23. XII. 15.

Liebe Lisbeth,

was für einen netten Weihnachtsgruß hast Du mir wieder geschickt! Dank

für alle Deine Liebe, die so schön aus Deinen guten Briefen und

Sendungen spricht. Ich verstehe gut, daß Dir die Weihnachtstage mehr

Qual und Wehmut bringen als Freude, -- wenn Dir nicht die strahlenden

Gesichter von Walterchen und Wolfgang alles Weh überstrahlen. Ich habe

zuweilen eine wahre Sehnsucht nach diesen beiden kleinen Buben, ähnlich

wie zu den Kinderchen von Legros, die mich in meinem Urlaub kürzlich so

gefreut haben. Ihr Beide habt wirklich ein Lebenspfand in der Hand, das

manchen tiefen Schmerz aufwiegen kann. Maria zeigte mir eine

Photographie von Walterchen und Wolfgang -- ich war ganz ergriffen von

der Schönheit von Walterchen, und Wolfgang, der noch zu vögelchenhaft

klein ist zur Schönheit, hat ein so lieblich sanftes Kindergesicht! Es

werden schon wieder gute Stunden kommen, in denen wir um den runden

Kirschbaumtisch sitzen und Glasbilder pinseln -- dann muß eben

Walterchen auf August's Stuhl sitzen und mitmachen.

Maria schrieb mir davon, daß sie von Dir aufgefordert wurde nach Bonn zu

kommen; ich glaub, sie scheut etwas die Reisekosten, obwohl wir jetzt

gar nicht besonders unsicher mit dem Gelde stehen; ich werde ihr zureden

und ihr wenigstens diesen Hinderungsgrund etwas ausreden, aber

vielleicht hält sie auch anderes zurück, -- die Sorge das Haus zu lang

allein zu lassen, und vielleicht auch der Gedanke Dir keine aufmunternde

und heilsame Gesellschaft zu sein, da sie jetzt sehr schwarzseherisch

und melancholisch gestimmt ist; ich freu mich jedenfalls, wenn sie Dich

besucht, aber ich dränge in diesen Fragen zu nichts. Aber das hoffe ich

heute schon: daß wir Dich mit Deinen beiden Bübchen nach dem Krieg

zuweilen bei uns sehen!

Grüße Moilliet, ich gratuliere herzlich zu seinen Erfolgen; hoffentlich

ziehen sie andere nach sich, wie es doch meist ist.

Wir sind ganz unerwartet in Armeereserve für circa einen Monat

zurückgezogen worden und können unseren Soldaten morgen ein ganz

gemütliches Weihnachten richten. Grüße Deine Lieben alle recht herzlich

von mir; gib Walter und Wolfgang einen Kuß von ihrem Onkel. In

herzlicher Liebe

Dein

Franz Marc.

Der Spitzweg ist reizend! dies köstlich törichte Einst und dies sinnlos

grauenvolle Jetzt!

_Hagéville_, 25. X. 14.

_August Macke_ +.

Das Blutopfer, das die erregte Natur den Völkern in großen Kriegen

abfordert, bringen diese in tragischer, reueloser Begeisterung.

Die Gesamtheit reicht sich in Treue die Hände und trägt stolz, unter

Siegesklängen den Verlust.

Der Einzelne, dem der Krieg das liebste Menschengut gemordet hat, würgt

in der Stille die Thränen hinunter; der Jammer kriecht wie der Schatten

hinter den Mauern. Das Licht der Öffentlichkeit kann und soll ihn nicht

sehen; denn die Gesundheit des Ganzen will es so.

Aber die große Rechnung des Krieges ist mit alledem nicht beglichen. Das

grausame Ende kommt schleichend, langsam, sicher nach, in Zeiten, in

denen der Quell des Leides nur mehr langsam rinnt.

Dieses Furchtbare ist der Zufall des Einzeltodes, der mit jeder

tötlichen Kugel das spätere Geschick des Volkes unerbittlich bestimmt

und verschiebt. Im Kriege sind wir alle gleich. Aber unter tausend

Braven trifft eine Kugel einen _Unersetzlichen_. Mit seinem Tode wird

der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht.

Wieviele und schreckliche Verstümmelungen mag dieser grausame Krieg

unsrer zukünftigen Kultur gebracht haben? Wie mancher junge Geist mag

gemordet sein, den wir nicht kannten und der unsre Zukunft in sich trug.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 156 / 158 题