Erstes Kapitel

»Dreh dich mal um, Junge! Siehst du aber komisch aus! Was tragt ihr denn

da für Talare? Geht ihr auf der Akademie alle so angezogen?«

Mit diesen Worten begrüßte der alte Bulba seine beiden Söhne, die im

Seminar von Kiew studiert hatten und nun in das väterliche Haus

zurückkamen.

Die jungen Leute waren eben vom Pferde gestiegen. Das waren zwei derbe

Burschen, ernst und mißtrauisch dreinschauend wie alle, die das Seminar

erst eben verlassen haben. Auf ihren frischen, wetterfesten Gesichtern

keimte schon der erste Flaum, den noch kein Rasiermesser berührt hatte.

Sie waren ganz verblüfft über den Empfang, den ihr Vater ihnen bereitet

hatte, und standen mit unbeweglich zur Erde gesenkten Augen da.

»Halt, so laßt euch doch erst mal gründlich ansehen,« fuhr er fort,

indem er sie hin- und herschob und sie von allen Seiten betrachtete.

»Herrgott, habt ihr lange Kittel an! So etwas gibt es ja gar nicht

wieder! Lauft doch mal ein bißchen herum. Ich will doch mal sehen, ob

ihr nicht über eure eigenen Rockschöße stolpert und hinfallt.«

»Vater, hör doch auf und laß die Scherze,« sagte endlich der Ältere.

»So ein stolzer Bursche! Und warum soll man denn nicht einmal lachen

können?«

»Weil es mir nicht gefällt. Du bist zwar mein Vater, aber wenn du dich

über mich lustig machst -- bei Gott, so prügle ich dich durch!«

»Na, du bist ja ein netter Sohn! Was sagst du? Mich verprügeln?« rief

Taraß Bulba und trat vor Erstaunen einige Schritte zurück.

»Jawohl, wenn es sein muß, prügele ich auch den eigenen Vater durch. Ich

lasse mich von niemandem beleidigen, von niemandem!«

»Und wie willst du dich mit mir schlagen? Welche Waffe wünschst du? Etwa

die Faust?«

»Das ist mir völlig gleichgültig.«

»Na, dann meinetwegen los,« sagte Bulba und streifte seine Ärmel auf,

»ich will doch mal sehen, ob du im Faustkampf deinen Mann stellen

kannst.«

Und statt sich nach so langer Trennung herzlich zu begrüßen und zu

plaudern, begannen Vater und Sohn aufeinander loszuschlagen, daß es nur

so von Rippenstößen und Faustschlägen auf Leib und Brust und Bauch

hagelte. Bald traten sie zurück und blickten sich an, bald gingen sie

wieder aufeinander los.

»Seht euch das nur mit an, liebe Leute, der Alte ist ganz verrückt

geworden, ganz und gar verrückt,« sagte die blasse, magere, gute Mutter,

die auf der Schwelle stand und noch nicht dazu gekommen war, ihre teuren

Sprößlinge zu umarmen. »Eben sind die Kinder nach Hause gekommen, man

hat sie über ein Jahr nicht gesehen; ihm aber rappelt's, und er beginnt

mit Fäusten auf sie einzuschlagen.«

»Ja, der drischt wundervoll,« sagte Bulba und trat zurück. »Bei Gott,

das hat er fein raus,« fuhr er fort, indem er sich etwas verschnaufte,

»es wäre beinahe besser gewesen, ihn nicht erst in Versuchung zu

bringen. Das gibt mal einen prachtvollen Kosaken. Ausgezeichnet, mein

Junge, und jetzt wollen wir uns endlich ein paar ordentliche Küsse

geben.« Und Vater und Sohn küßten sich. »Brav, mein Junge! Prügle nur

jeden so durch, wie eben mich! Laß dir nichts gefallen. Aber Dein Anzug

ist wirklich ein bißchen komisch. Was baumelt denn da herunter? -- Na

und du? Was stehst du da und läßt die Arme hängen?« wandte er sich an

den Jüngeren. »Warum drischst du nicht auch auf mich los, du Hundsfott?«

»Das ist wieder ein echter Einfall von dir,« sagte die Mutter und

umarmte den Jüngeren. »Wie einem nur so etwas in den Kopf kommen kann!

Das eigene Kind soll seinen Vater prügeln! Ja, als ob jetzt Zeit dazu

wäre, wo das arme Kind eben einen so weiten Weg zurückgelegt hat und

noch ganz müde ist -- (das Kind war über zwanzig Jahre alt und genau

einen Klafter groß) -- Es müßte sich jetzt ausruhen und etwas essen. Und

du zwingst ihn, sich mit dir herumzuschlagen.«

»Na, du bist mir der Rechte, das sehe ich schon,« sagte Bulba. »Höre

nicht auf ihre Reden, mein Junge, sie ist ein Weib und versteht nichts

davon. Solch eine Verzärtelung! Das weite Feld und ein gutes Pferd --

das ist eure Erholung! Hm, seht ihr diesen Säbel? Das ist eure rechte

Mutter! Das ist alles Schund, was man euch in die Köpfe gestopft hat:

die Akademien, die Bücher, die Fibeln, die Philosophie und dieser ganze

gelehrte Kram -- ich pfeife auf das alles!« (Hier bediente sich Bulba

eines Wortes, das sich nicht gut drucken läßt.)

»Na, es ist schon das beste, ich bringe euch nächste Woche gleich zu den

Saporoger Kosaken. Das ist eine Wissenschaft, das ist die wahre

Wissenschaft und die richtige Schule für euch. Dort werdet ihr erst zu

Verstande kommen!«

»Was, nur eine Woche sollen sie hier bleiben?« jammerte die alte, dürre

Mutter mit Tränen in den Augen, »die Armen sollen sich nicht einmal ein

bißchen erholen können, nicht das Vaterhaus kennen lernen, und ich werde

mich nicht einmal richtig satt sehen können an ihnen!«

»Genug, genug, hör auf zu heulen, Alte! Der Kosak ist nicht dazu da,

sich mit Weibern herumzuplacken. Du möchtest sie dir wohl am liebsten

unter den Rock stecken? und auf ihnen herumsitzen wie auf Hühnereiern!

Schnell, schnell, geh und deck den Tisch und bring uns, was da ist.

Plätzchen, Honigkuchen, Mohnstritzel und ähnliche Kindereien kannst du

dir schenken! Schaff lieber einen ganzen Hammel heran und eine Ziege,

und vierzigjährigen Meth dazu. Und recht viel Schnaps, aber keinen mit

allerlei Unfug, mit allerhand Zusätzen, Rosinen und ähnlichen

Geschichten, sondern einen unverfälschten, prickelnden, schäumenden

Schnaps, der einen brennt wie toll.«

Und Bulba führte seine Söhne in die gute Stube, aus der bei ihrem

Eintritt zwei hübsche Dienstmädchen mit goldfarbenen Halsbändern

herausliefen, die gerade die Zimmer aufräumten. Anscheinend waren sie

über die Ankunft ihrer jungen Herren, denen man nicht gerade

übertriebene Freundlichkeit nachsagte, erschrocken, oder sie wollten

nach Weiberart, aufschreien, den fremden Männern entfliehen und sich

lange schamhaft mit dem Ärmel die Augen verdecken. Die Stube war im

Geschmack jener Zeit ausgestattet, an die sich nur noch in den Balladen

und Volksliedern, wie sie früher in der Ukraine vor versammeltem Volk

von blinden Greisen zu den stillen Klängen der Bandura gesungen wurden,

eine lebendige Erinnerung erhalten hatte im Geschmack jener

kampflustigen, rauhen Zeit, da in der Ukraine die Gefechte und

Schlachten gegen die Union begannen. Alles war sauber und mit farbigem

Ton bestrichen. An den Wänden hingen Säbel, Peitschen, Vogel- und

Fischnetze, Waffen, ein schön gearbeitetes Pulverhorn, ein goldener Zaum

und Zügel mit silbernen Beschlägen. Die Fenster dieser Stube waren

klein, mit runden, trüben Scheiben, wie man sie wohl in alten Kirchen

antrifft, und durch die man nur hindurch schauen kann, wenn man die eine

bewegliche Scheibe hinwegschiebt. Fenster und Türen hatten rote

Vorhänge. In den Ecken standen Krüge, große und kleine Flaschen aus

grünem und blauen Glase, ziselierte silberne Becher, vergoldete Tassen

von mannigfaltigster Arbeit: venezianische, türkische und

tscherkessische, die auf mancherlei Wegen, aus dritter und vierter Hand,

wie es in jenen tollen Zeiten üblich war, in die Stube des alten Bulba

gelangt waren. Stühle aus Birkenholz standen ringsum an den Wänden, in

der Vorderecke unter den Heiligenbildern ein ungeheurer Tisch, ferner

ein breiter Ofen mit Stufen, Vorsprüngen und bunten farbigen Kacheln --

das alles war unsern beiden tapfern Jünglingen wohlbekannt, die

alljährlich während der Ferien nach Hause wanderten -- wobei sie ihre

Füße gebrauchen mußten, weil sie noch keine Pferde hatten, und da es zu

jener Zeit noch nicht Sitte war, daß Schüler ritten. Sie hatten noch

lange, flatternde Mähnen, an denen sie jeder waffentragende Kosak packen

durfte. Erst nach ihrer Entlassung aus der Schule hatte ihnen Bulba ein

paar junge Hengste aus seiner Herde geschickt.

Zur Feier der Ankunft seiner Söhne ließ Bulba alle anwesenden Hauptleute

und Regimentskommandeure versammeln, und als zwei von ihnen sowie der

Unterhetman Dmitro Towkatsch, sein alter Kampfgenosse, erschienen,

stellte er ihnen sofort seine Söhne vor und sagte: »Seht euch mal die

tapfren Jungens an! Ich will sie bald nach der Sjetsch schicken.« Die

Gäste beglückwünschten Bulba und die beiden jungen Leute, und

versicherten ihnen, daß das wohlgetan wäre, es gäbe für einen jungen

Mann überhaupt keine bessere Schule als die Saporoger Sjetsch.

»Nun Brüder, nehmt alle am Tisch Platz. Da, wo es jedem am bequemsten

ist. Und jetzt, meine Jungens, wollen wir vor allen Dingen einen Schnaps

trinken,« sagte Bulba. »Gott segne euch! Bleibt gesund, Kinder. Dein

Wohl Ostap und deins Andrij. Gott gebe, daß ihr in der Schlacht immer

Sieger bleibt, daß ihr alle Heiden, die Türken und die Tataren

vernichtet, und wenn die Polen unsern Glauben antasten wollen, so gebt

es auch ihnen ordentlich! Gib mal dein Glas her! He, der Schnaps ist

gut? Wie heißt eigentlich Schnaps auf lateinisch? Ja, ja, das waren

alles Dummköpfe, die Lateiner, die wußten nicht einmal, daß es Schnaps

auf der Erde gibt. Wie hieß doch der, der lateinische Verse geschrieben

hat. Ich kann nicht viel lesen und schreiben, und weiß es darum nicht

mehr recht ... Horaz, hieß er nicht Horaz?«

»Sieh mal einer den Vater an,« dachte der ältere Bruder Ostap, »der alte

Mops weiß alles und verstellt sich so.«

»Ich mein', der Archimandrit hat euch nicht einmal Schnaps zu riechen

gegeben,« fuhr Taraß fort, »aber gesteht mal Jungens, man hat euch doch

den Rücken und alles, was ein Kosak sonst noch hat, tüchtig mit Birken-

und frischen Kirschenruten bestrichen? Oder hat's wohl gar

Peitschenhiebe gegeben, da ihr mir schon gar zu klug zu sein scheint.

Man hat euch wohl nicht nur Sonnabends, sondern auch am Mittwoch und

Donnerstag damit regaliert?«

»Laß das doch, Vater«, sagte Ostap kaltblütig, »was geschehen ist, ist

geschehen.«

»Mag's doch jetzt mal einer versuchen!« sagte Andrij, »er soll nur

kommen, und uns anrühren; wenn mir so ein Tatarenkerl in den Weg käme,

der sollte schon erfahren, was ein Kosakensäbel für ein Ding ist.«

»Brav, Söhnchen, brav, bei Gott. Wenn die Sache so steht, so fahre ich

selbst mit euch. Bei Gott, das tu ich. Was zum Teufel, soll ich denn

hier sitzen und warten? Soll ich etwa Buchweizen säen, nach den Schafen

und Schweinen schauen, den Hauswirt spielen oder gar mit meinem Weib

schön tun? Der Teufel soll sie holen, ich bin ein Kosak und mache solche

Dinge nicht! Was macht's, daß es jetzt keinen Krieg gibt! Ich gehe mit

euch zu den Saporogern -- ich will mich dort ein wenig austoben. Bei

Gott, ich fahre mit.«

Und der alte Bulba regte sich immer mehr und mehr auf, und geriet

endlich vollkommen in Zorn, stand auf, stampfte mit dem Fuß und nahm

eine energische Haltung an. »Morgen geht's los. Wozu sollen wir es

aufschieben! Welchen Feind können wir denn hier abfangen? Was soll mir

diese Hütte? Wozu brauchen wir das alles? Wozu sind diese Töpfe?« Und

bei diesen Worten nahm er die Töpfe und Flaschen, warf sie auf den Boden

und zertrümmerte sie. Die arme alte Frau, die an dies Benehmen ihres

Mannes schon gewöhnt war, saß auf der Bank und sah traurig vor sich hin.

Sie wagte nichts zu sagen: als sie jedoch von dem schrecklichen

Entschluß ihres Mannes hörte, konnte sie die Tränen nicht mehr

zurückhalten; sie sah ihre Kinder an, von denen sie sich so schnell

trennen sollte -- und niemand hätte wohl die ganze stumme verhaltene

Kraft ihres Kummers beschreiben können, der, wie es schien, in ihren

Augen und den krampfhaft aufeinandergepreßten Lippen zitterte.

Bulba war schrecklich eigensinnig. Das war einer jener Charaktere, wie

sie nur in dem harten XV. Jahrhundert, in einem von halben Nomaden

bewohnten Winkel Europas geboren werden konnten, als noch das ganze alte

Süd-Rußland, von seinen Fürsten verlassen, durch die unaufhaltsamen

Überfälle der mongolischen Räuber von Grund auf verwüstet und verheert

wurde; als die Menschen ihres Herdes und jeglicher Habe beraubt, immer

tollkühner und verwegener wurden, sich im Angesicht der ständigen Gefahr

und der furchtbaren Feinde in ihren abgebrannten Häusern niederließen

und sich, der Furcht spottend -- daran gewöhnten, dem Kampf mutig ins

Auge zu schauen; als der alte, friedliche slavische Geist von der

kriegerischen Flamme erfaßt wurde, als das Kosakentum, dieses machtvolle

Symbol der russischen Natur, erstand und alle an den Flüssen gelegenen

Gegenden, alle Fähren und alle niedrigen und bequem liegenden Plätze von

Kosaken überschwemmt wurden, deren Zahl niemand anzugeben wußte und

deren kühne Kameraden einem Sultan auf seine Frage nach ihrer Anzahl

antworten durften:

»Wer soll das wissen? Die ganze Steppe ist mit ihnen übersät, und wo

sich nur ein Hügelchen erhebt, da ist auch schon ein Kosak.« Es war

wirklich eine ungewöhnliche Erscheinung der russischen Kraft, die der

Feuerstrahl des Unglücks aus der russischen Brust geschlagen hatte. An

Stelle der früheren Lehnsgüter, der mit Hundewärtern und

Oberjägermeistern bevölkerten kleinen Städte, an Stelle der kleinen

Fürsten, die sich gegenseitig bekriegten und ihre Städte verhandelten,

entstanden trotzige Niederlassungen, Kosakendörfer und Ortschaften, die

durch die gemeinsame Gefahr und den Haß gegen die heidnischen Räuber

verbunden waren. Es ist jedem aus der Geschichte bekannt, wie ihr ewiger

Kampf und ihr ruheloses Leben Europa vor den beständigen Angriffen der

Mongolen gerettet haben, die es zugrunde zu richten drohten. Die

polnischen Könige, die an Stelle der Lehnsfürsten die Herrscher dieser

großen Ländereien geworden waren, begriffen -- obgleich sie zu weit

entfernt und zu schwach waren -- sehr wohl die Bedeutung der Kosaken und

den Vorteil dieses so kampffrohen und wachsamen Lebens.

Sie spornten die Kosaken sogar an und leisteten ihren Neigungen

Vorschub. Unter ihrer durch ihre Entfernung nur wenig drückenden

Herrschaft schufen die Hetmane, die selbst aus der Mitte der Kosaken

gewählt wurden, die Dörfer und Ansiedelungen in regelrechte Truppenlager

und Reviere um. Dies waren zwar keine regulären Truppen -- die hätte man

hier vergebens gesucht -- aber im Kriegsfall, wenn eine allgemeine

Bewegung durch das Land ging, stellte sich jeder Kosak in höchstens acht

Tagen hoch zu Roß in voller Rüstung ein. Ein jeder erhielt vom Könige

für seine Dienste nur einen Dukaten, und doch wurde innerhalb zwei

Wochen ein solches Heer aufgestellt, wie es keine Rekruten-Aushebung

hätte schaffen können. Wenn der Krieg beendet war, kehrte jeder Krieger

zu seinen Wiesen und Weideplätzen, oder zu den Ufern des Dniepr zurück,

lebte dort als Fischer weiter, handelte, braute Bier, und wurde wieder

ein freier Kosak.

Die Ausländer waren damals mit Recht erstaunt über die außerordentlichen

Fähigkeiten des Kosaken. Es gab kein Gewerbe, das er nicht verstand:

Wein keltern, Wagen bauen, Pulver mahlen, Schmiede- und

Schlosserarbeiten verrichten und dazu die ganzen Nächte hindurch

bummeln, trinken und zechen, wie nur irgend ein Russe das vermag -- das

alles war so recht nach seinem Geschmack. Neben den registrierten

Kosaken, die es für ihre unabweisliche Pflicht hielten, sich im

Kriegsfalle zur Verfügung zu stellen, konnte man im Notfalle auch noch

jederzeit ganze Scharen von Freiwilligen zusammenbringen; zu diesem

Zwecke mußten die Unterhauptleute nur einmal durch alle Märkte und

Plätze der Dörfer und Städtchen hindurchfahren und von ihren Wagen herab

laut verkündigen: »Hallo, ihr Bierbäuche und Bierbrauer! Hört doch

endlich auf, immer nur Bier zu brauen, hinter dem Ofen herumzuliegen und

die Fliegen mit euren dicken Wänsten zu mästen. Macht euch auf, Ruhm und

Ritterehre zu erwerben! Hallo, ihr Ackerleute, ihr Bauern, Schafhirten

und Weiberknechte! Ihr seid lange genug hinter dem Pfluge

einhergelaufen, habt eure gelben Stiefel mit Erde beschmutzt und mit den

Weibern scharwenzelt. Wollt ihr eure Ritterehre ganz vergessen? Auf,

Kerls, es ist Zeit, wieder Kosakenruhm zu erwerben!« Solche Worte waren

gleich Funken, die in trockenes Holz fielen. Der Ackermann zerbrach

seinen Pflug, die Bierbrauer verließen ihre Kübel und zertrümmerten ihre

Fässer, die Händler und Handwerker ließen ihr Handwerk und ihren Laden

zum Teufel gehen, zerbrachen zu Hause das Geschirr, und wer es nur

irgendwie durchsetzen konnte, schwang sich aufs Pferd. Kurz, der

russische Charakter kam hier mächtig und herrlich zur Entfaltung und

zeigte sich in einer neuen, kräftigen Gestalt.

Taraß gehörte noch zu den alten Kosakenhäuptlingen von echtem Schrot und

Korn: sein ganzer Charakter war dazu angetan, die Gefahren und die

Unruhe des Krieges auf sich zu nehmen, und er zeichnete sich durch ein

grobes, aber offenes und gerades Wesen aus. Damals machte sich bereits

der Einfluß Polens im russischen Adel bemerkbar. Viele hatten polnische

Sitten angenommen, führten ein üppiges Leben, besaßen eine glänzende

Dienerschaft, Falken, Hunde und ein großes Gefolge, und hielten zudem

rauschende Feste und Bankette ab. All das war Taraß verhaßt. Er liebte

das einfache Leben der Kosaken, entzweite sich oft mit seinen Genossen,

die der Warschauer Art zugeneigt waren, und nannte sie Sklaven der

polnischen Pane. Nie gönnte er sich Ruhe und er hielt sich für den

rechtmäßigen Beschützer der rechtgläubigen Kirche. Unerwartet und

eigenmächtig kam er in die Dörfer, wo man über den Druck der Pächter

oder über die allzu harten neuen Steuern klagte, die auf den Höfen

lasteten. Dort hielt er selbst inmitten seiner Kosaken Gericht ab. Er

hatte es sich zur Regel gemacht, in drei Fällen stets zum Säbel zu

greifen, erstlich wenn die Kommissare den Ältesten der Gemeinde nicht

die nötige Achtung erweisen wollten und mit der Mütze auf dem Kopfe vor

ihnen standen; zweitens, wenn sie über die rechtgläubige Kirche

spotteten und die Sitten der Vorfahren belächelten, und endlich

drittens: wenn es sich um Feinde, Türken und Mohammedaner handelte,

gegen die er es stets für erlaubt hielt, zum Ruhme der Christenheit das

Schwert zu ziehen.

Jetzt freute er sich schon im voraus bei dem Gedanken, mit seinen beiden

Söhnen in der Sjetsch einzutreffen und dort laut verkündigen zu können:

»Seht mal her, was ich euch für tüchtige Kerle mitgebracht habe!« Er

freute sich darauf, sie all seinen kampferprobten Freunden zu zeigen und

dann ihre ersten großen Taten in der Kriegs- und Fechtkunst, die er

ebenfalls für die Haupttugend eines Ritters hielt, miterleben zu dürfen.

Zuerst wollte er sie allein fortschicken; aber angesichts ihrer frischen

Jugend, ihres kräftigen Wuchses und ihrer männlichen Schönheit loderte

sein kriegerischer Geist empor, und er beschloß, sich schon am nächsten

Tage selbst mit ihnen auf den Weg zu machen, wenn ihn auch keine andere

Notwendigkeit zu dieser Reise veranlaßte, als allein sein eigensinniger

Wille. Er war bereits aufs äußerste beschäftigt und erteilte Befehle,

wählte die Pferde, Geschirr und Sattelzeug für seine jungen Söhne aus,

sah sich in den Ställen und Speichern um und bestimmte die Diener, die

morgen mit ihnen zusammen aufbrechen sollten. Seine Ämter übergab er dem

Unterhauptmann Towkatsch, und befahl ihm zugleich aufs strengste, sich

unverzüglich mit der ganzen Schar einzufinden, sowie er aus der Sjetsch

eine Nachricht von ihm erhalte. Obgleich er noch ein wenig angeheitert

war, und der Branntwein noch in seinem Kopfe rumorte, vergaß er doch

nichts: er befahl sogar, die Pferde zu tränken, ihnen den schönsten und

besten Weizen in die Krippe zu schütten, und kam endlich ganz ermüdet

von all seinen Besorgungen zu Hause an.

»Jetzt heißt es, ausschlafen, Kinder, und morgen, da machen wir, was

Gott uns eingiebt. Ja, und mach uns keine Betten zurecht. Wir brauchen

kein Bett; wir werden auf dem Hofe schlafen.«

Die Nacht hatte ihre Schwingen noch kaum über den Himmel gebreitet, aber

Bulba pflegte sich stets früh zur Ruhe zu begeben. Er streckte sich auf

dem Teppich aus und bedeckte sich mit einem kurzen Schafspelz, denn die

Nachtluft war ziemlich frisch, und Bulba hüllte sich gern tüchtig ein,

wenn er zu Hause war. Es dauerte nicht lange, da begann er schon zu

schnarchen, und bald folgte der ganze Hof seinem Beispiel; alles, was in

den verschiedenen Ecken herumlag, schnarchte, pfiff und grunzte in den

verschiedensten Tönen im schönsten Konzert. Zuallererst schlief der

Wächter ein: er hatte zur Feier der Ankunft der jungen Herren am meisten

getrunken.

Nur die arme Mutter schlief nicht. Sie schlich sich an das Kopfende

ihrer Herren Söhne, die nebeneinander lagen, kämmte ihre jungen, wirren

Locken mit einem Kamme und netzte sie mit ihren Tränen. Sie blickte sie

an, blickte sie vollen Herzens an, als wäre sie ganz Auge geworden --

und konnte sich nicht satt an ihnen sehen. Sie hatte sie an ihrer

eigenen Brust genährt; hatte sie selbst gehegt und gepflegt und

großgezogen -- und jetzt sollte sie sie nur einen kurzen Augenblick bei

sich sehen!

»Meine Söhne, meine lieben Söhne! Was wird aus euch werden? Was erwartet

euch?« sagte sie, und die Tränen blieben in den Runzeln hängen, die ihr

einstmals so schönes Gesicht gänzlich verändert hatten. Wirklich, sie

war zu bedauern, wie jede Frau in dieser kampflustigen Zeit. Nur _einen_

Augenblick hatte sie die Liebe, die ersten hitzigen Triebe der

Leidenschaft, die erste stürmische Glut der Jugend kennen gelernt, und

schon hatte ihr rauher Geliebter sie verlassen, um sie gegen den Säbel,

die Kameraden und Zechgelage einzutauschen. Gewöhnlich sah sie ihren

Mann zwei, drei Tage im Jahr; es kam aber auch vor, daß sie jahrelang

nichts von ihm hörte. Aber selbst wenn sie ihn dann sah, wenn sie

zusammen lebten -- was war das für ein Leben! Sie mußte jede Beleidigung

über sich ergehen lassen, sie erhielt sogar Schläge, und die

Liebkosungen, die ihr zuteil wurden, warf man ihr nur wie aus Gnade hin.

Sie war ein seltsames Wesen, mitten in diesem Kreise unbeweibter Reiter,

denen das unbändige Saporoger Leben seinen rauhen Charakter mitgeteilt

hatte. Ihre an Glück und Genüssen arme Jugend war dahingeschwunden; ihre

wunderschönen frischen Wangen und Brüste waren ungeküßt verblüht und

hatten sich vorzeitig mit Runzeln bedeckt. Alle Liebe, alle Gefühle,

alles was eine Frau an Zartheit und Leidenschaft in sich birgt, hatte

sich bei ihr ausschließlich in mütterliches Empfinden verwandelt. Voller

Glut und Leidenschaft, und mit Tränen in den Lidern hing sie wachsam wie

eine Steppenmöve an ihren Kindern. Ihre Söhne, ihre lieben Söhne sollten

ihr genommen werden -- und sie würde sie niemals wiedersehen! Wer weiß,

vielleicht würden die Tataren ihnen schon in der ersten Schlacht die

Köpfe abhauen, und sie würde nie erfahren, wo ihre Leiber hingekommen

seien, die unbeachtet am Wege lagen und die vielleicht ein

vorbeifliegender Raubvogel zerfleischte. Wie gern hätte sie für jeden

Tropfen ihres Blutes ihr ganzes Leben hingegeben! Weinend schaute sie

ihnen in die Augen, die der allmächtige Schlaf schon zu schließen

begann: »Vielleicht,« sprach sie leise vor sich hin, »vielleicht wird

Bulba, wenn er aufwacht, die Reise doch noch auf zwei Tage verschieben,

vielleicht wollte er nur deshalb so früh aufbrechen, weil er zu viel

getrunken hat.«

Der Mond beleuchtete schon längst den Hof, der voller Schläfer lag, und

blickte auf das Weidengestrüpp und all das hohe Steppengras herab, das

den Hof gleichsam umzäunte. Sie aber saß immer noch zu Häupten ihrer

geliebten Söhne, blickte nicht einen Augenblick von ihnen weg und dachte

nicht an Schlaf. Die Pferde, die bereits die Morgendämmerung witterten,

lagen im Grase und fraßen bald nicht mehr; die Wipfel der Weiden

zitterten, und ein leises Flüstern glitt wie ein Strom bis zu ihren

Wurzeln herab. Sie saß da, bis es hell wurde, verspürte nicht die

leiseste Müdigkeit und wünschte insgeheim, daß die Nacht recht lange

dauern möchte. Von der Steppe her hörte man das leise Wiehern der

Füllen, und am Himmel leuchtete der erste Streifen der Morgenröte auf.

Plötzlich erwachte Bulba und sprang empor. Er erinnerte sich an alle

Anordnungen, die er gestern getroffen hatte. »Hallo, ihr Burschen, jetzt

ist es vorbei mit dem Schlafen! Es ist Zeit, höchste Zeit. Tränkt die

Gäule! Und wo ist die Alte? (So nannte er gewöhnlich seine Frau.)

Schnell, schnell Alte, mach das Essen bereit: wir haben einen langen Weg

vor uns!«

Die arme Alte ging traurig und ihrer letzten Hoffnung beraubt, ins Haus.

Während sie tränenden Auges alles vorbereitete, was zum Frühstück

erforderlich war, erteilte Bulba seine Befehle, machte sich im Stall zu

schaffen und suchte selbst den kostbarsten Schmuck für seine Söhne aus.

Die Seminaristen schienen plötzlich wie umgewandelt. Statt der alten

schmutzigen Stiefel hatten sie nun welche aus rotem Saffianleder mit

silbernen Beschlägen; die Beinkleider, die so weit waren, wie das

schwarze Meer, schlugen tausend Falten und wurden durch einen goldenen

Gurt zusammengehalten, an dem lange schmale Riemen mit Troddeln und

anderem Zierat für die Tabakspfeife angebracht waren. Ihre feuerroten

Kosakenröcke schnürten bunt gestickte Gürtel ein, in denen schön

ziselierte türkische Pistolen staken, und ihre Füße umklirrte ein

mächtiger Säbel. Ihre nur wenig gebräunten Gesichter schienen noch

schöner und weißer geworden zu sein, und ihre jünglingshaften schwarzen

Schnurrbärte ließen die helle Farbe und die gesunde kraftvolle Blüte

ihrer Jugend noch stärker hervortreten. Mit ihren in eine goldene Spitze

auslaufenden Schaffellmützen sahen sie tatsächlich wunderschön aus. Die

arme Mutter! Als sie sie erblickte, vermochte sie kein Wort

hervorzubringen, und die Tränen blieben ihr in den Augen stecken.

»Nun Jungens, es ist alles fertig. Jetzt ist keine Zeit mehr zu

verlieren!« sagte Bulba endlich. »Doch wir wollen uns vor der Abreise

nach christlichem Brauch erst noch einmal niedersetzen.«

Alle ließen sich nieder, selbst die Knechte, die bisher ehrerbietig an

der Tür gestanden hatten.

»So, jetzt segne deine Kinder, Mutter,« sagte Bulba, »bete zu Gott, daß

sie wacker kämpfen, stets die Ritterehre hochhalten und den christlichen

Glauben beschützen mögen -- sonst sollen sie lieber zugrunde gehen, und

ihre Spur mag vom Erdboden getilgt werden! Kinder, geht zu eurer Mutter

hin, das mütterliche Gebet schützt einen zu Wasser wie zu Lande!«

Die Mutter umarmte sie, schwach wie jede Mutter, zog zwei kleine

Heiligenbildchen hervor und legte sie ihnen schluchzend um den Hals.

»Die heilige Jungfrau möge euch beschirmen ... Vergesst eure Mutter

nicht, Kinder ... laßt uns ab und zu eine Nachricht zukommen ...« Mehr

vermochte sie nicht zu sagen.

»Nun kommt, Jungens,« sagte Bulba. Die gesattelten Pferde standen vor

der Tür. Bulba schwang sich auf seinen »Teufel«, der sich wütend

aufbäumte, wie wenn er eine Last von zwanzig Zentnern auf sich fühlte.

-- Taraß war nämlich außerordentlich schwer und umfangreich.

Als die Mutter sah, daß ihre Söhne bereits die Pferde bestiegen,

schmiegte sie sich an den Jüngeren, dessen Züge mehr Zärtlichkeit für

sie verrieten. Sie ergriff seine Zügel, klammerte sich an seinen Sattel

und wollte, die Augen voll Verzweiflung auf ihn geheftet, nicht von ihm

lassen. Zwei kräftige Kosaken packten sie vorsichtig an und trugen sie

in das Haus zurück. Aber als die Kavalkade gerade das Tor passiert

hatte, lief sie, was in keinem Verhältnis zu ihrem Alter stand, mit der

Behendigkeit einer jungen Ziege vor das Tor, hielt das Pferd mit

unbegreiflicher Kraft an und umarmte ihren Sohn mit einer geradezu

rasenden und sinnlosen Leidenschaft. Man mußte sie zum zweiten Male

fortschleppen.

Trübsinnig ritten die jungen Kosaken davon, indem sie sich aus Furcht

vor dem Vater krampfhaft bemühten, die Tränen zurückzuhalten, der selbst

etwas bewegt war, obgleich er sich's nicht merken ließ. Es war ein

trüber Tag, das Grün schimmerte grell, und die Vögel zwitscherten wild

durcheinander. Nachdem unsere Freunde ein Weilchen geritten waren,

schauten sie sich um: das Gehöft schien wie in den Boden gesunken zu

sein, nur die beiden Schornsteine ihres bescheidenen Häuschens und die

Wipfel der Bäume waren noch zu erblicken, in deren Ästen sie früher wie

Eichhörnchen herumgeklettert waren. Nun lag die weite Wiese vor ihnen,

die die Erinnerungen an ihr ganzes Leben wachrief: seit den Jahren da

sie sich auf dem betauten Gras herumgetummelt hatten, bis zu der Zeit,

wo sie den schwarzäugigen Kosakenmädchen auflauerten, die mit ihren

flinken jungen Füßchen ängstlich über die Wiese liefen. Jetzt sah man

nur noch die Stange über dem Brunnen, die mit ihrem oben befestigten

Wagenrad einsam in den Himmel ragte, und die Ebene, die sie durchritten

hatten, schien ihnen fast wie ein Berg, der alles verdeckte. -- Lebt

wohl, ihr kindlichen Spiele, lebt alle, alle wohl!

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod · 第 9 / 34 题