Axel von Teut-Eder.“

Auch der Familie Ink sandte Teut seine Glückwünsche, aber einen Besuch

machte er nicht.

* * * * *

Der Sommer 1870 war gekommen, der Krieg zwischen Deutschland und

Frankreich stand vor der Thür. Eine ungeheure Erregung hatte alle

Gemüter ergriffen, und auch in C. sprach man von nichts anderem als von

diesem drohenden, in alle Verhältnisse eingreifenden Ereignis. Begierig

lasen die Männer die Zeitungen, eine Nachricht überholte die andere, und

in den militärischen Kreisen herrschte fieberhafte Spannung über die zu

erwartenden Marschordres.

„Ist's wahr, ist's möglich?“ rief Ange und eilte Teut entgegen, der sich

sogleich zu seinen Freunden begab. „Haben Sie schon Befehl zum Ausrücken

erhalten? Wann? Wohin geht's? O, kommen Sie! Carlos ist in großer

Ungeduld, Sie zu sehen und zu sprechen.“ Und sie zog ihn mit sich fort

in ihres Mannes Gemach.

Clairefort war kaum wiederzuerkennen. Die drei Jahre, seitdem er nach

C. versetzt war, hatten ihn völlig verändert. Sein Blick war unheimlich

starr, ein schwarzer Bart umrahmte sein Gesicht, und die mageren Finger

zuckten in nervöser Erregung. Er bewegte sich unsicher, hielt sich

meistens an den Möbeln fest und schritt auch dann mit jenen willenlosen

Bewegungen einher, an denen man die Rückenmarkleidenden erkennt. Durch

übermäßigen Gebrauch narkotischer Mittel hatte er seinen Zustand nicht

gebessert, und oft glich er, wenn er aus dem künstlichen Schlaf

erwachte, einem Geisteskranken.

Heute war er klarer; er hob sich in seinem neuerdings für ihn

angefertigten Krankenstuhl empor und richtete einen fragenden Blick auf

den Eintretenden.

„Schon etwas Neues, Teut? Wann geht's fort? Ah, und ich liege hier, ein

ohnmächtiger Kranker, und muß zusehen.“

Ange tröstete mitleidig und verwies auf Besserung, freilich ohne es

selbst zu glauben. Teut nickte ernst und gab Antwort auf diese und

spätere Fragen.

„Ich denke, wir werden übermorgen C. verlassen“, sagte er. „Dem Oberst

ist nur mitgeteilt, daß wir uns bis dahin marschfertig halten sollen.

Eine bestimmte Ordre ist noch nicht eingetroffen.“

„Schon übermorgen,“ rief Ange erschrocken, ließ die Arme sinken, die

noch eben auf der hohen Lehne des Krankenstuhls geruht hatten, und legte

die Hand aufs Herz. Auch Clairefort wiederholte dieselben Worte, aber

wie ein Abwesender, der mit seinen Gedanken weit fort ist.

„Bitte, Ange,“ hob er endlich mit sichtlicher Überwindung an, „verlasse

uns jetzt. Ich habe etwas mit Teut zu besprechen.“

Ange sah das ernste Gesicht der beiden Männer und wandte sich gehorsam

zum Gehen. Teuts Mienen blieben unbeweglich: vergeblich suchte sie

seinen Blick.

Nachdem sie das Gemach verlassen hatte, fiel Clairefort zurück und

bedeckte das Gesicht mit den Händen.

„Sie sind bewegt! Was ist Ihnen, Clairefort?“ begann Teut, einen Stuhl

herbeirückend und des Freundes Schulter berührend. „Sie wünschen mir

etwas zu sagen? Ich höre, Clairefort.“

Er hielt inne und erwartete, daß jener das Wort ergreifen werde. Als

Clairefort stumm blieb, fuhr er fort:

„Reden Sie! Was es auch sei, es fällt in den tiefsten Brunnen! Teilen

Sie sich dem Freunde mit, der alles verstehen, und alles--“

„Verzeihen kann?“ ergänzte der Kranke, richtete sich plötzlich empor

und sah Teut mit einem flehenden Blicke an.

„Ja,“ sagte Teut, „der alles verzeihen kann.“

Endlich beim Abschied, vielleicht beim Nimmerwiedersehen löste sich

Claireforts Zunge. Wie lange hatte Teut ein Vertrauen herbeigesehnt, das

unter den gegebenen Verhältnissen so natürlich war. Immer hatte

Clairefort geschwiegen. Oft schien er einen Anlauf nehmen zu wollen, um

sein Inneres zu öffnen, um abzustoßen, was ihn bedrückte, aber stets

hatte sich sein Mund wieder geschlossen.

„Wohlan, es sei!“ begann Clairefort. „Es drängt mich, Ihnen heute zu

sagen, was mich quält, Teut. Wer weiß, ob Sie mich noch lebend finden,

wenn Sie zurückkehren. Hoffen wir es nicht, daß ich inzwischen

davongehe, nehmen wir aber an, daß wir uns das letzte Mal

gegenüberstehen. Vergeben. Sie mir auch--“ Clairefort stockte und holte

mühsam Atem--„wenn ich Ihnen so oft wehe gethan habe, Sie durch

Empfindlichkeiten, durch eifersüchtige Regungen, durch ein falsches

Ehrgefühl kränke. Rechnen Sie, wenn es Ihnen möglich ist, ein wenig mit

meinem Zustand, den ich selbst in seiner Bedeutung und seinem Umfang

nicht kannte. Ich bin ein willenloser, schwankender Mensch geworden.

Ach, Freund--“ Clairefort unterbrach sich, Schweißtropfen traten auf

seine Stirn, und die Hände irrten unruhig umher--„ich habe mich

unsühnbar vergangen gegen meine Frau und--meine Kinder--“ Er hielt inne,

und auf seinem Gesicht malte sich eine furchtbare Angst. Er wollte

weiter reden, aber vermochte es nicht.

Teut sprach sanft auf ihn ein: „Erholen Sie sich, Clairefort. Und

nochmals: Fürchten Sie keinen Tadel! Was es auch sei, vertrauen Sie sich

mir an.“

„Nun denn--“ ächzte jener und griff krampfhaft nach des Freundes Hand.

„Nun denn--hören Sie. Ich habe--ich habe--nein, ich vermag Ihnen das

Verbrechen--meine Schande nicht aufzudecken! Und doch möchte ich nichts

verschweigen einem Manne, der wie keiner mein Vertrauen verdient, der es

fordern kann, dem ich schon lange mich hätte eröffnen folgen, zu dem ich

aber nicht sprach, weil die Scham mich erdrückte.“

Teut hörte mit angstvoller Spannung zu. Was würde er hören? Schande,

Verbrechen? Vergeblich sann er hin und her.

„Seien Sie ein Mann, Clairefort. Raffen Sie sich auf. Wir sind hier zu

zweien. Es bedarf keiner Versicherung, daß nie eine Silbe über meine

Lippen kommen wird.“

„Nun denn, Teut, ich habe--unser ganzes Vermögen, das Vermögen meiner

Frau, mein eigenes, das meiner Kinder--an der Börse verspielt,“

zitterte es aus des Kranken Munde. „Wir leben schon seit Jahresfrist von

dem letzten durch Tibet ohne mein Wissen geretteten Kapital--und stehen

in wenigen Wochen vor dem--vor dem Nichts--dem ich--ich--“

Der Mann fiel zusammen wie ein Scheit, das im Ofen zu Asche verglommen,

plötzlich sich ablöst.

Teut wurde leichenblaß; es krallte sich um sein Inneres Schmerz und

Empörung zugleich. Was er hörte, war mehr als entsetzlich. Das konnte

ein Mann thun einem solchen Wesen, solchen Kindern? Er biß sich auf die

Lippen und sprang empor. Aber nur einen Augenblicke dann lichtete sich

in der Brust dieses seltenen Menschen der Funke edler Gesinnung, und

lodernd schoß die Liebe empor für sie, der er geschworen, ein Freund zu

sein fürs ganze Leben.

„Clairefort,“ sprach er, „wir erörterten nur einmal Geldangelegenheiten,

und es soll heute das letzte Mal sein. Fürchten Sie nichts. Anders wird

Ihr Leben sich zwar gestalten, aber Sie werden nicht darben. Axel von

Teut meint es ernst mit Freundschaft und Gelöbnissen. Diese Versicherung

sei Ihnen genug. Was geschehen, was hinter uns liegt, werde nie wieder

zwischen uns berührt. Nur eine Bitte spreche ich aus: Sichern Sie mir

zu, daß Ange nie erfahren wird, wie Ihr Vermögen zerronnen, noch

weniger, daß es gänzlich dahin ist. Verschweigen Sie namentlich die

Rolle, welche fortan der Freund übernimmt. Ich gelte von heute als

Verwalter Ihrer Einkünfte und als der Vormund Ihrer Kinder. Sind Sie

einverstanden?“

Clairefort hob sich empor. Seine Knie schlotterten, seine Augen glänzten

überirdisch, aber indem er die Arme ausstreckte, um sich an des Freundes

Brust zu werfen, glitt er aus und fiel schwerfällig auf den Teppich.

Teut beugte sich herab und horchte an seinem Herzen. Es schlug. Rasch

eilte er zur Klingel. Gleich darauf trat Ange, von Tibet gefolgt, ins

Zimmer.

„Beruhigen Sie sich, Gräfin,“ sagte Teut besänftigend. „Es ist nichts

Schlimmes. Bringen wir Carlos ins Bett. Nur eine Ohnmacht. Er fühlte

sich so schwach. Es wird vorübergehen.“

Ange forschte angstvoll in den ernsten Mienen des Sprechenden, während

Tibet seinen Herrn aufrichtete und sorgsam zu betten suchte.

Nichts! Nur einmal sah er sie an, und in seinem Auge blitzte die alte,

mit Trauer vermischte Zärtlichkeit.

Und dann kam der Abschied. Es war an einem Spätnachmittage. Ange war im

Begriff, in den Garten hinabzusteigen, um die abgekühlte Luft zu

genießen und nach den Kindern zu sehen. Jorinde und Ben schaukelten

unter den schon dunkle Schatten werfenden Buchen in der Hängematte, und

Fred und Erna holten Gießkannen herbei, um den Blumen ihrer Beete Wasser

zu geben. Aus den Gebüschen, aus dem Erdreich quoll ein sanfter Duft,

denn der Tau reizte die zarten Nerven der Bäume und Gräser. Bevor Ange

die letzten Treppenstufen erreicht hatte, öffnete sich die Thür und Teut

trat ihr entgegen. Sie sah an seinem Blick, daß er komme, um lebewohl zu

sagen.

„Ich gehe zu Carlos hinauf,“ sagte Teut, „falls Sie in den Garten

wollen, werde ich Sie später dort aussuchen. Noch diesen Abend verlassen

wir die Stadt.“

Ange lehnte sich an das Geländer und legte die Hand auf die Brust.

„Also wirklich?“ Sie sah ihn mit einem ihrer stillen Blicke an, und er

suchte ihre Augen mit einem Ausdruck, in dem sich nur zu deutlich

widerspiegelte, was ihn bewegte.

„Werden Sie mitunter meiner gedenken, Ange?“

Sie antwortete nicht, sie neigte nur leise das Haupt. Wie schön sie

gerade heute war! Ein eng anschließendes schwarzes Kleid umspannte

ihren Leib, und zwei weiße Rosen schmückten ihre Brust. Um den Kopf

hatte sie ein leichtes Tuch geschlagen, unter dem das zarte Gold ihres

Haares hervorschaute. Und in dem Blauweiß ihrer Augen schwammen jene

sanften und doch so dunkel blitzenden Sterne, welche kein Mann vergaß,

wenn er sie einmal gesehen hatte. Während sie so vor ihm stand und das

leichte Haupt auf die Hand stützte, fielen die reichen Spitzen des

Gewandes zurück, und ein Arm von tadellosem Ebenmaß ward sichtbar. Ihre

Gestalt schien in diesem Augenblicke frei in der Luft zu schweben, bei

der unnachahmlichen Grazie ihrer Erscheinung von der Erde abgelöst zu

sein.

„Liebe Ange!“ flüsterte Teut, von ihrem Anblick hingerissen, und trat

einige Schritte vorwärts.

Sie aber glitt langsam die Stufen hinab und bat ihn durch eine Bewegung,

ihr zu folgen.

Sie umschritten, ungesehen von den Kindern, das Haus und bogen in einen

stillen Laubgang ein. Die untergegangene Sonne webte noch mit schwachen

Lichtern in der Ferne; hier war es fast dunkel.

Wortkarg gingen sie nebeneinander her; beiden stockte die Sprache. Als

sie zum zweitenmal den Weg maßen, schlug der Ruf eines der Kinder an ihr

Ohr. „Mama Ange! Mama Ange! Wo bist du?“

Nun ergriff er hastig ihre Hand, legte seinen Arm um ihren Leib, und

indem sie es duldete, fühlte er, daß eine Sekunde ihr Haupt an seiner

Brust ruhte.

„Dank, Dank für alles, Teut! Auf Wiedersehen!“ schluchzte sie und riß

sich von ihm los. „O Ange, Ange, meine liebe Freundin! Vergessen Sie

mich nicht!“ flüsterte der Mann und hielt die aus dem Dunkel wie eine

Lichterscheinung hervortretende Gestalt zurück.

„Niemals, niemals, Teut!“ preßte sie unter Thränen hervor. „Doch

nun--die Kinder rufen!“

Sie traten aus den sie umgebenden Bäumen heraus. Im Grase zirpte es

leise, ein Vogel flatterte schlaftrunken in den Zweigen. Drüben schien

die Sonne ganz versunken; der Tag war zur Ruhe gegangen, und ihre Hände

lösten sich.

* * * * *

„Lieber Teut!

Gottlob, daß Ihr Brief kam. Sie haben mich aus einer unsagbaren Angst

befreit. Jetzt weiß ich, daß Sie am Leben und gesund sind; nun tritt

alles übrige in den Hintergrund. Ich schreibe auch gleich, um Ihnen an

den Tag zu legen, wie sehr meine Gedanken bei Ihnen sind.

Lassen Sie mich vorerst erzählen, wie es bei uns geht. Carlos' Zustand

ist derselbe hilflose, aber er ist zeitweise heiterer und mitteilsamer.

Ich war sehr gerührt, als er vorgestern die Kinder zu sich kommen ließ,

sie liebkoste und sich mit ihnen beschäftigte. Das ist seit Jahr und Tag

nicht mehr der Fall gewesen.

Sie glauben aber auch nicht, wie artig die kleine Schar ist und welche

Fortschritte sie macht.

Ben und Fred gehen nun ins Gymnasium und stolzieren sehr wichtig mit

ihren Schulranzen einher. Mit Fräulein Elise, der Gouvernante, geht es

fortdauernd gut. Sie ist eine liebenswürdige, gutherzige Dame, und die

Mädchen zeigen ihr auch täglich, wie lieb sie dieselbe haben.

Es wird Sie freuen, lieber, vortrefflicher Freund, daß Carlos jetzt auch

nicht mehr so übertrieben sparsam ist. Seit Ihrem Fortgang hat er für

den Haushalt zugelegt, und auch Tibet hat mehr zur Verfügung als in dem

letzten halben Jahre. Ich hatte schreckliche, peinliche Verpflichtungen

bei Handwerkern und in meiner Umgebung--schelten Sie nur nichts ich

verstand es ja bisher so schlecht, lerne es aber gewiß noch einmal ganz

gut--, die nun alle bezahlt sind. Welch ein köstliches Gefühl, keine

Schulden zu haben!

Die Villa behalten wir einstweilen, da die Miete ermäßigt ist. Carlos

stellte dem Besitzer die Alternative, abzulassen oder der Kündigung

gewärtig zu sein.

Sehen Sie, so ist es bei uns. Wäre mein teurer Carlos nicht so krank,

lebte Carlitos noch und wären Sie nicht fort, Sie mein lieber, treuer

Teut, ich würde sagen, daß wir vollkommen glücklich sind!

Ich bekam neulich, auf Empfehlung von Fräulein Elise, die Briefe der

Madame de Sévigné an ihre Tochter in die Hand. Welch ein Genuß! Jede

Mutter sollte lesen, was diese weltkluge und feinfühlende Frau

geschrieben hat, und suchen, es sich zu eigen zu machen.

Noch eins. Jorinde spielt jetzt wirklich allerliebst Klavier, und

neulich hatte sie mit Fred ein kleines vierhändiges Stück zu Carlos'

Geburtstag eingeübt, das großen Erfolg hatte. Elise war sehr stolz, und

ich habe ihr--das werden Sie, Bärbeißiger, nun wieder höchst

unvernünftig finden--eines meiner seidenen Kleider geschenkt.

Ich komme ja doch nicht mehr in die Gesellschaft, habe auch, ehrlich

bekannt, wenig Verlangen danach.

Neulich hat Frau von Ink mir einen Besuch gemacht. Ich begegnete

Fräulein Eva, der Braut, und nahm sie mit mir. Ich finde es doch sehr

artig, daß sie sich persönlich bedankt hat. Ich weiß, Sie mögen die Dame

nicht, gestehe aber, daß ich sie sehr liebenswürdig finde, und daß ich

den Eindruck habe, sie meine es gut mit mir.

Nein! nein! höre ich Sie sprechen. Nun, wenn Sie kommen, können wir ja

den Verkehr wieder einschlafen lassen.

Fred läßt Ihnen sagen, Sie möchten ihm einen französischen Tschako

mitbringen. Werden Sie es nicht vergessen? Ange umarmt Sie zärtlich.

Eben kommt sie herbeigelaufen und will Bonbons. Sie erhält aber keine.

Onkel Axel möchte französische Bonbons schicken! meint sie.

Heute will ich meines Carlitos' Grab besuchen, Teut; ich lege auch in

Ihrem Namen eine Blume darauf nieder.

Und nun leben Sie wohl, Sie Einziger, Bester, und schreiben Sie bald

wieder und Gutes Ihrer Sie herzlich grüßenden und dankbaren

Ange von Clairefort.

Eine vornehme Frau · 第 8 / 18 题