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Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- Aber niemand darf sich im Glauben, dem »Wesentlichen« näher zu

sein, überheben; ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als

gegen mich selbst. In einer Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du

denkst, ich sei da und dort »festgefahren«. Ich irre und finde das

Gleichgewicht nicht, -- das ist etwas ganz anderes. Ich habe viel

größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du

immer noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was

es mit meiner Scheu, -- sagen wir: vor »Penzberg« oder vor »fremden

Stuben« auf sich hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit,

das »Gewissen« siehst, ich noch immer für meine Seele ein unlösbares

Problem sehe? Das nennt man nicht »festgefahren«, -- das ist etwas ganz

anderes. Die Wunde dieses Problemes fließt, seit ich erwachsen bin; mein

ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs- oder besser: Rettungsversuch

aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen. Ich bin Sozialist aus

tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, -- aber nicht praktischer

Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel

darüber reden.

Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des

tiefsten Friedens; der schönste Friede war _immer_ nur ein latenter

Krieg; aber der _Einzelne_ kann sich befreien und anderen dazu helfen --

das ist der Sinn des _persönlichen_ Christentums und Buddhismus und

aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis, vieldeutig und viel

zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; man

bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine

solche scheint mir auch Deine »Menschenliebe«; was ist das? geht sie auf

Kosten der »Naturliebe«? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, _wo_ der

Mensch steht im Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze

Mensch muß endlich noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht

und reicht wenigstens heute nicht mehr aus, nur auf Christus

zurückzugreifen. Je länger und hingebender man ihn liest, desto

vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr und

wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies

Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch

immer unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende

Prophezeiung aus Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst

belustigt. Daß die rein literarische Phantasie Platos in keinem wahren

Zusammenhang mit dem jetzigen Kriege steht, ist doch selbstverständlich.

Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich ein verblüffender Witz

der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden.

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Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 60 / 158 题