L. M., ich hab mich heute so gefreut über das Lebenszeichen von Dir, die
3 Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, für Winter die
blauen, für Herbst und Regen undurchlässige Fäustlinge mit langer
Manschette, die mir jemand aus Straßburg mitgebracht hat. Die
Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister für 3 M. verkauft. Stimmt
der Preis ungefähr? Die ich schon habe, ist noch solider, drum behalte
ich die lieber. Aber gar keinen Gruß hast Du hineingelegt! Du denkst
wohl, ich habe alle Deine anderen Grüße und Briefe erhalten? Nichts, gar
nichts bisher, als die 2 nebensächlichen Karten (E.'s und von Dir) vor
cr. acht Tagen. Aber schön, daß die Paketchen gekommen, auch die
Batterie ist mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter
klärt sich heute Nachmittag auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt
zu machen; die Vogesen haben etwas Liebliches und Friedliches, man kann
zuweilen gar nicht an den Ernst dieses grauenvollen Krieges glauben, --
bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!! Wenn Du mir von nun an was
schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir angegeben
(Tintenstift, Meldekarten etc. -- ich werde solche Dinge selbst besorgen
können), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anständige
Zigarren, -- man raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht,
ich rauche am liebsten die französischen, die ich hier bekomme. Aber
sonst sind wir für alles _äußerst empfänglich_.
Bekäme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir!
Aus Straßburg, 24. Sept. 14.
Liebe Maria, ich bin hier seelenvergnügt in Straßburg, die Nacht
gefahren von _Saales_ aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum
Tragen der Besorgungen. Früh 6 Uhr kamen wir an, frühstückten und gingen
dann zum Münster und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so
merkwürdig vor, es war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in
einem »Löwenbräu-Ausschank« und esse mich an großen Butterbroden und
Käse satt. Alles ist so friedlich, als wenn ich im »Roten Hahn« in
München säße -- und draußen diese entsetzlichen Kämpfe! Ich kann mir
kaum vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen man ohne
Revolver ausgeht und die nächsten Höhen nicht mehr nach feindlichen
Batterien oder Fantassins absuchen muß, ehe man seine Kolonne in Deckung
fährt. Der gegenüberstehende Feind ist uns einfach eine
Selbstverständlichkeit geworden!
Straßburg finde ich reizend, man fühlt sich ganz in einer uralten Stadt;
im Münster machten die wunderbaren Glasfenster den stärksten Eindruck;
Kandinsky reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar
merkwürdig nahe; ich war ganz betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen,
wie ich mich aufs Malen freue.