In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten Jakob Wassermanns
verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in der Art seines künstlerischen
Schaffens, seiner künstlerischen Anschauungen vor sich gegangen. Dieses
stete Sichgleichbleiben in der Auffassung von Menschen und Dingen,
Belebtem und Unbelebtem verrät, daß die melancholisch-düstere, manchmal
seltsame und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener
wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, nicht anempfunden
und verlogen ist. Pseudokünstler lieben es aus gutem Grunde, Masken zu
tragen, die ihr wahres Antlitz verbergen sollen; unwillkürlich aber
fällt zuweilen die Larve und offenbart die uninteressanten Züge eines
vermummten Bluffers.
Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen Schöpfungen, in
Wesentlichem wie Unwesentlichem, Großem wie Kleinem stets sich gleich
geblieben ist, gibt wohl das wahre Abbild seines Denkens und Dichtens,
nicht ein geputztes und geschminktes. So stammt also das Verschleierte
und Nebulose, das Rätselhafte und Versteckte, das Überreizte und
Nervöse, das vielen Figuren seines künstlerischen Schaffens so sehr
eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht in voller
Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in der er sich individuell
mit Menschen und Menschenwerk alter und neuer Zeit psychisch abfindet.
Alter Zeit, der die exotischen Naturen seiner Novellen »Schwestern« und
des Vorspiels der »Juden von Zirndorf« angehören, neuer Zeit, in der die
»Juden von Zirndorf« selbst und die Fortsetzung dieses Romanes, die
»Geschichte der jungen Renate Fuchs« spielen. Die sonderbaren Erlebnisse
der »Schwestern« zu erzählen, die fremdartig anmutenden Frauen Johanna,
Sara und Clarissa kritisch zu analysieren, sei ängstlich und mit Absicht
vermieden: solch Unterfangen hieße mit plumper Hand eingreifen in ein
wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie’s nur ein Meister
dunkler Künste zu dichten vermag. Aber angemerkt sei, daß auch in diesem
neuen Werke die seelische Eigenart Wassermanns, die zehn Jahre vorher
schon im Erstlingswerke des Jugendlichen, den »Juden von Zirndorf«, so
deutlich fühlbar ward, in unverminderter Stärke in Erscheinung tritt;
daß nach wie vor unerschöpft geblieben ist die Gabe, in unserer schweren
deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der schwermütigen und
gepeinigten Seele wiederzugeben, und die Gabe, mit feinem, mit feinstem
Striche die phantastische Silhouette flüchtig vorüberhuschender, eilig
wieder auftauchender Menschen festzuhalten.
(Allgemeine Zeitung, München)
Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen,
unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht,
ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem
Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus
dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen.
Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem
Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues
Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist
das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum,
von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um
es nicht mehr zu vergessen.
(Hannoverscher Kurier)
Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der
Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen
Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen
Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen
Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen
Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen
Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei
phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller
seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – Das historische
Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in Babylon« und diese drei
Novellen bezeichnen für mich bisher die Höhepunkte im Schaffen Jakob
Wassermanns.
(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo)
Diese Geschichten, die etwas Legendäres an sich haben, sind erfüllt von
einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas Grauenhaftes webt in
ihnen, das uns bannt, und wir spüren Fäden aus fernen Welten, die wir
ahnen, aber nicht kennen. Die Novellen sind vorgetragen in einem
ruhigen, kühlen, klaren, ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas
Preziöses an sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich
verbirgt. Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben ist
nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebändigt; der Autor steht über
dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz spricht als vielmehr sein
künstlerisches Bewußtsein. Diese drei Frauengestalten stehen wie ein
paar alte, goldtonige Gemälde vor uns.
(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)
[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage
erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 082: [Komma entfernt] als fürchtete er sie zu zerzausen.,
S. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem
S. 102: [evtl.: »Mundwinkeln«] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
S. 125: [Anführungszeichen ergänzt] »Wir können uns auf einen großen
S. 126: [vereinheitlicht] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
S. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
S. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
S. 148: [Anführungszeichen ergänzt] ist dem Teufel zu schlecht.«
S. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
S. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
S. 237: [Punk ergänzt] und darauf sitzenbleiben.
S. 255: [Anführungszeichen ergänzt] daß du mich liebst«,
S. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
S. 295: [Anführungszeichen] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie
S. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
S. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
S. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?«
S. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersezt:
Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a third
and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below
lists all corrections applied to the original text.
p. 082: [removed extra comma] als fürchtete er sie zu zerzausen.,
p. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem
p. 102: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
p. 125: [added quote] »Wir können uns auf einen großen
p. 126: [normalized] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
p. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
p. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
p. 148: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht.«
p. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
p. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
p. 237: [added period] und darauf sitzenbleiben.
p. 255: [added quote] daß du mich liebst«,
p. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
p. 295: [fixed quote] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie
p. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
p. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
p. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?«
p. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte
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replaced by:
Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua: #text in Antiqua font# ]