Was ist *** für eine merkwürdige Seele; wie _verschieden_ sind überhaupt
die Menschen! Daran muß ich jetzt oft denken. Irgendwo, in irgend einem
letzten tiefsten Punkte mögen sie wohl alle gleich sein, (-- Du nennst
diesen heimlichen Punkt: Gewissen); ich glaube, dieser Punkt existiert
ganz genau und scharf nur vor und nach dem Leben; während des Lebens ist
er irgendwie, ein ganz klein wenig, mehr oder weniger von der Stelle
gerückt; solange das Leben kreist und das Blut pocht, findet dieser
Punkt keine Ruhe; _niemand kann ihn genau ins Auge fassen_; und die es
sagen, täuschen sich; an diesem Ungefähr gehen wir alle zugrunde! Ich
bin nicht einmal unruhig bei diesem Bewußtsein, -- denn es gibt mir eben
das Bewußtsein, daß ich lebe, am Leben leide und _arbeiten_ muß,
unaufhörlich, gegen das Ungefähr, bis wir sterben.
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Das Dörfchen, in dem wir sind, heißt _Haumont_; an den Etangs von _La
Chaussée_ gelegen; ein Stündchen von _Hagéville_; zwischen _Hagéville_
und _St. Bénoit_. Wir haben momentan reinen Feldbau zu betreiben; wir
sind ja auch um ein Stück weiter hinter der Front zurück; zwischen zwei
Fliegerstationen. Den ganzen Tag surren die Flugzeuge um uns herum; es
ist beständig was los in der Luft. Und wenn keine Apparate fliegen,
wiegen sich Geier und Weihen und Falken über den Feldern und Sümpfen.
Abends ist die Luft voll von dem bekannten Brunnenbacher Moorunken, dem
Ruf der Weihen und Käuze. Die Gegend ist sehr waldreich, alles ganz
verwildert; es scheint mir sogar, daß es einst künstliche Waldanlagen,
Parks von _St. Bénoit_ waren, die jetzt ganz verwachsen sind; ein
bißchen wie der Park von Gendrin, in dem wir jagen gingen. Ohne
Mückenschleier ist hier natürlich kaum zu schlafen; der meine ist famos,
wenn Du genug Zeug hast, fertige noch zwei; ich möchte sie Kameraden
schenken.
Über Politik mag ich gar nicht mehr reden. Der Krieg geht seinen Gang;
keiner kann ihn heute ändern oder kürzen oder verlängern. Auch Amerika
nicht. Mir scheint vielmehr, alles, was jetzt passiert, hat eine gute
innere Logik; die Sozialisten erhalten eine furchtbare Handhabe gegen
die »Regierenden«. Was heute alles geschieht, werden die Völker nie
vergessen; der Boden für die großartigste Bewegung des vierten Standes
wird heute bereitet; aber thätig begeistern mich auch diese Vorgänge
nicht. Die Kunst zieht eine andere Straße ins ewige Leben. Scharf denken
kann ich heute überhaupt nicht; alles erscheint dämmerig und etwas
trunken. Ich ersehne nichts als die _Heimkehr_.