19. od. 20. X. 15.

L., Du frägst, ob ich zwischen 5. und 9. nicht geschrieben habe? So

lange Pausen hab ich _nie_ gemacht; vielleicht hab ich aber zuweilen ein

falsches Datum erwischt, wie heute zum Beispiel. Ich glaube, Du kannst

Dich noch immer nicht in meine Seelenverfassung hineindenken; was gehen

mich Datum und Tage an! Gibt es etwas Gräulicheres als diese

»Zeit-einteilung«; ich empfinde sehr zeitlos und fühle mich dabei weit

wohler als am Anfang, als ich die Tage und Wochen zählte! -- -- -- -- --

Wie freu ich mich, daß es den Rehchen wieder gut geht! Hat eigentlich

Niestlé nie meinen Brief mit schwedischen Kritiken bekommen, um deren

Entzifferung ich ihn bat? Ist am Ende seine Post kontrolliert und hat

man den Brief mit den schwedischen Einlagen konfisziert? Es liegt mir

_gar nichts_ an ihnen, nur der Fall an sich wäre interessant.

Über mein Antwerpener Kommando hab ich gar nichts weiter gehört;

vielleicht wird auch nichts daraus, nachdem es so lange dauert. Es thät

mir leid. Aber ich rühre wie bisher immer keinen Finger deswegen; ich

lass _alles an mich herankommen_, wie's kommt. Willensbestimmung hat man

ja doch keine und ich nehme letzten Endes doch auch nicht das geringste

Interesse am Kriegführen und Soldatsein; ich begreife immer gar nicht,

daß man mich so schätzt; die Herren sind unglaublich schlechte

Psychologen, -- vielleicht auch gute: denn sie wissen, daß man sich auf

mich militärisch und menschlich verlassen kann, und meine Privatmeinung

geht sie nichts an. Schicke jedenfalls unbesorgt, was Du ev. schicken

willst; wer weiß, wann das Kommando einmal kommt! Und nachgesandt wird

mir gegebenenfalls doch alles!

Träumst Du zuweilen von mir? Ich schon von Dir!

-- -- -- -- --

Dein

Frz.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 89 / 158 题