Verlags-Nr. 2724

Druck von Paul Gerin, Wien.

Vorwort zur dritten Auflage.

Nachdem ich durch ein Jahrzehnt Aufnahme und Wirkung dieses Buches

beobachtet, möchte ich dessen dritte Auflage mit einigen Vorbemerkungen

versehen, die gegen Mißverständnisse und unerfüllbare Ansprüche an

dasselbe gerichtet sind. Es sei also vor allem betont, daß die

Darstellung hierin durchweg von der alltäglichen ärztlichen Erfahrung

ausgeht, welche durch die Ergebnisse der psychoanalytischen Untersuchung

vertieft und wissenschaftlich bedeutsam gemacht werden soll. Die drei

»Abhandlungen zur Sexualtheorie« können nichts anderes enthalten, als

was die Psychoanalyse anzunehmen nötigt oder zu bestätigen gestattet. Es

ist darum ausgeschlossen, daß sie sich jemals zu einer »Sexualtheorie«

erweitern ließen, und begreiflich, daß sie zu manchen wichtigen

Problemen des Sexuallebens überhaupt nicht Stellung nehmen. Man wolle

aber darum nicht glauben, daß diese übergangenen Kapitel des großen

Themas dem Autor unbekannt geblieben sind oder von ihm als nebensächlich

vernachlässigt wurden.

Die Abhängigkeit dieser Schrift von den psychoanalytischen Erfahrungen,

die zu ihrer Abfassung angeregt haben, zeigt sich aber nicht nur in der

Auswahl, sondern auch in der Anordnung des Stoffes. Überall wird ein

gewisser Instanzenzug eingehalten, werden die akzidentellen Momente

vorangestellt, die dispositionellen im Hintergrunde gelassen und wird

die ontogenetische Entwicklung vor der phylogenetischen berücksichtigt.

Das Akzidentelle spielt nämlich die Hauptrolle in der Analyse, es wird

durch sie fast restlos bewältigt; das Dispositionelle kommt erst hinter

ihm zum Vorschein als etwas, was durch das Erleben geweckt wird, dessen

Würdigung aber weit über das Arbeitsgebiet der Psychoanalyse

hinausführt.

Ein ähnliches Verhältnis beherrscht die Relation zwischen Onto- und

Phylogenese. Die Ontogenese kann als eine Wiederholung der Phylogenese

angesehen werden, soweit diese nicht durch ein rezenteres Erleben

abgeändert wird. Die phylogenetische Anlage macht sich hinter dem

ontogenetischen Vorgang bemerkbar. Im Grunde aber ist die Disposition

eben der Niederschlag eines früheren Erlebens der Art, zu welchem das

neuere Erleben des Einzelwesens als Summe der akzidentellen Momente

hinzukommt.

Neben der durchgängigen Abhängigkeit von der psychoanalytischen

Forschung muß ich die vorsätzliche Unabhängigkeit von der biologischen

Forschung als Charakter dieser meiner Arbeit hervorheben. Ich habe es

sorgfältig vermieden, wissenschaftliche Erwartungen aus der allgemeinen

Sexualbiologie oder aus der spezieller Tierarten in das Studium

einzutragen, welches uns an der Sexualfunktion des Menschen durch die

Technik der Psychoanalyse ermöglicht wird. Mein Ziel war allerdings zu

erkunden, wieviel zur Biologie des menschlichen Sexuallebens mit den

Mitteln der psychologischen Erforschung zu erraten ist; ich durfte auf

Anschlüsse und Übereinstimmungen hinweisen, die sich bei dieser

Untersuchung ergaben, aber ich brauchte mich nicht beirren zu lassen,

wenn die psychoanalytische Methode in manchen wichtigen Punkten zu

Ansichten und Ergebnissen führte, die von den bloß biologisch gestützten

erheblich abwichen.

Ich habe in dieser dritten Auflage reichliche Einschaltungen

vorgenommen, aber darauf verzichtet, dieselben wie in der vorigen

Auflage durch besondere Zeichen kenntlich zu machen. -- Die

wissenschaftliche Arbeit auf unserem Gebiete hat gegenwärtig ihre

Fortschritte verlangsamt, doch waren gewisse Ergänzungen dieser Schrift

unentbehrlich, wenn sie mit der neueren psychoanalytischen Literatur in

Fühlung bleiben sollte.

_Wien_, im Oktober 1914.

Vorwort zur vierten Auflage.

Nachdem die Fluten der Kriegszeit sich verzogen haben, darf man mit

Befriedigung feststellen, daß das Interesse für die psychoanalytische

Forschung in der großen Welt ungeschädigt geblieben ist. Doch haben

nicht alle Teile der Lehre das gleiche Schicksal erfahren. Die rein

psychologischen Aufstellungen und Ermittlungen der Psychoanalyse über

das Unbewußte, die Verdrängung, den Konflikt, der zur Krankheit führt,

den Krankheitsgewinn, die Mechanismen der Symptombildung u. a. erfreuen

sich wachsender Anerkennung und finden selbst bei prinzipiellen Gegnern

Beachtung. Das an die Biologie angrenzende Stück der Lehre, dessen

Grundlage in dieser kleinen Schrift gegeben wird, ruft noch immer

unverminderten Widerspruch hervor und hat selbst Personen, die sich eine

Zeitlang intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt hatten, zum Abfall

von ihr und zu neuen Auffassungen bewogen, durch welche die Rolle des

sexuellen Momentes für das normale und krankhafte Seelenleben wieder

eingeschränkt werden sollte.

Ich kann mich trotzdem nicht zur Annahme entschließen, daß dieser Teil

der psychoanalytischen Lehre sich von der zu erratenden Wirklichkeit

viel weiter entfernen könnte als der andere. Erinnerung und immer wieder

von neuem wiederholte Prüfung sagen mir, daß er aus ebenso sorgfältiger

und erwartungsloser Beobachtung hervorgegangen ist und die Erklärung

jener Dissoziation in der öffentlichen Anerkennung bereitet keine

Schwierigkeiten. Erstens können nur solche Forscher die hier

beschriebenen Anfänge des menschlichen Sexuallebens bestätigen, die

Geduld und technisches Geschick genug besitzen, um die Analyse bis in

die ersten Kindheitsjahre des Patienten vorzutragen. Es fehlt häufig

auch an der Möglichkeit hiezu, da das ärztliche Handeln eine scheinbar

raschere Erledigung des Krankheitsfalles verlangt. Andere aber als

Ärzte, welche die Psychoanalyse üben, haben überhaupt keinen Zugang zu

diesem Gebiet und keine Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden, das der

Beeinflussung durch ihre eigenen Abneigungen und Vorurteile entzogen

wäre. Verstünden es die Menschen, aus der direkten Beobachtung der

Kinder zu lernen, so hätten diese drei Abhandlungen überhaupt

ungeschrieben bleiben können.

Dann aber muß man sich daran erinnern, daß einiges vom Inhalt dieser

Schrift, die Betonung der Bedeutung des Sexuallebens für alle

menschlichen Leistungen und die hier versuchte Erweiterung des Begriffes

der Sexualität, von jeher die stärksten Motive für den Widerstand gegen

die Psychoanalyse abgegeben hat. In dem Bedürfnis nach volltönenden

Schlagworten ist man soweit gegangen, von dem »Pansexualismus« der

Psychoanalyse zu reden und ihr den unsinnigen Vorwurf zu machen, sie

erkläre »alles« aus der Sexualität. Man könnte sich darüber verwundern,

wenn man imstande wäre, an die verwirrende und vergeßlich machende

Wirkung affektiver Momente selbst zu vergessen. Denn der Philosoph

_Artur Schopenhauer_ hat bereits vor geraumer Zeit den Menschen

vorgehalten, in welchem Maß ihr Tun und Trachten durch sexuelle

Strebungen -- im gewohnten Sinne des Wortes -- bestimmt wird, und eine

Welt von Lesern sollte doch unfähig gewesen sein, sich eine so packende

Mahnung so völlig aus dem Sinne zu schlagen! Was aber die »Ausdehnung«

des Begriffes der Sexualität betrifft, die durch die Analyse von Kindern

und von sogenannten Perversen notwendig wird, so mögen alle, die von

ihrem höheren Standpunkt verächtlich auf die Psychoanalyse herabschauen,

sich erinnern lassen, wie nahe die erweiterte Sexualität der

Psychoanalyse mit dem _Eros_ des göttlichen Plato zusammentrifft. (S.

_Nachmansohn_, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Platos,

Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse. III, 1915.)

_Wien_, im Mai 1920.

Inhaltsangabe.

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie · 第 2 / 13 题