Anmerkungen zur Transkription
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Buches.
Max Butziwackel
der Ameisenkaiser
Ein Buch für Kinder und große Leute
Nach
Luigi Bertelli
deutsch bearbeitet von +Luise von Koch+
Mit Buchschmuck von Karl Elleder
Freiburg im Breisgau 1920
Herder & Co. G. m. b. H. Verlagsbuchhandlung
Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Wien, London, St. Louis Mo.
Alle Rechte vorbehalten
Buchdruckerei von +Herder & Co.+ G. m. b. H. in Freiburg i. Br.
Zum Geleite.
Bertellis Büchlein, das in der vorliegenden Übertragung dem deutschen
Leserkreis zugänglich gemacht werden soll, ragt weit über den
Durchschnitt der Jugendschriften empor. Der italienische Verfasser
verbindet mit einer gründlichen Kenntnis der Insektenwelt eine
südländisch reiche Phantasie und ein köstliches Erzählertalent. So
konnte er seinen Landsleuten ein Werk schaffen, das Kindern und
Erwachsenen eine lautere Quelle der Bildung und ein reicher Schatz
der Belehrung geworden ist. -- Mit Freude erinnere ich mich noch der
Zeit, da ich mir von italienischen Kindern aus dem Butziwackel erzählen
ließ. Angeregt durch das Büchlein, betrachteten sie mit geschärften
Augen die krabbelnde Ameise im Sande, den Wasserkäfer im Tümpel, die
summende Hummel und Biene auf der blühenden Wiese; für die kindliche
Vorstellungswelt wuchsen sie zu Gestalten aus dem Butziwackel.
Wer die Schöpfung in der Kleinwelt des Insektenreiches betrachtet,
findet darin einen unerschöpflichen Reichtum von Schönheit und eine
ungeahnte Fülle von Kraft, die Spuren des allmächtigen und allweisen
Schöpfers. In der durch die Naturgesetze bestimmten Vollkommenheit der
unbewußten Geschöpfe sah der Mensch allezeit einen Antrieb zur eigenen
sittlichen Vervollkommnung. Ein Führer zu neuen Kenntnissen, ein Mahner
zu tapferem Vorwärtsstreben ist der Butziwackel.
Ich habe an der deutschen Ausgabe ratend und helfend mitgearbeitet und
kann nur wünschen, daß das Büchlein in die Hände vieler Kinder und
Kinderfreunde komme. Es wird sich neben dem »+Bengele+« einen Platz im
Kinderherzen erobern und wie jener Freude bereiten und Nutzen bringen.
+Illenau+, August 1920.
=A. Grumann.=
Inhalt.
Seite
Zum Geleite v
1. Drei Geschwister in der Sommerfrische 1
2. Max wird ein Ameisenei 6
3. Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes
und Bitteres 9
4. Eine Ameisenmutter 17
5. Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder
männlich noch weiblich 22
6. Eine Riesenschlange 28
7. Ist ein Kind klüger als eine Ameise? 32
8. Die Überführung der Schlange 38
9. Max, der Soldat 43
10. Im Kuhstall der Ameisen 46
11. Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht 52
12. Butziwackel wird erkannt 56
13. Das weiße Fähnlein 59
14. Ein feindlicher Angriff 63
15. Max wird General auf dem Schlachtfeld 66
16. Ein Gasangriff auf General Butziwackel 71
17. Kaiser Butziwackel I. 76
18. Der Überfall 82
19. Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den
seinen zu hoch getragen 87
20. Das Kriegsgericht 90
21. Ein hochvornehmer Mordgeselle 95
22. Letztes Lebewohl 101
23. Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus
einer Eichengalle herausspaziert 107
24. Auf dem Weg zur Mutter 113
25. Die geheimnisvolle Barke 117
26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff
beginnen und sie zu Pferde beenden kann 122
27. Bei den Hummeln 127
28. Zwei Insekten finden ihr Haus wieder 133
29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen,
wenn man keinen Hausschlüssel hat 137
30. Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh verwechselt 142
31. Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser
gegangen 146
32. Die Geheimnisse einer Rosenknospe 153
33. Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen 158
34. Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines
Grafen aller Hautflügler 166
35. Im Bienenreich 172
36. Ein Kaiser spricht mit einer Königin 179
37. Das Geheimnis der Muskatellertraube 184
38. Die Stadt in Aufruhr 190
39. Max verläßt das Bienenreich 197
40. Eine Fahrt erster Klasse 200
41. Dritter Klasse, Abteil für Raucher 206
42. Großzang findet beinahe den Hungertod 213
43. Kaiser Butziwackel auf St. Helena 219
1. Drei Geschwister in der Sommerfrische.
Eigentlich, liebe Kinder, sollte ich meine Geschichte mit der
Beschreibung eines Landhauses beginnen, das an einem glühendheißen
Sommermittag, so gegen 2 Uhr, mitsamt dem ganzen Lande ringsum
schläfrig dalag.
So flüsterstill und schweigsam war es um diese Zeit, daß nicht einmal
die rücksichtslosesten Schreier unter den Insekten, die kleinen
Grillen, es wagten, die tiefe Ruhe zu stören.
Übrigens weiß ich längst, wie unbeliebt Beschreibungen bei euch sind.
Wo ihr sie immer in Büchern antrefft, überspringt ihr sie in einem
Hops, nicht wahr? Zudem ist es so wie so nicht schwer, sich mitten in
einem schönen Garten ein weißes Haus mit grünen Läden vorzustellen,
umrankt von üppigem Weinlaub; denn zwei kräftige Weinstöcke waren an
jeder Ecke des Hauses gepflanzt und umkränzten prächtig alle Fenster
mit hellem Grün. Muskatellersorte war es, und wer diese kennt, weiß sie
zu schätzen! In dichten Massen glänzten die Blätter; was aber leider
fehlte, das waren die süßen Trauben. Nur hier und dort schimmerte es
goldig zwischen dem Laube, auffallenderweise aber nur immer hübsch
entfernt vom Fenster. Es kommt nämlich beglaubigtermaßen höchst selten
vor, daß Muskatellertrauben in erreichbarer Fensternähe zu finden sind;
wenn Knaben in einem solchen Hause wohnen, fast niemals.
Bst! Bst! Seht dorthin an die Haustüre!
Ganz langsam öffnet sie sich und heraus schleichen, eines hinter dem
andern, drei Kinder. Bedächtig steigen sie die Steinstufen herab. Zwei
Buben sind's und ein Mädchen. Mit schleppenden Schritten gehen sie
dahin und aus den Augen stiehlt sich trübselige Müdigkeit und Unlust
bis zum Nasenspitzchen hin.
»Wie ist das möglich?« werdet ihr fragen, »im Sommer, zu dreien auf dem
Lande, und trübselig, nicht froh und lustig sein?«
Ich kann es erklären.
Seht, jedes hält in der Hand ein Buch, aber kein Märchenbuch, keine
Reiseabenteuer, sondern Schulbücher sind's. Vom Hause hört man rufen:
»Fleißig sein, Kinder! Onkel Walter kommt bald heim und überhört euch!
O weh, wenn ihr dann nichts könnt, ist es zu Ende mit der versprochenen
Kahnpartie!«
So schleichen die Dreie bekümmert ihres Weges. Ihre Bücher halten sie
vor sich her, als ob es brennende Kerzen wären. Mit ihren traurig
gesenkten Nasenspitzen erwecken sie den Eindruck, als ob sie zu einem
Begräbnis gingen.
Sobald sie an einem schattigen Plätzchen im dichten Fliederbusch
angelangt sind, setzen sie sich auf die Steinbank, jedes ein wenig
abgerückt vom andern. Vorsichtig öffnen sie die Bücher, so vorsichtig,
als ob am Ende gar zwischen den Blättern ein Kobold säße, der ihnen an
den Kopf springen könnte.
Das Buch des Kleinsten scheint das gefährlichste zu sein, darinnen
sitzt sicher der wildeste, kleine Kobold, denn er kann sich kaum
überwinden, sein Buch aufzuschlagen.
Das köstlich kühle Plätzchen war den Kindern besonders empfohlen
worden. Papa, Mama und Onkel Walter behaupteten, man könne dort auch an
heißen Tagen vortrefflich lernen.
[Illustration]
Aber, du liebe Zeit! Schon nach wenigen Minuten sank dem Kleinsten die
Hand, die das Buch hielt. Er trieb seine Bäckchen zu kleinen rosigen
Äpfelchen auf und versuchte ein quietschendes Jahrmarkttrompetchen
nachzuahmen, indem er blasend die eingezogene Luft ausstieß. Da seine
Kunst aber keinen Eindruck auf die Geschwister machte, bemerkte er tief
aufseufzend:
»Ach, es geht wirklich nicht!«
Die beiden andern schienen aber emsig in ihr Studium vertieft zu sein,
daher stieß er jetzt ungeduldig das Schwesterlein mit seinen Ellenbogen
an und fragte unwillig:
»Spürst denn du nicht, wie heiß es ist?«
Zürnend hob die Kleine den Kopf.
»Schweig, Max! Ich muß meinen ganzen Verstand zusammennehmen, denn
meine Rechnungen sind sehr schwer.«
»Ei, kann denn einer noch Verstand haben in solcher Hitze?«
Nun mischte sich auch der Älteste in die Rede. Er gab sich ein sehr
gewichtiges Aussehen, konnte aber seinen eigenen Unwillen kaum
verbergen, als er sprach:
»Die Wärme spielt hier gar keine Rolle. Im Gegenteil: Die Mutter sagt,
hier sei es hübsch kühl und die Kühle schärfe den Verstand.«
Der Kleinste dachte etwas darüber nach, dann sagte er mit größter
Ehrlichkeit:
»Jawohl! Aber wenn man keine Lust zum Lernen hat, dann hilft auch die
beste Kühlung nichts.«
Max hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. All den drei Kindern fehlte
der Wille zum Lernen, und es wäre sehr schwer herauszubringen gewesen,
welches von ihnen das faulste war.
Kaum hatte der Kleine die Wahrheit offen ausgesprochen, schlossen
sie mit einem Klaps ihre Bücher und warfen sie geräuschvoll auf die
Steinbank. Dabei bekamen die unschuldigen Bücher noch nachgerufen:
»Zum Kuckuck mit der Geschichte des Mittelalters!«
»Lebt wohl, ihr greulichen Rechnungen!«
»Gute Nacht, du lateinische Grammatik, du!«
Moritz, der größte, erhob sich jetzt, pflanzte sich mit gespreizten
Beinen vor dem Brüderchen auf und begann zu überlegen:
»Unser ganzes Elend kommt daher, weil ihr eure Prüfung nicht bestanden
habt.«
»Bitte«, verbesserte Theresa, die Schwester, »du willst wohl sagen,
weil +wir+ sie nicht bestanden haben.«
Da lachte Max vorwitzig: »Daß wir neulich bei der Prüfung nicht gut
weggekommen sind, wäre nicht so schlimm, aber daß wir noch einmal
hinein müssen und lernen, lernen, lernen sollen, -- puh -- das ist
schauderhaft!«
Moritz, der sich vorgenommen hatte, mit der Zeit, -- wenn er so
gemütlich weiterlernte wie bis jetzt, allerdings mit reichlich viel
Zeit --, ein berühmter Rechtsanwalt zu werden, fand den Augenblick
passend, eine seiner vielen Probereden zu halten, und begann sogleich
im Rednerton:
»Wie ihr wißt, kann ich die Einrichtung der Prüfungen durchaus nicht
loben.«
Max fiel ihm lachend ins Wort:
»Und in der Prüfung hat man dich nicht gelobt.«
»Wie kannst du dir erlauben, eine Rede zu unterbrechen, du Wicht,
du Naseweis! -- Wenn du nicht gleich still bist, nenne ich dich
+Butziwackel+.«
Butziwackel! Schauderhaft. -- Wie war ihm dieses Wort verhaßt! --
Was konnte er dafür, daß seine gute Mutter ihrem kleinsten Sohne
in äußerster Sparsamkeit für den Landaufenthalt immer die alten,
abgetragenen, fadenscheinigen Höschen ihres Moritz zumutete. Dem
Wildfang Max wollten diese Höschen nie lange halten. So oft auch die
Mutter den Sitzboden stopfte und flickte, es kam doch immer wieder
einmal ein verdächtig weißes Zipfelchen zum Vorschein, das vorwitzig,
einem Fähnlein gleich, hinter dem Kleinen herbammelte. Und darum
schimpften sie Butziwackel.
Für andere Leute mochte das Fähnlein ja recht putzig und lustig
aussehen, für Max aber war es nur ärgerlich und entfachte seinen Zorn.
Kaum hatte auch jetzt wieder sein älterer Bruder das verdrießliche Wort
ausgesprochen, so griff Max nach dem Boden seines Höschens. Wahrlich!
auch heute hing schon wieder frech ein Fähnlein heraus. Rasch stopfte
er es ins Verborgene und ging grollend weg von seinen Geschwistern.
2. Max wird ein Ameisenei.
Mit Tränen in den Augen und zornrotem Gesichte lief unser kleiner Max
durch den Garten und kam zu einer Felsgrotte, aus der ein Brünnlein
plätschernd hervorsprang. Dort setzte er sich auf einen moosigen Stein,
stützte den Kopf auf beide Arme und starrte vor sich auf den Boden.
Siehe, da lief eine Ameisenschar wie eine lange Prozession geschäftig
ihre Straße hin und her. Max schaute ihnen eine Zeitlang zu und
dachte: »Wie schön haben's doch die Ameisen! Sie gehen den ganzen Tag
spazieren, freuen sich des Lebens, müssen nicht lernen und kennen keine
Prüfungen. Wenn ich doch nur auch eine Ameise wäre!«
Er mußte seine Gedanken laut ausgesprochen haben; denn plötzlich hörte
er neben sich eine Stimme:
»Willst du, kleiner Faulpelz, wirklich eine Ameise werden?«
Erschrocken wandte Max sich um und gewahrte einen sonderbaren Alten
langsam auf sich zutreten. Gott, wie sah der Mann so merkwürdig aus!
Woher war er nur gekommen? Auf seiner roten, spitzen Nase saß eine
Riesenbrille, um den Hals schlang sich eine dicke, schwarze Binde, und
ein grüner altmodischer Rock schleifte hinter seinen Fersen her. Dieser
Mann beschaute lächelnd den verblüfften Kleinen mit Augen, die aus
buschigen, fuchsroten Brauen hinter der funkelnden Brille wie Laternen
leuchteten.
[Illustration]
Es war alles so unheimlich, und der tapfere Max hatte Mühe, seine
Furcht zu verbergen. Er hätte nicht gewagt, den Alten zu befragen, wer
er sei, und wie er in Vaters Garten hereinkäme. Eine Weile betrachtete
der Fremde unsern Butziwackel, der schüchtern und gar nicht keck wie
sonst, aber neugierig wie immer auch seinerseits den Unbekannten
musterte. Der holte jetzt kopfschüttelnd aus einer tiefen Rocktasche
eine großmächtige Dose hervor, öffnete sie sachte, stopfte sich eine
ausgiebige Prise in die Abgründe seiner großen Nase, nieste dreimal
und brummte dann mit näselnder Stimme die sonderbaren Worte:
»Ameis!
Mit Fleiß!
So sei's!«
Leise vor sich hinlachend, schlürfte er dann in seinen grasgrünen
Pantoffeln und dem langen Schlepprock den Kiesweg entlang, der zum
Gartentürchen gegen den Wald zu führte.
Mit seinem roten Schnupftuch winkte er noch spöttisch Max zu, der
ihm verwirrt nachschaute. Er bemerkte noch, wie der sonderbare Mann
belustigt und kichernd seinen Kopf schüttelte und sodann geheimnisvoll
hinter den Büschen am Wege verschwand. Starr vor Staunen und Verwirrung
hatte Max die sonderlichen und unerklärlichen Worte vernommen. Wenn
er sie leise nachsprach, so wurde ihm so furchtsam, so bang zu Mute,
daß er am liebsten hätte fortlaufen mögen zu Therese und Moritz, die
ihn vielleicht schon suchten. Allein, merkwürdig! Er konnte nicht vom
Stein aufstehen, es war, wie wenn er festgeleimt wäre. Er wollte den
Geschwistern rufen, die er von ferne auf dem Gartenwege sah, aber
seine Stimme versagte. Er wollte ihnen zuwinken, aber er fühlte sich
so bleiern müde, seine Augenlider waren schwer, sie fielen zu, und es
wurde dunkel um ihn. Nein, wie sonderbar ward ihm doch zu Mute! Wurde
er nicht klein und immer kleiner? War er nicht jetzt ganz weich und ein
rundes Ding geworden? Er wollte die Arme heben, mit den Beinen zappeln,
er hätte schreien mögen, weinen, fortlaufen, Widerstand leisten gegen
die geheimnisvolle Kraft, die ihn zusehends veränderte und die, wenn
sie noch länger über ihn Gewalt hatte, ihn zu einem spurlosen Nichts
zusammenschrumpfen ließ. Er war wie eingeschnürt von allen Seiten, und
deutlich spürte er, daß er die Form eines winzigen Eies annehme.
In diesem unglücklichen Augenblick dachte er noch an das weiße
Wackelfähnlein. Er machte den verzweifelten Versuch, dieses beschämende
Fetzchen zu verstecken, umsonst, umsonst!
Schon war Max am Ende seiner Verwandlung angelangt; er fühlte, wie
seine Sinne sich verwirrten und umnebelten. Zwei schwarze Schatten
tauchten noch vor seinen Blicken auf. O Gott, das waren vielleicht zwei
Totengräber, die ihn holten! Gewiß, er täuschte sich nicht, sie hoben
ihn sachte empor, und nun machte er den letzten angestrengten Versuch
zu schreien:
»Um Gottes willen, ich bin Max, helft mir doch das Zipfelchen
verstecken!«
Die vergebliche Mühe brachte ihn aber nur um die letzten Kräfte.
Willenlos überließ er sich jetzt dem Schicksal und verlor das
Bewußtsein.
3. Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes und Bitteres.
Wie lange blieb Max in Ohnmacht? Er konnte es nicht ermessen;
aber wahrscheinlich währte der Zustand im Vergleich zu den großen
Veränderungen, die mit ihm vorgingen, nicht lange.
Als er zu sich kam, hatte er ein merkwürdiges Gefühl. Hatte ihn
jemand für einen Garnwickel gehalten und Fäden über ihn gewunden?
Er spürte es doch, er saß oder lag inmitten eines Fadenknäuels, aus
dem herauszuschlüpfen er sich tapfer abmühte. Niemals hätte er das
Kunststück fertig gebracht, wäre ihm nicht glücklicherweise jemand zu
Hilfe gekommen, der sorgsam die Wirrnis der Fäden weitete und ihm Luft
machte. Endlich konnte er den Kopf herausstrecken, gottlob folgten die
befreiten Arme, und
»Nur Mut«, hörte er jetzt eine Stimme ihm zureden.
Mit einem letzten, gewaltigen Ruck gelang es ihm schließlich, den
ganzen Körper frei zu bekommen, und zugleich fühlte er, wie man ihn
zärtlich liebkoste und wunderlich beleckte.
»Na«, meinte er überrascht, »was soll das?«
»Ich wasche dich sauber, Kindchen.«
»Wie, mit der Zunge? Bin ich ein Kätzchen geworden? Darf ich bitten, wo
bin ich, wer sind Sie, und was ist mit mir geschehen?«
Das hilfreiche Wesen antwortete:
»Still, Kleines! Wie bist du doch so neugierig! Jetzt, wo du eben erst
aus deinem Gespinst geschlüpft bist, kannst du noch nichts verstehen.
Gedulde dich, bald wird dir alles klar werden, du kleiner Naseweis.«
Naseweis hatte sie gesagt. Er war also schon erkannt und hütete sich,
jetzt noch mehr wissen zu wollen. Aber bei der gütigen Ruhe, mit der
er von allen Seiten gestriegelt wurde, erwachte sein Denken; seine
Gedanken ordneten sich, und er wollte sich selbst Rechenschaft geben
von seinem neuen Zustande. Gottlob, die letzten Wundererlebnisse hatten
seinem Gedächtnis nicht weiter geschadet. Zunächst aber gab es leider,
leider keinen Zweifel. Er befand sich in der ägyptischen Finsternis,
von der er in der Schule einst gehört hatte, oder was ganz entsetzlich
wäre, er war blind! Wie konnte er aber dann wissen, wo er sich jetzt
aufhielt? Jawohl, Blinde haben ja solch feines Gefühl für den Raum, in
dem sie sich befinden. Und er, er war in einem unterirdischen Zimmer,
er wußte es, ohne herumzutasten. Ringsum beobachtete er mit feinstem
Sinn ein emsiges Arbeiten von vielen geschäftigen Wesen, ohne solche
zu sehen. Hatte er einen neuen Sinn bekommen? Er beantwortete sich
jetzt von selbst die vorhin gestellten Fragen. Er war eine Ameise; das
Wesen, das vor ihm stand, war auch eine Ameise, und sie beide befanden
sich in einem Ameisenhaus. Soviel begriff er einstweilen, so wunderbar
es auch war. Verworrene Bilder aus der letzten Vergangenheit tauchten
in seinem Gedächtnis auf wie ein halbvergessener Traum. War nicht ein
merkwürdiger, alter Herr dagewesen mit einem langen, grünen Rock und
rotem Schnupftuch, mit Brille und Tabaksdose, der unversehens in dem
Augenblick auf ihn zugetreten war, als er sich gewünscht hatte, eine
Ameise zu sein, ohne Prüfungsnot und Bücherqual? Moritz, Therese? Wo
werden sie sein? Zu Hause bei Vater und Mutter!
Dieser Gedanke bewegte Max schmerzlich, allein er beruhigte sich nach
und nach. Es war nun einmal nichts zu ändern. Weil er nicht lernen
wollte, hatte er sich das gewünscht, was er jetzt war. Onkel Walter
sagte stets: »Ein Mann muß die Folgen seines Handelns auf sich nehmen.«
In der Schule hatte er ein Sprichwort gelernt: »Wie man sich bettet, so
liegt man.« Mit vernünftiger Überlegung schloß er seine Betrachtung:
»Ich bin jetzt eine Ameise, und es geht mir nicht schlecht. Aber Max
bin ich doch auch noch. Wenn es nicht so wäre, kämen mir diese Fragen
und Gedanken gar nicht in den Sinn. Folglich bin ich jedenfalls etwas
viel Besseres als diese Insekten um mich, und ich werde immer tun
können, was mir gefällt und was ich will.«
Die pflegliche Ameise, die noch vor ihm verweilte und ihn auf den noch
schwachen Füßen gehalten hatte, befragte jetzt Max:
»Liebes Püppchen, du wirst wohl Hunger haben?«
»Nicht wenig«, erwiderte Max erfreut, der längst schon Appetit
verspürte.
»Da, nimm«, sprach die Ameise und streifte ihm eine vorzügliche
Süßspeise in den Mund. Mit gespitzten Lippen kostend und leckend wollte
Max wissen:
»Ach, was ist das Gutes?«
»Blattlaushonig, junges Ameislein. Schmeckt er?«
»Ausgezeichnet! Ich habe nie Besseres gegessen.«
Erwartungsvoll öffnete er noch einmal den Mund, um ein zweites
Honigschlückchen zu bekommen. Dabei machte er eine neue Beobachtung.
Wie war doch nur sein Mund geworden? Sonderbar, ganz anders als
sein Menschenmund! Er besaß zwei große, starke Unterkiefer, die man
Mandibeln nennt. Ihre inneren Ränder waren gezackt wie eine Säge,
und sie schlossen sich zusammen wie eine Zange. Doch dienten sie
nicht zum Essen. Er spürte die Speise zuerst auf dem unteren Teil des
Oberkiefers, der über den Unterkieferzangen lag und eine Art Lippe
bildete. Auf dieser fühlte er, wie wir es mit der Zunge machen, den
süßen Geschmack des Honigs, den er so behaglich einschlürfte.
Durch die feine Speise gekräftigt, fragte er sehr bescheiden, um nicht
wieder Naseweis genannt zu werden, seine liebevolle Pflegemutter:
»Verzeihen Sie meine Neugierde! -- Was für gute Sachen werde ich mit
meinen großen, starken Kieferzangen kauen, da ich sie zum Honigessen
nicht gebrauchte?«
»Gute Sachen? liebes Kind, gar keine; denn zum Kauen dienen deine
kräftigen Zangen durchaus nicht.«
»Wie, was? Nicht? Ja, wofür sind sie dann da?« fragte Max enttäuscht.
»Wir gebrauchen sie als Waffe zu unserer Verteidigung und hauptsächlich
zum Arbeiten.«
»-- -- -- Zum Ar -- -- -- Arbei -- ten?«
Vor Schreck fiel Max platt auf den Rücken und wäre liegen geblieben,
wenn ihm nicht seine Pflegemama wieder auf die Beine geholfen hätte.
»Ja, zum Arbeiten«, wiederholte deutlich die Ameise, »du wirst es gewiß
recht bald lernen und üben.«
Max sperrte seinen sonderbaren Mund mit den eingesägten Kieferzangen
vor schmerzlicher Überraschung weit auf, während die Pflegerin ihn von
neuem fleißig beleckte. Über diese Art von Reinlichkeitspflege wurde er
wieder lustig. Er schüttelte und drehte sich vor Lachen und rief:
»Hören Sie doch auf, das kitzelt ja unbändig.«
Da mußte die Ameise selber lachen und erklärte ihm:
»Ich glätte jetzt deine Fühler, sie sind der empfindlichste Teil deines
Körpers.«
»Fühler? Hm, hm, Fühler habe ich?«
»Fühler nennen wir die feinen Stengelchen, die du oben auf deinem Kopfe
trägst; greife nur mit deinen Beinchen danach, dann kannst du sie
deutlich betasten«; zugleich half sie ihm diese Bewegung ausführen.
Er fuhr sich mit den Vorderbeinchen, die wahrhaftig so geschickt wie
Arme und Hände waren, über den Kopf, befühlte und betastete sich und
behauptete: »Solche Dinger nennt man +Hörner+!«
Wie gerne hätte er sich in einem Spiegel besehen, aber wo wäre ein
solcher zu finden gewesen?
»Nenne sie, wie du willst«, sagte freundlich die Ameise, »aber Hörner
sind es sicher nicht, denn sie sind aus zartestem Stoff beschaffen,
was man von Hörnern nicht behaupten kann. Wehe uns, hätten wir keine
Fühler! Durch ihren Gebrauch finden wir unsere oft schwierigen Wege,
vermeiden Hindernisse und geben uns gegenseitig damit Zeichen.«
»Herrje, das ist viel auf einmal.«
»Aber lange nicht alles. In den äußersten Enden der Fühler sitzt unser
Geruchsinn.«
»An der Spitze der Fühlhörner ist also die Nase?«
Die Ameise lächelte über seine ungewohnte Art zu fragen und fügte der
Belehrung hinzu, daß in den Fühlern nicht nur der Geruch, sondern auch
das Gehör seinen Sitz habe.
Nun, die Vorstellung, so lange Ohren zu haben, war etwas demütigend,
und Max wollte schon ein bißchen beleidigt tun. Aber davon merkte die
Sprecherin nichts und belehrte weiter:
»Ohne Fühler könnten wir im Finstern uns nie zurechtfinden.«
Max wurde es nach diesen Worten verständlich, wie er trotz der
Dunkelheit Verschiedenes ganz gut wahrnehmen konnte. Das geschah eben
durch den wunderbar feinen und vielfältigen Sinn in den Fühlern.
Beruhigt war er aber trotzdem nicht, und er äußerte tief besorgt:
»Wie traurig ist es trotzdem, keine Augen zu besitzen!«
Jetzt mußte die Ameise herzlich lachen. Dabei streichelte sie den
Kleinen und liebkoste ihn.
Max, der immer ein wohlerzogener Junge gewesen war, erinnerte sich
endlich, daß er für alle erwiesene Liebesmühe noch mit keinem
Sterbenswörtchen gedankt habe. So begann er etwas verlegen:
»Liebe Frau Ameise, wie heißen Sie eigentlich?«
»Man nennt mich in meiner Familie Fuska. Gelehrte Leute aus meinem
Stamme wissen, daß der Name lateinisch ist und soviel bedeutet wie ›die
Dunkle‹.«
»Verzeihen Sie, Frau Fuska, ich dachte noch nicht daran ›Danke schön‹
zu sagen für Ihre große Güte, mit der Sie mich aus dem abscheulichen
Garnwickel befreit, und für die vielen Belehrungen, die Sie mir erteilt
haben.«
»Kind, was fällt dir ein, ich habe nur meine Pflicht erfüllt.«
»-- Pflicht? -- Wieso?« --
»Ja, ich tat, was du den Ameisen, die nach dir geboren werden, auch tun
wirst.«
»Nun, das verstehe ich nicht; ich sollte auch ...?«
»Wie könntest du jetzt schon etwas von bürgerlichen Pflichten
verstehen! -- Wenn du später dem Unterricht beiwohnst, wirst du das
Nötige schon darüber erfahren.«
Bei dem Worte Unterricht machte Max mit seinen sämtlichen sechs Beinen
einen Sprung nach rückwärts und wäre vor Schrecken fast ohnmächtig
geworden.
Was! er war ausgerechnet eine Ameise geworden, um dem Lernen zu
entgehen, und nun hörte er hier vom Unterricht reden? Das war ein
unerhörter Reinfall! Zitternd vor Schrecken stammelte Max:
»Ich habe nicht gut verstanden, was sagten Sie, liebe Frau Fuska?«
»Morgen ist die erste Unterrichtsstunde für die Neugeborenen. Man
lernt dort alles, was eine rechte Ameise wissen und kennen muß, um ein
nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden.«
Versteinert stand der gute Max:
»Wissen« ... »Kennen« hatte sie gesagt. Also lernen! -- Auch bei den
Ameisen!
[Illustration]
Hatte sie das gemeint? Vor Entrüstung bebend stieß er die Frage hervor:
»Gibt es bei den Ameisen vielleicht auch eine Sprachlehre, eine
lateinische Grammatik?«
Diese Frage verstand und beachtete Fuska gar nicht, sie wendete
sich vielmehr an vorübereilende Genossinnen, um mit ihnen Zeichen
auszutauschen.
Max aber war es, als ob ihm ein Brocken im Halse steckte und ihn
würgte; er war den Tränen nahe.
Da er aber ein sehr geschickter Bursche war, besann er sich und
sagte sich, wie unnütz das Weinen sei, besonders wenn man doch keine
Augen hat. Er kletterte tief betrübt und niedergeschlagen auf das
leere Fadenknäulchen, aus dem er vor kurzem mühsam und neugierig
herausgekrochen war, setzte sich rittlings darauf und trommelte unmutig
mit seinen Vorderbeinchen an die hohlen Wände, daß es widerhallte.
4. Eine Ameisenmutter.
Schon wendete sich seine Pflegerin Max wieder zu und sagte freundlich:
»Komme mit mir!«
Folgsam stieg Max von seiner großen Trommel herunter und bemerkte, wie
gut er auf seinen Hinterbeinchen aufrecht stehen und gehen konnte.
Wahrscheinlich waren ihm außer seinem Gedächtnis und seinem Verstande
noch mehr menschliche Eigenschaften verblieben, und das konnte immerhin
ein starker Trost für ihn sein in mancher Bitternis.
So folgte er mit neuem Mute Fuska. Warum stieß er nur plötzlich einen
jubelnden Freudenschrei aus? Was war geschehen? O Jubel! Er war nicht
blind! Nein, er konnte sehen, großer Gott, wie gut konnte er sehen!
In den weiten Saal, in den Fuska ihn eintreten ließ, drang von oben
durch eine winzige Öffnung ein Lichtstrahl herein. Befand er sich
vielleicht im Wohnzimmer oder gar im Speisesaale des Ameisenhauses?
Aber wie eigenartig neu war sein Schauen! Er hatte einen viel
übersichtlicheren Blick bekommen für alles, was ihn umgab. Ohne Kopf
und Augen zu wenden, übersah er, was über ihm, vor ihm, hinter ihm
und seitwärts geschah. Der Saal glich einer Grotte, die von Säulen
gestützt wurde. Wände, Boden, alles war sauber geglättet und regelmäßig
angeordnet. Rechts und links waren Ameisen emsig beschäftigt, und
einige schauten ihn wohlwollend und freundlich an, lächelten auch wohl
über seine staunende Miene. Alles dies konnte er sozusagen mit einem
einzigen Blick beobachten.
»Worüber bist du froh erregt?«, fragte ihn Fuska.
»O wie glücklich bin ich«, rief Max freudestrahlend, »ich habe ja
die besten Augen der Welt! Aber wie geht es wohl zu, daß ich so
Verschiedenes zu gleicher Zeit sehen kann? Ich bewege weder Kopf noch
Augen und trotzdem --«
»Das kannst du ja auch gar nicht«, fiel Fuska belehrend ein. »Weißt
du, liebes Ameislein, weil wir unsere Augen nicht bewegen können, hat
uns die Natur anders geholfen. Unsere Augen sind so gebaut, daß wir
durch ihre Form und Stellung ein weites Gesichtsfeld haben. Ja, ja,
alle Geschöpfe sind von der großen Mutter Natur so ausgestattet, daß
zu ihrem Leben und Dasein alles bereit ist, was sie zu ihrem Dasein
brauchen. Wir Ameisen haben zwei zusammengesetzte Augen.«
»Zusammengesetzte Augen! -- Kann man sie auch auseinandernehmen?«
Fuska erklärte mit unerschöpflicher Geduld:
»Die Oberfläche der beiden Augen, die links und rechts an unserem Kopfe
liegen, ist aus kleinen sechseckigen Feldern zusammengesetzt. Jedes
dieser Sechsecke zeigt nach oben eine Wölbung wie ein Brennglas, und
jedes Feld ist ein vollkommenes Auge. Begreifst du nun, daß wir deshalb
in jedem Augenblick nach allen Richtungen schauen können?«
Max ging voll Neugier auf seine mütterliche Lehrerin zu, schaute ihr in
die Augen und rief:
»Mein Gott, das sieht ja aus wie ein feines Netz!«
»Ganz richtig, unser Auge, aus vielen kleinen sechseckigen Augen
zusammengesetzt, heißt darum auch Netzauge; Gelehrte nennen es
Facettenauge. Doch sollst du dich über die Menge der Felder in meinem
Auge nicht zu sehr wundern. Wir haben nicht viele, nicht einmal
hundert.«
»Wie, das heißt wenig?«
»Im Vergleiche zu andern Insekten wohl. Solche Insekten, die in der
Luft leben, würden mit hundert kaum zufrieden sein. Fliegenaugen haben
etwa viertausend solcher Facettenaugen.«
»Viertausend!«
»Libellen haben mehr als zwölftausend.«
Es ist kein Wunder, daß Max mit seiner Vorstellungskraft Fuskas
Belehrung kaum mehr folgen konnte, als sie noch weiter erzählte:
»Ein Insekt gibt es, das heißt Dolchwespe. Die Augen dieser Dolchwespe
sind genau genommen fünfundzwanzigtausend Äuglein. -- Gelt, da staunst
du?«
Max fand tatsächlich keine Worte, um sein Erstaunen auszudrücken. »Wenn
diese Dolchwespe kurzsichtig würde«, dachte er, »dann bräuchte sie alle
Brillen der Welt für sich allein.« Fuska würde seinen witzigen Gedanken
doch nicht verstehen; er verschwieg ihn mit halbem Bedauern und fragte
weiter:
»Wieviele Augen habe ich also?«
»Komm her, ich zähle sie. -- Eins, zwei, drei ... So jetzt. -- Das eine
von deinen beiden zusammengesetzten Augen hat sechzig Felder.«
»Da hätte ich im ganzen hundertzwanzig Augen?«
»Nein, du zählst deine einfachen Augen nicht mit.«
»Ich habe auch noch einfache zu den zusammengesetzten? Genügen die
hundertzwanzig nicht?«
»Keineswegs; mit den hundertzwanzig bist du wohl imstande, mit einem
Blick alles ringsum wahrzunehmen, aber die nächsten Gegenstände kannst
du mit ihnen nicht klar unterscheiden. Wenn du mich ansiehst, tust du
es mit den einfachen Augen.«
Man denke sich, mit welchem Forscherblick jetzt Max Fuska aufs neue
betrachtete. Richtig, auf Fuskas Scheitel entdeckte er im Dreieck
gestellt drei helle, sanfte Äuglein, die in Perlmutterglanz leuchteten.
»Rechnet man alles in allem«, zählte Max tief aufatmend, »so besitzen
wir hundertdreiundzwanzig Augen.«
»Es ist so, ganz richtig!«
»Nun muß ich mich ein paar Minuten verschnaufen, ich kann es ja kaum
glauben. Sollte man so etwas für möglich halten! Erst wollte ich
glauben, ich sei blind, und nun entdecke ich an mir mehr als hundert
Augen!«
Die Sache gab Max gehörig zu denken. Still wiederholte er für sich:
»Hundertdreiundzwanzig Augen! Hätte ich sie auch als Kind gehabt, so
hätte ich mit hundertdreiundzwanzig in meine Bücher gucken müssen.«
Wie er noch schaudernd bei solch ungeheuerlichem Bilde verweilte, hörte
er ein Schreien im Saal:
»Obacht! Holla! Platz gemacht!«
Eine geflügelte Ameise kroch herein, gefolgt von einigen Gefährten.
Mühselig und erschöpft bewegte sie sich vorwärts, von den Gefährten
beinahe getragen und geschoben. Bei jedem ihrer Schritte hinterließ
sie ein ovales Kügelchen, das vom Gefolge sorgfältig mit dem Munde
aufgehoben wurde.
»Das ist ein schöner Skandal«, entfuhr es Max, der kaum hinzusehen
wagte.
»Wo ist ein Skandal?« fragte Fuska verwundert.
»Hm«, meinte Max, »ich finde das, was ich sehe, gerade nicht sehr
anständig.«
Fuska wies ihn unwillig zurecht und sprach:
»Ach, so reden die Leute immer, wenn sie eine Sache nicht verstehen!
Diese geflügelte Ameise, von der du weiß Gott was für unpassende Dinge
zu sehen vermeinst, ist ein braves Ameisenweibchen, das hereingeführt
wird, um uns seine Eierchen zu schenken.«
Da schämte sich Max seiner voreiligen Anschuldigung und fragte dafür um
so wißbegieriger:
»Was machen die Ameisen mit den Eierchen?«
»Sie befeuchten sie mit der Zunge, damit sie wachsen und gedeihen, und
dann werden sie in ihre Stube gebracht.«
»Das ist ja sehr nett. Bin ich auch so zu euch gekommen?«
»Nein, das Ei, in dem du stecktest, fanden zwei unserer Schwestern auf
einem moosigen Stein in der Nähe unseres Hauses; sie brachten es uns
heim.«
»Aha«, dachte Max, »das waren die zwei vermeintlichen Totengräber!«
Aber er hütete sich, seine Geschichte zu erzählen. Wer hätte sie ihm
geglaubt!?
»Komme, damit ich dir zeige, wie wir Eier und Kinderchen pflegen«,
sprach Fuska und zog Max mit sich fort, bis sie in einem Saal
anlangten, der vermutlich die Kinderstube vorstellte. Wie gelbliches
Korn lagen hier Eier aufgehäuft. Fuska wies darauf hin und sagte:
»Sieh hier, der erste Zustand in unserer Entwicklung.«
»Wie ist das zu meinen?«
»Insekten kommen als Eier zur Welt. Das lebendige Eichen krümmt sich
nach und nach, wird durchscheinend und verwandelt sich in eine +Larve+.«
»Eine Larve«, rief Max, »ums Himmels willen! So spielen die Ameisen
erst Fastnacht, bevor sie richtige Tierchen werden? Als ich mich einmal
maskierte, setzte ich eine Larve vors Gesicht, um mich unkenntlich zu
machen.«
Fuska verstand nicht alles, was er redete, aber sie erklärte ihm
liebenswürdig:
»Gewiß, im Larvenzustand ist unsere eigentliche Lebensform zunächst
vollständig vermummt. Wir liegen als hilflose Würmchen auf der Erde;
aber dann, wenn wir die Verhüllung ablegen ... Doch das sollst du jetzt
alles selbst sehen; komm!«
5. Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder männlich noch weiblich.
Fuska führte Max zu einer Saalecke, wo in langen Reihen höchst
eigenartige Geschöpfe standen. Nein, wie sie doch aussahen! Oben waren
sie dünn wie ein Fädchen, schwollen nach unten langsam an wie eine
dicke Träne, die aus dem Auge rollt. Im Fallen wird sie dicker, und
wenn sie über ein ungewaschenes Kindergesichtlein rinnt, nimmt sie eine
schmutziggraue Farbe an. Gerade solche Färbung wiesen diese Wesen auf.
Wie in einer Schule waren sie in Reihen nach der Größe aufgestellt.
Beim Nähertreten bemerkte Max, daß die Dinger winzig kleine Köpfchen,
aber weder Augen noch Füße hatten. Fast sahen sie aus wie eine Reihe
von Zipfelmützen, die mit Lumpen ausgestopft und unten zugenäht sind.
Max mußte bei diesem ungewohnten Anblick unbändig lachen.
»Sehr geehrte Larven«, so redete er sie an und hob dabei seine Fühler
hoch, »wieviel Hörner strecke ich?«
Einige erwachsene Ameisen sahen ihn verweisend an.
»Wie magst du dich über unsere Kleinen lustig machen?« sprach Fuska.
»Hast du doch selbst vor kurzer Zeit nicht anders ausgesehen!«
»Wie«, erwiderte Max, »bin ich auch so häßlich, so lächerlich gewesen?«
»Und nur unserer Hilfe hast du es zu verdanken, daß du in diesem
Zustande nicht elendiglich zugrunde gingst!«
In der Tat konnte Max zusehen, wie die großen Ameisen sich mühten,
diese Larven zu päppeln und sie mit zärtlicher Pflege zu umgeben.
Nun war er ganz kleinlaut geworden, der übermütige Max.
»Wie lange bleibt man denn in diesem Zustande?«
»Je nachdem. Manche sind in vier Wochen fertig, andere brauchen zu
ihrer Entwicklung neun Monate.«
»Und ich? Habe ich so lange gebraucht?«
»Nun du hattest es eilig. In zwanzig Tagen warst du schon aus der Larve
eine Puppe geworden.«
»Herrje! Eine Puppe!«
Nun drängte Fuska ihn zu den hintersten Reihen, damit er genau die
Tierchen in ihrer zweiten Verwandlung sehen könne. Wie entsetzlich
schwer es aber für Max war, vor Fuska zu verbergen, daß ein neuer
Lachkrampf bei ihm auszubrechen drohte, ist nicht zu sagen.
»Das heißt man Puppen!?« kicherte Max mit mühsamer Zurückhaltung, denn
er mußte sich fest auf die Lippen beißen und ein Füßchen vor den Mund
drücken, um nicht herauszuplatzen vor Lachen. Diese trottelhaften
Dinger reizten wirklich dazu.
Waren denn das Ameisen? An den weichen, weißlich gelben Körper hatten
sie Beine und Fühler eng angezogen, und so lahm lagen sie da, als hätte
man sie eben durchs Öl gezogen.
»Also, so soll ich ausgesehen haben?« sagte Max, der sich endlich zu
einem artigen Ton gefaßt hatte.
»So sahst du aus. Und wie sie, hast auch du eines Tages aufgehört zu
essen, und obwohl es nicht alle Puppen so machen, hast du dich selber
in ein Knäulchen eingesponnen und versteckt, und als du zu dem vierten
Grad deines Lebens reif geworden warst, hast du angefangen zu nagen in
deinem Knäulchen, und ich habe dir geholfen herauszukommen.«
Max starrte Fuska mit seinen sämtlichen Augen an und rief: »Ich
glaubte, Ameisen kämen zur Welt als richtige und fertige Ameisen.«
»Wir Insekten sind allen jenen Verwandlungen unterworfen, die dir
so wunderbar scheinen. Du wirst im Leben noch deren andere, viel
merkwürdigere sehen.«
»So bin ich also Ei gewesen, habe mich in eine Larve verwandelt, bin
Puppe geworden und habe als solche ein Knäulchen gesponnen.«
»Und dies Knäulchen«, so sagte Fuska überlegen, »das nennen die
Menschen irrtümlich ein Ameisenei.«
»Kann schon sein«, sagte Max. »Wie ist es nur möglich, daß ich mich gar
nicht daran erinnere, das alles getan zu haben!«
»Das glaube ich gerne, in jener Zeit war dein Körper unentwickelt und
dein Verstand erst im Werden.«
Diese Begründung leuchtete Max wohl ein.
Eigentlich, so dachte er sich, machen auch die Menschen eine Reihe von
Verwandlungen durch, von der Zeit an, wo sie als kleine Wickelkinder
mit rotem Köpfchen und dickem Bäuchlein zur Welt kommen und gepäppelt
werden müssen, bis zu ihrem vollkommenen Zustand, wo sie Schnurrbart
und Backenbart tragen. In diesem Augenblick gab es eine neue
Überraschung.
[Illustration]
Jene geflügelte Ameise war inzwischen mit Eierlegen fertig geworden.
Nun sah man sie im Winkel dort mit einer, wie es schien, schmerzhaften
Arbeit beschäftigt, denn sie strich sich gewaltsam heftig mit den
Beinen über den Rücken und stöhnte laut dabei:
»Ach, ach, ach!« Mit den Beinen stieß und drängte sie ihre vier
geöffneten Flügel, bis es schließlich gelang, sie abzureißen. Dann
seufzte sie tief auf und stöhnte erleichtert:
»Gottlob, das hätten wir hinter uns!«
Alle im Saale Anwesenden riefen ihr im Chore zu: »All Heil!« und
»Hurra!« und »Wir gratulieren dir!«
»Hörst du«, sagte Max neugierig, »sie gratulieren. Hat sie Geburtstag?«
-- Dabei schaute er mit seinen drei einfachen Augen voll Verwunderung
und mit den hundertzwanzig zusammengesetzten fragend und neugierig um
sich.
Bereitwillig erklärte Fuska weiter:
»Dies ist eine weibliche Ameise, wie ich dir schon sagte. Die meisten
unserer jungen Ameisenmädchen suchen sich in der Luft einen Bräutigam,
um Hochzeit zu halten. Diese hat aber ihr Fest in der Nähe des Hauses
unter unserer Aufsicht in Gras und Blumen gehalten. Wir haben sie
dann nach Hause zurückbegleitet, und weil sie eine kluge Frau ist,
entledigte sie sich eben ihrer Flügel. So kann sie nicht mehr in
Versuchung fallen, eines Tages fortzufliegen, bleibt dafür hübsch gut
versorgt bei uns und schenkt uns ihre Eier, um unsere Familie groß und
stark zu machen.«
Verwirrt von soviel Neuem mußte Max ein bißchen ausruhen und darüber
nachdenken. Nun wandte er sich wieder an Fuska:
»Wie kann und mag man denn in der Luft Hochzeit halten? Das verstehe
ich nicht.«
»Es ist eben so.«
»Liebe Fuska, ich habe ja keine Flügel, wie soll dann ich um Himmels
willen einmal in der Luft meine Hochzeit halten?«
»Was kümmert dich das? Männlein und Weiblein haben ja ihre Flügel.«
Nun glaubte Max aber wirklich verrückt zu werden. »Weibchen haben
Flügel. Gut. Männchen haben Flügel. Noch besser. Aber, darf ich
fragen, was sind dann wir beide eigentlich? Ich und Sie, wir haben
keine Flügel, ich begreife nicht ...«
»Das ist sehr einfach: wir sind weder männlich noch weiblich.«
»Waaaas???«
»Wir sind geschlechtlose Wesen.«
Wenn Max nicht eine so dunkle Hautfarbe gehabt hätte, hätte Fuska sehen
müssen, wie er erblaßte. Wie ein frischgewaschenes Leintuch, so weiß,
hätte er wohl ausgesehen. Es fuhr ihm durch alle Glieder. Bis jetzt
hatte er für einen tüchtigen Buben gegolten, der ein großer Mann werden
konnte. Wäre er als Ameisenmädchen geboren worden, er hätte sich in
Gottes Namen darein gefügt. Aber nichts zu sein, weder Mann noch Frau,
das war ja nicht zu ertragen. Im Ausbruch einer wilden Verzweiflung
schrie er Fuska an:
»Ich will nicht geschlechtlos sein! Ich will nicht, ich mag nicht.
Ich bin ein Mann und will einer bleiben. Der Alte mit dem grauen
Rock hatte kein Recht, aus mir zu machen, was ihm beliebte! Wenn er
ein gerechter Mann gewesen wäre, hätte er mich erst fragen müssen.«
Weinerlich bettelte er jetzt: »Ich will ein Mann sein, liebe Fuska, ich
will Flügel haben! Kannst du mir nicht die Flügel ankleben, die von dem
Weibchen dort abgeworfen wurden?«
Fuska tröstete ihn liebevoll.
»Dein kindliches Verlangen ist zu verstehen; leicht beneidet man
diejenigen, die uns glücklicher scheinen, als wir es sind. Aber glaube
mir, wenn man solche Leute oft näher kennenlernte, würde man froh sein
um das, was man ist, und Gott dafür danken.«
Allein Fuska hatte gut reden. Max traf dieser Schlag zu schwer. Wie
vorhin, als er vom Beginn eines Unterrichts hörte, spürte er eine
angstvolle Bangigkeit, die ihm den Hals zuschnürte. Tiefunglücklich
schlug er sich mit dem rechten Vorderbeinchen vor die Stirne und
stützte so seinen Kopf. Das Weinen war ihm näher als je.
Aber auch diesmal bezwang er den ungeheuren Schmerz mit seiner
Vernunft; er besann sich eines Bessern. Tränen weinen aus
hundertdreiundzwanzig Augen, nein! Das hätte eine schöne Überschwemmung
gegeben.
6. Eine Riesenschlange.
Schmeichelnd zog Fuska den nicht länger Widerstrebenden mit sich und
sagte dazu: »Du möchtest ein Männlein sein, komm mit vor die Haustüre.«
Sorglich führte sie ihn an der Hand, vielmehr am Füßchen und stieg zum
Haupteingang empor, der zugleich den Saal mit Tageslicht versorgte.
Draußen fiel Max von einem Staunen ins andere. Was sah er? Drei
geflügelte Ameisen mit etwas kleineren Köpfen warfen sich wiederholt
auf die Erde, wobei sie von einer Seite auf die andere fielen und die
tollsten Purzelbäume schlugen.
»Habt ihr Leibschmerzen?« wendete Max sich voll Mitleid zu den
unglücklichen Insekten. Stammelnd stieß eines hervor:
»Uh -- uh! Ach, ah! Oh! oh! oh! ...«
»E--s--e--l!« rief Max.
Das war gerade nicht sehr teilnahmvoll und artig, aber er meinte, nie
dümmere Geschöpfe gesehen zu haben.
»Siehst du wohl, das sind unsere Männchen.«
»Ist so etwas möglich?«
»Ja, sie sind weder besonders vernünftig noch sonst mit wertvollen
Eigenschaften begabt.«
»Das sehe ich; weder laufen, noch stehen, noch stillsitzen können sie.«
»Ihre Lebensaufgabe ist erfüllt; sie sind mit der Braut zur Hochzeit
geflogen, dann ermüdet herabgestürzt, und gleich werden sie sterben.«
Starr und steif lagen bereits zwei, die Beinchen in die Luft gestreckt,
auf dem Rücken da, ein drittes machte noch einige unfrohe Purzelbäume
und stöhnte sein »Ach, Oh, Uh!« dazu.
»Möchtest du mit diesen Armen tauschen?« fragte Fuska.
»Mit solchen Dummköpfen? Nein, wahrhaftig nicht!« --
»Habe ich es dir nicht gesagt? -- Die Männchen leben nur wenige Tage,
während wir den Vorzug haben, ein, zwei, sogar bis neun Jahre zu leben,
wenn uns kein Unglück zustößt.«
»Da wollte ich schon lieber noch ein Weibchen sein«, sagte Max, der
schaudernd den letzten Zuckungen des sterbenden Männchens zusah, »als
solch eine Art von Mann!«
»Gewinn hättest du auch davon keinen. Wie für Männchen, bestehen auch
große Gefahren für Weibchen. Hungrige Vögel erschnappen sie im Fluge,
und das Traurigste ist, daß sie auch nach glücklich vollendetem Flug
niemals mehr ihr altes Heim finden.«
»Nun, sie werden dann wohl in ein anderes Ameisenhaus gehen?«
»Davor werden sie sich hüten! Fremde Ameisen werden nirgendwo
eingelassen.«
»Dann bekommt aber die Ameisenfamilie die Eier des verirrten Weibchens
nicht«, eiferte Max, »wo keine Eier sind, ist es gleich zu Ende mit
Larven, Puppen und Ameisen; zuletzt steht dann das Ameisenhaus leer!«
»Was du sagst, wäre richtig, wenn wir geschlechtlose Ameisen nicht
wüßten, was unsere Pflicht ist. Da wir das aber sehr genau wissen,
geben wir stets Obacht und tragen die zu Boden gesunkenen Weibchen ins
Haus herein, wo sie ihre Eier gerne ablegen, wie du selbst gesehen
hast.«
»Wie entstehen denn Männchen und Weibchen?«
»Wie eben alle Ameisen entstehen. Aus dem Ei.«
»Wie aber kam ich zu euch?«
»Du weißt es ja. Dein Ei fand man auf einem moosigen Stein in der Nähe
unseres Hauses. Wir erkannten, daß es zu uns gehörte.«
Beide schwiegen. Maxens Herz war voll der verschiedensten Empfindungen.
Über eine Weile fuhr Fuska fort:
»Merke dir also: Mann sein, heißt bei uns soviel als einen einzigen,
herrlich schönen Flug über Blumen zur Sonne machen, dann erschöpft
zur Erde stürzen und in Betäubung sein Leben aushauchen. Um als
Weibchen zu leben, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Flügel zu
gebrauchen, um den schönen Sonnenflug mit einem Bräutigam zu feiern --
wie oft aber geht dies Unternehmen übel aus! -- oder, trotz Flügel,
auf der Erde bleiben und sich selber die Flügel auszureißen, um ihrer
Versuchung nicht zu unterliegen. Wer bei uns Flügel besitzt, ist nicht
zu beneiden. Wir geschlechtlose Ameisen aber sind recht die Herren des
Hauses. Wir arbeiten ehrlich und unverdrossen, und die ganze Welt ehrt
uns mit dem ruhmvollen Titel: ›Arbeiter‹.«
Der Gedanke, unverdrossen zu arbeiten, war für Max durchaus nicht
bestrickend, aber daß Fuska grundgescheit und hoch achtbar war, das sah
er ein.
»Wohlan«, sagte er, »ich will mich ferner nicht mehr über mein
Schicksal beklagen.«
Fuska liebte es, ein wenig zu predigen; jetzt legte sie ihm ihre
Vorderbeinchen auf die Schultern, schaute ihn bewegt und ernst an und
sprach:
»Eine Ameise, die still ihrer Arbeit lebt, hat keine Ursache, irgend
jemand zu beneiden. Du hast gesehen, wie der Schein trügt, und daß
Flügel nicht verhindern können, sich auf der Erde den Hals zu brechen.«
»Ja, ja«, sagte Max altklug, »es ist nicht alles Gold, was glänzt!«
Inzwischen waren aus dem Hause Gruppen von Ameisen ausmarschiert, die
eine Menge neu ausgeschlüpfter Ameislein führten, um sie an die Luft
zu bringen. Mit Interesse folgte Max, und gerne hätte er mit ihnen ein
wenig plaudern mögen. Aber alle horchten hoch auf, denn eine Stimme
ließ sich hören: »Hierher! Schwestern! Hilfe ist nötig!«
Eine kräftige Ameise krabbelte keuchend heran und berichtete:
»Es gilt eine große Beute hereinzubringen. Wir sind kaum unserer zwölf
und werden allein nicht mit ihr fertig.«
Sofort nahm sich Fuska umsichtig der wichtigen Angelegenheit an,
indem sie zunächst alle Anwesenden aufmunterte, mitzuhelfen. »Auch
die Kleinen sollen mitkommen. Das Beispiel unserer Arbeit ist für die
Kinder die beste Erziehung.« So befahl sie.
Der Tag war herrlich und die Arbeit begann jedenfalls mit einem
Spaziergang; das fand Max nicht übel. Auch war es ihm von jeher
vergnüglich, einer Arbeit zuzusehen. Wie oft hatte er früher zu Therese
gesagt:
»Wenn ich einmal groß bin, will ich gerne die Menschen mit Arbeit
versorgen, auch wenn keine für mich übrig bleibt.«
Man zog gemeinsam einen hügeligen Weg entlang, voran als Wegweiserin
die Ameise, die den Fund gemacht hatte.
Wie man, um Atem zu schöpfen, einmal stehen blieb, meinte nachdenklich
die Führerin:
»Ich müßte mich sehr täuschen, aber auf diesem Weg brauchen wir mehr
als tausend Leute, um unsere Beute heimzubringen.«