Liebe Lisbeth,
Dank für Deinen langen guten Brief; ja, in Müllheim mußte ich soviel an
August und Dich denken; ich kam sehr erschöpft nach einem langen 40 klm
Ritt am Bahnhof an, band mein Pferd an einen Laternenpfahl und ruhte
mich in der Gartenwirtschaft am Bahnhof aus -- da mußte ich so an Euch
denken. Ich blieb dann in M. übernacht und ritt am andern Tag etwas
schweren Herzens zurück. Ich trennte mich so ungern vom Schwarzwald, der
mir so deutsch und heimisch schien. Es kostete mich wirklich einen
Entschluß wieder über den Rhein zurück nach Westen zu reiten! Wann
werden wir wieder friedlich über den Rhein zurückkehren dürfen?! Daß
Maria sich jetzt entschließt, Euch in Bonn zu besuchen, glaube ich nicht
sehr; erstens bekommt unser liebes kleines Reh demnächst Junge -- auch
eine Sorge; man kann das Tierchen doch nicht in solchen Tagen verlassen
und fremden Händen anvertrauen; dann die Gartenbestellung und manches
andere, ich glaube, Maria wird sich jetzt schwer von Ried trennen. Wenn
Du mit den Kindern die Reise nicht wagst und lieber einmal einen kurzen
Besuch allein machst, wirst Du Maria und mir auch eine große Freude
machen; und ich hoffe so sehr, daß er für Dich selbst eine kleine
seelische Erholung wäre --.
Mein Mißverständnis Deiner Frage betreff *** ist lustig; ich wunderte
mich selbst im Stillen, aber konnte die eine Stelle Deines Briefes nicht
anders verstehen; wahrscheinlich bezog sie sich auf eine Ausstellung bei
***. Ich kann Dir schwer raten in dieser Sache. Außer *** käme eine
Wanderausstellung durch die Kunstvereine in Betracht. Dafür müßte sich
von vornherein eine richtige und gewichtige Persönlichkeit einsetzen;
vielleicht ausgehend vom Frankfurter Kunstverein. Die Ausstellung könnte
trotzdem die Bezeichnung »Von seinen Freunden veranstaltet« tragen. Ich
schreibe gern ein paar Freundesworte als Vorwort im Katalog, vielleicht
in Verwertung und Überarbeitung meines kleinen Nachrufes. Die
Koehlergalerie, als Berliner Ausstellungsort, halte ich für nicht ganz
glücklich -- es würden zu wenige hingehen. Ich schlug schon einmal
Koehler vor, ein Gedächtniszimmer für August's Kunst in seiner Galerie
einzurichten, das immer bliebe und mit aller Liebe und Sorgfalt
ausgestattet sein müßte (auch mit Stickerein, Glasbildern und
dergleichen, Koehler hat ja daran schon prächtige Stücke). Ein solches
Zimmer würde die Intimität der ganzen Sammlung vertiefen und
ein dauerndes Denkmal für August sein. Aber die geplante
Gedächtnisausstellung ganz auf privatem Wege zu leiten, ist kein
glücklicher Gedanke. Man kann dabei in den meisten Fällen die
Räumlichkeiten von Händlern doch nicht umgehen oder es würde ein
unverschämtes Geld kosten, das in keinem Verhältnis zum Zwecke der Sache
stehen würde. Ich geb Dir den einen Rat: warte; jetzt ist nicht die
freudige und gesammelte Stimmung für ein solches Unternehmen. August's
Bilder bleiben immer jung, -- nichts, was Wert hat, hat Eile; im
Gegenteil: das Gute verlangt Distanz und wird immer besser.
Schreibe mir nur mal wieder; ich freu mich immer so, wenn aus dem großen
Feldpostsack ein Brief mit Deiner Handschrift herausfällt. Seid alle
herzlich gegrüßt, auch Deine liebe, verehrte Mutter und Großmutter und
W. Gerhardt mit Frau.
Dein Franz Marc.