Meine liebe, gute Lisbeth,
wie lieb von Dir, immer wieder so freundlich meiner zu gedenken; ich bin
sehr schreibeunlustig geworden -- die Welt, die Arbeit und die Liebe,
alles rückt so traumhaft fern in diesem endlosen lieblosen Kriege!! Ich
schrieb in den letzten Monaten fast nur mehr Maria und meiner Mutter,
aber meine Gedanken irren eigentlich in einem nirgendwo, unstät,
unproduktiv, voll Haß gegen diesen Krieg; und was mir diesen Zustand
besonders unheimlich macht: ich werde ein immer besserer -- Soldat! Ich
kenne mich oft nicht wieder; wir Männer sind ein merkwürdiges
Geschlecht. Der Krieg vermännlicht uns leider noch mehr, ich kann mir
Euch Frauen kaum mehr vorstellen; und daß es Kinder gibt und
Kinderleben! -- Wie mag es dem armen Helmuth ergehen? Er ist in
gefährlichster Nähe der großen Offensive. Ich selbst kann über nichts
klagen; ich bin jetzt Offizierstellvertreter und werde in Bälde Offizier
sein; das erleichtert natürlich mein Leben äußerlich sehr, aber die
geistige Luft, in der ich nur mühsam atme, wird dadurch nur noch
»dicker«. Dabei »genieße« ich den unbestrittenen Ruf eines
»vorzüglichen« Soldaten. Ich bin es sogar. -- Das ist das Groteske
meines jetzigen Lebens.
Sei nicht ungehalten und erschrocken, daß ich Dir nichts lieberes,
ruhigeres zu sagen habe; ich möchte Dein liebes Gesicht streicheln und
Wolfgängchen auf den Knien haben; hoffentlich kommen für uns Männer auch
solche Zeiten wieder, nach diesen Jahren des gemeinsten Menschenfangs,
dem wir uns ergeben haben. Wie haltet Ihr Frauen eigentlich diese tolle
Epoche aus? Das frag ich mich oft. Du Ärmste hast das größte Opfer
gebracht, -- Deine Ruhe kann ich verstehen -- aber so viele andere??
Maria leidet sehr bitterlich und ich wage ihr kaum zu sagen wie gut ich
sie dabei verstehe, um ihre Seele nicht noch mehr gegen diesen Krieg
aufzubringen. Das soll nun ein Brief an Dich sein!! Verzeih mir ihn. Ich
bin zu keinem anderen fähig.