L.,

von nun an brauchst Du bei Deinen Sendungen an mich nicht mehr besonders

auf Platznot Rücksicht zu nehmen; ich hab jetzt meinen geräumigen

Koffer, den ich mir in diesen Tagen aus Metz besorgen lasse (Holzkoffer

mit Eisenbeschlag), in den viel hineingeht. Ich schrieb Dir

schon gestern, daß ich plötzlich mit der Beförderung zum

Offiziersstellvertreter überrascht worden bin, der in einigen Wochen das

Leutnantspatent folgen wird. Heut war die offizielle Offizierswahl; die

ministerielle Bestätigung dauert kaum länger als vier Wochen. Das

Angenehmste ist obendrein, daß ich bei der Kolonne bleibe; ich brauche

weder eine Prüfung zu machen, noch Referenzen einzureichen. (Dies mag

vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß ich einmal erwähnte, daß

Deine Angehörigen als Offiziere gefallen sind.) -- Schick mir mal den

Emanuel Quint, den ich jetzt gern lese. -- Als Offiz.stellv. habe ich

monatlich -- -- -- -- -- viel mehr als ich brauche! Also die Geldsorgen

kannst Du jetzt wirklich fahren lassen und nicht etwa mit Heizmaterial

und was sonst fürs Häuschen nötig ist, knausern; auch nicht mit München

fahren, soviel es Dich freut. Hilf auch ***'s aus, wenn sie es nötig

haben. Ich dachte mir schon, ob ich ihnen einmal, wenn ich das

Leutnantsgeld habe, 100 Mark als Feldgeschenk schicken soll; was meinst

Du? soviel könnt ich leicht einmal entbehren, nachdem Du selbst ja auch

die Berliner Verkäufe hast. Als kinderlose Leute könnten wir das und

sollten das wohl machen. Auf Urlaub im Spätherbst, spätestens Dezember

kannst Du auch sicher rechnen. Weihnachten selbst glaub ich keinenfalls.

Erstens werden da event. dieselben Alarmgerüchte, die sich voriges Jahr

so traurig bewahrheitet haben, umgehen, andrerseits werden, wenn kein

Alarm ist, dann wohl die älteren Offiziere das Urlaubsvorrecht

beanspruchen und wir Jüngeren die Truppen führen müssen; momentan ist

_jeder_ Urlaub vollständig gesperrt wegen der Offensive im Westen; wie

lang das dauert, kann kein Mensch wissen. Jedenfalls hab ich als

Offizier ganz andere Urlaubsaussichten als früher. Nun hab ich noch eine

Bitte: bestelle -- -- -- -- -- Nun genug von diesem Militärzeug!

Heut kamen Deine zwei lieben Briefe, die von den armen Rehchen erzählen.

Das gute liebe kleine Trimchen! Hoffentlich bringst Du die Hanni und

Schlick durch. Wenn ich zurückkomme, sorge ich jedenfalls sehr

energisch, daß die Tierchen vor Hunden Ruhe haben. Am besten denk ich

mir, man pflanzt einmal auf der langen Seite dichtes kurzes Gebüsch und

kleine Tännchen und zieht einen zweiten Innendrahtzaun. Ich glaube diese

eine lange Seite würde genügen. Auf der Nordseite dann eventuell nur die

Bretter bis auf ca. 1 Mt. erhöhen; es sieht freilich nicht hübsch aus

und ist am Ende nicht billiger als Draht und auch Gebüsch, das gegen

Sicht deckt. Gegen das Erschießen und gar Prozeß!! bin ich auch. Man

macht sich die Leute zu direkten Feinden und zieht schließlich nur den

kürzeren. Es wird ein bissel was kosten, aber schließlich ist alles

Angepflanzte _immer Gewinn_. Wir müssen unser Leben in Ried so

einrichten, daß wir möglichst wenig Reibung mit den Bauern haben. Wir

können unser Rehgärtchen sehr gut so ausgestalten, daß sie uns auch die

Tierchen nicht stören können.

Im Westen bekommen wir glaub und hoff ich langsam wieder die Oberhand.

Man fühlt sich eigentlich allgemein erleichtert, daß die

Offensive endlich ausgebrochen ist, -- die Hoffnung, daß sie die

Kriegs_entscheidung_ bringt, ist doch wieder sehr lebendig geworden. Die

Größe des Bluteinsatzes ist beiderseits fürchterlich; aber niemand sieht

einen anderen Ausweg; der _Einzelne_ natürlich, aber nicht als

Volks_ganzes_; da kann es keiner verantworten zu sagen: hören wir von

heut auf morgen auf und lassen wir die Franzosen und Russen in unser

Land. Nötig dazu wäre eine Verständigung von Volk zu Volk, -- aber wie

eine solche heute anbahnen? Man darf über das alles nicht leichtsinnig

und dilettantisch urteilen. Ich halte die Dinge streng auseinander; dem

rollenden Völkerschicksal kann nur ein Dilettant in die Räder greifen

wollen; der Reine sieht schweigend und trauernd zu und geht zur _Quelle_

des Übels zurück, einsam und einzeln ganz weit zurück.

Bleib gesund und denk auch wieder fröhlich an mich und unsere Zukunft.

-- -- -- -- --

Dein

Frz.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 78 / 158 题