Rittmeister und Eskadronchef.“

* * * * *

Die beiden Briefe, nach ihrem Inhalt bezeichnend für Ange und Teut,

wurden im September geschrieben, aber bereits zwei Monate später trat im

Clairefortschen Hause ein so folgenschweres Ereignis ein, daß alles für

die Familie in Frage gestellt schien.

Als sich Ange eines Morgens in das Zimmer ihres Mannes begab, um sich

ihrer Gewohnheit gemäß, nach seinem Befinden zu erkundigen, schlug ihr

eine unerträgliche Hitze entgegen, und sie fand ihn nicht wie sonst

bereits an seinem Schreibtische sitzen. Wenn Clairefort starke Schmerzen

in der Nacht fürchtete, pflegte er häufig noch spät abends von Tibet

heizen zu lassen, denn nur allzuoft verursachte ihm sein Zustand

Schlaflosigkeit.

Als Ange ins Gemach spähte, fand sie zu ihrem Schrecken, den Nachttisch

umgeworfen; Glaser, Leuchter und Flaschen waren herabgestürzt und

bedeckten Fußboden und Teppich. Clairefort selbst aber lag--das Haupt

nach unten und mit den Füßen das Kopfkissen berührend--neben der

zurückgeschlagenen Schlafdecke wie ein Lebloser hingestreckt.

Ange flog ans Bett und horchte auf ihres Mannes Atem. Sein Herz schlug

so leise, daß sie es kaum zu hören vermochte, und sein Aussehen war so

verändert, daß sie--jetzt todesgeängstigt--die Schnur zog.

„Was ist geschehen? Was ist geschehen, Tibet?“ rief sie, als dieser

näher trat. „Waren Sie noch in der Nacht bei dem Grafen? Sehen Sie, wie

schrecklich er aussieht! Sein Herzschlag geht leise! Ich ängstige mich

namenlos!“

Tibet warf einen betroffenen Blick umher und näherte sich seinem Herrn.

„Ich möchte glauben, daß der Herr Graf wohl ein sehr starkes

Schlafpulver zu sich genommen hat,“ erklärte er beruhigend. „Während

heftiger Träume mag er um sich geschlagen und zufällig den Tisch berührt

haben. Das ist früher auch schon vorgekommen.“

„Ach, der Arme!“ sagte Ange mitleidig. „Gewiß hatte er wieder seine

furchtbaren Schmerzen. Und meinen Sie, daß er schläft, daß keine Gefahr

vorhanden ist, Tibet?“

„Nein, Frau Gräfin, dürfen sich beruhigen.“

Nach dieser Versicherung traten beide ins Wohngemach.

„Glauben Sie nicht,“ fragte Ange nach einer Pause und dämpfte ihre

Stimme, „daß diese starken Schlafmittel sehr schädliche Nachwirkungen

haben?“

„Ja, Frau Gräfin,“ erwiderte Tibet; „aber viel schlimmer sind noch--“

Er unterbrach sich mit einem Gesichtsausdruck, als ob das letzte Wort

ihm nur entschlüpft sei.

Als Ange sah, daß ihr etwas verheimlicht werden sollte, stieg ihre

Angst.

„Nicht doch, nicht doch! Sie wollen mir etwas verschweigen. Ich will und

muß es aber wissen. Ach Tibet! War es überhaupt gut, daß Sie nie

mitteilsam gegen mich waren? Wer weiß, ob nicht manches hier im Hause

anders stände!“

Sie strich sich mit der schmalen Hand über die thränenden Augen.

„Reden Sie, ich beschwöre Sie!“ fuhr sie fort, als er noch immer

schwieg. „Was ist noch schlimmer? und welche Heimlichkeiten haben Sie

mit meinem Gemahl schon seit Jahren?“

„Ach, Frau Gräfin--“ stotterte Tibet und sah Ange bittend an. „Es ist

nichts, gewiß nicht!“

„Ist es denn Neugierde, die mich veranlaßt, Sie zu fragen?“ sagte Ange

mit sanftem Ernst und blickte Tibet traurig an. „Ist es nicht die Sorge

für meinen geliebten Mann! Ach, ach! wie viele thränenvolle Stunden habe

ich schon um seinetwillen gehabt!“

Tibet hatte ganz die Fassung verloren. Er stand da wie jemand, der sich

eines schweren Vergebens schuldig fühlt und aus Scham und Verzweiflung

kein Wort findet. Endlich raffte er sich auf und sagte:

„Verzeihen Sie mir, Frau Gräfin. In allem, was ich that, folgte ich dem

Befehl des Herrn Grafen. Wenn ich unrecht that--ich that gewiß unrecht

gegen Sie--o, so vergeben Sie es mir!“

„Nun wohl! Lassen wir Vergangenes! Aber was ist jetzt?“ drängte Ange.

„Sprechen Sie endlich.“

Tibet sah mit scheuem Blick nach der Thür und flüsterte leise: „Schon

seit reichlich einem Jahr nimmt der Herr Graf überaus starke Dosen

Morphium zu sich. Niemand weiß es. Er befahl mir unbedingte

Verschwiegenheit. Auch gegen Sie verbot er, darüber zu sprechen.“

Ange bewegte traurig das Haupt: plötzlich aber schrak sie auf.

„Barmherziger Himmel! Sollte ihm doch bereits etwas zugestoßen sein?“

Sie eilte von Tibet fort, wandte sich ins Nebenzimmer und stieß,

hineinblickend, einen Schrei aus.

Clairefort saß wachend aufrecht im Bett. Er sah Ange mit stieren Augen

an und schien sie doch nicht zu sehen. Unzusammenhängende Worte glitten

über seine Lippen.

„Carlos, Carlos, mein geliebter Carlos!“ rief Ange, flog an sein Lager

und ergriff seine Hand.

„Sag, was ist Dir? O, komme zu Dir! Es ist Ange, Deine Ange! Hörst Du

sie nicht?“

Er nickte wie ein Abwesender. Offenbar ward er nicht Herr der ihn

bedrückenden Vorstellungen, und um sie zu verscheuchen, glitt er

wiederholt mit den kranken Händen über Stirn und Haar.

Ange heftete mit zerrissenem Herzen die Augen auf ihren Mann. Auch Tibet

war tief erschüttert durch diesen Anblick.

„Wünschest Du das Frühstück, Carlos? Soll ich nicht die Fenster öffnen

und frische Luft hereinlassen? Willst Du aufstehen--Dich in Deinen Stuhl

setzen? Sprich Lieber! Was hast Du? Ach, ach!“

Nichts! Er schien nicht zu hören, und sie sank wie zerknickt neben ihm

nieder.

Immer starrte er geradeaus, griff sich an die Stirn und suchte mit

vergeblicher Anstrengung seinen Geist zu ordnen.

Jetzt erhob sich Ange und riß die Fenster auf.

„O, ich ersticke in dieser Luft! Sie muß auch Dir schädlich sein! Komm,

laß Dich mit Wasser benetzen. Tibet helfen Sie! Wir wollen den Grafen

drinnen in dem luftigen Zimmer betten.“

Aber Clairefort fiel, ehe sie ihn berührten, schwerfällig zurück, schloß

die Augen und blieb bewußtlos liegen. Es hatten ihn abermals der Schlaf

oder eine Ohnmacht befallen.

Nun eilte Tibet zu dem Arzt, und inzwischen saß Ange wie eine

Verzweifelte an dem Bett des Kranken.

Nach einer Weile kamen die Kinder, die ihre Mama vergeblich beim

Frühstück erwartet hatten. Es schnitt Ange durch die Seele, als sie so

fröhlich und ahnungslos hereinstürmten. Noch lag die feine Röte einer

gesund verbrachten Nacht auf ihren Wangen, noch umströmte sie in ihren

sauberen hellen Morgenkleidern jene aufquellende Frische, die namentlich

Kinder nach dem Schlafe wie ein unsichtbarer Hauch umwebt.

„Mama, Mama, wo bleibst Du denn?“ rief die kleine Ange und stand da und

sah so schön aus, als ob eine zarte Blüte eben vom Baum geschwebt sei.

Aber sie schraken zurück, als sie den kummervollen Ausdruck in Anges

Augen bemerkten, als sie mit ihrem Instinkt begriffen, daß ihrem Papa

etwas zugestoßen sein müsse.

„Geht, geht, lieben Kinder!“ sagte Ange sanft und traurig wie damals,

als den kleinen Carlitos das furchtbare Fieber erfaßt hatte. „Papa ist

sehr krank. Ich muß noch bei ihm bleiben. Ich komme bald! Frühstückt nur

allein--und--dann eilt euch. Ben, Fred, ist's nicht schon Zeit für die

Schule?“

Sie nickten gehorsam und schlichen auf den Zehen davon.

Und doch war dies nur ein trauriges Vorspiel zu dem noch traurigeren

Ende.

Zwar erholte sich Clairefort, und einige Zeit schien er sogar wieder

geistig frischer und körperlich gesunder, aber dann erfaßte ihn von

neuem eine wortkarge teilnahmlose Schwermut. Er wollte niemanden sehen

und sandte selbst Tibet fort, der neuerdings bei ihm nachts gewacht

hatte.

„Nein, nein, gehen Sie! Seit lange hatten Sie keinen ordentlichen

Schlaf, Tibet. Ich fühle mich heute ganz wohl und bedarf Ihrer nicht

mehr,“ beschied er ihn eines Abends und bestand auf seinem Willen.

Als Tibet sich entfernt hatte--ein ungewöhnlich freundlicher Blick traf

ihn heute aus Claireforts Auge--, setzte sich dieser an seinen

Schreibtisch und arbeitete mehrere Stunden. Endlich erhob er sich mühsam

und trat, sich an Tisch und Stühlen vorwärts tastend, an den Spiegel. Er

blickte hinein und schrak vor seinem eigenen Bilde zurück. Es machte ihn

sogar ängstlich, denn er schaute sich furchtsam um, und ein Schauer flog

über seinen Körper.

„Sterben!“ flüsterte er. „Ja dann fallen alle Gespenster, weichen alle

Schmerzen und sind alle Seelenqualen vorüber.“

Auf dem Wege zu seinem Schlafgemach blieb er noch einmal zaudernd

stehen.

Nur allzu lang ist oft die Brücke! Ein einziger plötzlicher Gedanke,

irgend eine liebe oder peinliche Erinnerung verknüpft den Menschen von

neuem mit dem Leben, und der grauenhafte, blitzartig oder allmählich

entstandene Entschluß wird doch zu Nichte.

Clairefort ließ sich aufs Bett nieder und griff mit zitternden Händen

tief unter die Decke. Bei dieser Bewegung setzten unerwartet die

Schmerzen wieder an, und wimmernd hielt er inne. Aber bald begann er von

neuem, fand endlich, was er hier verborgen hielt, und stellte es auf

den Tisch. Es waren zwei Flaschen mit verschiedenem Inhalt.

„Dies wird sicher genügen, um nicht wieder aufzuwachen,“ murmelte er.

Aber doch verging noch eine lange Zeit, ehe er sich zum Sterben rüstete.

Seine Gedanken flogen hin und her wie Herbstvögel; oft traten ihm

Thränen ins Auge. Einmal schleppte er sich in sein Wohngemach zurück,

öffnete den Schreibtisch und nahm Anges Bild hervor. Es war zur Zeit

ihrer Verlobung gemalt.

„Ach, wie schön, wie schön!“ flüsterte der Mann und bedeckte das Glas

mit Küssen. „Und Dich soll ich verlassen? Und Euch, Euch, Ihr süßen

Kinder--“

Es packte ihn die Angst und die Scham, furchtbare Schauer jagten durch

seine Seele. Kalter Schweiß brach hervor auf seiner Stirn. Was wurde aus

ihnen? Welch ein erbärmlicher, gewissenloser Mensch war er! Er wollte

davongehen, und nicht einmal für das Nächstliegende, ja vielleicht nicht

einmal für sein eigenes Totenhemd war gesorgt.

Aber halt! War da nicht ein Geräusch auf dem Korridor?

Hastig verschloß Clairefort das Porträt, als sei's ein Vergehen, es zu

betrachten. Er lauschte herzklopfend--schlich wie ein Dieb an seine

eigene Thür. Aber es war nichts.

Nun nahm er seinen Platz wieder ein und lehnte sich zurück. Konnte er

noch gesund, schmerzensfrei werden?

Nein, jetzt niemals mehr! Ohne Morphium vermochte er überhaupt ferner

nicht zu leben. Was that er noch auf der Welt? Seine Pflicht, die

Pflicht gegen die Seinigen hielt ihn! Nein, auch die konnte ihn nicht

ans Leben fesseln. Er war ja ein Nichts. Er war nur eine Last--nur ein--

Es übermannte ihn die Seelenqual: er schluchzte und erschrak vor den

Tönen, die sich seiner eigenen Brust entrangen. Er war nur ein Hindernis

für Anges Glück. Fort denn, je schneller, desto besser!--Teut! Teut! Da

kam ihm der Gedanke an ihn. Welch ein Mensch! Er würde sie nicht

verlassen. Nein, sicher nicht! Gut, also sterben--

Was Clairefort noch zu sagen hat, befindet sich in den Blättern

aufgezeichnet, welche Ange morgen finden wird.

Aber wenn er nun nicht stirbt, wenn es nicht gelingt, wie jüngst? Er

bewegt den Kopf. Wohl, er wird das Schriftstück unter sein Kopfkissen

legen, nicht auf den Tisch. Wacht er abermals auf, dann bleibt seine

Absicht verborgen.

Während er sich an sein Bett wendet, ziehen noch einmal die letzten

Jahre an ihm vorüber. Wie er zum erstenmal gespielt und ihn dann der

Teufel erfaßt hat, wie er vom Glück begünstigt wird und dann doch alles

wieder verliert. Und immer von neuem verliert! Wie er innehalten will

und doch sich überredet, er werde den Verlust zurückerobern,

endlich--ein Verzweifelter--die größten Summen einsetzt, um abermals

betrogen zu werden und zuletzt sich sogar am fremden Eigentum vergreift!

Das Vermögen seiner Frau, seiner Kinder opfert er auch noch dem

wahnsinnigen Gelüste!

Die Decke auf dem kleinen Nachttisch hat sich verschoben. Clairefort

zupft daran. Noch im letzten Augenblicks beherrscht ihn der kleinste

Gewohnheitsdrang.

Er legte sich nieder, macht fast pedantisch alle Vorbereitungen,

zittert, setzt erst das eine Glas an, greift dann zum anderen--

Eine vornehme Frau · 第 10 / 18 题