1. Dez. 15.

L., heut kam große Post von Dir, Briefe vom 19., 24. und 27. (aus

München). Nun scheint ja auch meine endlich an Dich zu kommen. Päckchen

mit Siegellack ist noch nicht da. Dein guter Brief vom 19. hat mich so

sehr gefreut; Du schreibst, daß Dir meine Ideen und das kurze

Zusammensein mich Dir noch näher gebracht haben und Du diese Stimmung

noch halten möchtest. Mir ist es ähnlich gegangen; und die Lektüre von

Emanuel Quint befestigte in mir diese neue Sicherheit der Seele. Du

schreibst in einem Brief, ich soll Dir noch mehr über mein Lesen im

Quintbuch schreiben; ich weiß gar nicht, ob ich das momentan kann. Da

gibt es nicht viel zu reden; alles ist rein in diesem Buche; es kennt

kein _à peu près_, kein Ungefähr und keine Konzession; ich fühle nicht

den Urtrieb des praktischen Märtyrertums in mir; aber meine Seele ist zu

aufrichtig und klar, um Dilettantismus mit dem Christentum und meinem

Gewissen zu treiben. Für mich gibt es nur die eine Erlösung und

Erneuerung: wenigstens _jedes Ungefähr_, jede _Konzession nach

gleichviel welcher Seite_ aus meinem Werk zu bannen; den Begriff Quints

von der Reinheit, Weltunberührtheit, hat auch keiner seiner Jünger,

nicht mal ein Dominik begriffen, sonst hätte er sich nicht getötet; denn

damit erleichtert er sich die Verantwortlichkeit seiner Idee und nimmt

sich gewissermaßen den Lohn ohne eigene Arbeit im voraus weg; -- es wäre

dasselbe, als wenn ich an dem Tage, an dem ich voll den Begriff der

Reinheit in mich aufgenommen hätte, den Entschluß faßte, nunmehr kein

Bild mehr zu malen (= »nicht mehr zu leben«). Man darf nicht aus Furcht,

doch wieder in Unvollkommenheiten zu fallen, die Hände in den Schoß

legen; ich verstehe heute zum erstenmal, warum eigentlich auf den

Selbstmord dieses Odiosum gelegt wurde; es ist zweifellos der Gedanke,

daß man der Verantwortung nicht selbständig -- selbstsüchtig vorgreifen

darf. Ich schicke Dir das Buch nächstens mit ein paar Büchsen zurück.

Über die Möglichkeit einer Rückberufung oder längeren Urlaub zum

Arbeiten hab ich noch nachgedacht; ich bin überzeugt, daß ein solcher

nur denkbar wäre, wenn ich irgendeinen offiziellen Kunstauftrag bekäme,

zu dessen Ausführung ich Urlaub bekäme; ein solcher ist aber doch

ausgeschlossen, vor allem ohne Kompromiß, den ich doch nicht eingehe.

Warne nur ***, daß er sich keine Blamage mit mir einbrockt und einen

offiziösen Auftrag deichselt, den ich dann hinterher ablehnen muß.

Geduld ist alles; nicht wir allein haben das Friedensbedürfnis.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 105 / 158 题