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Die beiden Briefe, nach ihrem Inhalt bezeichnend für Ange und Teut,
wurden im September geschrieben, aber bereits zwei Monate später trat im
Clairefortschen Hause ein so folgenschweres Ereignis ein, daß alles für
die Familie in Frage gestellt schien.
Als sich Ange eines Morgens in das Zimmer ihres Mannes begab, um sich
ihrer Gewohnheit gemäß, nach seinem Befinden zu erkundigen, schlug ihr
eine unerträgliche Hitze entgegen, und sie fand ihn nicht wie sonst
bereits an seinem Schreibtische sitzen. Wenn Clairefort starke Schmerzen
in der Nacht fürchtete, pflegte er häufig noch spät abends von Tibet
heizen zu lassen, denn nur allzuoft verursachte ihm sein Zustand
Schlaflosigkeit.
Als Ange ins Gemach spähte, fand sie zu ihrem Schrecken, den Nachttisch
umgeworfen; Glaser, Leuchter und Flaschen waren herabgestürzt und
bedeckten Fußboden und Teppich. Clairefort selbst aber lag--das Haupt
nach unten und mit den Füßen das Kopfkissen berührend--neben der
zurückgeschlagenen Schlafdecke wie ein Lebloser hingestreckt.
Ange flog ans Bett und horchte auf ihres Mannes Atem. Sein Herz schlug
so leise, daß sie es kaum zu hören vermochte, und sein Aussehen war so
verändert, daß sie--jetzt todesgeängstigt--die Schnur zog.
„Was ist geschehen? Was ist geschehen, Tibet?“ rief sie, als dieser
näher trat. „Waren Sie noch in der Nacht bei dem Grafen? Sehen Sie, wie
schrecklich er aussieht! Sein Herzschlag geht leise! Ich ängstige mich
namenlos!“
Tibet warf einen betroffenen Blick umher und näherte sich seinem Herrn.
„Ich möchte glauben, daß der Herr Graf wohl ein sehr starkes
Schlafpulver zu sich genommen hat,“ erklärte er beruhigend. „Während
heftiger Träume mag er um sich geschlagen und zufällig den Tisch berührt
haben. Das ist früher auch schon vorgekommen.“
„Ach, der Arme!“ sagte Ange mitleidig. „Gewiß hatte er wieder seine
furchtbaren Schmerzen. Und meinen Sie, daß er schläft, daß keine Gefahr
vorhanden ist, Tibet?“
„Nein, Frau Gräfin, dürfen sich beruhigen.“
Nach dieser Versicherung traten beide ins Wohngemach.
„Glauben Sie nicht,“ fragte Ange nach einer Pause und dämpfte ihre
Stimme, „daß diese starken Schlafmittel sehr schädliche Nachwirkungen
haben?“
„Ja, Frau Gräfin,“ erwiderte Tibet; „aber viel schlimmer sind noch--“
Er unterbrach sich mit einem Gesichtsausdruck, als ob das letzte Wort
ihm nur entschlüpft sei.
Als Ange sah, daß ihr etwas verheimlicht werden sollte, stieg ihre
Angst.
„Nicht doch, nicht doch! Sie wollen mir etwas verschweigen. Ich will und
muß es aber wissen. Ach Tibet! War es überhaupt gut, daß Sie nie
mitteilsam gegen mich waren? Wer weiß, ob nicht manches hier im Hause
anders stände!“
Sie strich sich mit der schmalen Hand über die thränenden Augen.
„Reden Sie, ich beschwöre Sie!“ fuhr sie fort, als er noch immer
schwieg. „Was ist noch schlimmer? und welche Heimlichkeiten haben Sie
mit meinem Gemahl schon seit Jahren?“
„Ach, Frau Gräfin--“ stotterte Tibet und sah Ange bittend an. „Es ist
nichts, gewiß nicht!“
„Ist es denn Neugierde, die mich veranlaßt, Sie zu fragen?“ sagte Ange
mit sanftem Ernst und blickte Tibet traurig an. „Ist es nicht die Sorge
für meinen geliebten Mann! Ach, ach! wie viele thränenvolle Stunden habe
ich schon um seinetwillen gehabt!“
Tibet hatte ganz die Fassung verloren. Er stand da wie jemand, der sich
eines schweren Vergebens schuldig fühlt und aus Scham und Verzweiflung
kein Wort findet. Endlich raffte er sich auf und sagte:
„Verzeihen Sie mir, Frau Gräfin. In allem, was ich that, folgte ich dem
Befehl des Herrn Grafen. Wenn ich unrecht that--ich that gewiß unrecht
gegen Sie--o, so vergeben Sie es mir!“
„Nun wohl! Lassen wir Vergangenes! Aber was ist jetzt?“ drängte Ange.
„Sprechen Sie endlich.“
Tibet sah mit scheuem Blick nach der Thür und flüsterte leise: „Schon
seit reichlich einem Jahr nimmt der Herr Graf überaus starke Dosen
Morphium zu sich. Niemand weiß es. Er befahl mir unbedingte
Verschwiegenheit. Auch gegen Sie verbot er, darüber zu sprechen.“
Ange bewegte traurig das Haupt: plötzlich aber schrak sie auf.
„Barmherziger Himmel! Sollte ihm doch bereits etwas zugestoßen sein?“
Sie eilte von Tibet fort, wandte sich ins Nebenzimmer und stieß,
hineinblickend, einen Schrei aus.
Clairefort saß wachend aufrecht im Bett. Er sah Ange mit stieren Augen
an und schien sie doch nicht zu sehen. Unzusammenhängende Worte glitten
über seine Lippen.
„Carlos, Carlos, mein geliebter Carlos!“ rief Ange, flog an sein Lager
und ergriff seine Hand.
„Sag, was ist Dir? O, komme zu Dir! Es ist Ange, Deine Ange! Hörst Du
sie nicht?“
Er nickte wie ein Abwesender. Offenbar ward er nicht Herr der ihn
bedrückenden Vorstellungen, und um sie zu verscheuchen, glitt er
wiederholt mit den kranken Händen über Stirn und Haar.
Ange heftete mit zerrissenem Herzen die Augen auf ihren Mann. Auch Tibet
war tief erschüttert durch diesen Anblick.
„Wünschest Du das Frühstück, Carlos? Soll ich nicht die Fenster öffnen
und frische Luft hereinlassen? Willst Du aufstehen--Dich in Deinen Stuhl
setzen? Sprich Lieber! Was hast Du? Ach, ach!“
Nichts! Er schien nicht zu hören, und sie sank wie zerknickt neben ihm
nieder.
Immer starrte er geradeaus, griff sich an die Stirn und suchte mit
vergeblicher Anstrengung seinen Geist zu ordnen.
Jetzt erhob sich Ange und riß die Fenster auf.
„O, ich ersticke in dieser Luft! Sie muß auch Dir schädlich sein! Komm,
laß Dich mit Wasser benetzen. Tibet helfen Sie! Wir wollen den Grafen
drinnen in dem luftigen Zimmer betten.“
Aber Clairefort fiel, ehe sie ihn berührten, schwerfällig zurück, schloß
die Augen und blieb bewußtlos liegen. Es hatten ihn abermals der Schlaf
oder eine Ohnmacht befallen.
Nun eilte Tibet zu dem Arzt, und inzwischen saß Ange wie eine
Verzweifelte an dem Bett des Kranken.
Nach einer Weile kamen die Kinder, die ihre Mama vergeblich beim
Frühstück erwartet hatten. Es schnitt Ange durch die Seele, als sie so
fröhlich und ahnungslos hereinstürmten. Noch lag die feine Röte einer
gesund verbrachten Nacht auf ihren Wangen, noch umströmte sie in ihren
sauberen hellen Morgenkleidern jene aufquellende Frische, die namentlich
Kinder nach dem Schlafe wie ein unsichtbarer Hauch umwebt.
„Mama, Mama, wo bleibst Du denn?“ rief die kleine Ange und stand da und
sah so schön aus, als ob eine zarte Blüte eben vom Baum geschwebt sei.
Aber sie schraken zurück, als sie den kummervollen Ausdruck in Anges
Augen bemerkten, als sie mit ihrem Instinkt begriffen, daß ihrem Papa
etwas zugestoßen sein müsse.
„Geht, geht, lieben Kinder!“ sagte Ange sanft und traurig wie damals,
als den kleinen Carlitos das furchtbare Fieber erfaßt hatte. „Papa ist
sehr krank. Ich muß noch bei ihm bleiben. Ich komme bald! Frühstückt nur
allein--und--dann eilt euch. Ben, Fred, ist's nicht schon Zeit für die
Schule?“
Sie nickten gehorsam und schlichen auf den Zehen davon.
Und doch war dies nur ein trauriges Vorspiel zu dem noch traurigeren
Ende.
Zwar erholte sich Clairefort, und einige Zeit schien er sogar wieder
geistig frischer und körperlich gesunder, aber dann erfaßte ihn von
neuem eine wortkarge teilnahmlose Schwermut. Er wollte niemanden sehen
und sandte selbst Tibet fort, der neuerdings bei ihm nachts gewacht
hatte.
„Nein, nein, gehen Sie! Seit lange hatten Sie keinen ordentlichen
Schlaf, Tibet. Ich fühle mich heute ganz wohl und bedarf Ihrer nicht
mehr,“ beschied er ihn eines Abends und bestand auf seinem Willen.
Als Tibet sich entfernt hatte--ein ungewöhnlich freundlicher Blick traf
ihn heute aus Claireforts Auge--, setzte sich dieser an seinen
Schreibtisch und arbeitete mehrere Stunden. Endlich erhob er sich mühsam
und trat, sich an Tisch und Stühlen vorwärts tastend, an den Spiegel. Er
blickte hinein und schrak vor seinem eigenen Bilde zurück. Es machte ihn
sogar ängstlich, denn er schaute sich furchtsam um, und ein Schauer flog
über seinen Körper.
„Sterben!“ flüsterte er. „Ja dann fallen alle Gespenster, weichen alle
Schmerzen und sind alle Seelenqualen vorüber.“
Auf dem Wege zu seinem Schlafgemach blieb er noch einmal zaudernd
stehen.
Nur allzu lang ist oft die Brücke! Ein einziger plötzlicher Gedanke,
irgend eine liebe oder peinliche Erinnerung verknüpft den Menschen von
neuem mit dem Leben, und der grauenhafte, blitzartig oder allmählich
entstandene Entschluß wird doch zu Nichte.
Clairefort ließ sich aufs Bett nieder und griff mit zitternden Händen
tief unter die Decke. Bei dieser Bewegung setzten unerwartet die
Schmerzen wieder an, und wimmernd hielt er inne. Aber bald begann er von
neuem, fand endlich, was er hier verborgen hielt, und stellte es auf
den Tisch. Es waren zwei Flaschen mit verschiedenem Inhalt.
„Dies wird sicher genügen, um nicht wieder aufzuwachen,“ murmelte er.
Aber doch verging noch eine lange Zeit, ehe er sich zum Sterben rüstete.
Seine Gedanken flogen hin und her wie Herbstvögel; oft traten ihm
Thränen ins Auge. Einmal schleppte er sich in sein Wohngemach zurück,
öffnete den Schreibtisch und nahm Anges Bild hervor. Es war zur Zeit
ihrer Verlobung gemalt.
„Ach, wie schön, wie schön!“ flüsterte der Mann und bedeckte das Glas
mit Küssen. „Und Dich soll ich verlassen? Und Euch, Euch, Ihr süßen
Kinder--“
Es packte ihn die Angst und die Scham, furchtbare Schauer jagten durch
seine Seele. Kalter Schweiß brach hervor auf seiner Stirn. Was wurde aus
ihnen? Welch ein erbärmlicher, gewissenloser Mensch war er! Er wollte
davongehen, und nicht einmal für das Nächstliegende, ja vielleicht nicht
einmal für sein eigenes Totenhemd war gesorgt.
Aber halt! War da nicht ein Geräusch auf dem Korridor?
Hastig verschloß Clairefort das Porträt, als sei's ein Vergehen, es zu
betrachten. Er lauschte herzklopfend--schlich wie ein Dieb an seine
eigene Thür. Aber es war nichts.
Nun nahm er seinen Platz wieder ein und lehnte sich zurück. Konnte er
noch gesund, schmerzensfrei werden?
Nein, jetzt niemals mehr! Ohne Morphium vermochte er überhaupt ferner
nicht zu leben. Was that er noch auf der Welt? Seine Pflicht, die
Pflicht gegen die Seinigen hielt ihn! Nein, auch die konnte ihn nicht
ans Leben fesseln. Er war ja ein Nichts. Er war nur eine Last--nur ein--
Es übermannte ihn die Seelenqual: er schluchzte und erschrak vor den
Tönen, die sich seiner eigenen Brust entrangen. Er war nur ein Hindernis
für Anges Glück. Fort denn, je schneller, desto besser!--Teut! Teut! Da
kam ihm der Gedanke an ihn. Welch ein Mensch! Er würde sie nicht
verlassen. Nein, sicher nicht! Gut, also sterben--
Was Clairefort noch zu sagen hat, befindet sich in den Blättern
aufgezeichnet, welche Ange morgen finden wird.
Aber wenn er nun nicht stirbt, wenn es nicht gelingt, wie jüngst? Er
bewegt den Kopf. Wohl, er wird das Schriftstück unter sein Kopfkissen
legen, nicht auf den Tisch. Wacht er abermals auf, dann bleibt seine
Absicht verborgen.
Während er sich an sein Bett wendet, ziehen noch einmal die letzten
Jahre an ihm vorüber. Wie er zum erstenmal gespielt und ihn dann der
Teufel erfaßt hat, wie er vom Glück begünstigt wird und dann doch alles
wieder verliert. Und immer von neuem verliert! Wie er innehalten will
und doch sich überredet, er werde den Verlust zurückerobern,
endlich--ein Verzweifelter--die größten Summen einsetzt, um abermals
betrogen zu werden und zuletzt sich sogar am fremden Eigentum vergreift!
Das Vermögen seiner Frau, seiner Kinder opfert er auch noch dem
wahnsinnigen Gelüste!
Die Decke auf dem kleinen Nachttisch hat sich verschoben. Clairefort
zupft daran. Noch im letzten Augenblicks beherrscht ihn der kleinste
Gewohnheitsdrang.
Er legte sich nieder, macht fast pedantisch alle Vorbereitungen,
zittert, setzt erst das eine Glas an, greift dann zum anderen--