Einundfünfzigstes Kapitel

Sie gingen in das Speisezimmer. Während des Essens erzählte Hanka, daß

ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstände, die Vereinfachung

seiner Lebensweise nicht viel genützt habe. Er habe noch

Schuldverpflichtungen im Betrag von fünfzehntausend Gulden. Außerdem

stehe noch die Zahlung an seine frühere Gattin aus, und da dürfe er

nicht lange zögern, schaltete er bitter ein, wo die Moralität eine

Geldfrage sei. Er schrecke davor zurück, sich an seine Schwester Agnes

zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die

leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschüttert

werden könne.

Arnold hörte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprächsstoff suchend,

erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn

zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich:

»Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?«

Arnold zuckte die Achseln. »Der Mann lügt«, sagte er kalt. »Nicht der

Tat nach, sondern dem Gefühl nach.«

»So lügt man nicht«, antwortete Hanka kopfschüttelnd. »In früherer Zeit

bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg.

Er ist ein gutmütiger Mensch.«

»Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit«, sagte Arnold lebhaft, »er würde

mit Vergnügen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben

könnte.«

Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich überrascht ins Gesicht.

»Sie sind ja ein Psycholog«, erwiderte er. »Aber das ist eigentlich

nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und

einen Menschen für alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.«

Arnold wollte etwas entgegnen, doch es läutete draußen, und darnach kam

der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.

Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und

setzte sich. »Kinder, wenn ihr wüßtet, was es heißt, allein zu sein!«

sagte er mit einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen

versuchte. »Man sieht Gesichter in der Luft, die Wände schrumpfen

zusammen, das Zimmer wird bodenlos.« Hyrtls Augen lagen tief und irrten

angstvoll in den Höhlen, und auf der Stirne brach beständig Schweiß

hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka

hörte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen

Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dünnen

Kegeln emporblies.

»Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster?« wandte sich Hyrtl an Arnold

und in seinem Blick glühte ehrliche Freundschaft, rührende Hingebung. Er

sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei

zumut wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben

sieht.

»Gut, sehr gut«, antwortete Arnold trocken. »Und Sie, Sie sind krank wie

immer. Raffen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen

schädlich ist? Welche Widersprüche!«

Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr nützen könne.

»Jetzt ist mir wieder wohl«, sagte er. »Ich habe meinen Arzt betrogen

und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts mir gut. Nun,

was wollen Sie, ich bin ein Schwächling. Und Sie, Doktor«, wandte er

sich an Hanka, »was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch«,

bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rücksichtslos ins

Gesicht zu loben. »Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wäre, für Hanka

müßte man es erfinden.«

Errötend, wirklich errötend, legte Hanka ein Bein über das andere.

Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, daß ihm Tränen in die Augen

traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zärtlich um Arnolds Nacken

und tätschelte dessen Wange. »Erinnern Sie sich an unsere hübschen

Abende?« fragte er. »Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch

eine Schönheit! Wo ist sie? wo ist Verena?«

»Sie sind wieder einmal kindisch«, sagte Arnold mit einem fast drohenden

Blick und schob Hyrtl von sich weg.

»Ich sehne mich nach einem Stück Wald«, sagte Hyrtl umhergehend, »und

ich möchte für mein Leben gern mit euch beiden morgen Mittag über Land

fahren. Mein Wagen steht zur Verfügung, wir essen draußen in aller

Gemütlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so

finster ...!«

Arnold schüttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz

und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. »Ich wäre gern mit

Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da draußen ist noch ein

Spielplatz, auf dem ich als Kind fast täglich herumtrieb. Ich erinnere

mich, ich hatte ein weißes Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach,

denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es

waren natürlich nur Sägespäne da, wie bei manchem unserer wackeren

Mitbürger.« Er lachte. »Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, – ach!

Sie war ein Bäckertöchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich

von ihr vernachlässigt und sagte zu ihr: Sophie, heut muß ich sterben.

Darauf lachte sie verächtlich und gab mir zur Antwort: Menschen sterben

nicht, du Dummkopf.«

»Na, fahren wir doch mit ihm hinaus«, sagte Hanka gutmütig.

»Ja, tun Sie es!« rief Hyrtl. »Tun Sies, Arnold! Wenn Sie wüßten wie

gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal für mich. Wenn ich wieder

anfangen dürfte zu leben, möcht ich so sein wie Sie.«

Endlich ließ sich Arnold bewegen und Hyrtl ging zufrieden fort, von

Hanka begleitet.

Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig

in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flüsterte:

»Der gnädige Herr schläft noch.«

Arnold war entrüstet. Die Tür des Schlafzimmers weit öffnend, rief er:

»Auf! auf! Langschläfer! der schönste Tag!«

Hyrtl lag mit friedlichem Lächeln im Bett und rührte sich nicht. Der

Diener stand mißbilligend unter der Türe, näherte sich langsam, beugte

sich über das Bett und ergriff die Hand des Schläfers. Plötzlich rief er

schluchzend: »Der gnädige Herr!« und fiel neben dem Bett auf die Knie.

Hanka hielt sich an den Messingknöpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein

Gesicht war grünlich bleich geworden. Arnold schrie: »Laufen Sie zum

Arzt!« Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl.

Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam

der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, daß der Tod schon vor

Stunden eingetreten sein müsse, ein Herzschlag während des Schlafes.

Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr

Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen hätten, eine Stunde lang

nicht zu lachen. Arnold und Hanka verständigten sich durch ein Zeichen

und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold

fürchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er fürchtete ebenso sehr, daß

Hanka ihn jetzt allein lassen könnte. Plötzlich blieb er stehen und

sagte: »Hören Sie Hanka, ich habe mir das überlegt, was Sie mir gestern

erzählt haben. Sie sind in einer mißlichen Lage und ich kann Ihnen

leicht die fünfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.«

Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. Aha, dachte er

betrübt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. »Ich

danke Ihnen«, sagte er kalt, »ich brauche es nicht.«

Noch gestern und er hätte das Geld angenommen. Sein Herz wünschte sich

in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als hätte ihn eine gespensterhafte

Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verächtlichen Augen blickte

er vor sich hin und stieß sein leer gewordenes Schifflein gleichgültig

ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon

von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander.

Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte

Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur muß der Sinn, aus dem sie

geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies

Arnold zu sagen.

Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen.

Die Außentüre stand offen. Kränze lagen im Flur. Sie wollten in das

Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds

Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die

angelehnte Tür sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit

natürlicher Verehrung über die Leiche beugte und die Hand des Herrn

küßte.

Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. »Gute Nacht«,

sagte Hanka, als sie draußen waren. »Sehen Sie, nicht einmal so viel war

er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.«

Hanka ging nach Hause.

Der Moloch · 第 63 / 84 题