5. X. 15.

Meine liebe, gute Lisbeth,

wie lieb von Dir, immer wieder so freundlich meiner zu gedenken; ich bin

sehr schreibeunlustig geworden -- die Welt, die Arbeit und die Liebe,

alles rückt so traumhaft fern in diesem endlosen lieblosen Kriege!! Ich

schrieb in den letzten Monaten fast nur mehr Maria und meiner Mutter,

aber meine Gedanken irren eigentlich in einem nirgendwo, unstät,

unproduktiv, voll Haß gegen diesen Krieg; und was mir diesen Zustand

besonders unheimlich macht: ich werde ein immer besserer -- Soldat! Ich

kenne mich oft nicht wieder; wir Männer sind ein merkwürdiges

Geschlecht. Der Krieg vermännlicht uns leider noch mehr, ich kann mir

Euch Frauen kaum mehr vorstellen; und daß es Kinder gibt und

Kinderleben! -- Wie mag es dem armen Helmuth ergehen? Er ist in

gefährlichster Nähe der großen Offensive. Ich selbst kann über nichts

klagen; ich bin jetzt Offizierstellvertreter und werde in Bälde Offizier

sein; das erleichtert natürlich mein Leben äußerlich sehr, aber die

geistige Luft, in der ich nur mühsam atme, wird dadurch nur noch

»dicker«. Dabei »genieße« ich den unbestrittenen Ruf eines

»vorzüglichen« Soldaten. Ich bin es sogar. -- Das ist das Groteske

meines jetzigen Lebens.

Sei nicht ungehalten und erschrocken, daß ich Dir nichts lieberes,

ruhigeres zu sagen habe; ich möchte Dein liebes Gesicht streicheln und

Wolfgängchen auf den Knien haben; hoffentlich kommen für uns Männer auch

solche Zeiten wieder, nach diesen Jahren des gemeinsten Menschenfangs,

dem wir uns ergeben haben. Wie haltet Ihr Frauen eigentlich diese tolle

Epoche aus? Das frag ich mich oft. Du Ärmste hast das größte Opfer

gebracht, -- Deine Ruhe kann ich verstehen -- aber so viele andere??

Maria leidet sehr bitterlich und ich wage ihr kaum zu sagen wie gut ich

sie dabei verstehe, um ihre Seele nicht noch mehr gegen diesen Krieg

aufzubringen. Das soll nun ein Brief an Dich sein!! Verzeih mir ihn. Ich

bin zu keinem anderen fähig.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 154 / 158 题