27. 4. 15.
Die Siegesnachrichten dieser Tage regen mich ungeheuer auf. Jetzt _muß_
es vorangehen. Die Frühlingstage sind fabelhaft. Gestern führte ich
meine Wagen wieder in der Mondnacht vor; fast der ganze stundenlange Weg
ist überdacht von blühenden Kirschbäumen; die schweren weißen Zweige
wiegen sich so seltsam im Nachtwind; ich muß oft an die längst
entschwundenen Blütennächte am Athos denken! Ich bin glücklich, die
schmerzliche Melancholie jener Jahre überwunden zu haben; damals stand
wirklich das dumme Ich im Mittelpunkte aller Gefühle, -- heute hat das
Ich zu horchen und wach zu sein, ohne Selbstansprüche. Ich lese jetzt
den Tolstoi nochmals mit großer Aufmerksamkeit und lege Dir ab und zu
Zettel in die Seiten. Mein erster Eindruck wird nur bestärkt: seine
Gedanken bergen die für uns entscheidende Wahrheit, aber seine
Vernunft-Logik ist ein ganz unzulängliches Werkzeug, diese Wahrheit
herauszustellen und zu definieren. Er arbeitet mit einer gesunden
praktischen Lebenslogik, die ihn da, wo er sie auf wirklich geistige
Probleme anwendet, ganz in die Irre führt. Dazwischen leuchten immer
wieder echte Wahrheiten, die aber wie Kometen zufällig die Bahn seiner
logischen Schlüsse streifen, ohne _inneren_ Zusammenhang. Du wirst mich
schon verstehen, wenn Du das Buch mit meinen Bemerkungen nochmals liest.
-- Ich lege Dir einen Zeitungswisch über Händels Oratorien bei, --
vielleicht regt er Dich zum Nachlesen und Nachspielen im Auszug an.
Daß Hanni wirklich trägt, ist köstlich. Bring ihr möglichst viel
durcheinander von Strauchzweigen und Waldgrün mit; frag auch Niestlé ev.
wegen gewisser Wurzeln usw. Die Tiere suchen sich in solchem Zustand
gewiß bestimmte Nahrung zur Milcherzeugung etc., Klee, Berberitzen,
Haselnuß usw. Könnt ich doch dabei sein!! Aber ich bin jetzt voll
Zuversicht.
Mit liebem Kuß
Dein
F.
Grüße allseits!