Liebe Lisbeth,
was für einen netten Weihnachtsgruß hast Du mir wieder geschickt! Dank
für alle Deine Liebe, die so schön aus Deinen guten Briefen und
Sendungen spricht. Ich verstehe gut, daß Dir die Weihnachtstage mehr
Qual und Wehmut bringen als Freude, -- wenn Dir nicht die strahlenden
Gesichter von Walterchen und Wolfgang alles Weh überstrahlen. Ich habe
zuweilen eine wahre Sehnsucht nach diesen beiden kleinen Buben, ähnlich
wie zu den Kinderchen von Legros, die mich in meinem Urlaub kürzlich so
gefreut haben. Ihr Beide habt wirklich ein Lebenspfand in der Hand, das
manchen tiefen Schmerz aufwiegen kann. Maria zeigte mir eine
Photographie von Walterchen und Wolfgang -- ich war ganz ergriffen von
der Schönheit von Walterchen, und Wolfgang, der noch zu vögelchenhaft
klein ist zur Schönheit, hat ein so lieblich sanftes Kindergesicht! Es
werden schon wieder gute Stunden kommen, in denen wir um den runden
Kirschbaumtisch sitzen und Glasbilder pinseln -- dann muß eben
Walterchen auf August's Stuhl sitzen und mitmachen.
Maria schrieb mir davon, daß sie von Dir aufgefordert wurde nach Bonn zu
kommen; ich glaub, sie scheut etwas die Reisekosten, obwohl wir jetzt
gar nicht besonders unsicher mit dem Gelde stehen; ich werde ihr zureden
und ihr wenigstens diesen Hinderungsgrund etwas ausreden, aber
vielleicht hält sie auch anderes zurück, -- die Sorge das Haus zu lang
allein zu lassen, und vielleicht auch der Gedanke Dir keine aufmunternde
und heilsame Gesellschaft zu sein, da sie jetzt sehr schwarzseherisch
und melancholisch gestimmt ist; ich freu mich jedenfalls, wenn sie Dich
besucht, aber ich dränge in diesen Fragen zu nichts. Aber das hoffe ich
heute schon: daß wir Dich mit Deinen beiden Bübchen nach dem Krieg
zuweilen bei uns sehen!
Grüße Moilliet, ich gratuliere herzlich zu seinen Erfolgen; hoffentlich
ziehen sie andere nach sich, wie es doch meist ist.
Wir sind ganz unerwartet in Armeereserve für circa einen Monat
zurückgezogen worden und können unseren Soldaten morgen ein ganz
gemütliches Weihnachten richten. Grüße Deine Lieben alle recht herzlich
von mir; gib Walter und Wolfgang einen Kuß von ihrem Onkel. In
herzlicher Liebe
Dein
Franz Marc.
Der Spitzweg ist reizend! dies köstlich törichte Einst und dies sinnlos
grauenvolle Jetzt!
_Hagéville_, 25. X. 14.
_August Macke_ +.
Das Blutopfer, das die erregte Natur den Völkern in großen Kriegen
abfordert, bringen diese in tragischer, reueloser Begeisterung.
Die Gesamtheit reicht sich in Treue die Hände und trägt stolz, unter
Siegesklängen den Verlust.
Der Einzelne, dem der Krieg das liebste Menschengut gemordet hat, würgt
in der Stille die Thränen hinunter; der Jammer kriecht wie der Schatten
hinter den Mauern. Das Licht der Öffentlichkeit kann und soll ihn nicht
sehen; denn die Gesundheit des Ganzen will es so.
Aber die große Rechnung des Krieges ist mit alledem nicht beglichen. Das
grausame Ende kommt schleichend, langsam, sicher nach, in Zeiten, in
denen der Quell des Leides nur mehr langsam rinnt.
Dieses Furchtbare ist der Zufall des Einzeltodes, der mit jeder
tötlichen Kugel das spätere Geschick des Volkes unerbittlich bestimmt
und verschiebt. Im Kriege sind wir alle gleich. Aber unter tausend
Braven trifft eine Kugel einen _Unersetzlichen_. Mit seinem Tode wird
der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht.
Wieviele und schreckliche Verstümmelungen mag dieser grausame Krieg
unsrer zukünftigen Kultur gebracht haben? Wie mancher junge Geist mag
gemordet sein, den wir nicht kannten und der unsre Zukunft in sich trug.