraine herum. Das ist ja
freilich noch kein Unglück, daß sie in Bauernwagen herumfahren; wohl
aber das, daß sie statt der Pferde rechtgläubige Christen vorspannen.
Ja, noch mehr hört mal weiter: man erzählt, daß sich die Judenweiber
Röcke aus den Gewändern der Geistlichen nähen! So liegen die Dinge in
der Ukraine! Und ihr sitzt hier in der Sjetsch und unterhaltet euch! Ja,
man sieht, der Tatar hat euch einen solchen Schrecken eingeflößt, daß
ihr weder Augen noch Ohren noch sonst etwas habt, daß ihr nichts davon
merkt, was in der Welt vorgeht!«
»Halt, halt,« unterbrach ihn hier der Hetman, der bis dahin mit zu Boden
gesenkten Augen dagestanden hatte, wie alle Saporoger, die sich bei
wichtigen Angelegenheiten nie von dem ersten Eindruck hinreißen lassen,
sondern schweigen, bis ihre Erbitterung im stillen um so mächtiger
anschwillt. »Hör auf, hör auf, hier habe ich auch noch ein Wort
mitzureden. Und was habt ihr -- der Teufel soll eurem Vater das Fell
gerben -- was habt ihr getan? Hattet ihr denn keine Säbel, he? Wie
konntet ihr denn solche Niederträchtigkeiten zulassen?«
»Wie man eine solche Niederträchtigkeit unbestraft lassen kann! He?
Versuch doch nur was anzufangen, wo uns allein fünfzigtausend Polen
gegenüberstanden. Und dann, wir wollen unsere Schande nicht
verheimlichen; es gab auch Hunde unter uns, die schon den feindlichen
Glauben angenommen hatten!«
»Und was taten euer Hetman und eure Heerführer?«
»Unser Hetman hat etwas getan, wovor uns alle Gott bewahre!«
»Wie? was sagst du?«
»Hört zu: Unser Hetman liegt jetzt eingepökelt in einem kupfernen Kessel
zu Warschau und die Köpfe und Hände unserer Hauptleute werden zur
Augenweide für alles Volk auf den Jahrmärkten herumgeschleppt. So ist es
unsern Anführern gegangen!«
Die ganze Volksmasse geriet in Bewegung. Zuerst herrschte tiefes
Schweigen, wie es wohl einem schweren Unwetter vorhergeht, dann aber
hallte plötzlich das ganze Ufer von wilden Reden, Ausrufen und Schreien
wider.
»Was, die Juden haben die christlichen Kirchen gepachtet! Die
katholischen Geistlichen spannen rechtgläubige Christen an ihre
Deichseln!! Wie, man duldet auf russischem Boden solche Grausamkeiten
von den verfluchten Ungläubigen! Und daß sie so mit unsern Heerführern
und Hetmans umgehen! Das kann nicht sein, das darf nicht sein!«
So hallte es aus allen Ecken. Die Saporoger schrien sehr laut: sie
empfanden ihre Kraft. Das war nicht mehr das Aufbrausen eines
leichtsinnigen Völkchens; das war die Erregung bedachtsamer und
männlicher Charaktere, die langsam in Hitze gerieten, aber, einmal
entflammt, ihr inneres Feuer lange und dauernd bewahrten.
»Die ganze Judenbande muß gehenkt werden,« schrie es aus der Menge, »sie
sollen ihren Judenweibern keine Röcke mehr aus den geistlichen Gewändern
nähen! Sie sollen keine Zeichen auf den heiligen Hostien machen!«
»Ersauft doch dies ganze Heidenpack im Dnjepr!« Diese Worte, die einer
aus der Menge gerufen hatte, zündeten blitzartig in allen Köpfen. Die
Menge stürzte in die Vorstadt, mit dem festen Entschlusse, die ganze
Judenschaft umzubringen.
Die armen Kinder Israel verloren ihre Geistesgegenwart und ihren
letzten, schon ohnedies nicht allzu großen Mut, sie versteckten sich in
leeren Branntweinfässern und in den Öfen, und verkrochen sich sogar
unter den Röcken der Jüdinnen. Aber die Kosaken wußten sie überall zu
finden.
»Erlauchte Herren,« schrie ein langer spindeldürrer Jude, indem er sein
mitleiderregendes, schreckentstelltes Haupt aus der Menge seiner Freunde
hervorstreckte. »Erlauchte Herren! laßt mich euch nur ein Wort sagen,
ein einziges Wort. Wir werden euch etwas mitteilen, was ihr noch nie
gehört habt -- etwas so Wichtiges; man kann garnicht sagen, wie wichtig
es ist!«
»Gut, mag er sprechen,« sagte Bulba, der es immer liebte, auch den
schuldigen Teil anzuhören.
»Erlauchte Herren,« sprach der Jude, »solche Herren hat man noch nie
gesehen! So edle, gute und tapfere Männer gab es noch nie auf Erden.«
Seine Stimme erstarb und zitterte vor Angst. »Wie wäre es möglich, daß
wir schlecht von den Saporogern dächten! Die gehören ja gar nicht zu
uns, die in der Ukraine die Kirchen pachten! Bei Gott, sie gehören nicht
zu uns! Das sind ja gar keine Juden! Der Teufel weiß, was das für Leute
sind, das sind solche Schufte, die man bloß anspucken und ausrotten
sollte! Alle hier werden es mir bestätigen! Nicht wahr, Schloma, nicht
wahr, Schmuhl?«
»Bei Gott! Ob es wahr ist,« riefen Schloma und Schmuhl aus der Menge;
sie trugen zerrissene Mützen und waren so bleich wie Kalk. »Wir haben es
nie mit den Feinden gehalten,« fuhr der lange Jude fort, »und die
Katholiken mögen uns überhaupt gestohlen bleiben. Der Teufel kümmere
sich um sie. Wir fühlen mit den Saporogern wie mit unsern eigenen
Brüdern ...«
»Was! Die Saporoger sollen eure Brüder sein!« rief einer aus der Menge.
»Verfluchte Juden, das überlebt ihr nicht! In den Dnjepr mit ihnen,
werte Herren, wir wollen diese verfluchten Hunde ersäufen!« Diese Worte
wirkten wie ein Signal. Man packte die Juden bei den Händen und warf sie
in die Wogen. Von allen Seiten ertönte ein jämmerliches Schreien, aber
die rauhen Saporoger lachten nur, als sie die mit Schuhen und Strümpfen
bekleideten Füße der Juden in der Luft herumzappeln sahen.
Der arme Redner, der durch seine Worte das Unglück selbst
heraufbeschworen hatte, wand sich aus dem Kaftan heraus, bei dem man ihn
bereits gepackt hatte, warf sich in seinem scheckigen und engen Kamisol
Bulba zu Füßen und flehte ihn mit jämmerlicher Stimme an: »Großer,
erlauchter Herr! Ich habe Euern Bruder gekannt, den seligen Dorosch! Er
war die Zierde des ganzen Rittertums. Ich habe ihm achthundert Zechinen
gegeben, als er Geld brauchte, um sich aus der Gefangenschaft der Türken
auszulösen!«
»Du kanntest meinen Bruder?« fragte Bulba.
»Bei Gott, ich kannte ihn! Was war das für ein großmütiger Herr!«
»Und wie heißt du?«
»Jankel.«
»Gut,« sagte Taraß und wandte sich nachdenklich an die Kosaken. »Wenn es
sein muß, werden wir immer noch genug Zeit haben, den Juden aufzuknüpfen
-- jetzt aber überlaßt ihn mir.«
Mit diesen Worten führte Taraß ihn zu seinem Wagen, neben dem seine
Kosaken standen. »Nun, krieche unter den Wagen, bleib dort liegen und
rühr dich nicht vom Fleck; und ihr, Brüder, laßt mir den Juden nicht
entweichen!«
Hierauf begab er sich nach dem Platz, wo die ganze Schar bereits
versammelt war. Alle hatten das Ufer und die Arbeit an den Kähnen
augenblicklich verlassen, stand doch jetzt ein Kriegszug zu Lande und
nicht zu Wasser bevor, und man bedurfte der Schiffe und der Kosakenboote
nicht mehr, wohl aber der Wagen und Pferde. Jetzt wollten alle mit in
den Krieg, Alt und Jung; im Einverständnis mit dem Rate der Ältesten,
dem Hetman, den Hauptleuten und dem ganzen Heer der Saporoger beschloß
man, direkt nach Polen zu ziehen, um sich für alles Böse, für die
Schändung des heiligen Glaubens und der Kosakenehre, zu rächen, in den
eroberten Städten Beute zu machen, Dörfer und Scheunen in Brand zu
setzen und überall in der Steppe seinen Ruhm zu verbreiten. Alles
rüstete und bewaffnete sich. Der Hetman schien um mehrere Zoll gewachsen
zu sein. Das war nicht mehr der schüchterne Vollstrecker der launischen
Wünsche eines ungezähmten Volkes; das war ein unbeschränkter Gebieter,
ein Despot, der nur zu befehlen verstand. Alle die eigenwilligen und
stolzen Ritter standen bewegungslos in Reih und Glied mit ehrerbietig
gesenkten Köpfen, und keiner erhob die Augen, wenn der Hetman Befehle
erteilte. Er tat es ruhig, ohne viel Geschrei und ohne sich zu
übereilen, aber bedächtig wie ein alter, vielerfahrener Kosak, der nicht
zum erstenmal einen klug erdachten Plan zur Ausführung bringt.
»Seht euch um, seht euch recht gut um,« sagte er, »bringt die Wagen und
Teereimer in Ordnung, prüft eure Gewehre. Nehmt nicht zu viel Kleidung
mit euch: ein Hemd und zwei Paar Hosen pro Mann und einen Topf mit
Hirsebrei -- keiner soll mehr bei sich führen. In den Wagen wird schon
soviel Vorrat sein, als unbedingt nötig ist. Jeder Kosak soll ein Paar
Pferde mit sich führen, auch nehmen wir zweihundert Paar Ochsen mit, da
wir ihrer bei den Furten und in den morastigen Gegenden bedürfen
könnten. Und, werte Herren, haltet vor allem auf Ordnung! Ich weiß, daß
es einige unter euch gibt, die, sobald Gott eine reiche Beute schickt,
sich sofort die Füße in Nanking und Seide hüllen. Laßt euch nicht vom
Teufel verführen, werft allen Tand fort und nehmt euch höchstens ein
Gewehr mit, wenn es gut ist, und ein paar Dukaten oder etwas Silbergeld
-- das sind Dinge, die nicht viel Raum einnehmen und die man immer
gebrauchen kann.
Und das sage ich euch im voraus, werte Herren: sollte sich jemand von
euch während des Feldzuges betrinken, so lasse ich ihn ohne jedes
Gerichtsverfahren, wie einen Hund beim Genick packen, an den Wagen
binden, und -- mag er der tapferste Kosak sein -- er wird sofort wie ein
Hund erschossen und ohne Begräbnis den Vögeln zum Fraß überlassen, denn
jemand, der sich im Feldzug betrinkt, ist eines christlichen
Begräbnisses unwürdig. Ihr aber, ihr jungen Männer, gehorcht in allem
den Alten. Wenn euch eine Kugel trifft oder ein Säbel euch am Kopf oder
sonstwo verwundet: legt dem keine große Bedeutung bei; mischt eine
Ladung Pulver in einem Becher Schnaps, trinkt ihn mit einem Satz aus,
und alles geht vorüber, ohne jedes Fieber; oder wenn die Wunde nicht gar
zu groß ist, so legt einfach etwas Erde darauf, nachdem ihr sie erst auf
der Handfläche mit etwas Speichel verrieben habt: dann heilt sie bald
zu. Und nun, an eure Arbeit, ihr Jungen, an die Arbeit, aber ohne Eile
und mit Bedacht!«
So sprach der Hetman, und sobald er seine Rede beendet hatte, machten
sich alle Kosaken sofort an ihre Arbeit. Die ganze Sjetsch wurde
nüchtern und nirgends war ein Betrunkener mehr zu sehen, als hätte es
unter den Kosaken nie welche gegeben. Die einen brachten die Räderreifen
in Ordnung und ersetzten die alten Wagenachsen durch neue, andere trugen
Säcke mit allerhand Vorräten in die Wagen oder luden Waffen auf, andere
wieder trieben die Pferde und Ochsen zusammen. Von allen Seiten hörte
man das Stampfen der Pferde, das Einschießen der Gewehre, das Klirren
der Säbel, das Gebrüll der Ochsen, das Knarren der schwerbepackten Wagen
und das laute Schreien und Rufen der Krieger. Bald dehnte sich das
Kosakenlager über das ganze Feld aus. Und der hätte lange laufen können,
der es von Anfang bis Ende hätte durchqueren wollen. In der kleinen
Holzkirche hielt der Geistliche einen Gottesdienst ab und besprengte
alle mit Weihwasser, und alle küßten das Kreuz. Als das Lager sich in
Bewegung setzte und aus der Sjetsch hinauszog, da sahen sich alle
Saporoger noch einmal um. »Leb wohl, du, unsere Mutter,« riefen sie fast
einstimmig, »möge dich Gott vor jedem Unglück bewahren!«
Als sie durch die Vorstadt zogen, bemerkte Taraß Bulba, daß der Jude
Jankel sich bereits wieder eine Bude mit einem Schutzdach eingerichtet
hatte und Feuersteine, Decken, Pulver und allerlei nützliche Dinge, die
ein Heer im Kriege brauchen kann, ja sogar Zwieback und Brot feilbot.
»So ein Teufelskerl dieser Jude,« dachte Taraß, sprengte an ihn heran
und sagte: »Du Narr, was sitzt du hier? Willst du, daß man dich wie
einen Sperling niederschießt?«
Jankel trat vorsichtig zu ihm heran, machte ihm mit beiden Händen
allerhand Zeichen, als wolle er ihm ein Geheimnis mitteilen, und sagte:
»Wenn der Herr nur schweigen und es sonst keinem sagen wollte; unter den
Kosakenwagen befindet sich einer, der mir gehört, ich führe allerlei
nützliche Dinge für die Kosaken mit, und will euch unterwegs den
Proviant so billig liefern, wie noch nie ein anderer Jude; bei Gott, es
ist so, so wahr mir Gott helfe!«
Taraß Bulba zuckte die Achseln; er wunderte sich über die zähe, flinke
Natur des Juden und ritt ins Lager zurück.