L.,

gestern Nacht war zum ersten und erstaunten Male wieder ein reiner

Sternenhimmel; er war so lieblich wie im Frühling; aber heut morgen war

das gleiche öde graue Schmutzwetter wie immer. Ohne Gummimantel kann man

gar nicht existieren.

Deine lieben Briefe vom 7. und 8. Jan. sowie das Gundolf-Heft kamen

heute. Mich freut die Lektüre auch sehr. Wenn ich ihn ganz und

sorgfältig gelesen habe, schreibe ich Dir ausführlich darüber. Es deckt

sich ja vieles, was er sagt, fast wörtlich mit meinen Aussagen, die ich

schon früher August gegenüber gemacht habe: daß die technischen

Errungenschaften (wie z. B. Fliegen, Maschinen, Telefon etc.), die

Menschen geistig und wesentlich um keinen Zoll weiterbringen, sondern im

Gegenteil stets auf _Kosten_ einer intuitiven, primären Fähigkeit sich

entwickeln. Früher _fühlte_ man, wie es einem Freund geht, -- heut

telefoniert man ihn an; früher konnte man seine Dichterwerke auswendig,

-- heute stehen sie gedruckt und billig in jedem Bücherschrank. Die

Erinnerungskräfte nehmen mit jedem Reproduktionswerk an Intensität ab.

Und gar die Maschinen, die dem Menschen die Arbeit »abnehmen« sollen!!

Das alles ist ja einwandfrei klar. Ebenso das Resultat dieses Krieges:

Fluch und Strafe, daß wir die Wissenschaften um ihrer praktischen

Nutzbarkeit und Anwendung willen betreiben!

Wir schalten die natürlich und gleichzeitig geheimnisvoll wirkende Natur

aus, machen uns zu ihrem Herrn, durchrasen Raum und Zeit, äffen ihre

chemischen Vorgänge nach, -- aber alle unsre Erfindungen wenden sich wie

böse Geister gegen uns selbst, -- wir fallen von unsern eigenen Waffen,

wie ein böses Geschlecht, das sich selbst zerfleischt, weil es in seinem

Hochmut und ekelhaften Eindrängen in eine verbotene Geisterwelt (die es

gleich praktisch ausnutzen zu können meinte), seinen inneren Halt

verlor. Das alles ist sehr klar, auch Gundolfs Grundgedanke, daß unser

Kulturleben nicht mehr »_leibliche Funktion_« ist, sondern willkürliches

Spiel mit organischen Kräften, die man in ihrem _Wesen_ nicht versteht,

sondern nur experimentell benützt. Insofern wollte ich auch _nie_ den

_Leib_ und das organische Leben verleugnen; meine Sehnsucht zum

Abstrakten, zur reinen Linie ist etwas ganz anderes. Ich will erst

Gundolf gründlich lesen, um zu sehen, was er und _wie_ er alles meint,

-- dann schreib ich Dir mehr. --

Die chinesischen Märchen sind noch immer nicht da, -- sie kommen schon

noch; ich freue mich _sehr_ auf dies Büchlein, -- dank voraus Liebe; ich

hatte gar nicht mehr dran gedacht, daß ich sie mir eigentlich gewünscht

hatte; ich vergesse so was ja immer wieder; aber jetzt freu ich mich

sehr darauf. Dank für die Blümchen, -- jetzt schon Leberblümchen!! --

Ich glaube doch, daß Hanni's Geschwulst mit Wiederkäuen zusammenhängt --

ich bin mir _fast sicher_; -- -- --

-- -- -- -- -- --

Dein

Frz.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 115 / 158 题