Druck von Paul Gerin, Wien.
Vorwort zur dritten Auflage.
Nachdem ich durch ein Jahrzehnt Aufnahme und Wirkung dieses Buches
beobachtet, möchte ich dessen dritte Auflage mit einigen Vorbemerkungen
versehen, die gegen Mißverständnisse und unerfüllbare Ansprüche an
dasselbe gerichtet sind. Es sei also vor allem betont, daß die
Darstellung hierin durchweg von der alltäglichen ärztlichen Erfahrung
ausgeht, welche durch die Ergebnisse der psychoanalytischen Untersuchung
vertieft und wissenschaftlich bedeutsam gemacht werden soll. Die drei
»Abhandlungen zur Sexualtheorie« können nichts anderes enthalten, als
was die Psychoanalyse anzunehmen nötigt oder zu bestätigen gestattet. Es
ist darum ausgeschlossen, daß sie sich jemals zu einer »Sexualtheorie«
erweitern ließen, und begreiflich, daß sie zu manchen wichtigen
Problemen des Sexuallebens überhaupt nicht Stellung nehmen. Man wolle
aber darum nicht glauben, daß diese übergangenen Kapitel des großen
Themas dem Autor unbekannt geblieben sind oder von ihm als nebensächlich
vernachlässigt wurden.
Die Abhängigkeit dieser Schrift von den psychoanalytischen Erfahrungen,
die zu ihrer Abfassung angeregt haben, zeigt sich aber nicht nur in der
Auswahl, sondern auch in der Anordnung des Stoffes. Überall wird ein
gewisser Instanzenzug eingehalten, werden die akzidentellen Momente
vorangestellt, die dispositionellen im Hintergrunde gelassen und wird
die ontogenetische Entwicklung vor der phylogenetischen berücksichtigt.
Das Akzidentelle spielt nämlich die Hauptrolle in der Analyse, es wird
durch sie fast restlos bewältigt; das Dispositionelle kommt erst hinter
ihm zum Vorschein als etwas, was durch das Erleben geweckt wird, dessen
Würdigung aber weit über das Arbeitsgebiet der Psychoanalyse
hinausführt.
Ein ähnliches Verhältnis beherrscht die Relation zwischen Onto- und
Phylogenese. Die Ontogenese kann als eine Wiederholung der Phylogenese
angesehen werden, soweit diese nicht durch ein rezenteres Erleben
abgeändert wird. Die phylogenetische Anlage macht sich hinter dem
ontogenetischen Vorgang bemerkbar. Im Grunde aber ist die Disposition
eben der Niederschlag eines früheren Erlebens der Art, zu welchem das
neuere Erleben des Einzelwesens als Summe der akzidentellen Momente
hinzukommt.
Neben der durchgängigen Abhängigkeit von der psychoanalytischen
Forschung muß ich die vorsätzliche Unabhängigkeit von der biologischen
Forschung als Charakter dieser meiner Arbeit hervorheben. Ich habe es
sorgfältig vermieden, wissenschaftliche Erwartungen aus der allgemeinen
Sexualbiologie oder aus der spezieller Tierarten in das Studium
einzutragen, welches uns an der Sexualfunktion des Menschen durch die
Technik der Psychoanalyse ermöglicht wird. Mein Ziel war allerdings zu
erkunden, wieviel zur Biologie des menschlichen Sexuallebens mit den
Mitteln der psychologischen Erforschung zu erraten ist; ich durfte auf
Anschlüsse und Übereinstimmungen hinweisen, die sich bei dieser
Untersuchung ergaben, aber ich brauchte mich nicht beirren zu lassen,
wenn die psychoanalytische Methode in manchen wichtigen Punkten zu
Ansichten und Ergebnissen führte, die von den bloß biologisch gestützten
erheblich abwichen.
Ich habe in dieser dritten Auflage reichliche Einschaltungen
vorgenommen, aber darauf verzichtet, dieselben wie in der vorigen
Auflage durch besondere Zeichen kenntlich zu machen. -- Die
wissenschaftliche Arbeit auf unserem Gebiete hat gegenwärtig ihre
Fortschritte verlangsamt, doch waren gewisse Ergänzungen dieser Schrift
unentbehrlich, wenn sie mit der neueren psychoanalytischen Literatur in
Fühlung bleiben sollte.
_Wien_, im Oktober 1914.
Vorwort zur vierten Auflage.
Nachdem die Fluten der Kriegszeit sich verzogen haben, darf man mit
Befriedigung feststellen, daß das Interesse für die psychoanalytische
Forschung in der großen Welt ungeschädigt geblieben ist. Doch haben
nicht alle Teile der Lehre das gleiche Schicksal erfahren. Die rein
psychologischen Aufstellungen und Ermittlungen der Psychoanalyse über
das Unbewußte, die Verdrängung, den Konflikt, der zur Krankheit führt,
den Krankheitsgewinn, die Mechanismen der Symptombildung u. a. erfreuen
sich wachsender Anerkennung und finden selbst bei prinzipiellen Gegnern
Beachtung. Das an die Biologie angrenzende Stück der Lehre, dessen
Grundlage in dieser kleinen Schrift gegeben wird, ruft noch immer
unverminderten Widerspruch hervor und hat selbst Personen, die sich eine
Zeitlang intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt hatten, zum Abfall
von ihr und zu neuen Auffassungen bewogen, durch welche die Rolle des
sexuellen Momentes für das normale und krankhafte Seelenleben wieder
eingeschränkt werden sollte.
Ich kann mich trotzdem nicht zur Annahme entschließen, daß dieser Teil
der psychoanalytischen Lehre sich von der zu erratenden Wirklichkeit
viel weiter entfernen könnte als der andere. Erinnerung und immer wieder
von neuem wiederholte Prüfung sagen mir, daß er aus ebenso sorgfältiger
und erwartungsloser Beobachtung hervorgegangen ist und die Erklärung
jener Dissoziation in der öffentlichen Anerkennung bereitet keine
Schwierigkeiten. Erstens können nur solche Forscher die hier
beschriebenen Anfänge des menschlichen Sexuallebens bestätigen, die
Geduld und technisches Geschick genug besitzen, um die Analyse bis in
die ersten Kindheitsjahre des Patienten vorzutragen. Es fehlt häufig
auch an der Möglichkeit hiezu, da das ärztliche Handeln eine scheinbar
raschere Erledigung des Krankheitsfalles verlangt. Andere aber als
Ärzte, welche die Psychoanalyse üben, haben überhaupt keinen Zugang zu
diesem Gebiet und keine Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden, das der
Beeinflussung durch ihre eigenen Abneigungen und Vorurteile entzogen
wäre. Verstünden es die Menschen, aus der direkten Beobachtung der
Kinder zu lernen, so hätten diese drei Abhandlungen überhaupt
ungeschrieben bleiben können.
Dann aber muß man sich daran erinnern, daß einiges vom Inhalt dieser
Schrift, die Betonung der Bedeutung des Sexuallebens für alle
menschlichen Leistungen und die hier versuchte Erweiterung des Begriffes
der Sexualität, von jeher die stärksten Motive für den Widerstand gegen
die Psychoanalyse abgegeben hat. In dem Bedürfnis nach volltönenden
Schlagworten ist man soweit gegangen, von dem »Pansexualismus« der
Psychoanalyse zu reden und ihr den unsinnigen Vorwurf zu machen, sie
erkläre »alles« aus der Sexualität. Man könnte sich darüber verwundern,
wenn man imstande wäre, an die verwirrende und vergeßlich machende
Wirkung affektiver Momente selbst zu vergessen. Denn der Philosoph
_Artur Schopenhauer_ hat bereits vor geraumer Zeit den Menschen
vorgehalten, in welchem Maß ihr Tun und Trachten durch sexuelle
Strebungen -- im gewohnten Sinne des Wortes -- bestimmt wird, und eine
Welt von Lesern sollte doch unfähig gewesen sein, sich eine so packende
Mahnung so völlig aus dem Sinne zu schlagen! Was aber die »Ausdehnung«
des Begriffes der Sexualität betrifft, die durch die Analyse von Kindern
und von sogenannten Perversen notwendig wird, so mögen alle, die von
ihrem höheren Standpunkt verächtlich auf die Psychoanalyse herabschauen,
sich erinnern lassen, wie nahe die erweiterte Sexualität der
Psychoanalyse mit dem _Eros_ des göttlichen Plato zusammentrifft. (S.
_Nachmansohn_, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Platos,
Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse. III, 1915.)
_Wien_, im Mai 1920.
Inhaltsangabe.