Ange eilte hinab. „Endlich!“ sagte Carlos. „Vorwärts!“

Der Diener, die Hand am Hute, schlug den Wagen zu und schwang sich auf

den Bock.

„Halt! halt--noch einen Augenblick!“ rief Ange und klopfte ungestüm an

die Scheiben. Die Jungfer kam atemlos mit den Handschuhen. „Zu Befehl,

Frau Gräfin!“

So, nun raste endlich der Wagen mit dem Grafen und Ange davon, und die

Dienerschaft wandte sich ins Haus zurück. Auf dem Flur, auf der Treppe

wehte noch der Duft ihrer Gewänder. In allen Zimmern brannten die

Kandelaber--überall die Spuren ihrer lebhaften Unruhe. Die Kinder

schmollten, daß sie nun, weniger rücksichtsvoll angehalten als vorher,

ins Bett getrieben wurden: und ins heiße, schwüle, von Parfüm erfüllte

Ankleidezimmer der Gebieterin, in dem ein halb Dutzend goldene und

silberne Leuchter entzündet waren, in welchem die geöffneten

Schmuckkästchen mit all ihren zurückgebliebenen Herrlichkeiten achtlos

umherstanden und in dem die Luft, die eine schöne, vornehme Frau

ausatmet, wie ein unsichtbarer Hauch die Gegenstände zu umhüllen

schien, traten die Frauen, um alles an seinen Platz zu bringen.--

Unwillkürlich verstummte das laute Gespräch in den Sälen, unwillkürlich

traten die Reihen der Gäste zurück und unwillkürlich mußten auch die

eifersüchtigsten Frauen emporblicken, als die Gräfin Ange von Clairefort

an der Seite ihres Mannes die Räume in dem Hause des Obersten betrat. Es

giebt Frauen, deren Erscheinung in der Gesellschaft wirkt, als ob

plötzlich ein Schwan mit lautem Flügelschlag vorüberrauscht.

Ange war nach wenigen Minuten umgeben und umschwirrt von der halben

Gesellschaft. Nein, von der ganzen Gesellschaft! Denn diejenigen, die

sich ihr nicht näherten, fanden nur nicht den Mut, der schönen,

strahlenden Frau auszudrücken was sie bei ihrem Anblick empfanden. Immer

birgt die Gesellschaft Zaghafte; sie werden nie aussterben; sie bleiben

und gleichen Kindern, welche nur nach wiederholter Ermunterung ein

Händchen reichen.

Ange hörte, daß man allein auf sie gewartet habe. Sie rief ein

bedauerndes „O! o!“ huschte zu der Frau des Obersten und stellte ihr

durch die bezaubernde Art ihrer Abbitte rasch die gesunkene

Gesellschaftslaune wieder her. Und da sie in der Zerstreuung den ersten

Tanz nicht vergeben hatte und dies zu ihrer freudigen Überraschung

bemerkte, schlüpfte sie durch die sich drängenden und sich

arrangierenden Paare bis zum Gastgeber und legte sanft den Arm in den

seinigen.

„Gnädige Frau?!“

„Den ersten Tanz habe ich wohl ein dutzendmal abgeschlagen, Herr Oberst,

da ich ihn für Sie bestimmt hatte. O, ich bitte, kein Refus! Es ist ja

eine Polonaise.“ schmeichelte sie und zog den nur leise Widerstrebenden

mit sich fort.

Selten mischte sich Ange in die Reihen der Tanzenden, ohne daß die

pausierenden Paare ihr zuschauten. Man mußte sie ansehen, denn eine

Grazie schien sich unter die Menschen gemischt zu haben.

Nichts Anmutigeres konnte es geben, als sie einen Walzer tanzen zu

sehen, wenn das ihr eigene, halb verlegene, halb glückliche Lächeln über

die sanften Züge flog und sie das Köpfchen zur Seite neigte. Es lag in

dieser Zurückhaltung gleichsam eine Andeutung, daß sie sich zwar jeder

Laune ihres Tänzers füge, doch nur dem Zwange folgend, ihm erlaube, den

schlanken Leib zu umfassen. Sobald sie sich aber aus dem Arm ihres

Kavaliers gelöst hatte, verschwand diese fast mädchenhafte

Schüchternheit, und ihr lebhaftes Temperament riß sie wieder fort. Sie

schwatzte, lachte und zeigte ein schelmisches Gesicht, sie nickte und

hörte mit neugieriger Aufmerksamkeit zu.

Beim Souper richteten sich abermals aller Augen auf Ange. Eine feine

Blässe war auf ihr Gesicht getreten. Der wunderbare Abstand der dunklen

Augen und Augenbrauen gegen das Goldblond ihres Seidenhaares wirkte

neben dem mattseidenen, an dem Ausschnitt mit echten weißen Spitzen

besetzten Kleide so überraschend schön, daß man den Blick nicht von ihr

zu wenden vermochte. Und dabei funkelten und blitzten die Steine an Hals

und Ohren, und oft zitterte ein wahrer Sprühregen aus den Diamanten, mit

denen ihr Haupt geschmückt war.

Die Menschen fühlten sich geehrt und beglückt, wenn Ange sie mit ihren

treublickenden Augen ansah, und ihre Bescheidenheit machte es unmöglich,

daß häßliche Regungen der Mißgunst neben ihr emporstiegen.

Nach Aufhebung der Tafel, nachdem der Champagner Ange ganz in ein

fröhliches, nur von der Lust beherrschtes Kind verwandelt hatte, als die

ersten Takte eines stürmischen Galopps vom Saale herüberklangen, hielt

es sie nicht mehr neben dem Gastgeber, und mit einem seine Verzeihung

einholenden Blick entschlüpfte sie, um einem jüngeren Kavalier zu

folgen.

Einmal riß eine Perlenschnur, und die kostbaren Schätze rollten unter

die Tanzenden. Ein kleines Vermögen stand auf dem Spiel, Ange jedoch

lachte und nahm mit entschuldigendem Dank entgegen, was eifrig Suchende

gefunden hatten und ihr überreichten.

Wiederholt drängte der Rittmeister zum Aufbruch. Aber die Offiziere

umstürmten die reizende Frau, und sie bat wie ein junges Mädchen, das

zum erstenmal den Ball besucht, um Aufschub. Während sie davoneilte,

guckte sie ihn über ihre Schulter an und holte sich durch bittende

Blicke sein nachträgliches Jawort ein.

Und als sie endlich zurückkehrte und er, die zerrissenen Spitzen der

Schleppe betrachtend, kopfschüttelnd dreinschaute, streifte sie rasch zu

seiner Beruhigung die Handschuhe ab, lehnte sich mit einem: „Nicht

schelten! Gut sein! Carlitos, bitte!“ an ihn und bettelte so lange, bis

er ihr noch die kleine Abkühlungspause zugestand.

Von der Bewegung beim Tanzen war ihr Haar ein wenig gelockert und ein

feines Strähnchen auf die Stirn gefallen, auch einige prachtvolle Rosen,

die an ihrer Brust saßen und einen blitzenden Diamant umschlossen,

hatten sich entblättert. Ihr Atem glühte, ihre Brust hob und senkte sich

unter der zarten Seide, und während der Fächer in heftiger Bewegung

war, neigte sie den Körper mit jener elastischen Biegsamkeit, die

Frauen so verführerisch macht.

„Nein, komm, komm, Ange.“ drängte Carlos, von ihrer Schönheit

hingerissen und nur von dem einzigen Gedanken beherrscht, sie den

zudringlichen Blicken ihrer Bewunderer zu entreißen. Sein Auge ruhte mit

einem eifersüchtig verlangenden Ausdruck auf ihr, und sie erwiderte

seinen Blick mit jenen träumerischen Augen, mit denen sie ihm einst ihre

Liebe verraten hatte.

„Ach, es war himmlisch! Ich habe mich prachtvoll amüsiert! Schade, daß

es schon vorüber ist!“ seufzte die junge Frau, als sie, nach Hause

zurückgekehrt, sich in sanfter Erschöpfung in einen Sessel zurücklehnte.

„Aber Du, Armer, hast Dich gelangweilt! Nicht so, Carlos?“

Sie sah ihn zärtlich an. Er schüttelte schwermütig das Haupt und sagte:

„Nicht doch, Ange!“ Und nach einer Weile flüsterte er leise: „Hast Du

mich noch lieb, Ange?“

Da stand sie auf und flog ihm an den Hals.

* * * * *

Acht Monate waren vergangen. Teut war ein täglicher Gast im

Clairefortschen Hause geworden, verkehrte mit Frau Ange und der Familie,

als ob er sie von Kindesbeinen an kenne, und schien überhaupt von

Claireforts fortan unzertrennlich. Dieser engere Verkehr führte mit

sich, daß er bald in alle Verhältnisse eingeweiht wurde, und daß man

ihn, da er neben seiner Einsicht eine entschiedene Art an den Tag legte,

auch häufig um Rat fragte. Aber er nahm sich in seiner ehrlichen und

derben Weise auch die Erlaubnis, zu tadeln.

„Schlecht, mordschlecht erziehen Sie die kleine Gesellschaft!“ rief er

Ange kopfschüttelnd zu, wenn die Kinderschar--ungezogen und

trotzköpfig--ihren Höllenlärm anstimmte, die Möbel mit Stöcken und

Peitschen bearbeitete und gar auf dem Teppich des Wohnzimmers mit Sand

wirtschaftete. Die Dienerschaft war machtlos, denn sie fand keine

Unterstützung bei der Gräfin. Entweder erließ sie Verbote, deren

Zurücknahme sie sich im nächsten Moment wieder abbetteln ließ, oder sie

tröstete Jorinde und Erna, wenn diese von der Gouvernante eine Strafe

erhalten hatten.

Nun war eben das Mobiliar--ein Gemach nach dem anderen--neu aufgeputzt,

zum Teil mit kostbaren Stoffen überzogen, alles mit einem wahrhaft

verschwenderischen Luxus hergestellt worden, und schon zeigten sich

deutliche Spuren von übermütigen Gewaltthätigkeiten. Der Graf war

mehrmals in einen heftigen Zorn ausgebrochen, hatte Ange ihren Mangel an

Ordnungsliebe und ihre grenzenlose Schwäche gegen die Kinder in den

härtesten Worten vorgeworfen. Hin und wieder rief er den schnell

liebgewonnenen Freund und Vertrauten zum Zeugen an, wie unvernünftig,

wie unverständig seine Frau sei und wie ihn ihre Eigenschaften mit den

Rückwirkungen auf die Kleinen zum Tadel reizen müßten.

Einmal brach es ungestüm aus ihm heraus, als Teut seine Bewunderung über

Ange ausdrückte. „Ja, Freund,“ rief er, „Sie sind nicht mit ihr

verheiratet! Sie erfreuen sich an dem Guten, das sie Ihnen

entgegenträgt, und schütteln das Unbequeme leicht ab, um so leichter,

als Sie nur indirekt davon berührt werden! Ich aber lebe täglich,

stündlich mit ihr, ich kämpfe seit Jahren gegen ihre Schwächen ohne

Erfolg und habe doch für alles die Verantwortung zu tragen! Ange würde

jedes Jahr eine Million verschenken, wenn sie dieselbe zur Verfügung

hätte, und eine ganze Weltordnung in Verwirrung bringen, wenn sie über

den Wolken herrschte! Jeder ruft mir entgegen: Welch ein reizvolles

Geschöpf! und jeden Tag werde auch ich entwaffnet durch den Zauber

ihrer Liebenswürdigkeit. Aber sie bringt vermöge ihrer untilgbaren,

durch eine grenzenlos verkehrte Erziehung hervorgerufenen Fehler den

ruhigsten, besonnensten und geduldigsten Mann zur Verzweiflung. Die

größten und besten Eigenschaften eines Menschen verwandeln sich in das

Gegenteil, wenn ihnen das Maß fehlt. Sanftmut und Liebenswürdigkeit

sinken zur Charakterlosigkeit herab, Herzensgüte wird Thorheit, Geist

und Verstand streifen an Insanie und je schöner die Hülle, desto größer

der Schmerz, daß sich unter so vollendeten Formen ein so ungeordneter

Geist verbirgt.“

„Sie übertreiben, Clairefort!“ rief Teut warm. „Ihre Frau ist ein Engel!

Ihre Fehler sind nicht so schlimmer Art; ja, ich behaupte, sie sind auch

Tugenden! Weint sie nicht wie ein Kind, wenn man ihr vom Unglück

berichtet, möchte sie nicht stets helfen? Hilft sie nicht? Ist sie nicht

rührend besorgt um ihre Kinder und sitzt sie nicht wie jüngst, als

Carlitos krank war, Tag und Nacht an ihrem Bett? Ist sie nicht stets

liebevoll gegen Sie, Clairefort, sieht sie nicht zu Ihnen empor wie zu

einem Höhergearteten und nimmt jeden Tadel, jedes Scheltwort ohne Murren

entgegen? Ist sie nicht ohne Beispiel selbstlos? Verlangt sie je etwas

für sich? Ist es nicht nur immer der Gedanke an andere, der ihre

Entschlüsse bestimmt? Sah man je ein so glückliches Gemisch von

natürlichem Verstand und Herzensgüte?--Ja, sie ist sorglos, kannte nie

eine Einschränkung, weiß nichts von materiellen Sorgen, giebt mit vollen

Händen, oft vielleicht unverständig--“

Hier unterbrach Clairefort den Sprechenden, und indem er ihn mit einem

Blick anschaute, durch den man eine vertrauensvolle Äußerung einzuleiten

und sich Verschwiegenheit zu sichern pflegt, sagte er:

„Nein, nein! Immer, immer unverständig! Maßlos, Freund! Ihre

Verschwendung ist grenzenlos. Wie soll das überhaupt werden? Unter uns:

Wenn das meine Frau noch einige Jahre so forttreibt, bin ich ruiniert.

Schon lange war ich gezwungen, mein Kapital anzugreifen.“

Teut schwieg. Was er hörte, überraschte und beunruhigte ihn aufs

höchste. Unwillkürlich drängte sich ihm der Gedanke auf, weshalb der

Mann, wenn die Dinge so lagen, sein Hauswesen, seine Geselligkeit nicht

einschränke, die zahllose, meist überflüssige Dienerschaft nicht

entlasse und Ange, die ihrer Eigenart nach auch in einfacheren

Verhältnissen zufrieden leben würde, die Gelegenheit nähme, so thöricht

zu wirtschaften. Aber er fand sich doch nicht berechtigt, dergleichen

auszusprechen, und während seines Schwankens kam ihm Clairefort zuvor:

„Ich weiß, was Sie mir erwidern werden, Teut,“ hob er, unter der

Bestätigung seiner Gedanken wiederholt das Haupt bewegend, an. „Sie

meinen, ich sei nicht minder schuld als Ange. Wir könnten uns anders

einrichten und dadurch Einnahmen und Ausgaben in das richtige

Gleichgewicht bringen. Auch Tibet drängt mich seit Jahr und Tag, aber

dann--dann--“

Er hielt inne. Ein ängstlich unschlüssiger Ausdruck trat in seine

Mienen, und nur mit Überwindung lösten sich die Worte aus seinem Munde:

„Sehen Sie! Es wird Ihnen rätselhaft erscheinen,“ fuhr er endlich

abgerissen und in Pausen sprechend, fort. „Ich liebe meine Frau

grenzenlos. Ich fürchte dann--ich fürchte--daß sie sich mir entfremden

könnte. Eine unbeschreibliche Angst überfällt mich, ich könnte ihre

Liebe einmal verlieren--durch einen Wandel der Verhältnisse. Ich sinne

selbst ratlos darüber nach, was in meiner Seele vorgeht. Tausend

Gedanken bestürmen mich. Oft habe ich schon gedacht: Wenn sie doch

einmal das Leben so liebt--ich möchte es ihr erhalten--ihre Fröhlichkeit

ist doch lauter Sonnenschein;--und dann--dann--möchte ich, daß sie der

Himmel früh zu sich nähme, damit sie Sorge und Kummer nie kennen lernt.

Aber kann man eines geliebten Menschen Tod wünschen? Das ist doch

unfaßbar. Ich weiß nicht, was in mir vorgeht. Ich möchte ändern und

vermag es nicht--vermag es durchaus nicht. Die Schwächen, die meiner

Liebe entspringen, sind größer als meine bessere Einsicht.“

Teut saß stumm und schaute vor sich nieder, denn neben ihm seufzte der

Mann in tiefer Bewegung auf.--Welch ein Einblick in das Seelenleben

eines Menschen. Voll Klarheit, ja voll Ungeduld und Tadel über

unhaltbare Zustände, und doch aus eifersüchtiger angstvoller Liebe zu

schwach, um beizeiten ein zweifellos hereinbrechendes Unglück von sich,

seinem Weibe und seinen Kindern abzuwenden?!

Einmal zuckte Teut unbehaglich zusammen, denn plötzlich stieg die

Zukunft vor ihm auf. Die unabweisbaren Folgen solcher Verhältnisse

traten unheimlich vor seine Seele. Vielleicht war ihm in dem

Clairefortschen Hause eine große, undankbare Aufgabe beschieden, und

jene Selbstliebe, die Unbequemes von sich stößt und nur unbehelligt

genießen will, behielt die Oberhand. Was scherten ihn am Ende die

fremden Menschen, dieser Mann mit seiner Unschlüssigkeit, seiner

Melancholie und seinem ehelichen Unbehagen, diese in den Tag lebende

Frau mit ihrer Unerfahrenheit und ihrem sorglosen Lebenswandel?

Aber das war nur eine schnell vorübergehende Regung. Er sprang auf,

faßte Claireforts Hand und sagte:

„Und trotz alledem muß geschehen, was Sie für Recht erkennen, lieber

Clairefort! Ich bin bereit, Ihnen zu helfen, soweit es in meinen Kräften

steht. Soll ich einmal mit Frau Ange reden?“

Bei diesem Anerbieten bohrte sich ein eigentümlicher Blick aus den Augen

des Grafen auf den Sprechenden. Aber zum Glück bemerkte Teut ihn nicht,

und als die Männer nach längerer Auseinandersetzung schieden, ging jener

unter dem Eindruck, daß Clairefort, selbst machtlos zum Handeln, die

dargebotene Hand aufs dankbarste ergriffen habe.

Wohlan denn! Teut war beiden näher getreten als kaum anderen Menschen je

zuvor; er liebte Ange und die Kinder, die deshalb ein Recht auf ihn

gewonnen hatten. Er wollte handeln--handeln wie ein Mann, aber auch wie

ein kluger, besonnener Mann!

* * * * *

Seit Stunden ging Teut in seinem Zimmer auf und ab. Immer neue Gedanken

durchkreuzten sein Gehirn. Oft warf er sich in einen Stuhl, schlug nach

seiner Gewohnheit, wenn ihn etwas erregte, heftig mit den Hacken seiner

Reitstiefel aneinander und strich lebhaft seinen langen, blonden

Schnurrbart. Die Backenknochen seines stark markierten, mageren

Gesichtes traten scharf hervor, und fortwährend ließ er das Glas, das in

seinem linken Auge steckte, fallen, um es im nächsten Augenblick wieder

an seinen Platz zu schieben. Wenn dies, der neueren Zeit angehörende

Monocle nicht sein Gesicht verunziert, und wenn er nicht den Husarenrock

getragen hätte, würde man geglaubt haben, einen Ritter früherer Zeiten

vor sich zu sehen. Diese hohe, wettergebräunte und schon etwas stark

gefurchte Stirn, diese blitzenden, unheimlich kühnen Augen, dieser

sarkastische Mund und dieser halbschlanke, große, starke, geschmeidige

Körper erinnerten an die Gestalt eines Recken vergangener Jahrhunderte.

„Der Teufel werde klug aus der Geschichte!“ murmelte er, endlich sein

Sinnen unterbrechend, griff in eine Kiste mit schweren Cigarren,

entzündete eine, verschluckte den Rauch und stieß ihn in einer mächtigen

Säule wieder von sich.

In diesem Augenblick öffnete sein Diener Jamp die Thür und überreichte

die Rechnung eines Blumenhändlers in Höhe von einigen hundert Thalern.

Es war der aufgesummte Betrag für die frischblühenden Bouquets, welche

Ange ausnahmslos jeden Tag in ihren Zimmern fand. Teut prüfte, zog das

Schubfach und fügte der Zahlung ein reichliches Trinkgeld bei. Nun

schloß sich wieder die Thür und nun waren auch Teuts Gedanken wieder bei

Ange. Er rief sich die letzte Unterredung mit Clairefort ins Gedächtnis

zurück und alles das, was vorhergegangen war. Oft erschien ihm wie ein

Traum, was er in den letzten zehn Monaten erlebt, vornehmlich das, was

er an sich selbst erfahren hatte.

Als jüngerer Offizier, kurz bevor ihm das Vermögen seines Vaters und

seiner Geschwister zugefallen war, hatte er um ein junges Mädchen aus

bürgerlichem Stande geworben und seine Heiratspläne unter Umständen

aufgeben müssen, die ihm das weibliche Geschlecht verächtlich gemacht

hatten. Er sah fortan in den Frauen nur ein Spielzeug, fast weniger als

das.

Nun war er Ange Clairefort begegnet und liebte sie nach acht Tagen mit

einer brennenden Leidenschaft.

Wenige Tage nach dem erwähnten Gespräch ritt er mit Ange aus. Es war ein

wundervoller Herbsttag, einer jener Tage, an denen Frühling und Sommer

noch einmal auf die verlangende Erde zurückzueilen und alle ihre

Schönheit reifer und gemilderter zugleich über die Welt auszuströmen

scheinen.

Die Sonne funkelte in den Bäumen, verwandelte mattes Gelb in glänzendes

Gold und braune Blätter in goldkupfernes Metall. Die ganze Natur

durchströmte sie mit einer durchsichtigen Helle, mit einer Klarheit, als

sei jedes unreine Stäubchen von erfrischenden Lüften fortgeweht, und als

seien diese selbst herabgestiegen aus kühlen, stillen Himmelshöhen.

Teut war kein Mensch, der sich jemals in Gefühlsäußerungen erging. Er

empfand alles Schöne und Gute, aber es lag nicht in seiner Natur oder es

fehlte ihm der Drang, seine Empfindungen in Worte zu übersetzen.

Anders Ange. Die sanften Farben auf ihren Wangen glühten, sie sog die

Luft ein, hielt das seit einer Viertelstunde rasch dahintrabende Pferd

an und warf einen fragenden Blick auf ihren Begleiter. Sie hatten,

seitdem sie das Haus verlassen, kein Wort gewechselt. Niemals war Teut

so stumm gewesen wie heute.

„Drüben!“ sagte er und zeigte auf ein kleines unter den Bäumen

verstecktes Häuschen. Er hielt nicht, wie Ange, sein Pferd an.

„Weiterreiten?“ fragte sie, als ob sie ihn nicht verstanden. Sie ärgerte

sich über seine formlose Art, die sie ihm schon häufig im stillen

vorgeworfen hatte. Teut nickte, ohne etwas hinzuzufügen.

So erreichten sie beide--Ange in einer etwas unbehaglichen Stimmung--das

Wirtshaus. Ehe der Stallknecht herbeieilen konnte, war Teut

herabgesprungen und hatte Ange vom Pferde gehoben. Es war, als ob

Christophorus das Jesukindlein über den Fluß tragen wolle. Wie ein

zartes Püppchen lag sie ihm im Arm, und wie ein Riese setzte er sie

nieder.

„Drüben ist eine herrliche Aussicht. Wollen wir gehen?“ fragte er artig

und reichte ihr den Arm.

Aber sie dankte, schürzte das Reitkleid und schritt neben ihm durch

einen linksseitig einbiegenden, mit Bäumen besetzten Weg. Nach wenigen

Augenblicken berührten sie eine Kirche und einen Gottesacker. Es sah

recht verwildert dort aus. Aus der zerbrochenen eisernen Einfriedigung

hingen Schlingpflanzen in den Farben des Herbstes, und Unkraut wucherte

auf den Gräbern. Dann stiegen sie eine leichte Anhöhe empor und

schritten auf einen Eichenwald zu. Kleines, kurzes Gebüsch drängte sich

über den Fußpfad, es ging unregelmäßig bergauf, bergab.

Endlich umfing sie der Herbstwald und die Kühle. Hier glänzte es hell

durch die Bäume; lange, wundervolle Lichtstreifen lagen auf dem grünen

Erdboden. Dort flimmerte es im dichteren Gebüsch, als ob kleine

versteckte Sonnen vergeblich hervorzubrechen versuchten, und einmal, bei

einem Durchblick zur Rechten, schauten sie in einen verlassenen,

gänzlich abgeschlossenen, mit Gras dicht bewachsenen Feldweg, auf dem

die Einsamkeit einen märchenhaften Schlaf zu träumen schien. Aber sie

schritten weiter, erreichten endlich eine Bank auf einer von

blätterreichen Eichen umstandenen Anhöhe, und sahen nun meilenweit ins

Land.

Es ging ein sanftes Jubilieren durch die blaue, durchsichtige Luft. Die

letzten Vögel zwitscherten, und riesige Lichtströme warf die Sonne über

Wiesen, Felder und ferne Wälder. Hier und dort glitzerten Streifen eines

in malerischen Windungen auftauchenden Flusses zwischen den sanft

dahingestreckten Matten, als ob plötzlich die Erde ausgebrochen sei und

flüssiges Silber seine Bahn suche.

Ange ward gedrängt, ihrem Entzücken Ausdruck zu geben, aber ihr

Begleiter war scheinbar noch ebenso mißmutig wie vorher.

„In welch schlechter Laune haben Sie mich heute begleitet?“ hob sie an

und richtete ihren lebhaften Blick auf sein unbewegliches Gesicht.

„Nein!“ erwiderte er. „Aber ich habe einiges auf dem Herzen, und

hier“--er lud sie zum Sitzen ein--„will ich Ihnen einmal sagen, wozu

bisher stets der rechte Augenblick gefehlt hat.“

Die feine Röte auf Anges Gesicht wich einer leichten Blässe. Ein halb

zaghafter, halb ungeduldiger Ausdruck stahl sich in ihre Mienen, und

sie faßte die Reitgerte fester. Aber sie überwand sich und sagte

ungezwungen:

„Wohlan, setzen wir uns und erzählen Sie mir etwas. Aber nichts, nichts

Unangenehmes heute, lieber Teut. Ein andermal. Ich bin fröhlich; weshalb

mir das nehmen? O, ich bin glücklich hier in dieser schönen Welt.

Bitte!“

Teut zuckte zusammen. Immer, wenn sie in diesem zärtlichen und bittenden

Tone sprach, zögerte er, ihr auch nur durch tadelnden Blick eine

Verstimmung zu bereiten. Wieviel besser verstand er jetzt Claireforts

Zaudern als ehedem! Dieses unschuldsvolle Kind mit seiner sorglosen

Fröhlichkeit und seiner Freude am Leben erschien ihm wie ein eben aus

der Hand des Schöpfers hervorgegangenes Kunstwerk. Und diesen reinen

Spiegel sollte er trüben, gar zersplittern? Aber einmal mußte es doch

geschehen. Er strich wiederholt den Schnurrbart und sagte endlich:

„Liebe Frau Ange! Hören Sie zu. Ich bitte Sie bei unserer Freundschaft

darum.“

Etwas ganz Besonderes mußte es doch sein. In Anges Gesicht trat ein

hilfloser Ausdruck, und ein eigener Glanz schimmerte in ihren sanften

Augen.

„Ich höre!“ sagte sie leise und legte die Hände ineinander.

„Sehen Sie, liebe Ange--Darf ich Sie so nennen?“ Er wandte sich zu ihr,

sah sie fragend an und über sein edles, männliches Gesicht flog ein

hinreißender Zug von Herzensgüte. Und sie nickte mit einer Miene und

bejahte mit einem Blicke, als ob sie ein Engel sei, der einem Sünder

Gottes Verzeihung überbringe.

„Wir kennen uns nun schon fast ein Jahr. Durch Sie hat sich mein Leben

fast ganz verändert. Ich hatte bereits von allem Abschied genommen, was

Haus und Familie heißt, und mich in die Rolle eines alten Junggesellen

hineingefunden. Meine dienstliche Beschäftigung, der Umgang mit den

Kameraden, die Befriedigung allerlei berechtigter und unberechtigter

Passionen, nach Umständen einmal ein Stück ungehinderter Freiheit--ich

könnte ja ganz ein freier Mann sein und meinen Neigungen leben, aber ich

fühle Pflichten in mir gegen mein Vaterland und meinen König--genügte

mir. Da sah ich Sie, Ange; und weshalb sollte ich es verhehlen--ich

liebte Sie bei unserer ersten Begegnung und werde Sie lieben, solange

ein Atem in mir ist.“

Er sah sie nicht an, während er sprach.

Wenn er emporgeschaut hätte, würde er bemerkt haben, daß sie wie

träumend ins Land und in die Ferne schaute; aber er würde auch in ihrem

Angesicht gelesen haben, wie sie alle seine Worte verschlang und wie

die letzten sie erbeben machten.

Ein feuchter Glanz verdunkelte auf Augenblicke ihre Augensterne, und

versteckt strichen ihre kleinen Finger über die Wimpern.

„Aber weil ich Ihnen so gut bin--Sie wie ein Bruder und Freund liebe,“

fuhr Teut fort, „muß ich Ihnen etwas sagen, was Ihr Glück betrifft.“ Und

nun sprach er in langer Rede auf sie ein. Er tadelte und tröstete, er

forderte und flehte. Er teilte ihr Carlos' Worte an jenem Tage mit,

klärte sie über ihre Verhältnisse auf und ließ das Bild einer düsteren,

vielleicht durch ihre Handlungsweise heraufbeschworenen Zukunft vor ihr

Auge treten. Atemlos horchte sie auf und erbebte. Welch drohende,

vernichtende Wolken hingen über ihrem ahnungslosen Haupt! Nachdem er

geendet, saß sie lange stumm und sprach kein Wort. Aber als dann aus

seinem Munde ihr Name drang: „Liebe Ange, liebe Freundin, zürnen Sie

mir?“ da überwältigte sie ihr Gefühl und sie neigte das Haupt und

schluchzte.

Er wagte es: er strich sanft über ihr Haar; er that, als ob er nichts

anderes fühle als Mitleid, nichts anderes geben wolle als Trost, und

doch bedurfte er seiner ganzen Kraft, um sie nicht in dem Ausbruch

unterdrückter Leidenschaft ans Herz zu ziehen.

* * * * *

Am nächsten Tage nach diesem Ausflug traten Clairefort und Teut nach

Tisch--es waren heute ausnahmsweise nur drei Gedecke, da die Kinder

früher speisten--in des ersteren Gemach.

Clairefort schien düsterer als je, es war während der Tafel, bei welcher

Tibet mit seinem geräuschlosen Schritt bedient hatte, fast keine Silbe

über seine Lippen gekommen, und Ange--noch unter dem Eindruck der

jüngsten Unterredung--verhielt sich ebenso einsilbig.

In dem matt erleuchteten, dunkel tapezierten Zimmer kam es Teut heute

fast unheimlich vor. Seltsam schaute der Marmorkopf einer Venus aus dem

Dunkel hervor, und düster starrten ihm die Arabesken aus dem Teppich

entgegen, der den Fußboden bedeckte.

Eine Weile saßen beide Männer rauchend und ohne zu reden, nebeneinander.

Jedem lagen Worte auf der Zunge, keiner wollte zuerst sprechen. Endlich

sagte Clairefort tonlos:

„Sie haben gestern mit Ange gesprochen, Teut?“

Der Angeredete nickte, ohne etwas zu erwidern.

Clairefort wiederholte nun seine Frage.

„Ja,“ sagte Teut, „ich habe mit Ihrer Frau geredet.“

„Was sagte sie, bitte?“

Ohne auf diese Frage unmittelbar zu antworten, entgegnete Teut: „Hat

sie Ihnen keine Mitteilung gemacht?“

„Nun--ja und nein! Sie sprach sehr unzusammenhängend. Sie hing sich an

meinen Hals, weinte und rief: ‚Ich will mich bessern, Carlos!‘ Ich

vermutete, daß diese Äußerung aus dem Gespräch mit Ihnen hervorgegangen

sei. Gesagt hat mir Ange nichts.“

Teut horchte auf.--Wie rührend! Welch eine liebenswürdige Reue lag in

diesen paar Worten!

„Gut! Warten wir also ab, Clairefort!“

„Ja--“ sagte dieser gedehnt und offenbar unbefriedigt.

Jetzt sah Teut Clairefort versteckt ins Auge. Ein verdrossener, nervöser

Zug lag auf seinem Gesicht. Plötzlich stieg in Teut ein beunruhigender

Gedanke auf. War Clairefort eifersüchtig? Was stand ihm und Ange bevor,

wenn seine Vermutung sich betätigte? Und zugleich überfiel ihn ein

gefährlicher Drang, diesen Verdacht zu lösen und zu bekämpfen. Er wollte

Vertrauen, er wollte für Freundschaft und Hingebung nicht Mißtrauen,

Verstimmung--vielleicht weit Schlimmeres noch.

„Clairefort--!“ hob er durch die peinvolle Stille an. „Clairefort, ich

bin Ihr Freund! Sie hatten wohl nie einen aufrichtigeren Freund!

Glauben Sie das?“

Clairefort erhob den Blick und sah Teut verlegen an.

„Ja, lieber Teut! Weshalb fragen, weshalb--beteuern Sie?“

Der letzte Satz kam zögernd hervor. Die Worte verfehlten auch ihre

Wirkung nicht, denn Teut sagte abweisend:

„Ich beteuerte nichts! Ich wollte Ihnen nur einmal, ein einziges Mal,

nachdem Sie mir ein Vertrauen schenkten, das man höchstens etwa seinem

Bruder in ähnlichen Verhältnissen zuwendet, sagen, daß Sie--was immer

sich ereignen könnte--darauf rechnen dürfen, daß ich Ihr wirklicher

Freund bin und stets als ein solcher handeln werde. Verstehen wir uns

jetzt?“

„Ja,“ nickte Clairefort; er schien aber keineswegs überzeugt.

Teut sprang auf. Er trat auf Clairefort zu und faßte seine Hand. „Armer

Clairefort,“ sagte er. „Ich bedauere Sie aus tiefster Seele, um so mehr,

weil ich verstehen kann, was Sie bedrängt. Aber niemals begegnete ein

Mensch einem anderen mit ungerechterem Mißtrauen. Und nun noch einen

Rat, bevor wir heute scheiden. Erleichtern Sie Ihrer Frau die

Entschlüsse. Handeln Sie, Clairefort, und seien Sie dabei ein Mann und

ein wohlwollender Freund zugleich. Verstehen Sie?“

Clairefort antwortete nichts. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner

Brust. Teut wandte sich zur Thür. Als er eben das Zimmer verlassen

wollte, erhob sich ersterer rasch, berührte Teuts Schulter und sagte

leise:

„Verzeihung, Teut! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!“

Die Erinnerung an diesen Vorfall beschäftigte Teuts Gedanken. Aber doch

begriff er eins nicht, und deshalb grübelte er hin und her.

Ange hatte ihm erklärt, die Sorgen ihres Mannes seien sicher

ungerechtfertigte. Schon seine Mutter habe unter dem Wahne gelebt, sie

könne nicht auskommen und sei doch im Besitz eines ungewöhnlich großen

Vermögens gewesen. Dies wäre eine Krankheit aller Claireforts. Es sei

ungenau, behauptete sie, daß die Zinsen nicht genügten, um alle Ausgaben

zu bestreiten. Sie glaube im Gegenteil zu wissen, daß Tibet

vierteljährliche Überschüsse, von denen ganze Familien bequem würden

leben können, zum Banquier trage. Auch habe sie selbst ein völlig

unberührtes, nach ihrem Tode den Kindern zufallendes Vermögen, das

ausreiche, eine Familie mit größeren Ansprüchen zu befriedigen.

Trotzdem gebe sie aber zu, daß ihr Aufwand ein großer sei, daß sie

vieles verschwende, und daß es verständig sei, alles einschränken.

Sie bat Teut, da ihr Mann Geldverhältnisse, wer weiß aus welchen

Gründen, niemals gegen sie berühre, ihn auszuforschen und ihr zu

berichten. Sie könne, fügte sie hinzu, auch Tibet fragen, aber dieser

sei in solchem Punkte stets verschlossen. Zudem erachte sie es als nicht

angemessen, einen Untergebenen zwischen sich und ihren Gemahl zu

stellen.

Bei der nächsten Begegnung zwischen Clairefort und Teut nahm sich

letzterer vor, diesen Punkt schon deshalb durch eine Frage aufzuklären,

weil alle Maßnahmen danach zu treffen waren. Falls Clairefort die

Wahrheit gesprochen, mußte Teut, um nicht auf halbem Wege stehen zu

bleiben, auf sofortige Einschränkungen dringen, und diese konnten doch,

wie die Dinge lagen, nur von Ange ausgehen.

An einem der nächsten Tage, an welchem Clairefort Teut in der alten

herzlichen Weise begegnete, knüpfte letzterer an diesen Zwischenfall an

und sagte:

„Sie haben mich, Clairefort, in Ihre intimsten Verhältnisse eingeweiht.

Ich habe nicht nach den Gründen gefragt. Entweder war es die Folge jenes

natürlichen Dranges, der uns in schweren Nöten zur Mitteilung treibt,

oder Sie erkannten Ihre Machtlosigkeit und fühlten das Bedürfnis, sich

einer Freundeshilfe zu bedienen. Gleichviel! Sie schenkten mir Ihr

Vertrauen, und ich gab Ihnen mein Wort, dieses nach bestem Vermögen zu

rechtfertigen. Unter solchen Umständen ist nun aber völlige Offenheit

eine unbedingte Notwendigkeit.“

In Claireforts Augen blitzte es bei dieser Anrede auf. Eine seltsame

Spannung malte sich in seinen Zügen; offenbar mißdeutete oder

überschätzte er den Sinn der Worte. Teut verstand nicht, was Clairefort

beunruhigte, aber um so mehr beeilte er sich, fortzufahren:

„Eines ist noch der Aufklärung bedürftig,“ sagte er in gelassenem Tone,

„und ich bitte meine Frage nicht als eine ungerechtfertigte Einmischung

zu betrachten. Ange behauptet, daß Sie nur eine übertriebene Sorge

beherrsche, daß Ihre und ihre eigenen Renten so groß seien, daß jährlich

erhebliche Überschüsse aus den Zinsen zurückgelegt werden könnten.“

„Nun,“ rief Clairefort, offenbar erleichtert, aber immerhin erregt, und

in dieser Erregung nur den letzten Äußerungen Teuts Gehör schenkend,

„ich denke, daß wir keine Kinder sind! Es ist, wie ich Ihnen sagte. Mein

Ehrenwort darauf,--das ich indes nur erhärtend hinzufüge, weil die

Behauptung meiner Frau der meinigen gegenübersteht. Durch den Sturz

eines Bankhauses habe ich große Summen verloren, wodurch mein Vermögen

ganz außerordentlich zusammengeschmolzen ist. Das weiß auch Ange, denke

ich--“

„Nein! Sie weiß gar nichts! Aber gut,“ sagte Teut, „wenn dem so ist,

dann werde ich mit Ihrer Erlaubnis handeln!“

* * * * *

Kurze Zeit darauf hatte Teut Gelegenheit, noch einmal mit Ange zu

sprechen. Ein Vorfall, der nur allzu bezeichnend für sie war, gab dazu

Veranlassung. Er trat am Spätnachmittag ins Haus und fand sie bei der

Besichtigung eines seidenen Kleides, das sie gerade der Jungfer mit den

Worten zurückgab: „Nein, auch das geht nicht. Ich werde mir dann für das

Fest ein neues machen lassen und heute noch ausfahren, um den Stoff

auszusuchen.“

„Ich störe wohl, Frau Gräfin--“ hob Teut, rücksichtsvoll ins Zimmer

tretend, an.

Sie schüttelte ihren Kinderkopf, raffte errötend und verlegen allerlei

auf den Stühlen umherliegende Garderobengegenstände auf, schob sie der

Kammerjungfer über den Arm und hieß sie und Erna, welche eben, die Thür

sperrweit offen lassend, ins Zimmer gestürmt kam, gehen.

„Nein, halt! Warten Sie, Charlotte!“ unterbrach sie aber doch ihren

Befehl. „Der Herr Rittmeister mag entscheiden.“

Die Jungfer that, wie ihr gesagt wurde. Sie legte die Kleider auf einen

Stuhl und suchte unter den überreichen Ballroben eine hervor, die sie

ihrer ungeduldig wartenden Herrin überreichte.

„Ich verstehe von Kleidern gar nichts,“ sagte Teut schroff. Es störte

ihn, daß Ange in Gegenwart der Zofe mit ihm dergleichen Dinge besprechen

wollte.

Ange sah ihn mißmutig an, wollte etwas erwidern, unterdrückte aber die

Entgegnung.

Inzwischen nahm Erna eines der Kleider an sich, fuhr mit den Armen

hinein, schob die Schleppe mit den Füßen ungeschickt hin und her, so daß

sie diese mit den bestäubten Schuhen berührte, und rief endlich laut:

„Mama, Mama, sieh einmal!“

„Aber Erna, Erna!“ flehte Ange und eilte erschrocken hinzu. Das Kind

aber hob den seidenen Rock empor, lief rasch davon und rief: „Das müssen

Jorinde und Ange sehen! Nein, nein, ich gebe es nicht!“

Ange ließ denn auch das Kind gehen und machte der Zofe ein Zeichen,

nachzueilen.

Als sie zu Teut emporblickte, begegnete sie seiner mißbilligenden

Miene. „Unverbesserlich sind Sie, liebe Gräfin,“ sagte er und schüttelte

den Kopf.

„Nicht schelten!“ bettelte sie und sah ihn mit ihrem bezaubernden Blicke

an. „Aber doch ernsthaft raten! Sehen Sie, liebster Teut, das ist mein

bestes Kleid, und darin kann ich doch den Ball nicht besuchen, nicht

wahr?“

Allerdings: das Kleid war unverantwortlich behandelt. Die Spitzen, mit

denen man es besetzt hatte, waren zerrissen; die Schleppe war besudelt,

an der Taille fehlten Knöpfe. Im übrigen war der Stoff eine mit

anmutigen Blumenbouquets durchwirkte weiße Seide, einer Königin würdig.

„Man könnte die Robe einer geschickten Schneiderin übergeben, sie mit

neuen Spitzen garnieren und säubern lassen,“ sagte Teut phlegmatisch. Er

war selbst erstaunt über den Umfang seiner Kenntnisse und über seine

praktischen Ratschläge.

„Nein, nein!“ sagte Ange, als ob es sich um ein Puppenkostüm handle.

„Hier ist ja sogar ein großes Loch!“ und sie zeigte ihm den Rock, in

welchem übrigens nur die Naht hinten seitlich eingerissen war.

„Kann genäht werden!“ entschied Teut mit seiner stoischen Ruhe.

„Ach, mit Ihnen über Toilette sprechen! Kommen Sie, Teut! Wir haben

wundervolle Melonen erhalten. Der Frühstückstisch ist gedeckt.“

„Nein,“ sagte er, „erst muß ich Sie sprechen. Heute ist die erste

Lektion.“

Sie sah ihn mit ihrem naiven Blick an, dann glitt ein ungeduldiger

Ausdruck über ihr Gesicht.

„Wieder eine Waldpredigt! Nein, heute mag ich nicht; weshalb quälen Sie

mich! Ach, wie war ich sonst glücklich! Nun stehen Sie neben mir wie ein

Schulmeister; ich bin doch kein Kind mehr!“

„Doch, ja,“ sagte Teut kurz. Und dann weicher: „Sie sind ein Kind, ein

liebes, reizvolles Kind. Aber nun kommen Sie! Lassen Sie uns noch einmal

reden!“

Er stand auf und schloß die Thür. Ange graute bei diesen Vorbereitungen.

„Zuerst, liebe Freundin--bitte, setzen Sie sich doch mir gegenüber, dort

in den Fauteuil“ (sie that es schmollend und zerpflückte eine spät

erblühte weiße Rose, deren Blätter sie auf den Teppich fallen

ließ)--„ein sehr ernstes Wort! Ich habe mit Clairefort gesprochen; es

ist, wie er sagt. Sie besitzen heute nur einen Teil Ihres beiderseitigen

Vermögens.“

Er hielt einen Augenblick inne und beobachtete die Wirkung seiner Worte.

„Und wie ist dies zugegangen?“ fragte Ange mehr neugierig als

erschrocken.

„Ein Banquier, bei dem Clairefort seine Papiere niedergelegt hatte,

mußte seine Zahlungen einstellen. Es ging dort alles verloren.“

„Der arme, arme Clairefort! Ist er sehr betrübt?“ hob sie besorgt an.

Sie forschte ängstlich in Teuts Angesicht; sie dachte nur an ihren Mann,

wie er die Sache aufgenommen, in welcher Stimmung er sei. Ob sie gehen

solle, um ihn zu trösten, ihm zu sagen, daß sie auch fortan sparsamer

sein wolle. Es bliebe dann gewiß noch genug, schloß sie.

„Ja, das ist es. Nun sehen Sie doch ein, daß Sie ganz anders leben

müssen, daß Sie den großen, überflüssigen Hausstand einschränken, die

Kinder regelmäßig in die Schule schicken und sich sorgsamer um Ihre

Wirtschaft bekümmern müssen!“ sagte Teut ernst.

Sie nickte wie ein Kind, das gescholten wird, das voll guter Vorsätze

ist, zerknirscht anhört, was es verbrochen hat, bis Natur und Freiheit,

bis Spiel und Tändelei alles wieder verwischen.

„Das erste wird sein, daß wir auch Tibet ins Vertrauen ziehen. Wir

werden überlegen müssen, wer von der Dienerschaft bleiben kann, welche

Ausgaben überflüssig sind, wie die Geselligkeit zu beschränken, wie

Fuhrwerk und Pferde drunten--“

„Meine himmlischen Pferde auch?“ rief Ange „Und gar die Hunde? Müssen

wir ein anderes Haus, eine andere Wohnung beziehen? Ach, Teut, sagen

Sie, ist's denn so schlimm? Besitzen wir nichts, gar nichts mehr?

Sprechen Sie ein Trostwort!“

Mit tränendem Blick sah sie zu ihm empor und erwartete zitternd seine

Antwort.

Umfang und Bedeutung der eingetretenen Verhältnisse überschätzte sie nun

so sehr, daß sie sich, wie ihre weiteren Fragen ergaben, schon in einem

kleinen, beschränkten Häuschen sah und mit Ängsten an ihre Kinder

dachte, die dadurch Entbehrungen erleiden würden. Teut erkannte besorgt,

welchen Eindruck seine Worte hervorgerufen, welche Schreckbilder er

unbeabsichtigt heraufbeschworen hatte.

„Sie sollen nichts entbehren, liebe Freundin!“ beruhigte er, hingerissen

von Anges Anmut, von ihrem bei alten diesen Erörterungen hervortretenden

selbstlosen Wesen, und strich in heftiger Bewegung den Schnurrbart.

„Nichts, meine teure Freundin! Ich stehe dafür! Nur Überflüssiges,

Thörichtes wollen wir beseitigen. Schon um der Kinder willen werden

wir--“ Er betonte die Worte und stockte.

Sie schaute ihn an. Was lag alles in diesen guten, klugen Augen, die

sich mit solcher Innigkeit auf sie richteten. Und da riß es sie fort;

sie schnellte empor und umschlang den tröstenden Freund in stürmischer

Freude mit ihren Armen.

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür; beide flogen auseinander.

Clairefort aber, der sich zeigte, sagte mit einem eisigen Blick: „Ach,

ich störe wohl?“

„Carlos, Carlos!“ rief Ange, ahnend, daß sich etwas Furchtbares ereignen

würde, und stürmte dem Fortgegangenen nach. Teut aber schlug heftig mit

den Hacken der Reiterstiefel zusammen und seufzte einige Male tief auf.

* * * * *

„Wann kann ich die Ehre haben, Sie zu sprechen?

von Clairefort.“

„Bitte, kommen Sie rasch!

Eine vornehme Frau · 第 3 / 18 题