Bereits am nächsten Morgen begann Ange mit den Vorbereitungen zu ihrem
Umzuge und ward bei diesen von Tibet eifrigst unterstützt. Es galt eine
Auswahl unter denjenigen Gegenständen zu treffen, welche veräußert
werden und welche der künftigen Wohnungseinrichtung dienen sollten. Zu
diesem Zwecke wurden zunächst einige Räume leer gemacht, und nun begann
das Wählen. Claireforts Zimmer beschloß Ange zu behalten, ebenso wurden
die Möbel aus dem Zimmer der Kinder für den ferneren Gebrauch
zurückgestellt. Dazu kamen noch die Kücheneinrichtungen und all
derjenige Hausrat, durch den sich eine Wohnung in bescheidener Weise
vervollständigt.
Tibet war plötzlich ganz gefügig und erhob nicht einen einzigen Einwand.
Er fertigte eine genaue Liste für den Auktionator an und machte mit
Hilfe der noch vorhandenen Dienerschaft eine so übersichtliche
Aufstellung, daß schon nach wenigen Tagen die Arbeit im wesentlichen
beendet war.
Sodann beriet er mit Ange, wie alles übrige abzuwickeln sei, verhandelte
mit dem Hausbesitzer und mit dem Personal, einigte sich mit jenem,
entließ dieses sogleich bis auf eins der Mädchen, welches in Anges
Diensten zu bleiben wünschte, und beglich auch alle Rechnungen, welche
zu bezahlen waren. Es erübrigte nun nur noch die Summe, welche die
Familie von Teut empfangen hatte, und bevor Tibet diese zu dem Banquier
trug, hatte er noch eine Unterredung mit Ange, in welcher auch der
zukünftige Wohnort zur Erörterung gelangte.
Ange war nicht minder thätig gewesen, wenn auch alles nach ihrer
besonderen Art geschah. Sofern sich in den hohen Bergen von unnützen
Kleinigkeiten und Firlefanzereien etwas befand, das der Kinder Verlangen
reizte und das sie wieder hervorzogen, konnte Ange ihren Bitten nicht
widerstehen und packte es in die ohnehin schon mit vielen
Überflüssigkeiten belasteten Koffer.
Bisweilen hielt sie inne und vergaß, was sie eben beschäftigt hatte. Bei
diesem und jenem Gegenstand kamen ihr Erinnerungen, die ihre Gedanken
ganz in Anspruch nahmen, und Vergleiche stiegen auf zwischen heute und
früher. Da stahlen sich denn häufig Thränen ins Auge, und mutlos ließ
sie die Arme sinken.
Oft wunderte sie sich, daß alles so glatt verlief, daß niemand Einspruch
erhob, wenn sie etwas anordnete. Früher handelten andere für sie, sie
ließ sich belehren und befolgte zweckmäßige Ratschläge. Ange hatte es
als selbstverständlich angesehen, daß sie die Dinge nicht verstand und
daß ihre Umgebung für sie handelte. Jetzt fiel ihr plötzlich ein, wie
schwer es doch eigentlich sei, praktisch einzugreifen, und fast wunderte
sie sich, daß sie so ruhig und besonnen in Frankfurt aufgetreten sei.
Also, sie vermochte es doch! Daran richtete sich denn ihr gesunkener Mut
wieder auf.
Gewiß, wenn erst alles in dem neuen Geleise sein werde, würde sie
vorsichtig überlegen, nicht mehr nach plötzlichen Impulsen handeln,
sich's vernünftig und sparsam einrichten und auch das Kleine achten. Ihr
Kopf war voll von Plänen und guten Vorsätzen, und ihre Zuversicht wuchs,
bis dann die Kinder mit ihren berechtigten und unberechtigten
Bedürfnissen vor ihr auftauchten und sie vorübergehend doch voll Zweifel
in die Zukunft blickte.
„Nun, mein lieber Tibet!“ sagte Ange und ließ sich in Carlos' Zimmer,
das gegenwärtig als Wohngemach diente, ermüdet und abgespannt in einen
Sessel gleiten. „Haben Sie auch die Zahlung an Herrn Baron von Teut
bereits geleistet oder müssen wir diese verschieben, bis die Auktion
stattgefunden hat?“
„Wenn Frau Gräfin wirklich meinen, daß auch dieser Betrag--“
„Wenn--Tibet!--Dieser Betrag steht in erster, in gleicher Linie mit
allen übrigen! Natürlich! Darüber habe ich Ihnen meine Ansicht bereits
wiederholt ausgesprochen. Ich komme nur auf diesen Gegenstand zurück,
weil die Summe hoch ist und ich nicht weiß, ob gegenwärtig schon unsere
Mittel reichen.“
„Allerdings, Frau Gräfin, es scheint durchaus ratsam, daß wir warten. Um
so mehr möchte ich dies vorschlagen, weil gerade Umzug und
Neueinrichtung viel größere Summen verschlingen werden, als wir in
vorläufige Berechnung gezogen haben. Unser Bestand schmolz schon
gewaltig zusammen--ganz gewaltig.“
„Nun wohl! Wir haben aber keine Schulden mehr? Alles ist bezahlt?--Welch
ein Wort!“
„Ganz recht, Frau Gräfin! Indessen--“
„Nun?“
„Es wird mir recht schwer--ich möchte die Frau Gräfin nicht entmutigen,
aber ich fürchte, wir behalten bei weitem nicht die ursprünglich
gedachte Summe, aus deren Zinsen Sie sich einrichten müssen. Ich bin
besorgt, Frau Gräfin, und muß deshalb die Frage in Ihrem Interesse
nochmals anregen, ob es nicht doch zu überlegen sein würde, die
Vorschüsse des Herr Baron einstweilen auf sich beruhen zu lassen.“
Auf Anges Gesicht malten sich Schrecken und Enttäuschung zugleich. Nach
einer kurzen Pause fragte sie, und aus dieser Frage klang der Zwang
hervor, den sie sich anthun mußte:
„Wie hoch beläuft sich--doch noch--der Betrag, welchen wir Herrn Baron
von Teut schulden?“
Tibet gab Antwort.
„Das ist sehr viel!“ sagte sie kaum hörbar und ganz mit ihren Gedanken
beschäftigt.
„Vielleicht der fünfte Teil alles dessen, was Ihnen bleibt, Frau
Gräfin.“
„Und wieviel glauben Sie, Tibet, daß mir im schlechtesten,
allerschlechtesten Falle an Zinsen werden könnte?“
„Ich erlaubte mir, Frau Gräfin, schon auf der Reise auseinandersetzen,
daß bei wirklich sicherer Geldanlage nur auf einen Zins von vier Prozent
gerechnet werden darf.“
„Und Sie meinen wirklich, das ursprünglich angenommene Kapital würde mir
nicht einmal bleiben?“
„Ich fürchte, nein, Frau Gräfin--wenn Herr von Teut bezahlt werden soll!
Die Frau Gräfin können nach den vorgelegten Quittungen selbst
berechnen.“
Ange konnte eigentlich nicht berechnen, aber sie nickte und schwieg.
„Wieviel braucht wohl im Durchschnitt eine gebildete Familie mit fünf
Kindern unter bescheidenen Verhältnissen, Tibet?“ hob sie nach einer
kleinen Pause an.
Mit der Beantwortung dieser Frage fielen alle Illusionen, welche Ange
sich bisher gemacht hatte. Tibet litt bei diesen Gesprächen. Vielleicht
fühlte er sogar noch tiefer als Ange den Schmerz, die Enttäuschung,
obgleich er scheinbar so teilnahmlos die Wahrheit ans Licht zu ziehen
bemüht war. Er gewann es auch nicht über sich, der mut- und
trostbedürftigen und mit so guten Vorsätzen ihr neues Leben beginnenden
Frau den Vorhang ganz hinwegzuziehen. Er umging ihre Frage und
erwiderte:
„Es kommt ja sehr auf die Stadt an, ob das Leben teuer oder billig ist.
In kleinen Städten gestaltet sich alles besser.“
„Es ist wohl fast ein Unterschied um die Hälfte?“ fiel Ange hoffend und
lebhaft ihre eigenen Worte bestätigend, ein.
„Ich möchte es glauben, Frau Gräfin.“
„Ich weiß nicht, wie ich's richtig mache, Tibet. Nur so viel ist mir
klar, daß ich keinen ruhigen Tag, keine ruhige Stunde haben werde, wenn
ich Schulden besitze, wenn namentlich--“ sie stockte und fuhr dann fast
heftig fort: „Wir müssen Herrn von Teut zahlen, was er meinem Gatten
geborgt hat, sobald die Dinge hier geordnet sind; wie's auch immer sein
mag! Werde ich weniger besitzen, werde ich doch das unvergleichliche
Bewußtsein haben, niemandem mehr verpflichtet zu sein!“
Und nach dieser vorläufig alle Gegeneinwendungen abschneidenden
Entscheidung verbeugte sich Tibet und brachte das Gespräch auf Umzug und
Wohnort.
„Haben die Frau Gräfin schon eine Entscheidung getroffen? Bleibt es
Eisenach, wozu der Herr Polizeimeister geraten?“
Ange bestätigte.
„Es würde sich dann wohl empfehlen, daß ich zunächst dahin abreise, um
eine Wohnung zu mieten, und dann wieder zurückkehre, um hier den Verkauf
des Mobiliars zu beaufsichtigen. Ich weiß nun aber nicht, ob ich der
Frau Gräfin Wünsche bezüglich dieser treffen werde. Vielleicht
entschließen Sie sich, die Reise ebenfalls anzutreten.“
Das Gespräch wurde unterbrochen, weil die beiden Knaben herbeigeeilt
kamen, die draußen auf der Straße gespielt hatten. Ihre Mienen waren
betroffen, und Ben kam zorngerötet ins Zimmer gelaufen.
„Was ist? Was habt Ihr?“ fragte Ange besorgt.
„Der--der--Karl von drüben--vom Krämer sagt, daß--“ hob Ben an.
„Wir haben uns gestritten; er stieß, ich stand Ben bei!“ fiel Fred ein.
„Nun?“
„Er sagte, wir wären schöne Grafen. Mama hätte nicht mal die Rechnung
bezahlt. Sein Vater könnte kein Geld kriegen und die anderen auch
nicht--“
„Er schimpfte; er brauchte Ausdrücke von uns--na, ich hab's ihm
gegeben!“ ergänzte Ben.
Ange sah Tibet fragend an, und Blässe trat auf ihre Wangen. Tibet
verstand und nahm rasch das Wort:
„Es ist alles--das letzte schon gestern bezahlt, Frau Gräfin!“
„Ah!“ riefen beide Knaben zu gleicher Zeit, und ihre Blicke flammten.
„Dem wollen wir's geben!“
„Nicht so, nicht so, Kinder!“ rief Ange angstvoll, aber suchte sich in
Gegenwart der Knaben zu fassen. „Laßt den Streit! Geht ruhig Eures Weges
und meidet die Nachbarskinder. Hört Ihr? Ihr hörtet, daß er die
Unwahrheit sprach. Und nun geht! Ich habe noch mit Tibet zu sprechen.“
Die Knaben entfernten sich gehorsam, aber noch erregt und lebhaft
sprechend.
„Es wird Zeit, daß ich fortkomme,“ rief Ange. „Je eher, je besser; es
brennt der Boden unter mir. Was die Menschen wohl alles reden! Wie sie
sich mit uns beschäftigen! Schon bei dem Gedanken steigt mir das Blut in
die Schläfen.--Wann können Sie reisen, Tibet?“
„Heute--Morgen, Frau Gräfin--“
„Gut, also morgen! Sie werden eine Wohnung wählen und rasch
zurückkehren. Wollte Gott, ich säße schon an einem anderen Ort und fände
endlich Ruhe und--“ Ange brach in heftige Thränen aus.
„Es wird alles gut werden, Frau Gräfin! Gewiß, gewiß! Sie sollten sich
durch dergleichen Dinge nicht aufregen!“ besänftigte Tibet, heftete
einen besorgten Blick auf seine Gebieterin und suchte bescheiden ihr
Auge, um in diesem zu lesen, daß seine Worte ihre Wirkung nicht verfehlt
hätten. Wirklich stahl sich ein Lächeln um Anges Mund bei Tibets
Worten; es war aber ein trauriges Lächeln.
* * * * *
Nach den vorerwähnten Ereignissen war reichlich ein halbes Jahr
verflossen, als an einem warmen Juniabend des Jahres 187- zwei Männer in
dem kleinen Gärtchen saßen, welches zu dem sogenannten Sommerhause des
Hotels „Zur Rose“ in Wiesbaden gehört.
Auf dem im Freien gedeckten Tische standen die Reste eines reichlichen
Abendessens, und eben hatte der Kellner ein Licht gebracht, mit dem die
Cigarren entzündet worden waren.
„Hm, hm,“ sagte der Major von Teut--denn er war es--zu dem ihm
gegenübersitzenden Manne und blies den Rauch einer starken Cigarre nach
seiner Gewohnheit durch die Nase. „Das klingt ja alles so gut und
doch wieder auch so ernst, wie ich's mir gedacht habe. Aber
vielleicht--zunächst--wer weiß--war's auch besser so!?--Was haben Sie
denn der Gräfin über Ihre Reise gesagt? Wie haben Sie diese begründet?“
„Ich gab vor, daß ich die Meinigen besuchen wolle.“
„Ah! Sie haben Familie, Tibet? Das ist mir ja ganz neu! Auch der
verstorbene Graf und die Gräfin haben mir nie davon gesprochen.“
„Sie wußten auch davon nichts, gnädiger Herr.“
Teut wollte diesen Gegenstand offenbar des näheren berühren, denn er
blickte fragend empor. Aber ein anderer Gedanke überholte, was sich ihm
eben aufgedrängt hatte. Er sagte abbrechend: „So, so--Aber noch eins!
Wie haben Sie es angefangen, daß die Gräfin nichts von all den kleinen
Hinterlisten gemerkt hat? Glaubt sie, daß ihre Einnahme bisher immer
reichte, und daß sie lediglich durch ihre Sparsamkeit alles gut gemacht
hat?“
Über das immer noch bleiche Gesicht des Sprechenden flog ein fragendes
Lächeln, und er strich den Schnurrbart in sichtlicher Spannung.
„Allerdings, aber es hat mancherlei Künste gekostet, gnädiger Herr!“
entgegnen Tibet, und in der Erinnerung des falschen Spiels, das er
getrieben, sichtlich bedrückt. „Anfänglich, damals, als Sie auf meinen
Brief antworteten und mir Verhaltungsmaßregeln gaben, war ich
zweifelhaft, ob's möglich sein werde, diese auszuführen. Ich mußte mir
erst alles zurechtlegen und förmlich ausklügeln, wie ich dem Argwohn der
Frau Gräfin begegnen könne. Wenn ich Einkäufe machte, erklärte ich, die
Waren seien im Preise gesunken, und die Frau Gräfin sah mich dann groß
an und machte ein zufriedenes Gesicht. Im Anfang freilich wollte sie
überhaupt nichts von dergleichen hören. Ich erlaubte mir den Vorschlag,
daß ich wie früher die Wirtschaft besorgen dürfe, und that dies
insbesondere, weil ich dann alles ohne Schwierigkeit einrichten konnte.
Aber darauf wollte die Frau Gräfin nicht eingehen. Sie müsse die Dinge
selbst übersehen, meinte sie, sonst könne sie nicht wirtschaften lernen.
Mit der Miete hätte sich bald alles verraten. Ich machte, des gnädigen
Herrn Befehl folgend, dem Wirte Mitteilung, daß er von uns nur die
Hälfte erhalten, daß das übrige anderweitig berichtigt werden würde. Ich
nahm ihm das Versprechen ab, gegen die Frau Gräfin Stillschweigen zu
beobachten und auch seine Umgebung zu verständigen. Eines Morgens nun
unterhielt sich die Frau Gräfin mit einem Einwohner, und bei dieser
Gelegenheit war von den Wohnungen in Eisenach die Rede. Da äußerte
dieser die unsere sei nicht billig, während die Frau Gräfin gerade ihrem
Erstaunen Ausdruck gab, wie preiswürdig dieselbe sei. Ein Wort gab das
andere. Endlich ward ich herbeigerufen und bestätigte die Aussagen
meiner Herrin. Als jener sich entfernt hatte, betrachtete mich die Frau
Gräfin bereits mit einigem Mißtrauen und brach endlich in die Worte
aus: ‚Haben Sie gehört? Er hat vor uns dies Haus bewohnt und das
Doppelte bezahlt. Wie ist es möglich, Tibet, daß Sie die Villa um die
Hälfte mieten konnten?‘--‚Die Frau Gräfin haben ja den Mietskontrakt in
Händen,‘ erwiderte ich, als ob ich den eigentlichen Sinn dieser
Nachfrage gar nicht verstanden hätte. Kopfschüttelnd ging die Frau
Gräfin davon. Schon fürchtete ich, daß alles würde entdeckt werden.“
„Und das Schulgeld?“ fragte Teut, der mit größter Aufmerksamkeit
zugehört hatte. „Wie haben Sie das gemacht?“
„Ich habe gleich das ganze Semester bezahlt und der Frau Gräfin
gesagt--“--Tibet hielt inne, dunkle Schamröte färbte seine Wangen--„daß
der Direktor auf meine Vorstellung dasselbe erlassen habe.“
„Und das glaubte die Gräfin?“
„Vorläufig ja, Herr Baron. Aber ich zittere doch jeden Tag, daß es ans
Licht kommt, und dann--“
„Und Steuern?“ fragte Teut und konnte sich des Lächelns nicht erwehren,
weil er wie ein Beichtvater alle Vergehen aus dem armen Sünder
herausholte.
„Die habe ich gar nicht erwähnt! Davon hat die Frau Gräfin keine Ahnung.
Ich fing den Steuerboten ab und--“
„Und drohten ihm mit allen Folterqualen der Hölle, wenn er noch einmal
erscheine?“ schaltete Teut mit gutmütigem Spotte ein.
„Ja, Herr Baron, Sie können wohl scherzen.“ sagte Tibet, nun wieder von
dem Ernst und der Verantwortlichkeit seiner Aufgabe erfaßt. „Aber Sie
mögen mir glauben, daß die Dinge sich nicht so freundlich abspielen
werden, wenn die Frau Gräfin jemals erfahren sollte, was wir gethan
haben.“
Teut trank seinen Wein und wollte, um einer aufsteigenden Empfindung
Herr zu werden, die Stiefelhacken zusammenschlagen. Aber es war nur eine
Bewegung. Mit einem leisen Anflug von Schmerz hielt er inne. Nicht ohne
Grund! Das eine, das linke Bein fehlte, er hatte es im Kriege eingebüßt.
„Aber die Kinder?“ fragte Teut nach einer Pause. „Wie geht's denen?
Entwickeln sie sich gut? Sind sie fleißig?“
Tibet nickte. „Gewiß, gnädiger Herr! Wir helfen beide, die Frau Gräfin
und ich, bei den Schularbeiten.“
„Ist die kleine Ange hübsch geworden, Tibet? Sie versprach sehr schön zu
werden!“
Tibet betätigte lebhaft. „Ange ist ein sehr schönes Kind, gnädiger Herr,
und so klug, daß es mich oft fast ängstlich macht. In der kurzen Zeit
von einem halben Jahre spielt sie schon kleine Stücke auf dem Klavier
und ist so sicher dabei, daß man erstaunen muß.“
„So, so! Wer unterrichtet sie denn?“
„Die Frau Gräfin selbst, Herr Baron! Jeden Nachmittag erhält Ange
Unterricht von der Frau Gräfin, und Erna und Jorinde müssen ebenfalls
täglich bei ihr üben. Sie machen alle gute Fortschritte.“
Teut machte eine Bewegung, er murmelte auch etwas vor sich hin, das
Tibet nicht verstand. „Wie ist denn Eure Tageseinteilung, Tibet? Die
Frau Gräfin muß ja sehr in Anspruch genommen sein. Sie hat doch Mädchen
zur Hilfe?“
„Nur eins, Herr Baron! Aber die wurde uns gleich schwer krank und mußte
wochenlang das Bett hüten. Da hat die Frau Gräfin selbst morgens Kaffee
gemacht, die Stuben geräumt, die Kinder angezogen und in die Schule
befördert. Die Frau Gräfin ist überhaupt von morgens früh bis abends
spät unausgesetzt in der Wirtschaft und um die Kinder beschäftigt.“
Teut murmelte wieder etwas.
„Ah! herrliches Weib!“ glaubte Tibet zu hören.
„Und Sie, Tibet?“ fragte Teut dann kurz und mit einem scheinbaren
Vorwurf, während in sein Auge ein silbernes Pünktlein trat.
„Ich, ich?“ erwiderte Tibet arglos und verlegen zugleich. „Ich habe
morgens alle die Stiefel geputzt, die--die--gröbere Arbeit in den
Schlafstuben besorgt und der Kinder Betten gemacht und--und auch gekocht
während der Zeit. Kochen kann die Frau Gräfin nicht; aber sie lernt es
schon ganz gut. Neulich hatten wir zwei Gerichte, die sie ganz allein
zubereitet hatte. Ihre Augen glänzten, als es den Kindern so gut
schmeckte. Die Frau Gräfin war so glücklich, daß sie im Zimmer
herumtanzte.“
„Aber Freund!“ schaltete Teut scheinbar tadelnd ein. „Weshalb haben Sie
denn damals nicht eine Hilfe genommen?“
„Die Frau Gräfin wollte es durchaus nicht, gnädiger Herr! Sie meinte, es
sei der beste Weg, alles zu lernen. Freilich, ich folgte auch nichts
thun--aber ich habe sie sogar überrascht und in einer Nacht mit Hilfe
einer Frau die Wäsche besorgt. Die Alte hat die Garderobengegenstände
vorgenommen, ich machte mich an Servietten und Tischzeug. Gegen Morgen
haben wir aufgehängt, jeder sein Teil.“
„Allen Respekt!“ murmelte Teut, trank in hastigen Zügen und schenkte von
neuem aus der Flasche ein. „In der That, über alles Lob erhaben! Aber
das muß doch anders werden!“ Und nach einer Pause: „Wenn ich nur einen
Weg wüßte--“
Tibet hatte nur halb gehört, aber doch genug, um zu verstehen. Er nahm
sich, in der Sorge um seine Herrin, die Erlaubnis einzufallen, und
sagte:
„Wenn der Herr Baron mir gestatten wollten, einen Vorschlag zu machen?“
Teut bewegte den stolzen Kopf und sagte in seiner kurzen, unhöflich
klingenden Weise:
„Nun, was soll's?“
Tibet ward durch diesen Ton eingeschüchtert. Er fürchtete, sich eine
Vertraulichkeit angemaßt zu haben, die ihm nicht zukam. Takt und
Vorsicht riefen ihm zu, sich in den bisherigen Grenzen zu halten. Er
entgegnete deshalb rasch:
„O, es war doch nichts, gnädiger Herr--“
Teut blickte auf und sah, daß Tibet mit dem Ausdruck einer gewissen
Enttäuschung vor ihm saß. Er verstand und bereute seine Schroffheit.
Ohne auf den Gegenstand zurückzukommen, dessen Berührung von jener Seite
ihm nach den wunderbaren seelischen Schwankungen, denen jeder, selbst
der beste und vorurteilsfreiere Mensch, unterworfen ist, plötzlich
widerstrebt hatte, sagte er:
„Eine Angelegenheit will ich doch heute gleich berühren, Tibet. Mein
Zustand verhinderte mich, Ihnen das bisher zu schreiben:
Vom Ersten des nächsten Monats sind Sie bei mir für Lebenszeit als
Sekretär engagiert. Es werden Ihnen monatlich dreihundert Mark von
meinem Rendanten ausbezahlt werden. Alle Ihre Auslagen seit vorigem Jahr
werden Sie mir baldigst aufgeben, und auch das Honorar für die
verflossene Zeit werde ich ordnen. Sind Sie damit einverstanden, Tibet?“
„Herr Baron!--Gnädiger Herr!“ rief Tibet. Er erhob sich und neigte in
seiner überströmenden Empfindung das Gesicht auf die Hand des Mannes,
der seine Worte mit einem Blick begleitet hatte, in dem sich die ganze
Fülle seines unvergleichlichen Herzens widerspiegelte.
„Aber Waschen und Kochen ist nun vorbei! Das paßt nicht für den Sekretär
und Vertrauten des Herrn von Teut-Eder, nicht wahr? Und nun wollen wir
morgen weiter reden, Tibet! Es wird kühl, ich muß ins Haus, Jamp, Jamp!“
rief er mit seiner schneidigen Stimme, und dieser eilte herbei, um ihn
ins Gartenhaus zu geleiten.
Nachtfalter und weiße Sommermotten irrten durch die warme Luft. Drüben
zirpte es in dem dunklen Garten, und aus dem Rasen drang der sanfte
erdige Geruch des Sommers. Im Hôtel zur Rose aber blitzten Lichter
durchs ganze Haus, und durch die Abendstille ertönte noch einmal
verspätetes Lachen sich haschender Kinder. Eine Zeit lang stand Tibet
wie träumend da. Endlich warf er den Blick gen Himmel, und eine Thräne
stahl sich in die ernsten Augen des Mannes.
Er gedachte seines zerstörten Lebensglückes und der Menschen, die er
liebte--seiner schon ein halbes Jahr nach der Trauung unheilbar
erkrankten Frau, seiner Mutter, seiner Schwester--, aber das Naß, das in
seine Augen trat, entquoll diesmal der unbeschreiblichen Empfindung, daß
nun sicher für die Zukunft jener gesorgt sei.
* * * * *
Tibet wurde am nächsten Morgen zu Teut zum Frühstück befohlen und fand
den Major, umgeben von tausend Siebensachen, die auf Tischen und Stühlen
umherlagen, bereits eifrig schreibend. Er trug einen kurzen, seidenen
Hausrock, und um den offenen Hals war lose ein weißes Tuch von demselben
Stoff geschlungen. Aus den Ärmeln guckte eine feine Batistmanschette
hervor, und sein Fuß steckte in einem roten ledernen Schuh.
„Guten Morgen, Herr Sekretär!“ rief Teut, ohne sich umzuwenden. „Bitte,
nehmen Sie Platz! Gut geschlafen?“
Tibet bejahte. „Darf ich mich erkundigen, wie der Herr Baron geruht
haben?“
„Ah--nicht zum besten, Tibet! Die verteufelte Sache beschäftigt mich
allzusehr. Wie Ameisen laufen die Gedanken in meinem Kopfe herum. Aber
ich glaube jetzt einen Ausweg gefunden zu haben.“ Hier wandte sich der
Major um, sah, daß Tibet noch immer stand, und unterbrach seinen Satz
durch die wiederholte Aufforderung, einen Stuhl zu nehmen.
„Also, wie ich schon gestern sagte, Tibet, so geht die Sache auf die
Länge doch nicht!“ hob Teut an, humpelte durchs Zimmer, winkte dem
herbeieilenden Tibet ab, klingelte, gab dem eintretenden Jamp einen
Befehl und ließ sich dann an dem Frühstückstisch nieder.
Mit inniger Teilnahme sah Tibet, wie unbehilflich der bisher so
kernfeste, kräftige Mann mit dem künstlichen Bein sich bewegte und
welche Spuren Strapazen und Krankheit auf seinem Angesicht
zurückgelassen hatten.
„Bedienen Sie sich!--Also, Tibet, so geht's nicht. Aus diesem Grunde bat
ich Sie auch, mich hier zu besuchen. Sie sollen mit der Gräfin sprechen;
ich habe einen Plan, dem sie hoffentlich beipflichten wird. Die
Sommerferien sind vor der Thür, die Gräfin wird gewiß wünschen, ihren
Kleinen ein Vergnügen zu bereiten und selbst sich ein wenig nach all
den Aufregungen und Sorgen zu zerstreuen. Ich werde sie einladen, auf
Schloß Eder diese Wochen zuzubringen, und will meiner Cousine, der
Gräfin Aspern, schreiben, dort die Honneurs zu machen. Ich werde dann
vielleicht auch--später--nachkommen und bei dieser Gelegenheit
auszuführen suchen, was ich seit dem Tode des Grafen in mir herumtrage.
Was meinen Sie dazu, Tibet?“
„Vortrefflich, Herr Baron! Aber ich fürchte, daß die Frau Gräfin dieser
Einladung ein entschiedenes Nein entgegenstellen wird. Wir haben so oft
über diese Dinge gesprochen--alles war fruchtlos. Die Frau Gräfin
geht--darf ich mich ganz offen äußern, Herr Baron?“--Teut erhob den
Kopf, nickte und trennte die eben mit dem silbernen Löffel zerschlagene
Schale von einem Ei.--„Die Frau Gräfin geht davon aus, daß der gnädige
Herr sie beeinflussen will, Wohnort und jetzige Lebensweise zu ändern.
Dagegen sträubt sie sich--der Herr Baron kennen die Gründe--zum Teil
wenigstens--“
„Hm--zum Teil?“ fragte Teut. „Ist's noch etwas anderes, als was Sie mir
mitteilten und was ich bei dem Charakter der Gräfin auch wohl verstanden
habe?“
Tibet zuckte die Schultern nur machte die Miene eines Menschen, der
wohl sprechen möchte, aber sich's doch nicht getraut.
„Nun?“ forschte Teut ungeduldig. Aber dann in einen anderen Ton
übergehend sagte er: „Ein für allemal, Tibet! Ich nannte Sie gestern
meinen Vertrauten, aber noch mehr, ich betrachte Sie als meinen Freund!
Sprechen Sie, was es auch sei! Das Schicksal, das Wohlergehen dieser
Frau beschäftigt mich mehr als mein eigenes. Der Zweck, ja der ganze
Zweck meines Lebens ist, sie glücklich zu machen. Ich versprach's dem
Grafen beim Abschied, und viel früher hatte ich mir's selbst
zugeschworen. Das alles wissen Sie am besten. Also, weshalb hinterm
Berge halten, wo diesem Vorhaben genützt werden kann!?--Ah!“ fuhr Teut
seufzend und stark betonend fort und lehnte sich zurück. „Ich sollte nur
kein Krüppel sein! Wir säßen nicht hier und berieten! Nur dieser Umstand
hat verhindert, daß ich--alles wäre lange--“ Er fuhr sich mit der Hand
über das Gesicht, und ein Ausdruck von tiefer Trauer blieb in seinen
Zügen haften.
„Nun, Herr Baron,“ sagte Tibet, rasch den Rest des Frühstücksbrötchens
hinabschluckend und seinem Herrn ins Auge schauend, „wenn ich denn
sprechen darf, wie mir's ums Herz ist?--Ich meine--ich meine--die Frau
Gräfin hat--eine--tiefe Neigung zu dem gnädigen Herrn, und darin ist
alles zu suchen! Wenn die Frau Gräfin sich so scheu zurückzieht,
so--so--“
Tibet spähte ängstlich auf Teuts Angesicht, während er sprach. Trotz
aller Ermunterung stand er unter dem Eindruck, dies, eben dies hätte er
niemals ansprechen dürfen.
Teut hatte sich gerade erhoben, um sich eine Cigarre zu holen. Nach
Tibets Worten blieb er am Fenster stehen und schaute lange wortlos
hinaus.
Als er sich wieder umwandte, blickte er Tibet mit freundlichem Ernst ins
Auge und schüttelte den Kopf. „Sie täuschen sich, Tibet! Täuschen sich
gewiß! Und wenn nicht--wenn nicht--Nein, solche Gedanken habe ich
begraben ein für allemal--“
Nun ging er abermals ans Fenster und ließ gewaltige Rauchwolken der
angezündeten Cigarre durchs Zimmer schweben. Der eindringende
Sonnenstrahl fing sie auf und verwandelte sie in lichtes Blau. Eine
lange Pause trat ein, ohne daß eine Silbe gesprochen ward.
„Ah! ja!“ rief dann Teut plötzlich. „Es muß so sein! Hören Sie mich an,
Tibet! Machen Sie also der Gräfin den Vorschlag auf mein Anerbieten
einzugehen. Sie wissen ja, wie und wo am besten einzusetzen ist.
Stecken Sie sich hinter die Kinder! Wenn diese betteln, daß ihr Wunsch
erfüllt wird, kann sie nicht widerstehen! Und wenn die Gräfin auf den
leidigen Punkt kommt--Sie wissen--meine gefürchtete offene Hand und
dergleichen Thorheiten mehr--so sagen Sie ihr--ja, so sagen Sie ihr, was
Sie wollen, aber in allen Fällen, daß ich ihr verspräche, niemals diesen
Punkt zu berühren, viel weniger ihren Absichten entgegen zu handeln.“
„Zu Befehl, Herr Baron! Ich hoffe, Ihrem Vertrauen Ehre zu machen. Ich
werde mein möglichstes thun.--Nur eins! Wenn ich diesen Auftrag erhalte,
muß ich eingestehen, daß ich Sie gesehen habe, und das wird den Argwohn
der Frau Gräfin wecken. Je scheinbar unvorbereiteter ich das vortrage,
um so besser ist es!“
„Nun, im Flunkern haben Sie ja schon gute Übung, Tibet!“ lächelte Teut
und suchte doch durch seine Miene den auf Tibet hervorgerufenen Eindruck
zu verwischen. „Ich denke, Sie müßten schon sagen, Ihre Angehörigen
wohnten hier in der Gegend, und zufällig hätten Sie mich getroffen. Wo
wohnen denn eigentlich die Ihrigen?“
Tibet nannte den Ort.
„Ah--in M.! Sind Sie auch dort geboren?“
„Ja, Herr Baron.“
„Und lebt Ihr Vater noch?“
„Nein, Herr Baron.“
„Ihre Mutter ist Witwe?“
„Ja, Herr Baron--“
Teut unterbrach Tibet lächelnd und sagte, sich eines Gesprächs
erinnernd, das er einst im Clairefortschen Hause mit demselben Manne
geführt, der jetzt so einsilbig Antwort ereilte: „Ganz wie
damals:--ja--nein, Herr Baron!--antworten Sie mir, Tibet. Aber ich will
gar nicht in Ihre Geheimnisse dringen. Nur mein Interesse für Ihre
Person ließ mich fragen.“
„Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen, Herr Baron. Mich leitete etwas
anderes. Was ich über die Meinigen mitzuteilen habe, ist sehr wenig
erfreulicher Natur. Ich habe nie darüber geredet, schon deshalb nicht,
weil meine Person dabei eine nicht gleichgültige Rolle spielt.“
„In der That,“ sagte Teut teilnehmend, „geht es den Ihrigen schlecht?
Haben Sie etwa noch unversorgte Geschwister?“
„Ich habe“--hier stockte Tibet eine Weile--„eine arme kranke Frau,
unheilbar krank und gelähmt seit der ersten Zeit unserer Ehe, die mir
ein kurzes Glück gewährte; sie lebt bei meiner Mutter und meiner
Schwester, die sie pflegt, gnädiger Herr. Auch meine Mutter war schon
völlig gelähmt, als mein Vater, der als Musiker sein Brot verdiente,
starb. Vermögen war keins vorhanden bei seinem Tode. Ich hatte
ursprünglich das Gymnasium bis zur Aufnahme in die Prima besucht und
wurde dann--wie ich früher schon mitzuteilen mir erlaubte--Kaufmann. Ich
hatte aber darin kein Glück, es wollte mir nicht gelingen, vorwärts zu
kommen. Die dringende eigene Not und die meiner Angehörigen, die ganz
auf mich angewiesen waren, bestimmte mich, die Stellung eines
Haushofmeisters bei dem Herrn Grafen von Clairefort anzunehmen, die ich
seit so vielen Jahren bekleidet habe. Ich mußte verdienen, gleichviel in
welcher Lebensstellung, und hier fand ich, was ich suchte. Während
dieser Zeit habe ich die Meinigen ernährt, ja mir selbst ein wenig
sparen können für meine späteren Tage. Was ich empfand, gnädiger Herr,
als Sie mir gestern die Aussicht eröffneten, fürs Leben an Ihrer Seite
bleiben zu dürfen, vermag ich nicht zu sagen. Und Sie werden nach dieser
Darlegung auch verstehen, welche Sorge von mir genommen ist. Ich bin ja
nun sicher, daß die Meinigen--“ In dem hageren Gesicht stieg's bei
diesen Worten auf, wie wenn der Sonnenschein plötzlich durch dunkle
Wolken bricht, und die Rührung übermannte den Mann so sehr, daß er sich
abwandte.
„Wie? Alle die Jahre haben Ihre Frau, Ihre Mutter und Schwester
lediglich von Ihrem Fleiß gelebt?“ sagte Teut voll bewundernden
Erstaunens. „Braver Mann! Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen! Ich schätze
es um so höher, weil selbst Ihre engsten Freunde von diesen Dingen
nichts wußten. Es bleibt wahr: Die echten Perlen liegen versteckt in den
Muscheln tief auf dem Meeresgrund! Man muß sie mühsam hervorholen. Eine
echte Perle ist solche Pflichterfüllung und den Ruhm nicht an den
breiten Weg stellen! Sie üben sie um ihrer selbst willen, in der Stille,
ohne Geräusch. Das heißt ein Christ sein! Hier meine Hand, Sie braver
Mensch! Ich bitte jetzt um Ihre Freundschaft! Ich biete sie Ihnen nicht
mehr an!“
Tibet richtete sich bei diesen Worten in seiner ganzen Größe empor; ein
ungewöhnlicher Glanz trat in seine Augen, und über sein Angesicht flog
der Widerschein eines Sturmes von Empfindungen.
„O, zu viel! Zu viel, gnädiger Herr!“ rief er in jenem Rausche, der nur
die Brust solcher Menschen zu durchdringen vermag. „Mit diesem Worte
habe ich nicht umsonst gelebt! Mit diesem Tage werde ich ein anderer in
dieser Welt und die Welt eine andere für mich! Aber mit diesem Worte,
gnädiger Herr, haben Sie auch Ernst Tibet zu Ihrem Schatten gemacht für
alle Tage und Stunden seines Lebens! Was ich bin und habe für die
Zukunft, gehört Ihnen!“
* * * * *
Es war Morgenzeit. Ange öffnete voll Ungeduld einen Brief, den sie
soeben erhalten hatte. Derselbe war von Tibet, welcher mitteilte, daß er
an dem heutigen Tage zurückkehren werde. Als Ange dies mittags den
Kindern kundgab, faßten sie einstimmig den Beschluß, ihn vom Bahnhof
abzuholen. Nun standen sie erwartungsvoll da und schauten über den
Perron hinaus. Als der Zug endlich näher kam, drängten sie sich
zusammen, und waren voll Ungeduld, den Langersehnten zu begrüßen.
„Tibet! Tibet! Hier!“ riefen sie und stürmten auf den Ankömmling zu, der
sich gerührt zu ihnen hinabbeugte und ihre Liebkosungen entgegennahm.
Alle griffen zugleich nach seiner Hand, um einen besonderen Vorzug zu
genießen, bis endlich Jorinde und Ange sich seine Rechte und Linke
eroberten.
Tibets erste Frage galt der Mama, und diese ward zufriedenstellend
beantwortet. Mama Ange ginge es gut; sie habe auch an den Bahnhof
kommen wollen, sei aber abgehalten worden. Dann setzte sich die kleine
Schar, Tibet in der Mitte, in Bewegung.--
An demselben Abend saßen sich Herrin und Diener im Wohnzimmer gegenüber.
Tibet erzählte, wie's ihm auf der Reise ergangen sei, und Ange hörte
freundlich und aufmerksam zu.
„Auch den Herrn Major von Teut habe ich gesehen und gesprochen,“ warf
Tibet in unbefangenem Tone hin, nachdem er den ersten Bericht erstattet
hatte. „Er läßt sich der Frau Gräfin aufs angelegentlichste empfehlen.“
Ange blickte im höchsten Grade befremdet empor. „Wie? Sie haben Herrn
von Teut gesehen, Tibet? Wann? Wo? Und ganz zufällig?“
Tibet nickte und erzählte eine Geschichte, die er sich unterwegs zurecht
gelegt hatte.
„Und geht's ihm besser? Geht's ihm wieder gut?“ fuhr Ange zögernd fort.
Tibet betätigte und wollte schon, froh, daß die Dinge sich so günstig
gefügt hatten, fortfahren. Aber entweder wünschte Ange das Gespräch
nicht fortzusetzen oder sie wollte Zeit gewinnen. Sie brach ab und kam
auf allerlei häusliche Angelegenheiten.
Inzwischen grübelte Tibet, wie er die Dinge nach seinen Wünschen
einrichten könne, und sagte endlich, eine kleine Pause benutzend,
ziemlich unvermittelt:
„Ich habe auch einen Auftrag an die Frau Gräfin von dem Herrn Baron
auszurichten. Ich vergaß vorher--“
Ange sah Tibet fest ins Auge, aber sie hinderte ihn nicht am
Weitersprechen. Nur ein kurzes: „Nun?“ glitt von ihren Lippen.
„Zunächst läßt sich der Herr Baron für den Brief der Frau Gräfin recht
sehr bedanken. Er würde denselben schon beantwortet haben, wenn er nicht
wünschte, der Frau Gräfin mündlich--“
Tibet hielt inne; er fürchtete nun sicher eine Unterbrechung. Aber zu
seiner Überraschung sagte Ange nichts, nur ihr Blick blieb noch ebenso
ernst, ja, so eigentümlich auf ihm haften, daß er unwillkürlich die
Augen niederschlagen mußte. Er raffte sich aber auf und fuhr fort:
„Der Herr Baron hofft in einigen Wochen wieder so weit hergestellt zu
sein, daß er Wiesbaden verlassen kann. Er will dann nach Eder reisen und
auf dieser Reise die Frau Gräfin gern in Eisenach begrüßen.“
„Und was sagten Sie dazu, Tibet?“ fragte Ange kalt.
„Ich--ich--Frau Gräfin--“ Er sprach nicht aus. Einen Augenblick
schwiegen beide: nur Anges fleißige Nadel, die auf-und abflog,
unterbrach die Stille. In dem Gemache stand ein runder Tisch, der von
einer Lampe erhellt ward. Ringsum befanden sich die Möbel, welche einst
in Carlos' Zimmer Platz gefunden hatten. Dieselben Bilder schmückten die
Wände; selbst die kleinen Nippessachen von damals standen auf dem
Schreibtisch. Plötzlich legte Ange die Arbeit aus der Hand, und sagte,
dem Manne, der ihr gegenübersaß, forschend ins Auge schauend:
„Tibet!“
„Frau Gräfin?“
„Was soll ich von Ihnen denken? Sie haben Herrn Baron von Teut gesehen
und einen solchen Auftrag übernommen? Ich werde irre an Ihnen. Ich muß
es Ihnen aussprechen. Also war's doch wie ich vermutete. Hinter meinem
Rücken! Also war's doch, wie ich fürchtete, als Sie mir von einer
notwendigen Reise sprachen!“
„Frau Gräfin--ich bitte--ich verstehe nicht--“
„Sie verstehen ganz gut, Tibet! Mehr noch. Sie waren befangen, als Sie
in unserem Gespräch auf diesen Gegenstand kamen, und da ich nicht arglos
war, beobachtete ich Sie.“
Ange stützte schwermütig den Kopf und schien für Augenblicke ganz mit
anderen Gedanken beschäftigt. Sie hörte nichts von Tibets Beteuerungen,
nichts von seiner geläufigen Rede, durch die er ihr das Mißtrauen zu
nehmen suchte. Erst als er zu einem anderen Mittel griff, sie seinen
Plänen gefügiger zu machen, und plötzlich sagte: „Sehr, sehr verändert
hat sich doch der Herr Baron. Sie wissen, Frau Gräfin, das Traurige noch
gar nicht. Ich gelangte noch nicht dazu, dies Ihnen mitzuteilen. Der
Herr Baron hat das linke Bein im Kriege verloren!“ überwogen Teilnahme
und Sorge alle anderen Gedanken.
„Wie? was?“ rief Ange erregt, ließ die Arbeit fallen, erhob sich von
ihrem Stuhl und blickte Tibet mit allen Zeichen der Bestürzung an.
„Amputiert? Das Bein verloren?“
Tibet atmete erleichtert auf.
„Mein armer, armer Freund!“ flüsterte Ange vor sich hin. „Ist er sehr
ernst, sehr bedrückt deshalb, Tibet? Sie sagen, er habe so leidend
ausgesehen? O, und das wußte ich nicht einmal! Das verschwieg er mir.
Ich möchte zu ihm eilen, ihn trösten, ihn pflegen--“
Aber sie unterbrach sich ebenso rasch, setzte sich wieder und ergriff
still und wortlos die eben fallen gelassene Arbeit.
„Erzählen Sie weiter, Tibet. Berichten Sie mir, was Herr von Teut Ihnen
gesagt hat,“ hob sie dann gelassen an. „Natürlich verlangt es mich
Näheres zu erfahren.“
„Zu Befehl, Frau Gräfin. Ich fand den Herrn Baron sehr wortkarg und
offenbar tief verstimmt. Er äußerte die Absicht, sich ganz von allem
zurückzuziehen, fortan in Eder zu wohnen und jeden Verkehr einstellen.
Welche Stimmung den Herrn Baron beherrschte“--nun hielt Tibet es an der
Zeit, seine Pläne auszuführen, und er that es mit zitterndem
Herzen--„mögen Frau Gräfin daraus erkennen, daß, als zufällig in einem
Gespräch zwischen dem Herrn Baron und einem dort anwesenden Freunde die
Rede auf des letzteren bevorstehende Heirat kam und derselbe den Herrn
Baron scherzend auf Gleiches hinwies, dieser sagte: ‚Lieber Freund, das
war längst und ist jetzt erst recht für alte Zeiten begraben! Nichts
blüht mir noch auf Erden, selbst meine besten Freunde habe ich--ohne
meine Schuld, ich darf es sagen--verloren!‘“
Tibet schwieg und wartete. Weiße Rosen brachen hervor auf Anges Wangen.
Eine Blässe färbte diese, vor der Tibet erschrak. War er zu weit
gegangen, hatte er zu rasch, zu unvermittelt gehandelt. Gewiß, so
schien es, denn Ange sagte bitter: „Galt mir die letzte Bemerkung,
Tibet? Nur das wünsche ich noch zu wissen.“
Der Mann schwieg.
„Nun?“ wiederholte sie hart.
„Ich glaube--ich weiß nicht, Frau Gräfin.“
„Und was sagen Sie zu alle dem, Tibet?“
Plötzlich brachen die Thränen unter Anges Wimpern hervor; ihre Augen
verschleierten sich, und jener zaghafte Ausdruck trat in ihre Mienen,
der das Gesicht von Kindern und Erwachsenen gleich rührend verändert.
Tibet wollte reden, aber Ange schüttelte den Kopf und wehrte ihm ab.
„Ich habe schon zu viel heute abend gehört,“ sagte sie kurz und in
seltsamer Weise abbrechend. „Wir sprechen morgen weiter. Gute Nacht.“
Noch stand der Mann eine Weile; er hoffte, Ange würde wenigstens noch
einmal emporblicken. Nichts! Nun verbeugte er sich und ging.
Sobald Tibet das Zimmer verlassen hatte, sprang Ange auf und durchmaß
den Raum mit erregten Schritten. Ihre Gestalt hatte trotz der
Anstrengungen des letzten Jahres an reizvoller Fülle gewonnen. Die Züge
ihres Gesichtes waren ausdrucksvoller geworden ihre dunklen gesättigten
Augen hatten eine eigene Glut und jenen rätselhaften, halb
schmachtenden, halb in sich gekehrten Ausdruck, der uns so
unwiderstehlich zu Frauen hinzieht. Noch immer wirkte ihre Erscheinung
überraschend, noch immer war sie eine blendend schöne Frau. Wie es in
ihrem Innern gärte nach diesen Mitteilungen! Jene Liebe, die sich noch
unter dem Schmerz um einen teuren Verdorbenen in zartem Empfinden gegen
eine andere auflehnt, jene tiefe wahre Liebe, die ihre Neigung ängstlich
verbirgt, jene stolze Liebe, die fürchtet, sie könne nicht um ihrer
selbst willen begehrt werden, durchdrang das Herz der Frau--und nun war
alles vernichtet, was doch hoffend in dem tiefsten Winkel ihrer Seele
geschlummert hatte. Denn es giebt Wünsche, die der Mensch aus besserer
Einsicht zurückdrängt bis zum letzten Atemzug--Wünsche auch, von denen
er weiß, daß sie sich nie erfüllen können, aber die doch beglücken, so
lange ein Wahrscheinlichkeitsschimmer bleibt.
Teut ein Krüppel! Teut des Trostes, vielleicht noch der Pflege
bedürftig; Teut abwehrend gegen alles, was sonst Menschen mit Menschen
verbindet; Teut voll Verbitterung. Teut--die Liebe, den Besitz eines
Weibes ein für allemal von sich weisend im mißmutigen Verzichten!
Und sie stieß ihn von sich, wo sie ihm vielleicht ersetzen konnte,
wonach sein Herz verlangte; sie erfüllte--vielleicht in falschem
Stolze--nicht einmal die Pflichten dankbarer Freundschaft!?
Ange verlor den Faden für den richtigen Maßstab dessen, was Recht und
Pflicht geboten.
Was sollte sie thun? Ehre, Stolz, Scham und Liebe kämpften in ihr und
ließen sie zu keinem Entschluß gelangen. Einmal hatte sie alles
zurückgedrängt, nur ein Gedanke beherrschte sie: Wie's auch kommen,
wie's auch sein mochte, sie mußte an seiner Seite stehen, solange sie
ihn unglücklich, zweifelnd und zagend wußte.
Schon glaubte sie klar zu sein und den Kampf überwunden zu haben. Aber
dann nahm doch wieder die angstvolle Befürchtung von ihr Besitz, Teut
könne jetzt gerade zu dem Schlusse gelangen, sie suche nur nach einem
Vorwand, sich ihm zu nähern. Diese Annäherung könne als eine stumme
Werbung von ihrer Seite erscheinen, sie sei noch die alte leichtfertige,
nur dem Genuß lebende und nach plötzlichen Eingebungen handelnde Frau
von ehedem, dasselbe nur von halben Pflichten erfüllte Wesen ohne rechte
Grundsätze, festen Willen und Thatkraft.
Und dann würde in diesem Falle an sie herantreten, was sie zurückweisen
wollte um jeden Preis: die Mildtätigkeit aus seiner Hand. Sie, gerade
sie hatte doch einen so großen, ja vielleicht allen Anteil an der
entsetzlichen Nacktheit der Dinge nach Carlos' Tode, und Teut war es
gewesen, der sie gewarnt und dessen Warnung sie nur ein halbes Ohr
geschenkt; er hatte in der Not geholfen und kam nun wieder und mußte
helfen, weil sie es nicht verstand, sich einzurichten, immer gleich
thöricht und unbeholfen dem Leben gegenüberstand. Scham und Stolz, auch
Quellen falscher Scham, falschen Stolzes brachen wieder in ihr auf und
ließen sie, wie bisher so oft, den rechten Weg verfehlen.
* * * * *
Am folgenden Vormittage fand sich für Tibet keine Gelegenheit, abermals
mit Ange zu sprechen. Er forschte auf ihrem Gesicht, ob das Gespräch des
vorhergehenden Abends böse Nachwirkungen zurückgelassen habe, und in der
That schien es ihm, als ob ihr Blick ernster als sonst, ihr Morgengruß
nicht so warm sei, wie er stets gewesen. Er war voll Ungeduld, mit ihr
zu sprechen, um so mehr, als er bisher nur die Vorbereitungen für den
Auftrag getroffen hatte, der ihm von Teut geworden war.
Nachmittags gab Ange einer Bitte der Kinder nach, mit ihnen einen
Spaziergang zu unternehmen. Sie verständigte Tibet, daß sie zum
Abendbrot zurückkehren werde, und machte sich mit ihren Lieblingen auf
den Weg zur Wartburg.
Ange sehnte sich selbst hinaus; in der freien Natur hoffte sie besser
der sie bestürmenden Gedanken Herr zu werden und zu irgend einem
Entschlusse zu gelangen, der Teut wenigstens bewies, daß sie ihm nicht
teilnahmlos gegenüberstand.
Niemals war ihr der Sommer so schön erschienen wie in diesem Jahre. Die
Bäume standen in blütenschwerer Fülle, und als sie den Weg zur Wartburg
hinaufstiegen, hemmte sie immer von neuem ihre Schritte, um ihre Blicke
ringsum auf die Gegend zu werfen, oder bei Lichtpunkten auf das vor
ihnen liegende Thal hinabzuschauen.
Ange wohnte vor der Stadt in einer von ihrem Auslugepunkte linksseitig
belegenen kleinen Villa. Auch heute ruhten die Kinder nicht eher, als
bis die unter dem Grün hervorschimmernden weißen Mauern herausgesucht
und alle Einzelheiten festgestellt worden waren.
Als sie die Burg fast erreicht hatten, streiften sie bei einer
Wegwendung einen älteren Herrn, vor dem Ben und Fred eilfertig die Mütze
zogen und der freundlich dankte. Bei dieser Gelegenheit entglitt jenem
der Spazierstock, und die Kinder eilten herzu, um denselben aufzuheben.
„Dank, liebe Kinder! Ah, Ben und Fred Clairefort!“ sagte er. „Seid Ihr
alle kleine Claireforts?“ fuhr er fort und lüftete, gegen Ange gewendet,
den Hut und verbeugte sich artig.
„Es ist unser Herr Direktor, Mama,“ flüsterte Fred und forderte Ange
durch Zeichen und Geberden auf, stehen zu bleiben.
Inzwischen war der Herr selbst schon näher getreten und sagte mit
ausnehmender Höflichkeit:
„Ich habe wohl die Ehre, der Frau Gräfin von Clairefort
gegenüberstehen?“
Ange bejahte, und bald entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, dem die
Kinder, nach kleiner Menschen Art, neugierig und mit halb offenem Munde
zuhörten. Als aber auf die beiden Knaben die Rede kam, ihres Fleißes und
ihrer Fortschritte gedacht ward, verscheuchte Ange sie durch einen
Blick, und sie traten beiseite. Beim endlichen Abschied drängte es sie,
dem Direktor noch einige Worte zu sagen.
„Ich habe Ihnen schon schriftlich meinen Dank ausgesprochen für die
große Güte, die Sie mir erwiesen haben, Herr Direktor. Gestatten Sie,
daß ich Ihnen diesen für Ihre Befürwortung und die mir dadurch
entstandene Erleichterung auch mündlich wiederhole.“
Der Direktor blickte überrascht empor, und da er offenbar nicht
verstand, worauf Ange hinzielte, zuckte er unter einigen darauf
bezüglichen Worten die Achseln.
„Ich bitte, gnädige Frau, ich verstehe nicht ganz. Meine
Befürwortung?--Ihr Brief?--Ich habe keinen solchen erhalten.“
„Ich spreche von der Erlassung des Schulgeldes für meine Knaben, Herr
Direktor; Sie erinnern sich, daß Sie die Freundlichkeit hatten--“
„Hier liegt wohl ein Irrtum vor, gnädige Frau,“ berichtigte jener mit
höflicher Wendung. „Es ist nach dieser Richtung von Ihnen nie ein Antrag
gestellt worden, wenigstens mir nicht zugekommen, Frau Gräfin. Wohl aber
hat Ihr Bevollmächtigter seiner Zeit das Schulgeld auf Ihren besonderen
Wunsch für das ganze Semester berichtigt.“
Ange war so verwirrt, daß sie im ersten Augenblick nicht zu sprechen
vermochte; die Röte höchster Verlegenheit stieg ihr in die Wangen. Dann
aber brach sie mit einem gezwungenen Lächeln und wie unter plötzlichem
Besinnen das Gespräch ab und sagte: „Ach, ganz recht. Es war
allerdings--ein--Irrtum meinerseits!“
Noch wenige Sekunden, dann war der Direktor auf dem der Stadt
zugewendeten Wege verschwunden und Ange mit ihren Kindern auf dem
Weitermarsche nach der Burg.
Dieser Zwischenfall weckte in Anges Innerem ein solches Heer von
widerstreitenden Empfindungen, daß sie zerstreut und völlig wortlos
neben ihrer kleinen Schar einherschritt.
Das gestrige Gespräch mit Tibet und nun diese Eröffnung! Was würde sie
alles erfahren! Sie konnte es nicht erwarten, nach Hause zurückzukehren,
und nur die Rücksicht auf die Kinder veranlaßt sie, den Spaziergang
fortzusetzen.--
Nach dem Abendbrot--die Kleinen waren früh ins Bett geschickt--ersuchte
Ange Tibet unter dem Vorwande zu bleiben, daß sie noch einige Fragen an
ihn zu richten habe. Auf Tibet hatte es den ganzen Tag wie eine schwere
Last gelegen, und einmal hatte er es schon verwünscht, Teuts Auftrag
übernommen zu haben. Dennoch ergriff er nach einem kurzen Vorgespräch
zuerst wieder das Wort in dieser Angelegenheit.
„Ich wollte gestern noch hinzufügen,“ begann er, und suchte eine
unbefangene Miene anzunehmen, „daß der Herr Baron der Frau Gräfin den
Vorschlag macht, die Sommerferien auf Schloß Eder zuzubringen. Der Herr
Baron ging namentlich davon aus, daß dies den Kindern Freude machen
werde.“ Tibet forschte in Anges Gesicht. „Und auch der Gräfin sei, wie
der Herr Baron meinte, Luftveränderung und Ruhe nach den Aufregungen
und Anstrengungen sicher außerordentlich förderlich. Der Herr Baron
bittet die Frau Gräfin dringend, diese Einladung annehmen zu wollen.“
„Tibet!“ sagte Ange, schüttelte den Kopf und sah den Mann mit demselben
vorwurfsvollen Blick an wie am gestrigen Tage.
„Frau Gräfin?“
„Was hatten Sie mir versprochen? Was hielten Sie selbst, nach meinen
Auseinanderlegen und Ihrer damaligen Miene nach zu deuten, für richtig?
deshalb schenkte ich Ihnen mein Vertrauen--ein Vertrauen, das sich nicht
auf oberflächliche Erklärungen beschränkte, sondern auch die Gründe
entwickelte? Nur einem Freunde öffnet man sein Herz, wie ich es gethan.
Sie haben mich hintergangen, Sie haben gegen meinen Willen gehandelt,
Sie haben mich betrogen. Und da Sie mich betrogen haben, verliere ich
den Glauben an die Menschheit. Ich glaube nichts--nichts mehr!“
Bei den letzten Worten erhob sich Ange, die in steigender Erregung
gesprochen hatte, trat an ihren Schreibtisch und blieb dort abgewendet
und von ihren Gefühlen überwältigt, stehen.
Tibet war blaß geworden und zerrte an den Knöpfen seines Rockes. Er
wollte sprechen, aber er vermochte es nicht.
„Ihre Anschuldigungen, Frau Gräfin, sind so schwere,“ stieß er endlich
heraus, „daß ich vergeblich nach Worten ringe. Um mich verteidigen zu
können, bitte ich, mir nähere Aufklärungen geben zu wollen. Was habe ich
gethan, um Vertrauen und Freundschaft zu verlieren? Ja, es ist wahr, ich
habe einen Auftrag von dem Herrn Baron entgegengenommen, und ich habe
nicht gezögert, mich desselben zu entledigen, weil der Vorschlag nach
meiner unmaßgeblichen Ansicht ein guter, der Frau Gräfin und den Kindern
ein nützlicher war. Daß aber die Frau Gräfin daraus--“
„Ach, reden wir endlich deutsch! Gehen wir nicht ferner um das Wesen der
Sache herum!“ fiel Ange Tibet heftig in die Rede. „Sie wissen so gut wie
ich, worin der Schwerpunkt liegt! Sie sind sich wohl bewußt, weshalb ich
erregt, erschreckt, empört bin! Werfen Sie die Maske endlich ab, Tibet,
seien Sie wenigstens jetzt ehrlich und gestehen Sie, daß Sie Teuts Agent
sind, daß Sie von ihm Verhaltungsmaßregeln empfingen in Angelegenheiten,
die ich abzuweisen suchte mit allen Mitteln, in Angelegenheiten, welche
hervorgingen aus zartester Empfindung und deshalb von Ihnen hätten
geachtet werden sollen als etwas Heiliges! Ja, ja, jetzt glaubt man mir
das alles bieten zu können! Hätten Sie gewagt, gegen meine Befehle,
gegen meine Bitten zu handeln, als ich noch die gebietende, von Reichtum
umgebene Frau von Clairefort war? Nein, sicher nein! Aber nun, da ich
arm, verlassen und durch die Verhältnisse gedemütigt bin, glauben Sie
das Recht einer Bevormundung gewonnen zu haben, meinen Sie, mir Ihre
unzarten Dienstleistungen aufdrängen zu dürfen--“ Sie hörte Tibets
raschen Atem, sah sein erregtes Gesicht und fuhr doch fort: „Also
richtig war meine Ahnung und allzusehr traf ein, was ich fürchtete,
obgleich ich mir schon vorwarf, diese Dinge zu viel und zu oft berührt
zu haben! Nun erfahren Sie es nochmals, obgleich es das A und O aller
meiner Gespräche war, die ich mit Ihnen pflog: nicht als etwas Gutes,
Dankenswertes sehe ich das alles an, sondern als etwas Unwürdiges,
Beleidigendes!--Ehrlos--ja, ehrlos handelten Sie, wenn Sie mich gegen
meinen Wunsch und Befehl nach Ihren eigenen kleinlichen Auffassungen zu
messen sich erdreisteten und danach handelten!“
„Frau Gräfin! Frau Gräfin!“ drang's aus Tibets Munde, und wie einst, als
Carlos gestorben war und ihn Anges beleidigte Worte trafen, stand er
bebend am ganzen Leibe. „Ehrlos--sagen Sie? Ehrlos?--Nun, dann darf ich
in der Folge Ihre Schwelle nicht mehr berühren! In dies reine Haus darf
kein Ehrloser treten!“
„Nein, nein, Sie haben recht!“ rief Ange außer sich in gekränktem Stolz
und in der Verzweiflung ihrer vernichteten Liebe. „Gehen Sie! Gehen Sie!
Ich will versuchen, Ihnen zu verzeihen im Gedenken des vielen Guten, das
ich von Ihnen empfing. Auch das in der Erregung gesprochene Wort nehme
ich zurück. Aber unseres Beisammenbleibens ist nicht mehr! Gehen Sie!“
Nach diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und wollte, nicht mehr
Herrin ihrer Gefühle, das Zimmer verlassen.
„Ich thue, was Sie befehlen!“ flüsterte Tibet. „Wie sehr Sie mir aber
unrecht thaten, Frau Gräfin--“
„Wie--unrecht?“ rief sie, nochmals zurücktretend, und reckte ihre
schlanke Gestalt hoch empor. „Unrecht?“ wiederholte sie. Ihre feinen
Nasenflügel vibrierten und ihre Augen blitzten. „Trieben Sie Ihre
zudringliche und bevormundende Dienstfertigkeit nicht so weit, daß ich
heute wie eine Närrin vor dem Direktor des Gymnasiums stand? Ich dankte
ihm für seine Güte gegen die Knaben. Solche Güte anzunehmen, schämte ich
mich nicht, denn es ist der Staat, der den Bedrängten einen Teil der
Pflichten abnimmt, die ihnen obliegen, um ihre Kinder zu tüchtigen
Menschen heranzubilden. Er thut damit nur etwas Weises. Sie vermögen es
ihm einst zu lohnen, indem sie gute Bürger werden. Wissen Sie, was er
erwiderte? Daß er weder eine Eingabe noch einen Dankesbrief von meiner
Hand empfangen! Nun, was sagen Sie dazu?--Sie unterschlugen Eingabe und
Brief, Sie belogen mich, während ich Ihnen Hab und Gut hingab in
grenzenlosem Vertrauen, ja mehr noch, mich Ihnen sogar anvertraute in
Dingen, die schwer, wohl nie über die Lippen eines Weibes dringen,
selbst unter gleichen Verhältnissen. Nun, Tibet, sind Sie der Agent des
Herrn Baron von Teut?--Einmal wenigstens seien Sie wahr!“
Tibet schüttelte sich, als ob er die Flamme, die in seiner Brust
emporstieg, auslöschen, als ob er die übermenschliche Erregung, die
jeden Nerv pulsieren machte, abstreifen könne. Und dann drang es heiser
aus seinem Munde: „Und doch waren meine Gedanken rein, meine Absichten
die besten, meine Handlungsweise selbstlos; und doch war alles--so
falsch die Mittel sein mochten--das Ergebnis meiner unbegrenzten Hingabe
an Ihre Person. Das sagt Ihnen, Frau Gräfin, Ernst Tibet, der sich heute
für immer von Ihnen verabschiedet.“
Er sprach's und verließ das Zimmer. Ange stand da, wie ein weißer Stein.
Ihr Herz schlug zum Zerspringen. Sie hörte, wie der Mann auf sein
Zimmer ging. Sie sah durch die Mauern, daß er sich eilte, seine Sachen
zu packen. Eine wahnsinnige Angst erfaßte sie; sie hätte aufschreien und
ihm nachstürzen mögen, und doch hielten sie die nachwirkende
Empörung--und das einmal gesprochene Wort zurück.--Nun ging auch er, der
letzte, den sie hatte und der doch--sie wußte es--ein Freund war, wie
außer Teut seinesgleichen nicht zu finden auf dieser liebeleeren Welt.
* * * * *
Umfang und volle Bedeutung dessen, was geschehen war, stieg vor Ange
erst in den nachfolgenden Tagen auf. Auch die Reue blieb nicht aus, aber
Ange erstickte diese Regung. Ein Mensch, der für seine Überzeugung
kämpft, für den giebt's kein Rechts und kein Links. Nur ein einziger
gerader Pfad ist vorgezeichnet. So war es auch hier. Sprach ihr Herz zu
gunsten Tibets, so verwischte doch ihr stolzes, beleidigtes Gefühl
wieder die versöhnlichen Regungen. Das waren keine bloßen Worte gewesen,
die sie einst in Frankfurt gesprochen und deren Inhalt sie ihm später so
oft wiederholt hatte. Sie wollte, sie mußte den Weg gehen, welchen sie
ihm bezeichnet hatte. Ihr besseres Ich, ihr Ehrgefühl hatten
gesprochen, und diesen mußte sie folgen.
Vielleicht--es mochte sein--hatte sie die Dinge zu sehr auf die Spitze
getrieben, ließ ihrem verletzten Stolze zu sehr die Zügel schießen. Aber
lag nicht gerade in dieser Form, ihr Erleichterungen zu verschaffen,
etwas von jener leis spöttelnden Bevormundung, welcher sie sich
entziehen, zu der sie gerade Teut Recht und Veranlassung hatte nehmen
wollen?----So blieb in ihr haften, wogegen sich doch im Grunde ihr Herz
und ihr Verstand auflehnten, und sie tötete die mahnende Stimme ihres
Innern, die ihr sogar zurannte, daß ihre Handlungsweise gegen Tibet den
Grundsätzen hochherziger Gesinnung schon deshalb nicht entsprach, weil
sie ihn--sie mußte es eingestehen--zugleich schuldlos für die
Enttäuschungen ihrer Liebe hatte büßen lassen.
Schon am nächsten Tage traf ein vollkommen geschäftlich gehaltenes
Schreiben von Tibet ein, in welchem er die genaueren Angaben machte über
alles, was seither seiner Sorge anvertraut gewesen war und jetzt Ange
allein obliegen sollte. Insbesondere machte er ihr über ihre
Geldangelegenheiten Mitteilung und gab in höflich gemessener Form
Ratschläge, indem er auf den bisher von ihm beobachteten Gebrauch
hinwies. Um sie vor ferneren Enttäuschungen zu bewahren, bekannte er in
diesem Briefe, welche Ausgaben er ohne ihr Zuthun bestritten hatte, und
fügte endlich hinzu, daß er im Auftrage des Barons von Teut gehandelt
habe. Eine Angabe über die Höhe derjenigen Summe, mit welcher letzterer
für Ange eingetreten war, gab er aber nicht, und sie beeilte sich
deshalb--unter welchen Empfindungen ist leicht zu bemessen--ihn
schriftlich zu ersuchen, ihr sofort darüber eine Nachricht zukommen zu
lassen. Am Schluß des Tibetschen Briefes hieß es:
„Frau Gräfin werden über die Zwischenfälle heute nicht anders, aber
ruhiger denken, das ist meine sehnliche Hoffnung. Und da auch ich den
Dingen nach der gestrigen Unterredung mit veränderten Ansichten
gegenüberstehe, so mag es mir mit Rücksicht auf die jahrelangen
Beziehungen, die ich zu der Frau Gräfin pflegen durfte und in deren
Verlauf die gnädige Frau mir so oft ein Lob und ein freundliches Wort zu
erteilen geruhten, gestattet sein, zu sagen: daß ich tief bereue und
stets wiederkehren werde, sobald mich die Frau Gräfin rufen. Wenn diesem
Rufe hinzugefügt sein wird, daß die Frau Gräfin mir vergeben haben--ich
bitte Gott, daß dieser Tag mir noch einmal werden wird--, dann bin ich
entschädigt für alles, was auch mir Schweres, Ernstes und Sorgenvolles
in meinem Leben begegnete und das mich doch nicht hinderte, meine
höchste Lebensaufgabe darin zu erkennen, der Frau Gräfin und Ihrer
Familie ein bescheidener, wahrer, wenn auch in den Mitteln häufig
irrender Freund zu sein.
Ich bitte gehorsamst, die gräflichen Kinder grüßen zu wollen, denen ich
nicht einmal ein Lebewohl sagen konnte u.s.w.“
Ange las diesen Brief in tiefster Bewegung. Was hätte sie darum gegeben,
wenn die Dinge, die sich enthüllt hatten, nicht geschehen wären.
Plötzlich lag ihr Leben vor ihr wie eine endlos zu durchschreitende
Wüste, und doch fühlte sie jetzt schon, daß sie erlahmte. Ihr Herz
erbebte, obgleich sie kaum den Fuß über die Grenzen gesetzt hatte. Aber
sie raffte sich auf zum ernsten Tagewerk, und ruhige Überlegung gewann
die Oberhand.
Ange begann zu rechnen. Zum erstenmal in ihrem Leben beschäftigte sich
Ange von Clairefort mit Zahlen. Bis spät in die Nacht, wenn die Kinder
schon schliefen, schrieb und summierte sie, stellte fest und strich
wieder aus, fügte hinzu und kürzte von neuem. Und sie ward gewahr, was
jedem sich offenbart, der mit diesen unerbittlichen Ausrufungs- und
Fragezeichen zu kämpfen hat. Auch ihr erschienen alle Einnahmeposten
wie Quecksilberkügelchen, die man fassen zu können wähnt, und die dann
plötzlich in bisher unsichtbare Poren verschwinden, während die
Ausgabesummen zudringlich emporschießen, wachsen und sich vermehren.
Als Ange zum erstenmal alles zusammengestellt hatte und, glücklich
aufatmend, zu dem Resultat gelangt war, es werde gehen, da fiel ihr
plötzlich ein, daß Schulgeld und Steuern noch fehlten, daß der Feuerung
für den Winter, ihrer eigenen Garderobe, der Abzahlung an Teut nicht
gedacht sei, daß die unvorhergesehenen Ausgaben--und sei's auch nur eine
Gabe der Wohlthätigkeit--nicht mit vorgesehen wären.
Nun ging's abermals ans Rechnen, aber die Zahlen waren wenig biegsam und
trotzten allem Beschönigen. Und mit diesem Unvorhergesehenen war's nicht
einmal am Ende! Wenn--wenn--Krankheit kam? Arzt, Apotheker--das
Vielerlei, was zu einer sorgfältigen Pflege gehört! Ange sann und
plante. Wo konnte noch gespart werden? Gab's nicht einen Posten, der
überflüssig erschien?--Nein, nein!--Und wenn sie nun selbst krank ward,
wenn sie gar--Was wurde aus den Kindern? Konnte sie nicht sterben? War's
nicht erste, vornehmste Pflicht, an diesen Fall zu denken? Mußte sie
nicht ihr Leben versichern?--Aber woher nehmen? Da fiel's wieder wie
Regenschauer auf ihre Seele, da raunte ihr eine fürchterlich nüchterne
Stimme zu, daß selbst der beste, ehrlichste Anfang doch nur ein
schlechtes Ende haben könne. Sie vermochte mit ihrem kleinen Zinskapital
nicht alles zu bestreiten. Es war unmöglich, unmöglich!
Aber Ange erstarkte in ihrem Pflichtgefühl und in ihrer Liebe zu den
Kindern und beschloß zu handeln. Sie schrieb an den Direktor des
Gymnasiums und bat um Nachlaß des Schulgeldes, indem sie begründete,
worauf sie schon einmal hingedeutet hatte. Wegen einer Ermäßigung der
Steuern befragte sie an einem der kommenden Tage ihren Nachbar um Rat.
Sie empfand keine Scham dabei, während sie doch ehedem schon gezittert
hatte, ihr Diener könne bemerken, daß ihr das Geld zur Reise fehle. Sie
schüttelte verwundert den Kopf, als sie dieser Zeit gedachte; ja, sie
begriff heute nicht, daß ihr das Eingeständnis ihrer bedrängten Lage
jemals schwer geworden sei.
Und nun begann in der Folge der wirkliche Lebenskampf. Welche
Auseinandersetzungen mit den Kindern, wenn sie nach alter Gewohnheit
irgend etwas begehrten, das ihnen die Laune eingab!
„Nein, nein!“ sagte Ange.
„Weshalb nicht, Mama?“
„Weil ich es nicht will; weil es überflüssig ist.“
Die kleine Ange, bisher ohne eine Entbehrung, schielte dann wohl zum
Einholen eines beipflichtenden Lächelns wegen dieser unerwarteten Worte
zu den älteren Geschwistern hinüber. Aber sie fand kein Echo für ihren
kindlichen Unverstand. Jene fühlten mit ihrem Instinkt, daß die Sache
durchaus nichts Komisches habe.
* * * * *
Das erste, was Ange nach Tibets Fortgang überlegte und in der Folge auch
zur Ausführung brachte, war eine noch strengere Tageseinteilung als
bisher. Sie stand in aller Frühe auf und sorgte, daß die Kinder
Frühstück erhielten und in die Schule gelangten.
Während die Magd Einkäufe machte und nach diesen an die Vorbereitung für
das Mittagessen ging, besorgte Ange die übrige Hausarbeit.
Gleich nach Tisch begannen die Arbeitsstunden für die Kinder. Ange
suchte den Knaben sowohl behilflich zu sein wie den Mädchen und gab den
letzteren auch täglich den von Tibet erwähnten Musikunterricht.
Wenn die Witterung es erlaubte, ward ein gemeinsamer Spaziergang
unternommen, und den Rest des Tages beschäftigte sich Ange mit dem
Vielerlei, was zu einer Wirtschaft gehört: dem Ausbessern der Kleider,
mit Handarbeit und ihrem kleinen Rechnungswesen.
Alle ihre Gedanken waren auf die Kinder gerichtet. Aus den
Schulbibliotheken wurden Bücher herbeigeholt, und abwechselnd las eines
der Kinder abends vor. Die sich daran knüpfenden Fragen beantwortete
Ange nach bestem Können, und wenn dieses nicht ausreichte, griff sie zu
Hilfsmitteln, die sich unter Carlos' Nachlaß befanden, und saß dann--ein
Kind unter Kindern--und suchte auch sich neugierig zu belehren.
Jeden Wunsch, der in ihren Lieblingen aufstieg, hörte sie an, und
überlegte vorher, ob er erfüllbar sei. Sie hatte sich zum Grundsatz
gemacht, nie gleich ja zu sagen, sondern sich erst Bedenkzeit
auszubitten. Wenn sie dann--wie meistens--eine abschlägige Antwort
erteilte, begann wohl ein: „Warum nicht, Mama? Bitte!“ und ein Betteln
und Drängen, dem sie nur schwer zu widerstehen vermochte. Die Kinder
hatten so viele Grunde wie draußen Blüten auf den Bäumen, und wo diese
fehlten, schmeichelten sie und machten Angriffe auf Anges schwaches
Herz. Aber sie blieb fest, wenn es auch heiß in ihrem Inneren aufstieg.
Ben stand ihr stets zur Seite und wehrte die übrigen ab. Er hatte viel
Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Carlitos. Der Knabe war voll
Herzensgüte, er besaß Charakter, und für seine Jahre überraschte er
durch die Reise seines Urteils und das Gesetzte seines Wesens. Dabei war
er voll Aufopferung für seine Mutter, die er zärtlich liebte. Sobald es
ihr galt, war ihm keine Arbeit zu schlecht oder zu schwer; wenn keiner
Zeit hatte--er hatte sie stets. Er half ihr, selbst bei Küchenarbeit,
und lief fort, wenn etwas rasch besorgt werden mußte.
Der Knabe fühlte nicht mehr instinktiv, sondern war sich bewußt, wie die
Dinge lagen, und sein Herz trieb ihn, seiner Mutter die täglichen
Beschwerden zu erleichtern.
Das alles aber trat nur zum Vorschein im Hause. Draußen war der Knabe
ein völlig anderer. Vor allen übrigen besaß er einen brennenden Ehrgeiz.
Jeden Tag berichtete er, was in der Schule geschehen, wie ihm Recht oder
Unrecht geworden, und er überlegte, wie er es anzufangen habe, auf den
Sprossen seiner Sturmleiter weiter emporzusteigen.
Und alles stand ihm gut; er konnte nicht anders sein, wie er war. Wenn
aber einmal ein Lächeln über sein hübsches Gesicht glitt oder gar seine
Augen tiefere Empfindungen widerspiegelten, dann war der so schön, daß
er einem Maler hätte Modell stehen können.
„Wie heißt Du?“
„Graf Benno von Clairefort.“
Nie nannte er sich anders, aber seltsamerweise rief dies selbst bei
Erwachsenen kein Lächeln hervor.
* * * * *
Bisweilen schien Ange altes, was früher gewesen, wie ein Traum, und in
diesem Bilde ihrer Vorstellungen tauchte immer von neuem Teut auf. Wer
ihr einstmals gesagt hätte, sie werde ihn ängstlich fliehen, und deshalb
fliehen, weil er Wort gehalten in allem, was er ihr damals in besseren
Tagen im Walde versprochen, und welches doch das Höchste war, was ein
Mensch dem anderen gewähren konnte--den würde sie einen unverständigen
Thoren gescholten haben. Und doch war's kein Traumbild. Sie war heute
vielleicht von ihm getrennt--fürs ganze Leben! Würde er, nach der
bisherigen Beurteilung ihrer Person, ihre Haltung nicht als eine
Weiberlaune deuten? Sie sah ihn vor sich--das überlegene Lächeln
umspielte seinen Mund, er schüttelte über solche Kindereien den Kopf.
Hatte er gar recht?
Und dann kam's wieder über sie eines Tages in dem grübelnden Suchen
nach dem Rechten, in der ängstlichen Besorgnis, den verletzt zu haben,
dem sie so viel verdankte und der nun stumm blieb, als ob er unter die
Toten gegangen.
Sie beschloß, ihm zu schreiben und ihren Standpunkt zu verteidigen. Aber
mitten darin hielt sie wieder inne.
Was sie auch schrieb, sie konnte seine Gedanken nicht beeinflussen.
Vielleicht betrachtete er den Inhalt ihres Briefes nur als Vorwand ihrer
veränderten Gesinnung. Und war's nicht auch begreiflich, natürlich, daß
sich nun auch sein Stolz regte? War er einer von denen, die sich anderen
zudringlich nähern? Nein! Und da er ihr nicht mit denselben Gefühlen
gegenüberstand--sie wußte es nun aus Tibets Munde--, hatte er ihr
Andenken vielleicht ausgelöscht--ausgelöscht für immer?
Und nun sollte sie das erste Wort geben, in ihm den Eindruck
hervorrufen, endlich sei sie durch Lebensnot und Sorge, gedrängt auch
von ihrer alten Natur, doch gekommen und habe erbeten, was sie einst so
schroff zurückgewiesen? Nimmermehr! Vorbei war's mit all den Hoffnungen,
die sich an frühere Zeiten knüpften! Es gab nur einen Lichtstrahl: das
Glück der Kinder, und in diesem allein mußte sie ihr eigenes suchen.
Somit unterblieb das Schreiben.
Aus dem schwankenden Herbst schritt allmählich der Winter mit
rücksichtslosen Schritten hervor, stäubte, des Widerstandes nicht
achtend und seines Rechtes sicher, mit Schneewirbeln über die Landschaft
und schlug die ganze Natur in seine weißen Decken ein.
Aber mit dem Winter traten auch die Sorgen wie weiße Gespenster an Ange
heran. Als sie von ihrem Bankhause die Quartalszinsen erhielt und einen
Überschlag machte, was noch zu bezahlen und was nötig war, bis das neue
Jahr erschien, sah sie, daß ihr jetzt schon fast nichts mehr blieb. Ange
hatte trotz äußerster Sparsamkeit kleine Schulden machen müssen, und die
von Tibet gemeldete erschrecklich hohe Summe, welche Teut in dem ersten
halben Jahre zu ihrem Haushalt beigesteuert hatte, ragte noch drohend
über dem übrigen empor. Gerade diese zu tilgen, beschäftigte immer aufs
neue, zulegt fast ausschließlich Anges Gedanken. Schon machte sie sich
Vorwürfe, daß sie nicht früher abgezahlt hatte. Teut triumphierte
vielleicht, daß sie so eilfertig und trotzig darnach begehrt--und nun
doch alles still war.
Sie beschloß--es war ein falscher Entschluß--ihren Nachbar, einen
kleinen, mit einer Haushälterin lebenden Kapitalisten--um eine größere
Summe darlehnsweise zu bitten und solche Teut sogleich einzusenden.
Als sie schon auf dem Wege war, flüsterte ihr eine besonnene Stimme zu,
daß ein einziges Goldstück als Abtrag genügen werde, um sich vor sich
selbst und vor Teut zu rechtfertigen. Aber mit leiser Eitelkeit
vermischter Stolz überwog, was bessere Einsicht ihr zurannte, und sie
zog die Klingel und betrat das Haus.
Es giebt Wohnungen, denen eine kalte Luft entströmt, selbst zur
Sommerszeit. Frostiges Selbstbehagen, das einen engen, abwehrenden Kreis
um sich zieht, die übrige Welt nur sieht, sie nur anhört und sich nur
mit ihr beschäftigt, sofern diese keinerlei Ansprüche erhebt,
durchdringt die Bewohner und wirkt so erkaltend, daß es sich selbst den
toten Dingen mitzuteilen scheint.
Als Ange den Flur beschritt, überfiel sie jene Zaghaftigkeit, welche
fast immer den allzu raschen Vorstellungen unserer Phantasie zu folgen
pflegt.
Auf dem großen Flur standen zwei in peinlicher Sauberkeit gehaltene, in
Eichenholzfarbe gemalte Schränke, die den Eintretenden schon kalt
anstarrten. Und sonst nichts ringsum: kein Spiegel, keine Stühle, keine
Kleiderhaken, keine Uhr. Was eine rasche Hand etwa stehlen konnte, war
weislich entfernt. Ein kalter, übersauberer, abgeschlossener Raum, in
dem die Klingel impertinent laut nachtönte! Nun klopfte Ange.
„Ah, Frau Gräfin!“ sagte die Gesellschafterin artig. Es war eine alte
Dame in einem einfachen dunklen Kleide und mit einer weißen Mütze auf
dem Kopf. „Bitte, Herr Putz ist zugegen.“
Putz hatte nichts in der Welt zu thun; er schwatzte überaus gern, sprach
eigentlich nur von sich und stand trotz seines Egoismus und der
Langenweile, die er ausströmte--lediglich im Raterteilen war er ein
Verschwender--unter dem Eindruck, der Verkehr und Umgang mit ihm sei für
andere ein ungewöhnlicher Vorzug. Daß er nur seinen Neigungen dabei
folgte, lediglich sich selbst die Zeit vertrieb, und daß durch den
Verkehr irgend eine Gegenseitigkeit erwachse, diese Gedanken kamen nie
in seinen Kopf.
Während Ange sich umschaute, hatte sie beim Anblick der Personen und der
altbekannten Dinge plötzlich die Überzeugung, ihre Bitte werde ihr
abgeschlagen werden. War's doch Putz, den sie bereits in ihre
Verhältnisse einen Einblick hatte thun lassen, indem sie ihn um Auskunft
wegen Ermäßigung der Steuern gebeten. Es war ihr unfaßlich, daß sie das
nicht vorher bedacht, und sie schalt ihren Mangel an Überlegung nun, da
es zu spät war.
Ange fand übrigens nicht so rasch Gelegenheit dem Alten vorzutragen,
was sie beschäftigte. Die Gesellschafterin war ein unliebsamer Zeuge,
und selbst, als diese einmal fortging, fand sich kein Anknüpfungspunkt.
So wurden denn gleichgültige Gesprächsgegenstände berührt, und Ange
empfand doppeltes Unbehagen an der Unterhaltung, da sie ihre Absicht
nicht auszuführen vermochte.
Plötzlich sagte Putz: „Nun, haben Sie Nachricht von der Steuerbehörde,
Frau Gräfin? Ich wollte schon immer fragen.“
Ange bejahte. Sie berichtete, daß man sie aufgefordert habe, ihre
Anträge nachweislich zu belegen, und daß dann eine nochmalige Prüfung
stattfinden solle. Vorläufig müsse die Summe gezahlt werden, zu der sie
eingeschätzt sei.
„Ganz recht, ganz recht! So, so!“ sagte der Alte, und nach kurzer Pause
fuhr er fort: „Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein könnte, Frau
Gräfin--recht gern, mit größtem Vergnügen!“
Die Gesellschafterin war noch nicht zurückgekehrt. Diese freundlichen
Worte ermutigten Ange. Nun, so konnte es denn sein! Plötzlich war sie
wieder voller Hoffnungen.
„Ich danke Ihnen sehr, Herr Putz. Ich wollte auch noch in einer anderen
Sache Ihren Rat oder vielmehr Ihre Hilfe erbitten.“
„Bitte, bitte, Frau Gräfin!“ Der Alte war immer neugierig. Das Gespräch
hatte schon etwas geschleppt, nun ward es wieder anziehend.
„Also, Herr Nachbar, ich möchte Sie fragen, ob Sie mir wohl zwölfhundert
Mark würden leihen wollen, die ich nach und nach abzahlen könnte. Ich,
ich--“ Ange stockte.
„Bitte, Frau Gräfin!“ Putz wollte alles hören. Es fiel ihm nicht ein,
auf dergleichen Dinge einzugehen, aber hören wollte er. Anges Vertrauen
wuchs.
„Ich habe,“ fuhr sie geläufiger fort, „eine einzige alte Schuld, die
mich zwar nicht drückt, durchaus nicht drückt--ich meine, derentwegen
ich nicht gedrängt werde, die ich aber aus anderen Gründen--“
„Hm, ich begreife,“ sagte Putz. Und als Ange nicht gleich fortfuhr,
fügte er, seine Neugierde nur schlecht unterdrückend, hinzu: „Von einem
Verwandten wahrscheinlich?“
„Nein, nicht von einem Verwandten; ich habe überhaupt nicht einen
einzigen Verwandten auf der Welt, weder von seiten meiner Eltern noch
von seiten meines Gatten.“ Wie unvorsichtig war diese Offenherzigkeit!
Ange sah es ein--zu spät. Ihr war plötzlich, als ob sie Olga von Ink
gegenübersäße, und all ihre Hoffnungen sanken in einen tiefen Brunnen.
„Ich habe das Geld von--von--“ Nun stand Ange sogar vor dem Namen; sie
sollte vor diesem Menschen Teuts Namen aussprechen! Wohin war sie
geraten! Sie suchte und griff in ihrer Ratlosigkeit zu einer Unwahrheit,
vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben, wo es sich um ernste Dinge
handelte. „Von Herrn Tibet,“ platzte sie heraus.
„Ah so!“ sagte Putz, offenbar aufs höchste überrascht, und zog die
Augenbrauen über die listigen Augen. „Von Herrn Tibet? Er ist fort,
nicht wahr? Kehrt er überhaupt nicht zu Ihnen zurück?“
Ange bereute, was sie gesagt; wie bereute sie überhaupt jetzt, daß sie
gesprochen! Es wurde ihr klar, daß der Mann nur seine Neugierde
befriedigen wolle und daß der Gegenstand ihn nicht im geringsten
interessiere.
Sie war nun auf demselben Punkt angelangt, von dem sie in richtiger
Erkenntnis ausgegangen. Sie hatte endlich wirklich die Enttäuschung,
nach der sie verlangt hatte.
„Nein, er kehrt nicht zurück,“ sagte sie kurz abweisend. „Aber, um
wieder auf die Sache zu kommen: wie ist es, Herr Putz, würden Sie mir
die Hand bieten?“
Auskosten mußte Ange die Enttäuschung bis auf den Grund.
„Ich kann nicht, Frau Gräfin, mit dem besten Willen kann ich nicht!
Aber--Sie gestatten, daß ich ein freundschaftliches Wort hinzufüge und
meine Ansicht ausspreche. So sehr ich begreife, daß man seinem
Dienstboten kein Geld schuldig bleiben möchte--“
Ange unterbrach den Sprechenden und sagte stolz: „Sie gebrauchten den
Ausdruck Dienstbote! Das ist durchaus nicht zutreffend! Tibet war der
Sekretär und Bevollmächtigte meines Gatten und zugleich Haushofmeister
in unserem früheren großen Hauswesen. Er folgte mir aus Freundschaft,
nachdem meine Lage sich verändert hatte.“
„Ah, ah, ganz wohl! Dann steht die Sache ja sehr günstig. Erlauben Sie
einem erfahrenen Mann, Frau Gräfin! Selbst wenn ich Ihnen dienen könnte,
würde ich mir den Vorschlag erlauben, daß Sie dort Stundung erbitten und
lieber den alten Gläubiger behalten, trotz etwaiger Peinlichkeiten. Geld
ist Geld! Wer's giebt, will Sicherheit, und--und--“
„Sie haben recht!“ fiel Ange fast übereilig ein. „Sprechen wir nicht
weiter davon! Nur eins zu meiner Rechtfertigung! Ich ging davon aus, daß
es Ihnen nicht unbequem sein werde, und da völlige Sicherheit in meiner
Person liegt--“
„Natürlich, natürlich, Frau Gräfin! Ich würde Ihnen das Geld auf bloßen
Schuldschein geben--selbstverständlich!“
* * * * *
Nachdem vier Wochen vergangen waren, fand sich Ange fast völlig von Geld
entblößt, und sie sann und sann, auf welche Weise sie sich helfen könne.
Auch der Nachbar kam ihr wieder in den Sinn. Gewiß, wenn sie nicht ihrer
thörichten Eingebung gefolgt wäre--von ihm hätte sie eine kleine
Aushilfssumme bereitwillig erhalten. Ob er sie jetzt noch geben würde?
Vielleicht! Aber die Scham überwog den Drang der Not, und sie gab den
Gedanken auf.
Einmal überlegte sie auch, an das Bankhaus zu schreiben und um einen
Vorschuß auf das Januarquartalsgeld zu bitten. Daß dergleichen von ihr
versucht werden könne, war ihr bisher nicht einmal in den Sinn gekommen.
Nun weckte die Sorge praktische Gedanken. Aber auch diesen Plan ließ sie
wieder fallen.
Der Jahresanfang erforderte so viel, daß sie schon nicht wußte, wie
auskommen. Schaffte sie jetzt Hilfe, so entbehrte sie in der Folge. Das
war nur ein schwacher Notbehelf, und vielleicht gelang's nicht einmal,
und sie bereute später den Schritt.
Mit einemmal türmte sich wieder vor ihr auf, wie schwer, wie ganz
unmöglich es sein werde, mit ihren geringen Mitteln auszukommen, und zu
dieser Einsicht schlich sich ein anderer Gedanke, der sie so ängstlich
peinigte, daß ihr die Röte in die Wangen stieg. Hatte sie überhaupt ein
Recht gehabt, ihren Nachbar um Geld in solcher Höhe anzugehen? War's
nicht leichtsinnig gewesen und mußte sie sich nicht schämen, daß sie so
stolz auf ihre Person als Sicherheit hingewiesen hatte?--
Eines Abends machte sich Ben, nachdem die übrigen Kinder bereits zur
Ruhe gegangen waren, im Wohnzimmer zu thun. Ange nähte an der kleinen
Ange Schulmappe, an der ein Riemen sich gelöst hatte. Die Nadel war zu
fein, es ward ihr schwer.
Plötzlich setzte sich der Knabe ihr gegenüber, blieb einen Augenblick
stumm und begann dann mit einem eigentümlichen Ton in der Stimme:
„Du, Mama, weshalb ist eigentlich Tibet fortgegangen? Du erzähltest
neulich, ihr hättet ein Zerwürfnis gehabt; war es etwas--etwas mit
Geld?“
Ange neigte den Kopf; dann sagte sie: „Ja, ja, Ben, das verstehst Du
nicht.“
„Doch, Mama. Wollte er Geld von Dir haben und konntest Du es ihm nicht
geben?“
„Nein, Ben, es war umgekehrt.“
„Umgekehrt--wie? Wolltest Du Geld von ihm--“
„Du verstehst falsch, Ben. Er wollte--er gab mir Geld--das heißt--Nein,
das ist auch nicht richtig. Ich weigerte mich, von ihm--etwas
anzunehmen, und deshalb--“
Des Knaben Pupillen erweiterten sich, und es jagte über sein Gesicht.
„Er wollte Dir Geld geben, und weil Du es nicht nehmen wolltest, ging
Tibet fort?“
„Nein, Ben, ich hieß ihn gehen. Aber ich wiederhole, daß ich Dir das
nicht erzählen, nicht erklären kann.“
„Doch, Mama!“ sagte Ben fest. „Erzähle mir alles, bitte. Ich bin nicht
mehr ruhig, wenn ich nicht alles weiß. War Papa nicht sehr reich? Hat er
all sein Geld verloren?“
Ange nickte.
„Hat Tibet damit zu thun?“
„Nein, Ben. Papa war allerdings sehr reich, verlor aber sein Geld in dem
Bestreben, es für Euch noch zu vermehren. Als er starb, war nichts mehr
da.“
„Nichts? Das war unrecht. Das war--“ Der Knabe unterbrach und bezwang
sich. „Ah, und nun wollte Tibet Dir helfen, und Du wolltest nichts
nehmen, und--“
„Ja, ja, so ähnlich war es, mein lieber Junge. Aber noch einmal: Du
vermagst den inneren Zusammenhang nicht zu verstehen, frage mich nicht
weiter.“
„Er meinte es doch aber gut, Mama!“
Ange senkte den Kopf.
„Bist Du ihm böse? Werdet Ihr Euch nicht wieder vertragen?“
„Ich weiß es nicht, mein guter Ben. Ich glaube es nicht--“
„Und weshalb? Nur, weil--“
Abermals bewegte Ange sanft zustimmend das Haupt.
„O, hab ich Dich lieb!“ stieß der Knabe hervor und umhalste seine
Mutter. „Wenn ich doch erst groß wäre und--und--“
Kraft und Eroberungslust blitzten in seinen Augen. Wenn's an ihm gelegen
hätte, er würde seine liebe Mama auf die Arme genommen und durch das
Gewühl der Welt getragen haben.
Als sie ihn nach einer zärtlichen Umarmung entließ und er schon mit
einem „Gute Nacht!“ in der Thür stand, überflog sein Auge noch einmal
ihre Gestalt. Er kehrte zurück, umfaßte sie stürmisch und flüsterte:
„Bitte, arbeite nicht zu lange. Ich schlafe nicht ein, bevor Du zu Bett
gehst. Ja, Mama?“
Welche heiße Liebe blitzte aus beider Augen! Nun schlüpfte er fort und
suchte sein Lager auf.
* * * * *
Das war ein Winter. Seit Tagen lag ein starrer, unbeweglicher Schnee auf
der Landschaft, und die Luft trug jenes liebeleere Grau, bei dessen
Anblick uns schon fröstelt und schaudert. Dazu kam ein rücksichtsloser,
Mark und Bein durchkältender Ostwind, der seinen Hauch durch die
festverschlossenen Thüren jagte und aller Abwehr in den Häusern
Widerstand entgegensetzte.
Die Kinder kamen mittags, von Frost und Kälte geschüttelt, nach Hause,
und da die in dem oberen Teil der Villa gelegenen Schlafgemächer nicht
geheizt wurden, war morgens das Wasser in den Krügen kegelspitz
gefroren, und nur ein Fingernagel vermochte die Arabesken des Eises zu
durchdringen, mit dem die Fenster beschlagen waren.
Die Feuerung war schon wieder verbraucht. Die Magd meldete, daß sie die
letzten Körbe vom Boden herabgeholt habe. Fred kam nach Hause und hatte
sich auf dem Eise beschädigt. Die Beinkleider waren auf dem Knie
geplatzt, und Ange schalt und suchte unter dem Vorrat nach anderen. Was
aber der Knabe an Garderobe besaß, war zu leicht, und so mußte Ange nach
dem Schneider senden, um sie ausbessern zu lassen, da sie solche Arbeit
nicht verstand. Das war am Ende nichts, aber oft sind's eher die kleinen
Verdrießlichkeiten, die uns das Leben erschweren, als die großen.
Über Ernas Winterhut hatten die Mädchen in der Schule allerlei Spott
getrieben. Der gehöre wohl ihrer Mama oder sei aus einer
Komödiantengarderobe? so berichtete sie aufgeregt. „Freue Dich, daß Du
einen Hut hast, mein Kind: er ist heil und sauber. Laß die Kinder
reden.“
Aber wenn Ange dies auch sagte, schnitt es ihr doch ins Herz. Es war
allerdings ein Hut, den sie selbst abgelegt hatte, und das Kind sah
seltsam darin aus. Einen anderen kaufen? Nein! Sie hatte nicht einmal
Geld, Feuerung zu bestellen, die so bitter nötig war.
Im Anfang hatten die Kinder noch alle hübsche, ja äußerst kleidsame
Gewänder. Die beiden Mädchen sahen so zierlich und vornehm aus, daß die
Menschen sich nach ihnen umschauten. Aber inzwischen war so vieles
schadhaft geworden und nicht erneuert. Die kleine Ange trug zum
erstenmal auf den Knieen gestopfte Strümpfe und zog das Kleid herunter,
das dadurch doch nicht länger ward und nichts verbarg.
Die Kopfbedeckungen der Knaben waren reichlich abgenutzt, und Kragen und
Manschetten mußten länger dienen als früher. Bisweilen drang's Ange mit
Messern durch die Brust, wenn sie das Aussehen ihrer Lieblinge mit dem
anderer Kinder verglich.
An einem dieser Abende saß Ange unthätig an ihrem gewohnten Arbeitsbuch
und stützte voller Kummer und Sorge das Haupt. Sie dachte aber nicht
einmal an die Gegenwart, sie beschäftigte sich mit der Zukunft. Sie
mußte rasch die jetzige Wohnung aufgeben, sie war zu teuer. Auch konnten
die Mädchen so kostspielige Schulen ferner nicht mehr besuchen. Die
guten Kleider, die Ange noch besaß, waren besser zu verkaufen oder für
die Kinder zu ändern. Ja, das alles mußte--mußte geschehen! Nur wenn sie
die bisherigen Ausgaben um die Hälfte einschränkte, dann konnte sie
auskommen.
„Du bist wieder so betrübt“ flüsterte Ben, seine Mutter sanft
umschlingend. Die übrigen Geschwister waren noch anwesend; immer scheute
sich der Knabe, seine Gefühle vor ihnen zu zeigen. Gerade hustete
Jorinde ängstlich auf und draußen pfiff und tobte es um die lose
befestigten Fensterladen.
„Nein, nein!“ erwiderte Ange, vor den Tönen zusammenschauernd. „Geh ins
Bett, mein süßes Kind.--Und ich komme gleich nach und bringe Dir einen
heißen Trank,“ fuhr sie, zu Jorinde gewendet, fort, die aufgestanden war
und sich an sie schmiegte.
„Es ist so kalt oben; ich fürchte mich auch. Soll Erna nicht auch zu
Bett gehen, Mama?“
Es war so kalt! Und Ange konnte nicht heizen. Während der letzten Tage
hatte sie eine völlige Apathie erfaßt; die Dinge mußten sich durch
irgend etwas ändern;--wie, das wußte sie nicht; sie that auch nichts
dafür. Aber es konnte sich doch nichts ändern, ohne daß sie handelte.
„Ich will Dir, solange es noch so kalt ist, das Bett drinnen auf dem
Sofa einrichten,“ entschied Ange. „Ja, ja, mein liebes Kind, es ist zu
frostig oben, es ist nicht gut für Deine Brust. Wir müssen sehen, wie
wir's machen.“
In diesem Augenblick entstand ein Streit zwischen den Geschwistern. Fred
neckte die beiden Mädchen, Ange weinte und Erna schrie auf, als er die
Hand gegen sie erhob. Bisher hatte Ben stumm neben seiner Mutter
gesessen. Er hörte alles und es grub sich in ihn ein. Er sprang empor
und fuhr gegen seinen Bruder auf. Er packte ihn an die Brust und
schüttelte ihn wie eine Katze, die sich einer Maus bemächtigt hat. Unter
der seelischen Erregung, unter dem Mitgefühl für seine Mutter, unter dem
Leid um seine kranke Schwester ging es zehrend durch sein Inneres. Nun
hatte ihn die Empörung erfaßt, daß der leichtfertige Ruhestörer selbst
jetzt keine Rücksicht nahm.
„Ben! Ben!“ rief Ange voller Schrecken und mischte sich unter die
kämpfenden Knaben. Fred hatte seinen Bruder in die Haare gefaßt und
suchte ihn unter keuchendem Atem herabzuziehen.
„O, Du! Du! Kannst Du nicht einen Augenblick Rücksicht nehmen? Ich
wollte Dir schon lange eine Lektion geben! Nein, lass' mich, lass' mich,
Mama!“ trotzte Ben gegen Anges Befehl und Mahnung auf. „Er hat es
verdient! Er ist es gar nicht wert, daß Du ihn so lieb hast!“
Und nun lagen beide auf der Erde, und Ben schlug seinen Bruder in
besinnungsloser Wut auf Kopf und Schultern. Und die kleine Ange weinte
geängstigt, die Kranke hustete und Erna stand voll Mitgefühl da und
faltete ratlos die Hände. So wüteten Krankheit, Sorge und Unfriede im
Hause.
„Auch das noch!“ seufzte Ange wie verzweifelt und ließ sich in ihren
Stuhl fallen. „O Ben, Fred! Daß ihr mir auch noch solchen Kummer
macht!“ Sie weinte und schluchzte.
Es giebt Augenblicke, in denen alles tot und trostlos um den Menschen
ist; in denen seine Seele weint, und ihm traurig ist zum Sterben.
Die Knaben hatten sich erhoben und ordneten ihre Kleider. Ihr hastiger
Atem ging durchs Gemach; ihre Glieder bebten unter der Erregung. Als Ben
aber seiner Mutter Stimme hörte, als die gerechte Anklage sein Ohr traf,
zog plötzlich jähe Blässe über sein Gesicht; er stürzte hinaus, eilte im
Dunklen auf sein Zimmer, warf sich ins Bett und vergrub das weinende
Antlitz in die Kissen.
Als endlich der Schlaf ihn übermannen wollte, als nach wühlenden
Gedanken und nagenden Vorwürfen die Erschlaffung eintrat, blitzte in dem
kalten, von dem Silberweiß des Winters umrahmten Gemach plötzlich ein
Licht auf, und fast wie eine überirdische, aber trostreiche Erscheinung
trat zu ihm seine Mutter mit den tiefen dunklen Augen und dem blassen
zarten Gesicht. Eine sauste Hand legte sich auf seinen Kopf, und weiche
Wangen schmiegten sich zärtlich an die seinigen.
„Du Trotzkopf!“ sagte sie und sah ihm in die Augen. „Nun schlaf' Dich
aus und--Ben, thu's mir zuliebe--vertrag' Dich morgen mit Deinem Bruder
und gieb ihm das erste Wort!“
Er zögerte, aber er nickte doch, da sie es wollte.
„Ich weiß, ich weiß, Du ängstigst Dich um mich; um meinetwegen erhobst
Du die Hand gegen ihn,“ flüsterte Ange bewegt. „Aber es war nicht recht,
Ben! Du thust's nicht wieder, Ben, mein Ben?“
Und da schlangen sich seine Knabenarme um ihren Nacken. Weinend und
schluchzend hing er an ihrem Halse und bereute, daß er aus Liebe gefehlt
hatte.
* * * * *
Ange entschloß sich nach schwersten Kämpfen, an einem der nachfolgenden
Tage nun doch mit ihrem Nachbar zu sprechen und ihn um etwas Geld
anzugehen. Sie wußte keinen Rat mehr, war am Ende mit der geringfügigen
Summe, welche ihr geblieben war, und stand vor einer Not, vor welcher
alle Bedenken schweigen mußten.
Sie schrieb an Putz zu diesem Zwecke einen kurzen Brief, in welchem sie
die Bitte aussprach, sie wegen einer dringenden Angelegenheit bei seinem
gewohnten Morgenspaziergang durch einen Besuch erfreuen zu wollen.
„Nun, verehrte Frau Gräfin, da bin ich,“ sagte er, stieß den Schnee von
den Füßen und trat in das Wohnzimmer.
Ange stand noch in einer weißen Schürze, und ihre Hand hielt ein
Wischtuch und einen Staubwedel, mit welchem sie Winkel und Ecken
gesäubert hatte. Ben, der nun auch wie Jorinde wegen eingetretener
Erkältung das Zimmer hüten mußte, befand sich im Nebengemach. Er trat
bei des Nachbars Erscheinen einen Augenblick hervor, verbeugte sich
höflich und zog dann leise die Thür an. Nun war Ange mit Putz allein.
„Bitte, nehmen Sie Platz, lieber Herr Nachbar,“ sagte sie etwas
verlegen, streifte die Schürze ab, strich über die erregte Stirn und
holte einen Stuhl herbei, um sich ihm gegenüber zu setzen.
„Wollen Sie nicht im Sofa--“
„Nein, bitte, bitte, ich sitze hier sehr gut. Muß auch gleich wieder
fort,“ erwiderte er kurz, legte während des Sprechens die Hände auf den
Knopf seines Spazierstockes und richtete sein noch von der Kälte
umwehtes, aus dem hohen Pelz herausschauendes listiges Gesicht auf Ange.
„Sie schrieben mir, daß Sie mich zu sprechen wünschten, Frau Gräfin.“
„Ja, Herr Putz, und ich habe zunächst um Entschuldigung zu bitten, daß
ich Sie bemüht habe, statt zu Ihnen zu kommen.“
„Das hat ja nichts auf sich,“ erwiderte er ebenso kurz und fuhr mit
einem Anflug von Ungeduld fort: „Nun also, Frau Gräfin, bitte--“
„Ich sprach neulich mit Ihnen über eine Geldsache, Herr Putz. Sie hatten
die Güte, mir Ihren Rat zu erteilen, und ich fand bei näherer
Überlegung, daß Sie recht hatten,“ begann Ange rücksichtsvoll. „Heute
handelt es sich um Ähnliches, aber um etwas--“ Ange hielt mitten im
Sprechen inne, erhob sich, ging an ihren Schreibtisch und nahm ein
Geldbriefkouvert heraus. „Sehen Sie, Herr Putz, das ist die letzte
Geldsendung, welche ich am ersten Oktober empfing. Es sind Zinsen, die
ich vierteljährlich erhalte. Ich komme bis Neujahr nicht aus--ich hatte
viele unerwartete Ausgaben gerade in den letzten Tagen. Da wollte ich
Sie nun freundlich bitten, Herr Putz, daß Sie die große Güte haben
möchten, mir bis Januar mit einer Summe auszuhelfen.“
Ange hielt zaghaft inne und blickte den Mann an, der wie eine
Brunnenfigur vor ihr saß und keine Miene verzog.
Er schielte auf das Kouvert, das Ange auf den Tisch gelegt hatte, sah
nur zu genau, that aber, als ob er gleichgültig hinüberblinzele, und
sagte dann kalt:
„Ja, ja, kann's mir wohl denken--würde auch wohl gefällig sein, Frau
Gräfin. Ich will aber gleich bemerken, daß ich vor Neujahr auch sehr,
sehr knapp bin. Ich erhalte Anfang Januar--gerade wie Sie--mein Geld,
und jetzt, gegen Ende des Monats und um das Fest herum, ist's fast
unmöglich! Wieviel brauchen Sie denn?“
Ange nannte eine beträchtlich geringere Summe, als sie vor diesen in
einem so wenig ermunternden Tone gesprochenen Worten hatte erbitten
wollen.
Putz schien nach einem festen Grundsatz zu handeln, denn er sagte ohne
Besinnen einfallend:
„Ich bedauere, Ihnen nur die Hälfte vorschießen zu können, Frau Gräfin.
Schon das macht mir sogar Ungelegenheiten. Wie gesagt--“
„Ah!“ machte Ange nur allzu enttäuscht. Was er ihr bot, war neben der
Bestreitung dringendster Ausgaben kaum ausreichend für die nächsten acht
Tage, und bis Weihnachten waren noch fast drei Wochen.
„Und wann gebrauchen Sie das Geld? Heute schon?“ nahm Putz das Wort und
erhob sich, ohne Anges sichtliche Unruhe zu beachten.
Und wie immer der Ertrinkende nach dem Strohhalm greift, so griff auch
Ange nach dem Geringen, das sich ihr bot, nahm dankend an, versprach die
prompte Rückgabe im Januar und unterschrieb einen Schuldschein, den Putz
sogleich ausfertigte.
Auch den Betrag erhielt sie sofort aus einer Brieftasche, die Putz in
der Seitentasche seines Rockes bei sich führte. Er schien sich auf die
Sache vorbereitet zu haben. Weshalb hatte sie ihn sprechen wollen? Doch
sicherlich um Geld! Natürlich! Was er, ohne ihre Wünsche zu kennen,
geben wollte, war schon vorher von ihm überlegt worden.
Während Ange und Putz noch einige Worte austauschten, erschien in der
verbindenden Thür die schlanke Gestalt von Ben, der altes gehört hatte.
Ein Ausdruck zorniger Erregung malte sich in seinen Zügen, aber auch
Schmerz, Scham und Mitleid spiegelten sich auf dem Angesicht des stolz
erhobenen Kopfes. Nun wandte sich Ange zurück, und der Knabe verschwand
rasch, bevor sie seiner gewahr wurde.
Nach kaum acht Tagen hatte Ange freilich noch Feuerung im Hause, aber
sonst lagen die Dinge ebenso, fast schlimmer als vordem. Von dem Drange
getrieben, achselzuckenden Mienen vorzubeugen, machte sie der
Nachbarschaft größere Abzahlungen, als sie ursprünglich vorgesehen
hatte, und erfuhr dabei, was jeder täglich beobachten kann, daß Geld der
fahnenflüchtigste Geselle ist, der je einem Kriegsherrn diente.
Aber nun kam das Weihnachtsfest immer näher, an dem sogar jeder
Tagelöhner seinen Kindern eine Freude zu bereiten suchte. Ange hatte
für die Kinder nichts eingekauft, aber diese arbeiteten eifrig und
versteckt an Geschenken für sie und erinnerten sie dadurch immer von
neuem, daß sie auch Überraschungen von ihr erwarteten.
Selbst Fred war fleißig mit Gummi und Radiermesser bei einer Zeichnung
beschäftigt, geschickter allerdings mit diesen, als mit Bleifeder und
Kreide. Er war einmal ein flüchtiger kleiner Geselle.
* * * * *
Es war einige Tage vor dem heiligen Feste und um die Abendzeit. Ein
starker Schneefall hatte die Gegend in starre, bleiche Gewänder gefüllt.
Von. Mondlicht umflossen, ragte die Wartburg wie ein von Geistern
bewohntes Schloß unter den weißbedeckten Wäldern hervor. Ringsum in den
Villen aber glitzerten hinter den Scheiben kleine unruhige Lichter, die
seltsam, fast unheimlich abstachen gegen, die schweigsame, aller
lebendigen Farben entkleidete Natur.
Es mochte gegen zehn Uhr abends sein, als ein großer kräftiger Mann, der
sich soeben auf offener Landstraße von seinem ihn offenbar über Ort und
Gelegenheit orientierenden Gefährten getrennt hatte, mit langsam
schwerfälligen Bewegungen die Höhe hinaufstieg, auf der das Häuschen
lag, welches Ange bewohnte. Je näher er seinem Ziele kam, desto
bedächtiger wurden seine Schritte. Einigemal hielt er inne und schaute
spähend um sich. Aber nirgends zeigte sich etwas Lebendiges: die Gegend
war wie ausgestorben.
Endlich erreichte er das Haus, in welchem noch Licht war, klinkte leise
eine kleine Pforte auf und wandte sich mit vorsichtigen Bewegungen
rechtzeitig in den Garten. Vor dem nach diesem herausschauenden Fenster
war kein Vorhang herabgelassen, es gestattete ungehinderten Einblick.
Der Mann--es war Teut--dämpfte seinen raschen Atem, blieb stehen und
schaute lange und unverwandt ins Innere des Gemaches. Oftmals griff er
sich in tiefer Bewegung an die Brust und einmal traten silberfunkelnde
Tropfen der Rührung in seine Augen über das, was er erblickte.
Ange saß, das Gesicht ihm zugewandt, an dem Tisch, der mitten im
Wohnzimmer stand, und betrachtete prüfend ein Kleidungsstück, das vor
ihr auf dem Tische lag. Teut erkannte es als ein Militärbeinkleid, das
Clairefort gehört haben mochte. Die bleiche Frau prüfte und maß, indem
sie das kürzere Gewand eines der Knaben dagegen hielt.
Nachdem sie nach einigem Hin und Her zu einem Entschluß gelangt war,
trennte sie die Nähte auseinander, breitete jeden Teil für sich aus,
legte das Knabenbeinkleid darüber, schnitt mit vorsichtiger Hand das
erstere danach zurecht und nähte dann die einzelnen Teile zusammen. Ohne
auch nur ein einziges Mal aufzuschauen, saß sie über die Arbeit gebückt,
und nur einmal ließ sie die Nadel ruhen, lehnte sich zurück, hob das
neue Gewand empor und zupfte an dem Stoff.
Nun vermochte ihr Teut voll ins Angesicht zu schauen, und fiebernd flog
es durch seine Brust, als ihr liebes, zärtliches und blasses Gesicht vor
ihm aufstieg.
Einmal war's ihm, als ob sie seiner ansichtig geworden sei, denn
plötzlich wandte sie mit verändertem, ängstlichem, gleichsam gebanntem
Blick ihr Auge gegen das Fenster, hinter dem er lauschte. Er trat
unwillkürlich zurück und spähte aus dem tieferen Dunkel ins Gemach.
Hatte sie ihn gesehen?--Nein! Vielleicht war's einer jener seltsamen
Ahnungsschauer, die uns erfassen können, wenn auch diejenigen weit von
uns sind, mit denen wir uns--in blitzartiger Erinnerung--beschäftigen.
Später stützte Ange den Kopf, starrte sinnend vor sich hin, griff dann
nach einem Bleistift und machte sich auf einem Blättchen Papier
allerlei Notizen. Offenbar beschäftigte sie sich mit ihren Kindern,
vielleicht stellte sie noch einmal deren Wünsche für Weihnachten
zusammen. Und dann begab sie sich abermals voll Eifer an die Arbeit,
rührte fleißig die Hand und machte nur Pausen, um die Nähte mit dem
Fingernagel nachzuglätten.
Wer sie heute so sah und einst gekannt hatte! Ein Gefühl heißer Rührung
mußte emporsteigen und sich in Bewunderung verwandeln.
Einmal über das andere strich Teut in starker Erregung den Schnurrbart.
Wie lange stand er nun schon da, und doch flog ihm die Zeit wie eilende
Sekunden. Es waren lebhafte Gedanken, die ihn beschäftigten. Er sah, was
vor sich ging, und sah's doch nicht; denn während er den Blick
hineintauchte, gingen zahlreiche Gedanken durch seinen Kopf.
Und nun bewegte Ange in leisem Frost den Oberkörper und fuhr, die Nadel
falten lassend, wiederholt über die sinkenden Lider. Sie starrte vor
sich hin, sann und grübelte, bis endlich die Müdigkeit sie überwand und
ihre Augen sich schlossen. Einmal blinzelte sie noch kämpfend auf, dann
sank das Haupt tiefer und tiefer, und endlich saß sie regungslos da. Sie
war eingeschlummert.
„Ange, Ange,“ murmelte der Mann in heftiger Bewegung, richtete noch
einmal einen langen Blick auf die Schlummernde und verließ nun
vorsichtig und fast erschreckt durch seine eigenen Schritte auf dem
hartgefrorenen, knarrenden Erdboden den Ort, an welchem er gesehen, was
eine stumme, aber so beredte Sprache geredet hatte.
* * * * *
Am folgenden Vormittage schlich Ange--sie hatte durch Zufall erfahren,
wo sie gegen Pfand ein Darlehen erhalten konnte--mit zagendem Herzen ins
Versatzamt und verschaffte sich das Geld, dessen sie so dringend
benötigt war. Sie hatte unter anderem ihre goldene Uhr--ein kostbares
Stück--hingegeben und befand sich durch den dafür erhaltenen hohen
Betrag sogar in der Lage, ihrem Nachbar die vorgeschossene Summe
zurückzahlen zu können. Sein zögernd gewährter Dienst brannte ihr wie
Feuer auf der Seele, und sie fand keine Ruhe, bis sie die Summe in seine
Hände zurückgelegt hatte.
„Wer seine Schulden bezahlt, verbessert sein Vermögen,“ sagte Putz, ohne
eine Befremdung über den früher innegehaltenen Termin an den Tag zu
legen, und entließ auch Ange ohne Nachfrage oder Angebot für andere
Fälle.
An demselben Nachmittag machte Ange sich auf den Weg, um Einkäufe zu
machen, und Ben, der ihr Helfer und Vertrauter in allen Dingen geworden
war, mußte sie begleiten. Als sie ziemlich wortkarg neben ihm
herschritt, schmiegte er sich zärtlich an sie, und als sie ihm seine
Besorgnisse durch eine fröhliche Miene zu nehmen suchte, sah er sie mit
seinen tiefen Augen an und drückte ihren Arm fester, den sie gefaßt
hatte, als sei er ihr kleiner Kavalier.
Als Ange unterwegs noch einmal alles überrechnete und mit einem: „Du
armer Kerl wirst wenig oder nichts erhalten!“ bedauernde Worte gegen
ihren Liebling fallen ließ, sagte der Knabe:
„Ich will gar nichts, ich brauche nichts, Mama!“
„Du bekommst auch wirklich nichts, mein lieber Junge, sei ohne Furcht!“
betätigte sie mitleidig. „Was ich Dir zugedacht habe, ist etwas, das Du
dringend nötig hast und was ich Dir gern besser gegönnt hätte!“
Am nächsten, dem letzten Abend vor dem Feste, wollten Ange und Ben den
Baum ausputzen. Heute saß sie noch mit fleißiger Hand und arbeitete an
einem wollenen Halstuch für Jorinde, der es besser ging, die aber
geschont und vor kalter Luft in acht genommen werden mußte.
Anges Gesicht war etwas fröhlicher; ein stiller, sanfter Zug lag in
ihren dienen. Was sie erreicht hatte, erfüllte sie wenigstens
vorübergehend mit einer glücklichen Befriedigung, und nur eins drängte
sich schwermütig in ihre Gedanken: daß das Fest ohne Tibet gefeiert
werden müsse. Sie gedachte auch Carlos', ihres Mannes, aber vornehmlich
trat Teut in ihre Gedanken. Sie seufzte tief auf. Eine verzehrende
Sehnsucht erfaßte sie nach ihm. Sie verlangte nach seiner festen Stimme,
nach seinem Blick, nach seiner Teilnahme, nach seiner--Liebe.
Ange sah nach der Uhr. Es schlug gerade zehn. Noch wollte sie
aufbleiben, länger als gestern, wo sie zu ihrem Leidwesen dem Schlaf
erlegen war.
Und gerade in diesem Augenblick vernahm sie draußen ein Geräusch an der
Thür, und im nächsten wurde auch die Klingel gezogen. Überrascht,
erschreckt wandte sie den Blick ins Freie. Das Mädchen war schon zur
Ruhe gegangen, die Kinder schliefen. Sie begriff nicht, wer noch so spät
Einlaß begehren könne.
Statt auf den Flur zu gehen, trat sie ans Fenster und spähte behutsam
hinaus. Aber wie von einem Blitz getroffen fuhr sie zurück, denn als sie
den Vorhang verschob, sah sie unmittelbar neben der Mauer einen Mann,
von dessen Gestalt sie nur die Umrisse zu erkennen vermochte, dessen
Züge ihr aber in der Dunkelheit verschleiert blieben. Einen Augenblick!
Dann faßte sie sich, drückte, ihre Erregung zu dämpfen, die Hand aufs
Herz und fragte kurz mit künstlicher Fassung: „Wer ist da und was wird
gewünscht?“
„Liebe Gräfin! Liebe Freundin! Ich bin's, Teut! Erschrecken Sie nicht!
Soeben bin ich angekommen. Ich muß Sie durchaus sprechen. Bitte, öffnen
Sie. Verzeihen Sie dieses späte Eindringen.“
Teut--so plötzlich--ohne Anzeige--in später Nacht?--Ange verlor den
Atem, fast die Besinnung. Es war seine Stimme, dieselbe Stimme, die sie
so lange nicht gehört und bei deren Klang ihr Herz zu zerspringen
drohte.
Noch einmal schaute sie hinaus, dann überwog ihr ahnendes Gefühl
Bedenken und Furcht. Mit einem leisen, zitternden: „Ich komme--ich mache
auf!“ trat sie hinaus und öffnete.
Ja, es war Teut! Mit einem unterdrückten Schrei, totenblaß--und als er
nun auf sie zutrat und ihre Hand ergriff--mit dem brennenden Rot der
Erregung übergossen, stand sie da und war keines Wortes mächtig. Aber
als sie nun das Zimmer erreicht hatten, als das Licht über seine Züge
fiel, als die hohe, kräftige Gestalt vor ihr auftauchte, als dieser
ernste und doch so gütige Blick aus seinen Augen sie traf, da folgte sie
der unwillkürlichen Bewegung seiner Hände, trat zu ihm heran und lag
plötzlich sanft weinend an seiner Brust.
Einige Augenblicke verharrten die beiden Menschen in jener stummen,
inneren Bewegung, in der jeder Gedanke hinabtaucht in eine einzige
Empfindung und in der Worte zu Thränen werden.
Dann aber faßte er sie und lehnte sie sanft in einen Stuhl, beugte sich
über sie und schaute ihr lange in die Augen.
„Das alles konnten Sie thun und ganz vergessen, daß Axel von Teut nur
einen Lebenszweck auf dieser Welt hatte: Sie glücklich zu machen? Aber
ich komme nicht, zu hadern, sondern Ihnen zu sagen, daß ich meiner
Unruhe nicht mehr Herr wurde und meine fiebernden Gedanken sich
zusammendrängten in dem einzigen Wunsche: Sie endlich wiederzusehen! Und
nun hören Sie mich an und unterbrechen Sie mich nicht. Wollen Sie?“
Leise zustimmend bewegte Ange das Haupt.
„Nehmen, lesen Sie zuvörderst, um Ihnen den Anlaß meines plötzlichen
Kommens zu erklären,“ fuhr Teut fort und entfaltete einen Brief. „Oder
nein! Lassen Sie mich,“ unterbrach er sich und begann, Anges Zustimmung
durch einen sanften Blick einholend:
„Lieber Onkel Axel!“ Ange horchte erschreckt auf bei dieser Einleitung.
Eine Ahnung des Zusammenhanges stieg in ihr empor und wurde schon zur
halben Gewißheit.
„Sei nicht böse, wenn ich Dir heute schreibe. Nicht einmal genau weiß
ich Deine Adresse. Ich habe in der letzten Zeit so viel geweint um meine
Mama und kann nicht mehr ansehen, daß sie so traurig ist. Lieber Onkel
Axel! Mama hat so viele Sorgen; ganz gewiß. Tibet ist nicht mehr bei
uns. Ich weiß weshalb. Wenn Du kommst, erzähle ich Dir alles. Und Du
wirst kommen, bald, bald, wenn ich Dich bitte. Nicht wahr, lieber Onkel?
Gewiß würde ich Dir dies nicht schreiben, aber ich muß es thun. Schreibe
mir, bitte, und adressiere an meinen Schulkameraden, den Tertianer Carl
von Trock in Eisenach. Er wird mir den Brief geben. Niemals aber darf
Mama von meinem Brief an Dich wissen. Du sagst es ihr nicht? Bitte,
lieber Onkel! Und nun grüßt Dich Dein Dich liebender
Benno von Clairefort.
Begreifen Sie jetzt, liebe Freundin? Gewiß, Sie verstehen, und ich habe
nun endlich erreicht, wonach ich verlangt habe seit Carlos' Tode, was
mein Recht war, aus einer Zusammengehörigkeit zwischen uns, wie
menschliche Beziehungen sie kaum wieder aufzuweisen haben. Lassen Sie
mich von vorn beginnen, damit ich Ihnen erkläre, wie alles sich so
gestalten mußte. Lassen Sie mich auch deshalb zurückgreifen, um Ihnen zu
beweisen, daß es nichts gegeben hat, was ich in Ihrer Handlungsweise
nicht verstand, nicht ehrte.“ Und mit bewegter Stimme rief er das
Geschehene in ihr Gedächtnis zurück.
„O, wehren Sie mir nicht!“ sagte er, als er ihre Erschütterung sah.
„Weinen Sie nicht! Sind es noch Thränen des Zorns oder Thränen der
Versöhnung? Ist's gar--darf ich es hoffen?--ein Beweis, daß ich Ihnen in
diesem Augenblick die Genugthuung gab, nach der Sie verlangten? Ja, Frau
Ange?--Ich danke Ihnen.--Und nun hören Sie weiter!“
Teut machte eine kurze Pause, und dann sagte er, behutsam seine Worte
abwägend und mit einer Zartheit, wie sie nur ihm eigen:
„Ich habe mir folgendes gedacht, liebe Frau Ange: Sie überlegen, ob wir
nicht an einem Orte gemeinsam wohnen können und uns--als alte
Freunde--täglich sehen; ja, durch unseren Verkehr uns das Glück
verschaffen, was uns neben dem Wohlergehen Ihrer Kinder noch auf Erden
beschieden sein kann. Wenn ich sage ‚uns‘, so verzeihen Sie dieses Wort;
ich hätte nur von mir sprechen sollen. Ich habe keinen anderen Wunsch,
als in Ihrer Nähe zu leben und Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Ihnen
zugethan bin. Fürchten Sie keine aufdringliche Freundschaft, Ange, ich
verspreche Ihnen, daß ich Ihre Ansichten und Absichten ehren werde wie
ein Gottesgebot. Stimmen Sie zu! Ist es nicht thöricht, daß wir, die wir
schon zueinander gehörten, als wir uns zum erstenmal begegneten, uns
voneinander abschließen wie Feinde? Sind wir nicht Freunde? Gingen Sie,
wenn auch begreiflicherweise bei den furchtbaren Gegensätzen Ihres
Lebens--nicht zu--weit, nicht zu sehr ins Extrem? Ist es nicht auch eine
Größe, nehmen zu können? Mißverstehen Sie mich nicht! Wenn ich sprach,
wünschte ich nur von den natürlichen Rechten der Freundschaft ein Wort
fallen zu lassen; nicht einen Vorwurf wollte ich Ihnen machen, liebe
Freundin. Mich zu entschuldigen wünschte ich. Ich ließ mich hinreißen
von dem unbeschreiblichen Glück, das den Geber durchdringt--ich fehlte;
aber Sie gaben nicht einen Finger, um mir dieses Glück zu gönnen.--Ich
habe nichts mehr zu sagen.--Nun, liebe Frau Ange, was meinen Sie?“
Er stand auf und faßte ihre beiden Hände, er suchte ihre verschleierten
Augen und drängte sich mit seiner Seele zu der ihrigen. Und als dann
plötzlich so viele Tropfen unter ihren Wimpern zuckten, da wußte er,
daß sie vergeben hatte, daß alles zwischen ihnen war wie ehedem.
* * * * *
Bevor Teut sich an dem eben geschilderten Abend von Ange trennte,
erwirkte er auch Verzeihung für Tibet, der seit seiner Trennung von Ange
bei ihm in Eder sich aufgehalten und ihn auch nach Eisenach begleitet
hatte.
Ange aber schloß kein Ange in dieser Nacht. So unvorhergesehen, so
plötzlich war alles über sie gekommen, so mit einem Schlage waren alle
Dinge verändert, daß sie sich wiederholt an die Stirn griff; ob's denn
auch Wahrheit und kein Traum sei. Haltende, brennende Ströme jagten
durch ihr Inneres. Die stille Liebe zu Teut hatte sich durch das
Wiedersehen in einen drängenden, stürmischen Frühling verwandelt. Er war
an ihrer Seite und sie sollte ihn vielleicht wieder verlieren?
Als Ange am nächsten Morgen ihren Kindern mitteilte, Onkel Axel und
Tibet seien wieder da und würden an dem Weihnachtsfest teilnehmen,
erscholl lauter Jubel durchs Haus. Ben drängte sich an seine Mutter, als
sie allein war, und forschte in ihren Augen. „O ja, ja, Du bist wieder
fröhlich! Ich sehe es!“ preßte er heraus und umhalste sie. Sie aber
legte die Hand auf sein Haupt und sah ihm forschend ins flammende Auge.
„Wußtest Du gar nichts von Onkel Axels Kommen? Gar nichts?“ Ben bewegte
stumm den Kopf und preßte die Lippen aufeinander. Und dann schoß
plötzlich brennende Röte über sein Gesicht und mit raschem Anlauf
drückte er seine Mama noch einmal an sich. „Nicht böse sein!“ flüsterte
er und verschloß unter Küssen ihren Mund.
Einen rührenden Anblick bot es, als Tibet am Mittag zum erstenmal wieder
die Schwelle des Hauses betrat. Ange war in der Küche, als der Jubel zu
ihr drang. Als sie sich ihm näherte, machte er eine tiefe, unsichere
Verbeugung und wartete, wie seine Herrin ihm begegnen würde.
„Willkommen, Tibet!“ sagte Ange, trat auf ihn zu und legte tiefbewegt
ihre Hand in die seinige. „Alles ist vergessen. Und“--hier brach es aus
ihren Augen so heftig heraus, daß sich die Kinder unwillkürlich
zurückzogen--„vergeben Sie--auch mir!“
„O, Frau Gräfin! Frau Gräfin!“ stotterte der Mann und neigte das Haupt.
Und der Festabend kam; Ange war aufgeblüht in ihrem Glück. Sanfte Rosen
lagen auf ihren Wangen und ihre Augen glänzten, als hätten
Diamanttropfen Sonnenstrahlen aufgesogen.
Sie trug dasselbe Kleid--sie hatte es bewahrt und nun hervorgesucht--,
das damals ihre Gestalt umschloß, als Teut Abschied nahm und in den
Krieg zog.
Auch eine vollblühende Rose hatte sie sich zu verschaffen gewußt, die
nun ausgebrochen an ihrer Brust lag wie ein Symbol ihrer reiferen
Schönheit.
Teut war wie gebannt, als sie ihm gegenüber trat. Für ihn hatte sie sich
geschmückt, und der zarte Duft der Blüte drang berauschend auf ihn ein.
Ihm war's, als ob sie mit ihrer blendenden Erscheinung nicht in diesen
Raum gehöre, ihm plötzlich gegenüberträte wie damals in der Villa, und
alles sei wie ehedem.
Und nun wirkten auch alle anderen Dinge bestrickend auf ihn. Mit welcher
anmutigen Sicherheit waltete sie im Hause, wie gut, aber wie verständig
war sie mit ihren Kindern; das Zuviel, das leichte „Ja“ waren
abgestreift. Das Irrelose, Bewegliche, Hastige in ihrem Wesen war
gewichen, ein sanfter Ernst umgab sie, der sie verschönte.
Und mit welcher zarten Rücksicht begegnete sie ihm selbst, mit welchem
Takt wußte sie den Ausgleich zu finden zwischen dem Vergangenen und
Heute. Alles, was jemals in ihm emporgestiegen war, ward zur brennenden
Flamme. Saß er ihr auch ernst und mit besonnenem Ausdruck gegenüber, so
schlug doch bebend sein Herz; richtete er auch nur einen stillen Blick
auf sie, so hämmerten doch seine Pulse, und einmal ballte er,
abgewendet, die starken Hände und riß sich zurück aus der
überwältigenden Qual, die ihm die Brust einschnürte.
Und doch konnte, durfte er nicht sprechen, und wenn seine Seele sich
auch teilte und wenn sein Verzicht sein Lebensglück vernichtete.
Einmal kamen die Kinder während des Abends ins Nebenzimmer und Tibet
folgte ihnen. Da trat Teut an Ange heran.
„Wie schön sind Sie, Frau Ange!“ sagte er, ergriff ihre Hand und sah sie
mit seinen tiefen, guten Augen an. Ange errötete wie ein furchtsames
Mädchen, und ihre Handflächen bebten in den seinen.
„Und wie gut, wie trefflich sind Sie, liebe Freundin!“ fuhr er leiser
fort und suchte ihren Blick.
Er sprach's, und die Frau neben ihm zitterte. Nun kam Ben; sie wichen
von einander. In dem bleichen Angesicht des Knaben blitzte es auf. Er
sah überrascht auf seine Mutter und auf Teut. Ahnte ihm etwas? Einen
Augenblick stand er wie erschrocken, dann aber glühte es in seinen
dunklen Augen, und mit einer unwillkürlichen raschen Bewegung--gab's
ihm ein Gott ein, oder wußte er selbst nicht, was er that?--eilte er auf
beide zu, ergriff ihre Hände und neigte sein blondes Haupt auf diese
herab.
„O, wie ich Euch lieb habe!“ drang es aus des Knaben Brust. Und da
beugten sich auch unwillkürlich Ange und Teut hernieder und berührten
gleichzeitig des Knaben Scheitel.
Aber auch ihre Wangen stahlen sich aneinander, und der Liebesgott ließ
zwei Flammen emporsteigen, die zusammenschlugen in feuriger Lohe.
Derselbe Gedanke durchzog ihr Inneres: die Vorsehung war's, die ihre
Hände durch den Knaben verband, durch den stolzen, herrlichen Knaben mit
seiner heißen Seele. Diese legte ihre Hände in einander für immerdar.
Am Tannenbaum nebenan brannten noch die Lichter. Der feine Duft der
Nadeln und des Wachses durchwehten den Raum in ihrer belebenden
Mischung. Es war ja Weihnacht--Weihnacht, das Fest der Freude! Drinnen
ertönte das fröhliche Lachen der Kinder, dazwischen ertönte Tibets
rauhere, aber gütige Stimme.
Und da waren auch die beiden Menschen, die schon so lange füreinander
bestimmt waren, nicht mehr mächtig ihrer Gefühle.
Wie ein Sturmwind brauste es durch Teuts Brust, wie ein Kind hob er Ange
empor, und sie umschlangen sich mit ihren Armen, um sich zu halten fürs
ganze Leben.