Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn -- meine Tochter sc

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute

nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten

bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des

Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachliche Zitate

und Passagen in Dialekt wurden nicht verändert.

Der Zensurstempel auf der Titelseite (‚Z‘ über ‚VII‘ in einem

Dreieck mit nach unten zeigender Spitze) wurde nicht mit

übernommen, da dieser ursprünglich nicht Teil des gedruckten

Originals war.

Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden

Sonderzeichen gekennzeichnet:

Fettdruck: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: ~Tilden~

Antiqua: _Unterstriche_

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Worauf freuen wir uns jetzt?

Worauf

freuen wir uns jetzt?

Fröhliche Geschichten

von

Fritz Müller

1918

Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.

_Copyright by Otto Rippel

Hagen i. W. 1918_

Zeilenguß-Maschinensatz und Druck

von Oscar Brandstetter in Leipzig

Inhaltsverzeichnis

Seite

Worauf freuen wir uns jetzt? 7

In deinem Alter 13

Der Rauchtisch 20

Der Familienaufsatz 27

Der Hunderter 35

Der Spohrer 39

Glück 45

Das blaue Band 49

Die Rundfrage 63

Das Kugelzimmer 70

Schmuckel 76

Jod 84

Morgan 88

Tag- und Nachtärger 96

Worauf freuen wir uns jetzt?

Er kam mit dem Spruch schon auf die Welt. Glitzerig kugelten seine

Äuglein aus der Wiege in die Zimmerrunde. „Sieht er nicht aus,“ sagte

jemand, „als wenn er fragte: Worauf freuen wir uns jetzt?“

Das blieb ihm. Das saß zu Häupten seiner Wiege, wenn das Fieber sein

Körperchen geschüttelt hatte. Das strich ihm die winzigen Fältchen vom

Gesicht und sagte: „Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ Das wurde

mit ihm größer, rutschte auf den Dielen mit herum, wo er sich einen

Schiefer eingezogen hatte, und wischte ihm die Tränen fort: „Und worauf

freuen wir uns jetzt, Maxli, he?“

Das klopfte ihm nach den ersten ängstlichen Schulgang vertraulich auf

die Schulter: „Na, Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“

Das wuchs mit ihm und wich ihm nimmer von der Seite. Das sah ihm

unausweichlich ins Gesicht, wenn der Ärger aufstieg: „Was ich noch

sagen wollte, Max, worauf freuen wir uns jetzt?“

Was Wunder also, daß der Spruch ein Teil von ihm ward. Oder er ein

Teil vom Spruch. In solchen Wiegenbrüderschaften lassen sich die

Teile nicht mehr sondern, derselbe Herzschlag tickt durchs gleiche

Blutgeäder: „Wo-rauf-freuen-wir-uns-jetzt?“

Es ist schon richtig: schlicht und bescheiden, wie der Max war, wurde

er kein Großer, wurde nicht berühmt. Eher schon sein Spruch, den sie

nach und nach belächelten.

„Hör’ mal, Max,“ sagte einer seiner Freunde, „ein Wahlspruch ist schon

recht. Aber er muß auch darnach sein. Zum Beispiel: Morgenstund hat

Gold im Mund. Oder: Erst besinn’s, dann beginn’s. Oder: Rom ist nicht

an einem Tag erbaut. Siehst du, das sind anerkannte Sprüche.“

„Jawohl,“ sagte Max, „und worauf freuen wir uns jetzt?“

Max sei ja soweit ein guter Kerl, sprach dann dieser Freund herum, aber

doch beschränkt. Und es solle ihn nicht wundern, wenn er in der Prüfung

nicht bestehe. Wirklich fiel er durch.

„Junge, Junge,“ klagte Maxens Vater, „wohin soll das führen?“

„Zum Erfolg beim zweiten Male. Vater -- und worauf freuen wir uns

jetzt?“

Vater seufzte, Mutter strich dem Sohne übers Haar: „Max, nicht wahr,

von jetzt ab für nichts anderes als zum Studium zu haben sein, willst

du mir’s versprechen?“

„Ja, Mutter -- und worauf freuen wir uns jetzt?“

Tja, er war nicht zu ändern. „Schade um ihn,“ sagten die gesetzten

Leute, „er hat eine fixe Idee.“ Und sie behandelten ihn nachsichtig und

blieben bei der ihren.

Bei einer politischen Versammlung kampelten sich die Gegner, daß es

im Saale gellte. Dann trat eine kleine Erschöpfungspause ein. Ruhig

kam aus einer Ecke eine Stimme: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“

Gelächter. Sie bengsten in Max: „Laß dir’s nicht gefallen -- sprich

doch -- Silentium für -- ha, er spricht wirklich --“

„Meine Herren,“ sagte Max, „ich freue mich, daß Sie sich freuen.“

Das Gelächter wuchs, trotzdem einer sagte, ihm dünke, das sei das

Gescheiteste gewesen, was die Versammlung bis jetzt ergeben habe. Aber

niemand hörte darauf. Sie kampelten sich schon wieder, daß die Haare

flogen.

Ein Osterausflug ward verregnet. Mißmutig saßen sie in einer

Bauernstube. Max sah im Kreis herum. „Und worauf freuen wir uns jetzt?“

sagte er lächelnd und im inneren Taktmaß des draußen plätschernden

Regens. Darob wurden einige wieder vergnügt. Ernst aber hob ein

Professor an: „Junger Mann, alles zu seiner Zeit. Gereifte Einsicht

muß verstehen, daß die Freude nicht am Platz ist, wenn die Gründe zur

Verdrossenheit derart ausreichend sind, daß --“

„Gewiß,“ sagte Max, „aber worauf freuen wir uns jetzt?“

Darauf machte der Professor in seinem Wörterbuch der Psychologie einen

neuen Eintrag: Unter Idioten der Freude versteht man...

Das war lieblos. Freundlicher drückten’s seine Freunde aus: „Max ist

der reinste Freuden-Cato: _Ceterum censeo_...“

„Ja,“ ward ihnen beigepflichtet, „er rennt mit seinem Spruche gegen das

Carthago alles Mißvergnügens an.“

„Ob sein Grundsatz aber standhält,“ zweifelte ein anderer, „wenn’s bei

ihm selber um die Wurst geht?“

Er hat standgehalten. Die Bank, die sein Erspartes hatte, fiel. Als

er’s erfuhr, zuckte er zusammen und ging an seine Arbeit, fest aber

stumm. „Aha, nun hat es ihm sein Sprüchlein doch verschlagen“, sagte

einer, der nicht wußte, daß sich ein Spruch auch einwärts wenden läßt.

Nur ein einzig Mal hat auch das Einwärtswenden fast versagt. Das war

damals, als ihm einer seine Liebste stahl. Da sank sein Gleichmut,

da hob sich ihm die Hand zum Schlage. Freilich, ohne zuzuschlagen.

„Nein, nein,“ hat er gemurmelt, „Menschen können einem nicht gestohlen

werden, sie stehlten sich denn selber.“ Einen Winter lang hat’s ihn

herumgetrieben, bis er gepreßt und scheu zwar, aber dennoch hörbar

wieder sagen konnte: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“

Nun aber ist ein Spruch, der nie versagt, kein Spruch mehr, sondern

ein Tyrann. Eines Tags verbeugte sich vor dem erschrocknen Max ein

Riesenschatten: „Sie gestatten -- bin der Weltkrieg -- und erlaube mir,

um Ihren Spruch zu bitten.“

„Meinen Spruch?“ stotterte der Max, „was wollen Sie damit?“

Der Weltkrieg machte eine halsabschneidende Bewegung.

Fuhr der Max auf: „Mit welchem Rechte --?“

„Tun Sie doch nicht so -- bedenken Sie, wenn Sie, wie andre, statt des

Spruchs, sich selbst zum Opfer --“

„Mich magst du nehmen -- was liegt groß an mir -- aber alles liegt an

meinem Spruch.“

„Dummes Zeug -- zuviel Federlesen mach’ ich schon -- her mit dem

Spruch!“ Roh griff er Max ins Herz. Aber heimlich war der Spruch daraus

entwichen, flüsternd: „Verzage nicht, Max, auf Wiedersehn!“ Fort der

Spruch, ihm nach der Krieg.

Reihum im Lande hat der Spruch sich auf die Flucht begeben, immer hart

vom Krieg verfolgt und immer guten Muts. Kaum einer, den er nicht

besucht hat, am liebsten die Verdrossenen und Schmerzgeschlagenen, die

ihn am wenigsten erwarten. Ich habe ihn an Witwenherzen klopfen seh’n:

„Mich schickt der Max.“

„Kenn’ ich nicht.“

„Eben darum komm’ ich, von ihm erzählen soll ich, damit auch Ihr auf

eine kleine Weil’ mich so gut aufnehmt, wie ich’s bei ihm gehabt.“

Da nahmen sie ihn auf. Freilich nur für eine kleine Weile. Aber lang

genug, um, wenn der Krieg aufs neue angepoltert kam: „Wo ist der

Flüchtling, daß ich ihm den Hals umdrehe?!“ mit wieder ausgeglich’nem

Herzen lächelnd zu erwidern: „Bedaure, schon verzogen, wenn Sie ihn

treffen, bitte ihn von mir zu grüßen.“

Er hat ihn nie erwischt, der Weltkrieg, solang’ er auch schon währt.

Immer ist er anderswo, als wo er grad’ gemordet werden sollte. Und er

hat schrecklich viel zu tun. Wenn mich nicht alles täuscht, demnächst

mehr noch als der Weltkrieg. Und immer größer wird er, immer stärker,

trotz des Weltkriegs. Wenn ich recht berichtet bin, demnächst größer

gar und stärker, als der Weltkrieg selbst. Und es geht ein Tuscheln um

im Land, daß die Jagd sich demnächst umdreht. Daß aus dem Verfolgten

ein Verfolger wird. Dann aber mag es sein, weil der Spruch um soviel

flinkre Füße als der Weltkrieg hat, daß dem der Hals herumgedreht wird

vom „Worauf-freuen-wir-uns-jetzt?“

Noch ist es nicht so weit. Noch hat er ihm den Hals nicht umgedreht.

Noch hilft er anderen beim Sterben. Vor kurzem seinem eignen alten

Herrn, dem Max. Ich selber hab’ ihn sterben sehn. Er ging geschwind

durchs Tal der letzten Schmerzen auf den Kamm, der vom Jenseits

scheidet. Jetzt stand er droben und überdachte in den Kissen seine

eingesunkenen Augen: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“

In deinem Alter

Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern

an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über

dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der

Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch

auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine

Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern?

Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am

Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir:

„Laß das, Hansi...“

„Pfui, Lotte...“

„Schämst dich denn gar nit, Mariele...“

„Nein, jetzt aber so was, Trudi...“

„Fritz, Fritz...“

„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max...“

„Ei ei, Maxeli...“

„Potz Blitz und Karawanken, Junge...“

„Na, warte, Karl...“

„Junge, Junge, Junge...“

Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der

Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen

einzigen Schlußsatz aus:

„In deinem Alter habe ich...“

Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren,

taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander,

aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine

unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten:

„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot

bekommen...“, oder

„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von

innen ausschaut...“, oder

„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut...“,

oder

„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von...“, oder

„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu...“, oder

„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn...“, oder

„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben,

wenn unsere Eltern...“, oder

„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn...“, oder

„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen,

sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten...“

Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht.

Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit

Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte:

„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“

Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus.

„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte

Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt

ihr ja fliegen müssen, Vater.“

Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn

Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in

Dingen der Ermahnung ... nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem

ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt.

Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker

ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so

ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt

er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig,

oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen

können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst

angelangt waren und mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits

anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis

anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben

schienen.

So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich

zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche

Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte

meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor

Lachen.

Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er

jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte:

„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich

niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt -- mach’, daß du

vor die Türe gehst, damit -- damit du weißt, wie man sich bei Tisch

anständig beträgt.“

Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige

Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte

diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für

mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der

Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt,

ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe.

„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker

etwas unsicher zu mir.

„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht

besser, aber dafür schlimmer.“

„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat.

„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen,

der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze

hatte.“

„Soo?“

„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich

dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll

und schließlich fröhlich.“

„So?“

„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie

sich beinahe kugelten vor Lachen.“

„So, am Tisch?“

„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein

schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder

mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor

die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“

„Der Heinrich?“

„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als

eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“

„Dich? und der andere --?“

„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“

„Soso -- hm ja -- soso --“

In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein

Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem

Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft,

warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte.

Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den

unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches

Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick

erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen.

„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich,

„so muß ich dir schon sagen...“ Ich merkte sofort, daß es eine

umfängliche Predigt werden sollte und sagte:

„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch -- dein Sohn ist im übrigen ein

famoser Kerl.“

„Famoser Kerl, wieso?“

„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner

Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“

„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen -- hm ja, ich meine, ich glaube,

du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr

erinnere, nicht gerade jetzt -- und im übrigen vermute ich, daß ich

damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin --

wenn du’s schon erzählen mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch

diesen Unterschied --“

„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied --“

„Welchen andern Unterschied, bitte?“

„Nun, ~du~ hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht

vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte

Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein

Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als

du in seinem Alter damals --“

„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart

bloßzustellen --?“

„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im

Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so

unbekümmert und so -- kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als

eben diese Söhne.“

Der Rauchtisch

Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher

haben sie erfunden.

Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels

Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem

Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit

Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein

Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher

keine Streifenspule war.

„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich.

„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“

„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es

halten.“

„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß --“

„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“

„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt

und --“

Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich

wurde feig. Ich hob drei Finger. Ich verleugnete meinen gesunden

Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner

Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für

einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das

Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei

eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen

ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht.

„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn

täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch

nicht alles, wenn er in Gefahr ist.

Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er

zugedeckt, unsichtbar und gnädig.

Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides

und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir

schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam

der Arzt.

„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins

Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“

„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen

Briefkasten zu halten!“

Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen

Augenblick allein sprechen: „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien

Sie mich von diesem Ding da!“

„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie

ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber --“

Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein.

Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die

Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die

Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während

der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen

niederließ.

Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines

Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem

Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem

Bett und grinste verdrehter und hämischer als je.

Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die

unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine

Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch

auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und

schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne.

Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“,

sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha,

gewonnen -- leer kam sie zurück.

„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit

einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die

Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach,

Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal --

Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet

unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster --

„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust,

gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der

Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“

Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch.

Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich

warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen

kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch.

Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf

dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen

Rauchtisch.

Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den

Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit

überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst

nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn

es überhaupt nie fertig würde.“

Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich

nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch

mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch.

„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“

„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn

unterwegs verlieren sollten -- hier sind drei Mark -- Sie verstehen.“

Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim.

„Gnä’ Frau -- huhu -- stehen lassen in der Straßenbahn -- huhu --!“

Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s

nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab --

marsch, ins Fundbureau!“

Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also

holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein

zweitesmal erheblich gründlicher.

Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes

Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und

ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden

hat und behält, erhält zehn Mark.“

Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die

Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also

sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n will, wenn ich ihm

das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’...“

Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug

für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz

Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr

Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen --

darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete --“

„Sie -- Sie sind --“

„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht

aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau

Gemahlin --“

Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören.

Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein

Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer.

„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben.

„Um Gottes willen --“

„Sei getrost, ich verzeihe dir.“

„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr

kommen lassen?“

„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“

Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend.

„Mann, verstell’ dich nicht -- Kassabüchlein -- monatlich zehn Mark --

Kreszenz Hasenfratz -- wir wissen alles --“

„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“

Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn -- meine Tochter schrieb mir

alles -- wir wissen wohl um deine Jugendsünde -- laß das arme Kind nur

kommen --“

„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich.

„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen,

habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen...“

Der Familienaufsatz

Montag brachte Hans das Aufsatzthema heim: „Der Krieg, eine Geißel

der Menschheit.“ „Konzept am Sonnabend abzuliefern“, hatte der Lehrer

gesagt. „Schreibt diesmal frei, ganz aus euch selbst heraus.“

„Herrgott, ist bis zum Sonnabend lang“, dachte Hans und schlug die

Geißel in den Wind. In den Wind geschlagene Geißeln knallen irgendwann.

Beim Hans am Freitag. Es war ein Gewissensknall. Die Familie knallte

mit. „Der arme Bub,“ sagte die Mutter, „von heut auf morgen einen

ganzen Aufsatz.“ -- „Gott,“ sagte Vater, „ich habe zu manchem

verzwickten Geschäftsbrief nicht mal soviel Zeit.“

„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der

Menschheit.“ -- „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration

läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur

mal dran, Hans.“

Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der

Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der

Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine

Geißel der -- Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ -- „Einen schönen

Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ -- „Er meint einen stilistisch

schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante

an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ -- „Ach

was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration --“ -- „Schuß? Er

braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ -- wenn ich denke: von

heut auf morgen eine ganze Geißel --“

Das war um 6¼. Um ½7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch. „Einen

schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite 63,

Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die

materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges

leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ --

„Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“

Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner

Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ -- „Na, nicht

so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration -- und nun

machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“

Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu

werden. „Onkel Franz, bitte noch einen schönen Satz.“ -- „Jetzt kann

dir mal die Tante helfen, Junge.“ -- „Tante, bitte, noch einen schönen

Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren

alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam

schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft

siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen:

Krieg überall.“ -- „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte

Tante Lotte.

Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein

wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. -- „Jetzt einen Satz von

dir, Mutter“, bat Hans. -- „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig,

ich kann keine schönen Sätze kochen.“ -- „Aber Mutter, irgendeinen

Satz wirst du doch --“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den

vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft:

„Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die

kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse

ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig

nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz.

Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte

eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr

geehrten...“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und

sagte auf und ab gehend:

„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich

erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu

eskomptieren.‘“

Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante

Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne

Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem

Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch

vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß

herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es

noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den

andern solchen schweren Aufsatz...“ Damit schlief er befriedigt ein.

Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer

Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’

mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor:

„Mir ist mein Sohn gefallen...“ Es war ein erschütternder Bericht in

einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich

bin gefallen in der Sommeschlacht ...“ Stoßweise, wie das Volk spricht,

erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus.

Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg

verbrannt...“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall

seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus auf. Sie standen auf und

sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein

Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule

aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit.

„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ -- „Einen -- einen Aufsatz“,

stotterte Hans. -- „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und

las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des

Krieges leuchten wie riesige Fanale...“ Und er trommelte alle schönen

Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was

sagen Sie nun, Herr Petrus?“

„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die

Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er

anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein

Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte

sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid.

Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt.

Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen

Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich

und wachte auf. Schon war es hell.

Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch

schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den

Aufsatzseiten. Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog.

Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die

Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen

Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht...

Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar

gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen

abschreiben!“

„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“

„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“

Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem

Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem

Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht.

„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh

hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang

er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine

Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen

Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale --“

„Aber Balthasar, das sind ja -- das ist ja --!“

„Kenn’ ich schon -- möchtest mir’s wieder abluchsen -- da wird nichts

draus -- in der Religionsstund’ schreib’ ich’s ab.“

Und während in den ersten Bänken der Katechismus abgefragt wurde,

schrieb der Balthasar in der letzten Bank aus Raschelblättern ab und

ab. Eben war er fertig, als der Aufsatzlehrer eintrat: „Konzepthefte

einsammeln!“

Eine Woche verging. Hans war recht still. Stiller als die Seinigen zu

Hause. Alle Augenblicke stellte ihn dort jemand auf der Treppe, im

Korridor, im Zimmer: „Nun, Hans, ist dein Aufsatz schon zurückgegeben?“

fragte Mutter. -- „Na, Hans“, sagte Onkel Franz, „und der Aufsatz?“

-- „Hans, hast du deine Eins schon abgekriegt im Aufsatz?“ sagte

Tante Lotte. -- „Hannes, Hannes,“ sagte am zuversichtlichsten der

Vater, „diesmal hat er dich wohl übern Schellenkönig gelobt, dein

Aufsatzlehrer, he?“

„Die Aufsatzhefte werden erst am nächsten Sonnabend zurückgegeben“,

sagte Hans leise. Fast geduckt ging er weiter. Sie sahen ihm nach:

„Ich weiß nicht, was der Junge hat,“ sagten sie kopfschüttelnd, „wenn

uns jemand so geholfen hätte mit den schönsten Sätzen, als wir in die

Schule gingen...“

Da war der Sonnabend da. Und da lag der Stoß Aufsatzhefte am Katheder,

so hoch, daß des Lehrers Angesicht darüber kaum zu sehen war.

„Zunächst die beste Arbeit,“ sagte der Lehrer, ernst ein Heft in seinen

Händen wägend, „Hans, das war deine beste Arbeit. Ganz warm ist mir

dabei geworden. Hört mal...“

Mäuschenstill hörte die Klasse Hansens Aufsatz an. Nur der lange

Balthasar in der letzten Bank rutschte etwas hin und her.

„Hans, bei dieser Nummer magst du bleiben. Note 1. Wie einem das wohl

tut, wenn man all den andern aufgeblasenen Sums -- zum Beispiel den

da -- hört mal: ‚Die materiellen, intellektuellen und moralischen

Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale‘ und so weiter

und so weiter. Sag’ mal, Balthasar, wo hast du dir denn diesen

abgestandenen Schmarr’n zusammengestohlen?“

„Von -- von -- vom Hans!“

„Na, das ist denn doch! -- Hans kann solches aufgepapptes Zeug

überhaupt nicht schreiben. Hans, dieser Aufsatz soll von dir sein?“

„Nein, Herr Lehrer.“

Zu Hause sah man es ihm an. Sie umdrängten ihn: „Na, Hans, der Aufsatz

ist zurück?“ Hans nickte selig. „Und du hast den Vogel abgeschossen,

Hans?“ Hans nickte seliger. „Na, kein Wunder, lieber Hans -- aber

danken hättest du uns wenigstens ’n bißchen können...“

Auf dem nächsten Schulweg warnte den Hans ein Kamerad: „Du, nimm dich

vor dem Balthasar in acht. Er sagt, du hättest ihn mit dem letzten

Aufsatz schauderhaft hereingelegt. Und er will dich ebenso verhauen.“

Da straffte sich dem Hans etwas im vierten Rückgratswirbel, wo der Mut

sitzt, gleich hinter der Wahrhaftigkeit: „Soll nur kommen!“

Der Hunderter

Ich habe einen sonderbaren Hunderter. Der will nicht aus meiner

Kasse. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck auszugeben, er

knistert: Nein. Vielleicht kann ihm jemand helfen? Aber dazu muß ich

seine Geschichte erzählen.

Der Hunderter gehörte früher meiner Tante. Und noch früher der

Frida. Und noch früher, das weiß ich nicht. Niemand weiß, woher ein

Hunderter kommt, niemand weiß, wohin er geht. Hunderter sind wie

Schienenstrangstücke in Untergrundbahnhöfen: Dunkel, kurzes Blitzen,

wieder Dunkel. Das Blitzen meines Hunderters trug sich so zu: Die Frida

diente bei meiner Tante. Grundehrlich, stand in ihrem Dienstbuch. Aber

das steht in vielen. Was in Dienstbüchern steht, ist nicht so wichtig.

Wichtiger ist, was nicht darin steht. Nicht darin stand, daß sie von

der stillen Art war. Kein Klappern, kein Geschrei, kaum ein Fragen. Und

wenn man selber eben fragen wollte: „Frida haben Sie...“ oder „Frida,

ist schon...“, so war schon immer alles fertig. Leise schwangen ihre

langen Arme an den breiten Hüften: „Und was jetzt?“ Mit diesem „Und

was jetzt?“ ging sie durch das Leben.

Meine Tante wußte, was sie an ihr hatte. Aber einmal fehlte ein

Hunderter. Die Tante hatte ihn in die Schreibtischschublade geschoben,

als es klingelte. Dabei vergaß sie, den Schlüssel umzudrehen. Dann

unterschrieb sie auf dem Gang den Einschreibebrief, während die Frida

den Schreibtisch abstaubte. Erst am Abend erinnerte sich meine Tante an

den nicht umgedrehten Schlüssel. Der Hunderter war verschwunden.

Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine

Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war

sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ -- „Nein, gnä’ Frau.“

-- „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ --

„Jawohl, gnä’ Frau“ -- Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. --

„Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ -- „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas

Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. -- „Frida, den Hunderter kann

niemand anders genommen haben.“ -- „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund.

„Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida,

geben Sie ihn her.“ -- „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ -- „Also ist er

schon bei einem Helfershelfer?“

Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen.

Sie weinte. „Gut, ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte

Tante.

Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ -- „Ich hab’ ihn nicht, ich

versteh’s nicht.“ -- „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der

Polizei...“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie

erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ -- „Für jetzt

will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die

Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“

Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer.

Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer

gütlich zu. -- „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es

kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht

entlasten.“ -- „Jawohl, Hochwürden.“ -- „Nicht drängen darf ich Sie,

Sie müssen selber...“

Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich

erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben,

daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das

Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas

Arme: „Und was jetzt?“ -- „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich

will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht

entlassen werden.“

Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr die Tante zwei Mark

am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier

Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen

dient: „Und was jetzt?“

Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie

mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht

getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu

treten, sie war gar so tüchtig. Aber so... So war’s schon besser, daß

sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte.

Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme

traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines

jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging

schwer, er zog und zog... „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er

angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten

Hunderter in der Hand.

Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben -- ich habe sie nicht

mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht

schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“

Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein

sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe,

ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste -- mein

Hunderter knistert: Nein.

Vielleicht kann ihm jemand helfen?

Der Spohrer

Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst

gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“

Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an?

„Mi--iller!“ schrie es ärger.

Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘

dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast

bekannt vor -- na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp,

holte schon die Feder aus zum nächsten Satz.

„Mi--i--i--ille--e--er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem

Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt -- stand

da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im

Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu

einem verstärkten Millergedröhn.

„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“

„Ich geh zum Schlittenfahr’n -- der Miller soll ’runterkommen mit

sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf.

Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten

machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns

irgendeinen Miller --

„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme

meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube,

er meint unsern -- unsern Hansi.“

„Unsern -- unsern --?“ stammelte ich verbindungslos.

Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen.

„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er

gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder

der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo

die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah,

bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke

bogen.

„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln.

Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den

Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem

Hansi abgeblättert.

„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und fuhr mir über die Schläfe,

als habe sich da was Fremdes angesetzt.

An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die

Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps

von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit.

Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse

weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam

nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger.

„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder

nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können,

hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß

verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten

wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der

Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer

gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte.

Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen,

warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre.

„Weil er -- weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“,

platzte Hansi heraus.

„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“, fühlten wir uns

verpflichtet, für den Spohrer einzutreten.

„Ja, und dann -- und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß

draufgetreten, der -- der gemeine Kerl!“

„Aber Hansi, das kann Zufall sein und --“

„Und dann -- und dann -- und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner

Kerl!“ Der Hansi heulte.

Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur

einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer

lacht mich aus damit“, sagte er.

Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und

regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben:

„Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn

nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser

ganz gemeine Kerl.

„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal.

„Wirklich, Hansi?“

„Ja -- beinah -- der -- der gemeine Kerl!“

„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so

aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge--“ Aber da war er schon

aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi.

In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem

Schulgang.

„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter.

„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf -- mit’m Stecken -- der -- der

gemeine Kerl!“

Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch

den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer

hätte -- der Spohrer wäre -- der Spohrer könnte -- der Spohrer würde.

Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen

gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere.

Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der

Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine

letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der

Spohrer... Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von

dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi

ab.

Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer

Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als

wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche.

„Doch nicht ~der~ Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es

wirklich ~dem~ Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich

erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich.

„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so lang und hager, wie

Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir.

Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi.

„Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi

behandle ihn ~zu~ schlecht.“

„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.

„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er -- dann habe er ihm

einmal beinah eine ’neingehauen -- und auf dem Schulweg passe er ihm

auf, der -- der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines

Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere

Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat -- der

Miller ist -- der Miller wird -- mit einem Wort, wir sind vermillert

auf und ab.“

Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend

fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule

beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von

Spohrern und von Millern sei.

„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt

steht, wird sie auch verspohrert --“

„-- Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu

einer -- einer stillen Liebe.“

Glück

Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen

Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten

Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat -- Herr im Himmel, was

hat der Glück gehabt -- jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz

da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine

Einladung auf den nächsten Sonntag.

Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid,

das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da

sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das

Benehmen anbeträfe -- „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der

Schule sein mußt -- nicht etwa kriechend -- wir sind auch was, wenn wir

auch kein Staatsrat sind -- du hast da einmal einen Klassenkameraden

mitgebracht -- Mathias, glaub’ ich -- der trägt den Kopf aufrecht, weiß

was er will und läßt sich gar nicht extra imponieren -- an dem nimm

dir ein Beispiel.“

Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur

diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war

auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp:

„Bin hier fast jeden Sonntag -- der Staatsrat ist mein Onkel -- komm.“

Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern

nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein -- „Mathias, nimm

dich seiner an!“

Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob

ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben,

wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“

Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten · 第 1 / 5 段