Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den
Armen vergraben, daß die Hände sich über dem Kopf verschränkten, saß
Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des
Morgens. Heute war sie dreißig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht
etwa einer unnütz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf
eine gleichgültige Zukunft.
Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mühe wert, darüber
nachzudenken. Es war nichts Außerordentliches in ihrem Leben. Sie
erinnerte sich, daß sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von
einem Tag auf den folgenden hatte freuen können. Auch wenn sie an einem
Ereignis mit Erwartung hing, so wußte sie doch genau, wie weit die
Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurückbleiben würde. Sie
hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein
Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler
das Ende des Stücks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen.
Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der
wenigen Worte, daß sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen
konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte,
ein sicheres Auskommen.
Sie holte den Handspiegel und betrachtete düster ihr Gesicht. Nur von
dem größeren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen
Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhärchen machte
sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhängig, – ohne es zu
wissen, denn sie hielt sich für eine faustisch-unzufriedene Natur.
Schließlich raffte sie sich auf und ging in die Küche. Kaum hatte sie
ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich veränderte wie das einer
Amtsperson, welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die nötigen
Anweisungen für den Tag und als sie über den Korridor zurückging, kam
Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder
von der Kanzlei komme.
Borromeo schüttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Kälte: »Wo in
aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr
früh hast du schon das Haus verlassen und niemand weiß, wohin du gehst.
Ich hätte notwendig hundertfünfzig Gulden für die Schneiderin
gebraucht ...«
Borromeo lachte; das heißt, dies Lachen bestand darin, daß er die Lippen
und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die
Zähne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte
die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der
flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschäftigung verwundert
zu. Dann senkte sie den Kopf. »Seit Tagen verschwindest du in der
geheimnisvollsten Weise, Friedrich«, sagte sie und zwang sich zu einem
Lächeln. »Hast du etwas vor?«
Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen zogen sich zusammen. »Ich
habe etwas vor«, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte
skandierend.
Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht und sagte rasch:
»Valescotts lassen dich grüßen. Ich war gestern nachmittag dort.«
Mit einem Lächeln näherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast
liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurück. Ihre Blicke
begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: »Du
bist sonderbar.«
Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Händen zu
liebkosen. »Was ist eigentlich mit Arnold?« fragte er umhergehend. »Er
meidet uns. Findest du nicht, daß er uns meidet?«
»Ach, – er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus«, warf Frau
Anna gleichgültig hin.
»Es ist nicht nötig, für ihn besorgt zu sein«, sagte Borromeo. »Was ein
richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Tränke.«
»Du hast eine halsstarrige Manier, dich über Arnold zu täuschen«,
entgegnete Anna Borromeo ruhig.
Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lächelte beinahe
träumerisch vor sich hin. »Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?«
fragte er endlich. »Ich glaube, man darf einander ruhig beglückwünschen,
wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich möchte ich dir etwas
mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.«
»Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter
dir hast,« antwortete die Frau mit ersticktem Zorn.
»Ja. Ich bin es müde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu
erdulden. Ich bin es müde. Es ist noch nicht lange her, daß ich zu einer
wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah,
war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in früherer
Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgeführt habe. Deshalb kann
ich nicht länger mittun. Denn unser Leben läuft immer darauf hinaus, daß
wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer
immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen,
sonst geht er zugrunde.«
»Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen«,
sagte Anna Borromeo ernst und geringschätzig. Sie zuckte die Achseln,
als Borromeo schwieg und verließ das Zimmer. Drüben in ihrem eigenen
Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den
neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie
sich daran, Einladungskarten für den Samstagabend zu schreiben. Auch an
Arnold richtete sie eine Karte, zerriß sie aber wieder, nahm statt
dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: »Mein Lieber, dürfen wir
dich für den dreizehnten abends erwarten? Borromeo kränkt sich wieder
einmal über dein Fernbleiben, ich aber finde es natürlich. Ich finde es
natürlich, das hindert aber nicht, daß ich oft mit Scham an dich denke.
Hättest du nicht vergessen, so würde ich dich beschwören: vergiß.
Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu
spielen, sonst hättest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und
Wahrheit spielt man leider nicht, ohne daß es sich an denen rächt, die
daran glauben.« Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und
weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drückte. Sie
weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlußlosigkeit, weinte
darüber, daß ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte
und vor denen sie bestürzt und feige stand, wenn sie gleich
selbständigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie
trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu überblicken,
zerriß sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle
andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute
nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort
und mit Eilpost ab.
Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fühle sich
nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen
italienischen Roman und las.
Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen
schwermütigen Ausdruck.
Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die
Achseln.
»Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?«
»Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns
zuletzt bei Hyrtls Begräbnis gesehen.«
»Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie.«
»Er war ein guter Freund.«
»Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?«
»Schlecht.«
»Du solltest Karriere machen.«
»Wozu? Es lockt mich nicht.«
»Du solltest reich sein.«
»Ich habe genug.«
»Genug? Für dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du
denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heißt
alles Häßliche, Armselige, Störende im Umkreis von zehn Meilen
entfernen. Reich sein heißt, der Phantasie so viel zu geben, daß sie den
Tod vergißt. Ich sehne mich nach Reichtum.«
»Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.«
»Weil ich nichts besitze.«
»Weil du nichts halten kannst.«
»Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.«
»Liebst du denn nicht deinen Mann?«
Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte.
War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Gürtel mit
Smaragden wie sie einen trug, damals ...?
Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an.
»Hast du schon wieder Schulden?« fragte er plötzlich in strengem Ton.
Sie schwieg.
»Sprich doch!«
»Glaubst du, ich rechne auf dich?« versetzte sie kalt. »Ihr seid ja
lauter Krämer.«
Sie brach in Schluchzen aus.
Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen
ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hände als das Schönste, Zarteste,
was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange
und drückte sanft seine Lippen darauf.
Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen
Widerhall gefunden.
Ein wenig später verließ Arnold das Haus. In dem dunklen Bedürfnis nach
freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nächsten
Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener
Waldstationen.
Die Bahn, die auf einem langen Viadukte über Gumpendorf emporführte,
gelangte zu einer Biegung und weit hingedehnt, im graublauen
Dämmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die
Horizontlinie und manche fahle Lampe in einem Haus glich täuschend einem
Stern. Unzählbare Schlöte ragten empor, bleich leuchtend von einem
unsichtbaren Licht. Häusermauern über Häusermauern, angegraut von Asche,
Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit
Löchern, Höfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten und
Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im
Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schweiß riechenden
Mantel des Abends, die Millionen.
Reich sein, reich sein, dachte Arnold.