Vorrede des Herausgebers

Die in diesem Bande vereinigten Erzählungen bilden die Fortsetzung der

Novellensammlung »Abende auf dem Gutshofe bei Dikanka«, durch welche

Gogols Name zuerst in der breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde und die

ihn sogleich an die Seite der ersten Schriftsteller Rußlands stellte. Es

ist jedoch kein eigentlich gedanklicher Zusammenhang, der die beiden

Novellenbände miteinander verbindet; sie bilden nicht etwa ein

durch eine fortlaufende Handlung oder eine einheitliche Idee

zusammengehaltenes Ganzes, sondern sind durchaus selbständig und

voneinander unabhängig, so wie auch jede einzelne Novelle in ihrer Art

ein in sich geschlossenes und für sich dastehendes Kunstwerk ist. Was

Gogol trotzdem veranlaßte, die Novellen »Mirgorod« als Fortsetzung des

ersten Sammelbandes zu bezeichnen -- das war der gemeinsame Schauplatz

und der gemeinsame Charakter und Stil, der diese Novellen kennzeichnet.

Es ist das Leben jenes eigenartigen kleinrussischen Volksstammes, aus

dem Gogol selbst hervorgegangen ist, das durchgehend den Stoffkreis

dieser Novellen bildet, und es ist jene seltsame Mischung von

ungebundener Phantastik und derber Realistik, in der ihre stilistische

Einheit liegt.

Gogols starkes schriftstellerisches Talent hat sich schon sehr früh

angekündigt; schon während seiner Schulzeit bildete sich ein

ausgesprochen parodistischer und karikaturistischer Hang bei ihm aus,

der ihn bei seinen Kameraden und Mitschülern gefürchtet machte. Allein

der Jüngling maß diesen Talenten keine ernstere Bedeutung bei, da sein

hochfliegendes Streben eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte. Er

wollte seinen Namen durch eine Großtat verewigen, und seinem Traume

winkte kein geringeres Ziel, als die Reformation und Beglückung seines

Vaterlandes und des ganzen Menschengeschlechtes. Der Staatsdienst

erschien ihm als das einzige Feld, auf dem er seine ehrgeizigen Pläne

verwirklichen konnte, und so trieb es ihn gleich nach Vollendung seiner

Studien im Lyzeum zu Njeschin aus seiner kleinrussischen Heimat nach

Petersburg, wo er einen seiner Begabung und seinen Fähigkeiten

angemessenen Wirkungskreis zu finden hoffte. Doch schon die ersten

Schritte auf dem schlüpfrigen Boden der Großstadt brachten ihm eine

Enttäuschung. Er fand hier keineswegs die Beachtung, die seinem Talente

entsprach und hatte mit schweren Entbehrungen und Nahrungssorgen zu

kämpfen. In diese Zeit fällt sein erster literarischer Versuch, die

Dichtung »_Hans Küchelgarten_«: ein Idyll im Stile von Johann Heinrich

Voß mit einem starken Einschlag romantischer Stimmungen. Es schildert

die Flucht eines schwärmerischen, für große Taten begeisterten Jünglings

aus der Enge und Dumpfheit eines friedlichen provinziellen Daseins an

der Seite der Geliebten, seine Irrfahrten und die Rückkehr des

Enttäuschten in den Schoß der Familie. Doch dieser Erstling, auf den

Gogol so große Hoffnungen gesetzt hatte, trug ihm keinen Erfolg ein und

erfuhr von der Kritik eine entschiedene Ablehnung. Erbittert und

verärgert kaufte der Dichter alle Exemplare von dem Verleger zurück, um

sie für immer zu vernichten, und floh aus Petersburg, wo er so viele

zerstörte Illusionen zurückließ, ins Ausland, um die häßlichen Eindrücke

zu vergessen und als neuer Mensch ein neues Leben zu beginnen. Indessen

auch dieser Versuch mißglückte. Gogol hielt es im Auslande nicht lange

aus und kehrte schon nach einem Monat wieder nach Petersburg zurück, wo

er als Beamter in das Apanagedepartement eintrat. Allein der Aufstieg

auf der Leiter der Beamtenhierarchie vollzog sich viel zu langsam für

den hochstrebenden Jüngling, auch stand die Tätigkeit, der er sich hier

widmen mußte, in einem zu krassen Gegensatze zu jenem Ideal eines freien

Wirkens im Dienste des Vaterlandes und der Menschheit, das ihm

unablässig vorschwebte, und sein Beamtengehalt war viel zu klein, um ihm

eine gesicherte Existenz zu gewähren. Da mochte ihm denn der Gedanke

gekommen sein, sein schriftstellerisches Talent und seine Kenntniß

Kleinrußlands zu verwerten, um sich die Mittel zum Leben zu erwerben. Er

wollte das russische Publikum mit seiner Heimat und ihren Bewohnern

bekannt machen, zumal sich gerade in jenen romantischen Zeiten ein

besonderes Interesse für neuentdeckte Länder und Volksstämme bemerkbar

machte. So entstanden die prachtvollen leben- und kraftstrotzenden

Erzählungen: »Abende auf dem Gutshofe bei Dikanka«, durch die Gogol zum

Entdecker einer völlig neuen, damals noch ganz unbekannten Welt wurde,

und die seinen Namen mit einem Schlage berühmt machten. Diese Novellen

zeigen Gogol sogleich auf der Höhe seines Könnens. Das sind wunderbare

farbensatte Bilder kleinrussischen Volkslebens, vorzüglich der niederen

Schichten, mit einer derben Realistik und naiven Sinnenfreude an der

knorrigen Urkraft und der grellen Buntheit dieses Lebens gestaltet, und

das Ganze ist in eine phantasievolle Märchensphäre hinaufgerückt, wo die

Geschöpfe der Volkssage: die Nixen, Hexen, Wald- und Hausgeister

humorvoll in das irdische Treiben hineinspielen. Gogols junger

Dichterruhm brachte ihn bald in nähere Berührung mit den bedeutendsten

Vertretern der russischen Dichterschule, vorzüglich mit Puschkin, der

mit sicherem Blick sogleich die stärkste Seite an Gogols Talent, seine

einzigartige Begabung für die Darstellung des Engen, Beschränkten,

Gemeinen und Trivialen herausfand, und in ihm den Dichter des Alltags

entdeckte. Von nun ab gewann Puschkin einen immer stärkeren und

entscheidenderen Einfluß auf Gogols Schaffen. Diese Zeit geistiger

Freundschaft und Gemeinschaft mit Puschkin ist zugleich die schönste und

heiterste Epoche im Leben Gogols, denn Puschkin verstand es, die

finsteren Schatten, die Gogols Seele schon damals bedrängten, und sie

nachmals völlig in ihren Bannkreis zogen, zu verscheuchen; es ist

zugleich die fruchtbarste Periode in Gogols dichterischem Schaffen, in

der solche Meisterwerke, wie die ersten Kapitel der toten Seelen und der

Revisor entstanden. Auch der Novellenzyklus Mirgorod gehört diesem

Zeitabschnitt an. Die einzelnen Novellen dieser Sammlung sind unabhängig

von einander entstanden, sie stehen, wie schon erwähnt, ganz selbständig

da, und bedürfen zu ihrem Verständnis keineswegs der Kenntnis der

vorhergehender Erzählungen; trotzdem aber geht etwas wie eine gemeinsame

Idee oder doch eine Grundstimmung durch das Ganze, die das ästhetische

Band dieser Novellen bildet. Das ewige Thema in Gogols Leben und Dichten

kündigt sich hier zum ersten Male an: der furchtbare Kontrast zwischen

dem, was für ihn Leben bedeutet: einem von einem beherrschenden Zweck

erfüllten und durchdrungenen Streben, einer Beseelung der materiellen

Daseinsäußerungen, ihre Erhebung zu einer geistigen Bedeutung, -- und

dem wirklichen Abbild des menschlichen Treibens, wie es sich uns in

Wahrheit darbietet und das erdrückende Übergewicht in allem menschlichen

Geschehen bildet. In dem ersten Teil des Mirgorod tritt dieses Motiv in

einem stark abgetönten Gegensatz hervor. Die Erzählung »Gutsbesitzer aus

der alten Zeit« läßt es noch kaum merklich anklingen, und die kritische

Stimmung tritt noch stark gegenüber dem Gefühl freundlicher Sympathie

für die Helden dieser Novelle zurück. Mit mildem Humor und warmer Liebe

zeichnet uns Gogol hier das Bild zweier alter Leute, die in zärtlicher

Zuneigung verbunden, langsam dahinwelken. Ihre ganze Existenz wurzelt in

den allerprimitivsten natürlichsten Lebensfunktionen und erhebt sich

keinen Augenblick über das Niveau der gewöhnlichsten materiellen

Bedürfnisse. Sie sind ganz Trieb, ganz Natur, alle geistigen Ansprüche

liegen ihnen völlig fern, und das verleiht ihrer Existenz etwas Ganzes,

Harmonisches, von keinem Mißklang Getrübtes. Ihre schlichte Einfalt und

ihre natürliche Güte gewinnt unsere Herzen, dennoch aber erscheint uns

dies Dasein mit all seiner ruhigen Heiterkeit und in dem Frieden, der

über ihm ruht, arm und inhaltsleer, da es in seinem ewig gleichmäßigen

Abfluß durch keinen Zweck und Sinn geadelt wird. So konnte es Gogol wohl

reizen, das Gegenbild dieses Lebens aufzustellen, das trotz all den

freundlichen Seiten, die er ihm abzugewinnen vermochte, doch nur ein

Schatten des wahren Lebens war. Die Gegenwart konnte ihm nicht bieten,

was er suchte, sie erschien ihm grau, öde und tot, und so flüchtete er

in die Vergangenheit, in die er wie ein echter Romantiker sein

Ideal verlegte, und die er mit der ganzen Farbenpracht einer

verschwenderischen Phantasie ausstattete. Die Geschichte seiner Heimat

hatte von jeher eine starke Anziehungskraft auf ihn ausgeübt, und ihr

entnahm er auch den Stoff zu seiner großen Heldendichtung »Taraß Bulba«.

In der freien Ungebundenheit des Kosakentums, in dem großartigen Schwung

dieses noch von keinen staatlichen Schranken beengten und durch die

großen Kämpfe um Volkstum und Religion zu hoher Bedeutung emporgehobenen

Lebens trat ihm eine neue Welt entgegen, in der er sich heimisch fühlte,

und die den stärksten Kontrast zu der Monotonie des stumpfen

Dahinvegetierens bildete, das ihn an der Gegenwart so sehr abstieß. Die

eigentümlichen Verhältnisse des geschichtlichen Werdens hatten in der

Tat in dem Kosakentum ein Volksgebilde von kraftvoller Eigenart und

Ursprünglichkeit geschaffen. Die Not der Zeit, die Raubzüge der Tataren,

die verheerend und verwüstend über Südrußland hinweggezogen waren,

hatten eine Anzahl verwegener Männer zur Abwehr dieser Horden an den

Ufern und auf den Inseln des Dnjepr zusammengeführt. Flüchtlinge, Räuber

und Freibeuter aus aller Herren Länder stießen hinzu, und so bildete

sich hier allmählich jener merkwürdige Freistaat der Saporoger Kosaken

heraus, der bereits gegen Ende des XIV. Jahrhunderts eine imponierende,

den benachbarten Polen und Tataren Schrecken einflößende kriegerische

Macht repräsentierte. Das befestigte Hauptlager der Kosaken, die

sogenannte Sjetsch, von dem aus sie ihre Feldzüge unternahmen, lag auf

einer der Inseln des Dnjepr; sie hatten ihre eigene originelle

Organisation und eigenartige Sitten und Gebräuche, über die sie mit

Eifersucht wachten. Die höchste Bewegungsfreiheit paarte sich hier mit

einem quellenden Tatendrang, der in den ständig drohenden Gefahren und

in den kriegerischen Aktionen zum Schutze der angestammten Religion und

des eigenen Volkstums eine willkommene Aufgabe fand und so das Entstehen

mächtiger und starker Individualitäten begünstigte, die doch durch das

gemeinsame Ziel zu einer festen Gemeinschaft zusammengeschlossen wurden.

Den reichen Stoff, der hier vorlag, hat Gogol mit vollendeter

Meisterschaft bewältigt. Hierbei sind ihm seine tiefen historischen

Studien zustatten gekommen, die er einst mit der Absicht, eine

Geschichte Kleinrußlands zu schreiben, unternommen hatte; allein die

streng wissenschaftliche Darstellung war nicht die adäquate Form für

seine geschichtlichen Forschungen. Erst in der Gestalt der Dichtung

gewannen diese für ihn Leben und Realität. Indem sich Gogol dem freien

Fluge der Einbildungskraft überließ, gab er uns in einer gewaltigen

Anschauung ein getreueres, lebensvolleres Bild jener historischen

Epoche, als dies je eine wissenschaftliche Rekonstruktion vermöchte. In

»Taraß Bulba« steigt ein entschwundenes Zeitalter leibhaftig vor uns

auf. Wir lernen die Völker in ihrer nationalen Eigenart, in ihrem Hassen

und Lieben kennen, wir erleben den Kampf der Religionen, die Gegensätze

der feindlichen Stämme: der Russen und Polen, des Katholizismus und der

Orthodoxie, die furchtbaren Leiden der Juden usw., und all diese

einzelnen Züge vereinigen sich für uns zu einem großen historischen

Gemälde und zu einem mächtigen Bardengesang auf das kleinrussische Volk.

»Taraß Bulba« ist neben den »Toten Seelen« die stärkste Dichtung Gogols

und zugleich einer der Gipfelpunkte der russischen Literatur.

In dem patriotischen Heldenlied der Taraß Bulba-Dichtung klingt der

erste Teil von Mirgorod aus. Der zweite Teil führt uns durch das Grauen

der Gespensternovelle Wij, die wieder an den Stil der Abende auf dem

Gutshofe bei Dikanka anknüpft und uns alle Schrecken des

Gespensterglaubens mit einer an die Realistik des Traumes gemahnenden

Intensität erleben läßt, wieder in die Welt des Alltags und zur

Erbärmlichkeit der Gegenwart zurück. Die köstliche Satire vom Streite

Iwan Iwanowitschs und Iwan Nikiforowitschs bildet den äußersten Abstich

gegen das großzügige Epos slawischen Lebens: den Taraß Bulba. Der Traum

der Phantasie ist ausgeträumt, und die heroische Geste wird abgelöst

durch die Grimasse. Die ganze Misere kleinstädtischen Daseins, der

trostlose Stumpfsinn einer geistlosen, jeden ernsten Interessen

entfremdeten Existenz erscheint hier in dem Zerrspiegel eines Humors,

der nur ein Ausdruck für den Pessimismus des Dichters ist, welcher die

Nichtigkeit und Fratzenhaftigkeit der Welt an dem Ideal freier

Menschlichkeit mißt und seine Tränen hinter der Maske des Spottes und

des Gelächters verbirgt.

Diese Erzählung, mit der der Novellenkreis Mirgorod schließt, leitet

bereits zu dem neuen Stil Gogols hinüber, der seine vollkommenste

Ausprägung in dem Roman »Die toten Seelen« gefunden hat. Die kleine

Erzählung »Die Equipage«, die wir dem Mirgorodzyklus als Anhang folgen

lassen, stammt aus einer späteren Zeit, hängt jedoch in bezug auf ihren

Charakter und ihre Grundidee eng mit dem letzteren zusammen.

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod · 第 5 / 34 题