»Warum bist Du so erstaunt? Wir vertragen uns gut, ich kann mir keine
bessere Sekretärin vorstellen, außerdem bist Du recht nett.«
»Aber ...«
»Entschließe Dich, Lene,« drängte er, »es ist wirklich schon spät.«
»Du könntest mir wenigstens sagen, daß Du mich lieb hast und mir einen
Kuß geben,« meinte sie vorwurfsvoll.
»Verzeih, das hab' ich ganz vergessen, das versteht sich ja auch von
selbst.« Er küßte sie auf die frischen roten Lippen, seine Augen irrten
von ihrem Gesicht zu dem Manuskript: »Du hast Dich schon wieder vertippt,
dort, in der zweiten Zeile.«
Nein, er war kein leidenschaftlicher Bräutigam, aber wenn Lene an ihn
dachte, wurde ihr dennoch froh ums Herz. Er war ihr bester Freund und der
Mensch, dessen unbeugsamen Willen und zähe Arbeitskraft sie am meisten
bewunderte. Da beide wußten, Lenes Eltern würden in diese Heirat niemals
einwilligen, hatten sie beschlossen, sich im Januar trauen zu lassen und es
erst als vollzogene Tatsache der Familie Selder mitzuteilen.
Johannes und Gustav erfuhren die Verlobung bereits am nächsten Tag. Gustav
nahm die Ankündigung mit seiner gewohnten Ruhe auf. »Um so besser, dann
werde ich wieder ungestört arbeiten können.« -- --
Johannes Stimme unterbrach Lenes Gedanken. »Nun ist Savin schon in
Rußland.«
»Ja, schade, daß er fortfuhr. Er hätte ebensogut in Berlin bleiben
können.«
»Er wollte die deutsche Nüchternheit loswerden, wieder einmal
revolutionäre Luft atmen.«
»Hoffentlich bleibt er nicht zu lang fort.«
Gustav dehnte sich: »Ich gehe schlafen, das ist ja nicht zum Aushalten vor
Langweile.«
Die ganze Familie war um den Christbaum versammelt, auch Ilse mit ihrem
Mann und den zwei Kindern hatte sich eingefunden. Lene war still und ein
wenig gedrückt, Gustav verbarg nur mit Mühe seine Langeweile. Herr Selder
sah sich mit stolzer Rührung im Kreis der Seinen um. »So hat uns das
heilige Fest wieder alle vereint. Wie schön ist doch der Gedanke, daß
an diesem Abend in unserem Vaterland allüberall der Christbaum brennt und
aller Herzen des Herrn gedenken.«
»Es gibt auch etliche hunderttausend Einwohner, die keine Christen sind,«
bemerkte Gustav mit unnötiger Genauigkeit.
Der Gymnasialprofessor warf ihm einen strafenden Blick zu. »Ich spreche
nur von unseren Volksgenossen, die anderen zählen nicht.«
Friedrich hatte sich Lene genähert. »Die Mutter erzählte mir, Du
seiest mit der jungen Gräfin Stramwitz sehr befreundet. Du könntest mich
mitnehmen, wenn Du das nächstemal dort Besuch machst. Ich kenne ja ihren
Mann.«
»Gioia lernt nicht gerne fremde Leute kennen.«
»Gioia, Du nennst sie Gioia? So intim seid ihr? Du bist doch klüger, als
ich dachte, verstehst gute Verbindungen anzuknüpfen. Vielleicht laden
sie Dich einmal nach Berlin ein. Sie führen ein großes Haus, sogar der
Kronprinz verkehrt bei ihnen.«
Ilse klagte halblaut ihrer Mutter. »Adolf hat so viel Ärger mit seinen
Untergebenen. Die Leute werden täglich frecher. Das macht ihn furchtbar
nervös. Und gerade jetzt, wo ich das Kind erwarte ...«
Johannes hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und betrachtete die Szene.
»Trauliche Weihnachten!« Wie fremd waren sich doch alle diese Menschen,
wie wenig verstanden sie einander. Er gedachte der vielen Weihnachtsabende,
die er in diesem Haus verbracht hatte. Stets war es das gleiche gewesen,
erzwungene Feststimmung. Die alte Kindertraurigkeit befiel ihn. So hatte er
als kleiner Knabe in einer Ecke gehockt, fremd unter Fremden. Draußen im
Leben, wo es Arbeit gab, kannte er dieses Gefühl nicht mehr, dort hatte er
seinen Platz gefunden, hatte die Menschen gefunden, zu denen er gehörte.
Die Männer der Familie hatten sich zusammengesetzt, Ilse und Frau Selder
spielten mit den Kindern. Lene hatte unbemerkt das Zimmer verlassen.
Einzelne Worte drangen zu Johannes herüber. Er hörte Friedrichs
schnarrende Stimme: »Disziplin ... Ordnung halten ... Die verdammte
rote Bande ...« Und Adolfs heiseres Organ: »Mit Maschinengewehren
dreinfahren ...« »Unser Kaiser wird schon mit ihnen fertig werden,«
das war der Gymnasialprofessor ... »Ja, Mama, die kleine Annie kann schon
ganz richtig singen, ich habe sie den Weihnachtspsalm gelehrt ... Willst
Du ihn nicht Großmama vorsingen, mein Herzchen?« Friedrich wurde warm:
»Dieser verdammte faule Friede! Deutschland geht daran zugrunde. Und die
anderen Nationen werden immer übermütiger. Wir brauchen einen frisch
fröhlichen Krieg, dann ...« Die kleine Annie hatte sich aufgestellt,
sie hielt die Händchen gefaltet und sang mit ihrer schrillen dünnen
Kinderstimme: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen!«
Siebzehntes Kapitel.
Wenn sich der Bergbach dem Abhang naht, über den er als tosender
Wasserfall in die grausige Tiefe stürzt, so eilen die kleinen Wellen,
treiben eine die andere mit wilder Hast vorwärts, springen über Stein
und Geröll, als könnten sie es nicht erwarten, in die fremde unheimliche
Tiefe zu stürzen, als riefe sie das Verderben mit lockender Stimme,
trügerisches Glück vorspiegelnd, mit sanften Worten Tod und Unheil
verschleiernd. Und die kleinen Wellen hasten und jagen, ahnen nicht die
Gefahr, ermuntern einander zu immer rascherem Lauf und stürzen hinab, ehe
sie sich's gewahr geworden. -- --
Derart flogen die Jahre, angezogen von einem unbekannten entsetzlichen
Grauen, das in Nacht verborgen auf sie lauerte. Bisweilen zuckte freilich
ein Blitz durch die Wolken und wies auf den steil abfallenden Hang, dann
warnten einige, die weiser waren, als die andern: wir treiben dem Verderben
zu! Die meisten jedoch lachten ihrer und verspotteten sie als Träumer, die
am hellen Mittag Gespenster sehen.
Boris Isralew gehörte zu diesen verlachten Propheten. »Seht ihr denn
nicht, daß wir uns täglich mehr der Katastrophe nähern?« pflegte er
den Freunden zu sagen, »glaubt ihr das Rüsten der Völker, das Hetzen der
Presse bedeute nichts, sei belangloses Spiel? Arbeitet, arbeitet, klärt
die Massen auf, reißt die Giftblume, die sich Patriotismus nennt, mit
der Wurzel aus. Merkt ihr denn nicht, ihr Narren, wie sie in allen Beeten
aufwuchert und mit ihrem schwülen Duft die Gehirne der Menschen verwirrt
und betäubt?«
Auch Savin schrieb ähnliches aus Rußland: »Es bereitet sich ein
Verbrechen vor, das ungeheuerlichste der Weltgeschichte. Unsere Regierung
fühlt das Nahen der Revolution, sie wird mit allen Mitteln das Volk
ablenken. Wir tun, was wir können, arbeitet auch ihr. Jede Stunde ist von
unermeßlichem Wert.«
Die Freunde lachten: »Ihr seid verrückt, ihr Russen. Noch nie stand
der Gedanke des Internationalismus auf so festen Füßen. Glaubt Ihr denn
wirklich, ein Arbeiter würde gegen den anderen Arbeiter ziehen? Wenn es
nottut, ist im Verlauf weniger Stunden in allen Ländern der Generalstreik
proklamiert, dann können die Herrscher sich gegenseitig bekriegen, wenn
sie es wollen, kein Arbeiter tut mit!«
Am überzeugtesten verfocht Philipp Schermann diese Ansichten, wenn sie
im kleinen Kreise zur Sprache gebracht wurden. »Ihr kennt den deutschen
Arbeiter nicht, scheint gar nicht zu wissen, welche Kulturhöhe er erreicht
hat. Er läßt sich nicht mit faulen Schlagworten fangen, wie dies beim
Romanen oder im Osten der Fall sein könnte. Außerdem unterschätzt ihr
unsere Führer; kein einziger würde für Kriegskredite stimmen.«
Kerner schüttelte den grauen Kopf. »Der Führer bin ich nicht so sicher.
Seit einiger Zeit weht ein ›deutscher‹ Wind durch ihre Reden, auf die
Arbeiter jedoch kann man sich verlassen. Der Gegensatz zwischen den Klassen
hat sich in den letzten Jahren ungeheuer verschärft; niemals wird das
Proletariat für die Herren in den Krieg ziehen. Es wird nur noch einen
einzigen Kampf ausfechten -- seinen eigenen.« -- --
So kamen der Sommer mit Glut und Duft, der Winter mit glitzernder Kälte;
mit rasender Schnelligkeit drehte sich das Rad der Zeit, Minute peitschte
Minute dem Verderben entgegen.
Der kleine Freundeskreis hatte sich wenig verändert. Lene und Anatol
waren verheiratet, und ein kleiner schwarzäugiger Knabe lärmte durch ihre
bescheidene Wohnung. Johannes hatte sein Studium beendet und eine Praxis
begründet, die ihm allerdings wenig eintrug, da er meist arme Leute zu
Patienten hatte. Gustav hatte sich in der Gelehrtenwelt einen guten Namen
errungen. Er war noch immer der alte Bücherwurm und vergrub sich nach wie
vor in seinen einsamen Zimmern. Friedrich hatte nach der Schwester Heirat
völlig mit ihr gebrochen, seine Empörung war grenzenlos und sein ganzes
Bestreben darauf gerichtet, vor den Regimentskameraden zu verbergen, daß
er eine Schwester habe, die Frau Silberblatt hieß. Er war es auch, der den
Zorn der Eltern gegen die ungeratene Tochter stets von neuem bestärkte und
darauf bestand, daß ihr die Rückkehr ins Elternhaus verboten werde. Der
Gymnasialprofessor freilich brauchte hierzu nicht erst aufgestachelt zu
werden, und Frau Selder fügte sich auch hierin seinen Wünschen, wie sie
sich ja ihr ganzes Leben gefügt hatte, doch stand in jedem ihrer Briefe an
Gustav schüchtern, als Postskriptum, die Frage: »Wie geht es Lene?«
Seit einem halben Jahr war der kleine Kreis um ein Mitglied größer
geworden. An einem Dezemberabend hatte es an Lenes Wohnungstür geklingelt,
und als sie öffnen ging, stand Gioia Stramwitz auf der Schwelle. »Darf
ich bei Euch bleiben?«
»Ja, selbstverständlich, aber ...«
Gioia hielt Lenes Hand fest: »Frag' nicht viel, ich bin totmüde, nimm
mich auf. Wir lassen uns scheiden.«
»Na endlich!« rief Lene etwas taktlos und zog die Freundin in das
behagliche Wohnzimmer. Allmählich erfuhr sie die ganze Geschichte. »Ich
ertrug es nicht länger,« erzählte die junge Frau, die schmal und blaß
geworden war. »Konnte nicht mehr mit ansehen, wie Heinz mit seinen Leuten
umging. Kannst Du Dir vorstellen, daß er sie schlug -- mit dem Stock?
Und wenn ich eine Einrede wagte, hieß es: ›Das ist mein Haus, hier
geschieht, was ich will!‹ Und dann immer die versteckten und offenen
Vorwürfe der Familie, daß ich noch keinen Sohn habe. ›Das schöne Gut,
wer soll es denn einmal übernehmen?‹«
»Armes Kind!«
»Ich habe die Zähne zusammengebissen, redete mir ein, es sei meine
Pflicht, bei Heinz zu bleiben. Dann aber geschah etwas, über das ich nicht
mehr hinwegkommen konnte. Unser Vorarbeiter hatte eine nette, junge
Frau, ein liebes, zartes Geschöpf. Die beiden Leute waren so glücklich
miteinander, und als die kleine Frau ein Kind erwartete, ging sie immer
mit einem ganz verklärten Gesicht umher. An einem Abend, es war ein
furchtbares Wetter, Regen und Sturm, kam der Vorarbeiter zu meinem Mann
und bat ihn, um den Arzt zu schicken, bei seiner Frau hätten die Wehen
begonnen.
›Bei diesem Wetter meine Pferde anspannen und zwei Stunden laufen
lassen?‹ schrie Heinz den Mann an. ›Sie sind wohl verrückt
geworden?‹ Der Mann blieb ganz ruhig, ich sah, wie ihn die Angst um seine
Frau quälte. ›Sie ist eine schwache Frau,‹ sagte er, ›ich bitte den
gnädigen Herrn recht herzlich. Frau Gräfin, Sie sind immer gut zu uns
gewesen, helfen Sie uns jetzt.‹
Nun baten wir beide, der Mann mit Tränen in den Augen, ich zitternd vor
unterdrückter Empörung. Heinz geriet in Zorn: ›Euere Weiber werfen ja
wie die Hündinnen!‹ schrie er. ›Heute abend kommt mir kein Pferd aus
dem Stall.‹ Und er klingelte und befahl dem Kutscher zu sagen, er solle
darauf achten, daß kein Pferd angespannt werde. Lene, des Mannes Gesicht!
Diese hilflose Wut, diese Verzweiflung! Ich ging mit ihm zu seiner Frau. Es
war eine schreckliche Nacht. Gegen Morgen gebar die Frau ein kleines totes
Kind, und eine Stunde darauf starb sie selbst. Der Mann war ganz still, er
sagte kein Wort. Nur einmal, als er an mir vorbeikam -- ich weinte in einer
Zimmerecke --, streichelte er meinen Arm und sagte: ›Weinen Sie nicht,
Sie haben alles getan, was Sie konnten, und für die Frau ist es besser,
tot zu sein. Der Herr hätte uns ohnehin entlassen, und wo hätten wir so
schnell Arbeit gefunden? Die Gutsherren nehmen nicht gern eine Familie mit
einem kleinen Kind, weil die Frau dann nicht zur Arbeit gehen kann.‹
Am Vormittag kam Heinz mich holen. Die Stube war voller Menschen, Frauen
waren gekommen, um die Tote zu sehen. Ich war wie von Sinnen. Als Heinz
eintrat, zeigte ich auf das Bett und schrie ihm ›Mörder!‹ zu. Und als
er mich anherrschte, verlor ich den letzten Rest von Selbstbeherrschung.
›Du willst einen Sohn von mir, Du Verbrecher!‹ schrie ich, ›Du
wirst mich nicht mehr anrühren. Ich werde Dich beim Gericht anklagen, Du
Mörder! Du Mörder!‹
Die Leute drängten sich um uns. ›Komm' nach Haus, Gioia,‹ sagte er
erschrocken.
›Ich werde nie mehr Dein Haus betreten.‹ Ich wandte mich an die Leute:
›Gebt nicht zu, daß er mich anrührt.‹
›An die Arbeit, Gesindel, oder ihr seid alle entlassen!‹ brüllte
Heinz. Und die Leute schlichen scheu hinaus, bis auf ein paar alte Frauen.
Ich bin auch nicht mehr ins Schloß zurückgegangen. Die Mutter
des Müllers hat mich bei sich aufgenommen. Jetzt ist die Scheidung
eingeleitet. Meine Eltern sind über mich empört und wollen nicht, daß
ich zu ihnen zurückkehre. Da habe ich an Dich gedacht, Lene. Ihr wollt
doch die Verbrecher, die Mörder vernichten, nehmt mich auf. Ich muß die
tote Frau rächen und die anderen unzähligen Opfer.«
Als Lene den Freunden von Gioia erzählte, nickte Boris Isralew befriedigt.
»Aus diesem Holz werden die Fanatiker geschnitzt. Sie soll nur bei uns
bleiben. Ich werde darauf achten, daß sie keine unnötigen Dummheiten
macht.«
Gioia fügte sich leicht in den Kreis ein. Sie war zu jeder Arbeit bereit,
und Anatol, der es verstand, alle Fähigkeiten der Menschen auszunützen,
entdeckte gar bald, daß die junge Frau eine vorzügliche Rednerin war.
Der lodernde Haß ihrer Worte riß die stumpfsten Zuhörer mit, in kurzen
Sätzen reihte sie Bild an Bild, Ungerechtigkeit an Ungerechtigkeit, bis im
Saal ein ungeheuerliches Gemälde von Knechtung, Unrecht und Menschenleid
aller Augen erfüllte und sich unauslöschlich in die Gehirne einbrannte.
»Die verkörperte Revolution,« meinte ein junger Maler, der sich
den Freunden angeschlossen hatte, »so müßte man sie malen. Mit dem
rotleuchtenden Haar, das wie Flammen aufloht. Alles ist an ihr Leben,
Bewegung, treibender Haß.« --
Sie hatten sie alle lieb gewonnen, freuten sich ihrer Lebenskraft, ihrer
Glut. Einem jedoch deuchte sie eine Offenbarung -- Johannes. Ihre freudige
Lebenslust schien ihm eine erwärmende Flamme. Jede Verzagtheit, jede
Mutlosigkeit verging in ihrer Nähe. Die grauen Kinderjahre, das Gefühl
der Einsamkeit, die ihn bisweilen noch bedrückten, verschwanden aus seinem
Gedächtnis, eine farbenfrohe, leuchtende Welt tat sich ihm auf, ihm
war, als habe er endlich die sonnige, beseligende, lang gesuchte Heimat
gefunden.
»Sie ist gerade das Richtige für unseren Träumer,« meinte Lene erfreut
zu ihrem Mann, »sie wird ihn aufrütteln.«
»Er schaut sie an, wie ein Kind den Weihnachtsbaum,« lachte Anatol, »mit
ganz verklärten Augen.«
Johannes aber, der stille und verschlossene, wagte kein Wort, bis sie
einmal abends nach einer Versammlung heimgingen. Vor Lenes Wohnung machten
sie Halt. Plötzlich erfaßte ihn übermächtig die Sehnsucht nach dieser
Frau und ihm war, als müsse er sterben, wenn sie jetzt von ihm ginge. Er
hielt ihre Hand fest. »Gioia, geh nicht zu den anderen, komm' mit mir, Du
gehörst mir.«
Sie schwieg einen Augenblick. -- Da brach alle Sehnsucht des Heimatlosen,
alles Verlangen des Einsamen in stammelnden Worten aus ihm hervor.
Ungelenke, fast kindische Sätze der Leidenschaft, der Liebe. Und abermals
wiederholte er, wie um es sich selbst zu versichern: »Du gehörst mir!«
»Das weißt Du erst jetzt?« fragte sie leise. Nicht nur die Worte, der
ganze Ton der warmen Stimme gaben ihm Antwort.
Er schlang in der Dunkelheit die Arme um sie, und so strebten sie nach
seiner kleinen Stube. Von draußen dufteten die Linden herein. Ein leiser
Wind bewegte den Vorhang am offenen Fenster.
* * * * *
In Sarajewo war der österreichische Thronfolger ermordet worden. »Was
geht das uns an? Ein Habsburger weniger,« meinte Philipp Schermann
gelassen. Aber Anatol war anderer Ansicht. »Ein günstiger Vorwand für
die Kriegspartei.«
»Bei uns ist sie viel zu schwach, um Unheil zu stiften,« behauptete der
andere überzeugt, »sie schreit, rasselt mit dem Säbel und wagt
doch nichts zu tun, weil sie ganz genau weiß, sie hat im Fall einer
Kriegserklärung das ganze Volk gegen sich.«
»Aber in den anderen Ländern,« meinte Lene sorgenvoll.
»England ist aus Vernunftsgründen gegen den Krieg,« entgegnete Frau von
Reuter, die, den kleinen Emanuel auf den Knien, am Fenster saß, »es weiß
genau, welch ungeheuerer materieller Schaden ihm daraus erwachsen würde.«
»Und in Frankreich sind die Sozialisten zu mächtig, außerdem haben sie
dort einen Mann, der die Massen in der Hand hält. Jaurès wird mit allen
Kräften den Krieg verhindern.«
Der alte Abraham Löw saß zusammengekauert in einer Ecke. Seit dem Mord
von Sarajewo hatte ihn tiefe Traurigkeit befallen. Er schwieg unentwegt,
schien die an ihn gerichteten Worte nicht zu hören, starrte mit entsetzten
Augen in die Ferne, als ob er dort etwas Furchtbares erblicke.
Ein herrlicher Sommertag strahlte mit sonnenbegnadeter Glut über Berlin.
Lene deckte den Tisch und seufzte ein wenig über Anatols Unpünktlichkeit.
Boris Isralew, den die Sonne aus dem Zimmer gelockt hatte, stand am
Fenster, auch Abraham Löw hatte sich wie gewöhnlich zum Mittagessen
eingefunden. »Mir scheint, es werden Extrablätter verkauft,« sagte
Boris, »die Leute rotten sich zusammen. Ich werde eines holen gehen.«
»Nein, Boris, Sie sollen nicht die vielen Treppen steigen, Anatol muß ja
gleich kommen, dann werden wir alles erfahren.«
»Böses bereitet sich vor,« murmelte Abraham Löw in seiner Ecke.
Die Tür wurde aufgerissen, Anatol erschien, atemlos vom eiligen Gang, sehr
blaß. »_Jaurès ist ermordet worden!_«
»Jaurès!«
Ein Glas entfiel Lenes Händen und zerscherbte auf dem Fußboden.
»Unmöglich! ... Wann? ... Wer hat es getan?« ... Fragen
überstürzten sich. Dann verstummten alle. Schwere Furcht, böse Ahnungen
lasteten über der kleinen Stube. Und plötzlich erhob der alte Mann in
der Ecke seine Stimme, sie klang dumpf und verzweifelt. »Wehe, es
stehen Fackeln im Winde und leuchten durch die Nacht. Die eine große,
hellstrahlende hat der Sturm verlöscht, und die anderen zittern und
brennen schwächer und schwächer. Wehe, auch sie werden verlöschen. Nacht
bricht herein und treibt aus die Helle. Nacht herrscht allerorten, und
durch das Dunkel schreit der Jammer zum ehernen Himmel auf!«
Achtzehntes Kapitel.
Die eine Fackel, die große, hellstrahlende, die seit Jahren in Frankreich
geleuchtet hatte, war erloschen. Die anderen bebten im gewaltigen
Sturmwind, zitterten, brannten schwächer, immer schwächer -- erloschen.
Die Nacht des Wahnsinns breitete sich über die Länder, drang in Geister
und Seelen. Ätzendes Lügengift spritzte aus Worten und Schriften, lähmte
die Gehirne. Herden waren die Menschen geworden, sinnlos verschreckte
Herden, denen des Hirten gellender Angstschrei den Wolf verkündet.
Besinnungslos trieben sie vorwärts, rissen alle mit, zertraten unter ihren
Füßen, wer im irren Lauf nicht Schritt halten konnte. Keiner riß sich
los aus der Herde, keiner schrie den Betörten die Wahrheit zu. Wurde
wirklich keine Stimme laut oder versank sie im Gebrüll der Masse? Wo waren
die Führer? Wo die Männer, deren Geist durch Jahrzehnte die Menge gelenkt
hatte? Verkrochen sie sich feige vor dem Sturm, wurden auch ihre Hirne
geblendet, wie das des Unwissendsten ihrer Anhänger?
Aus geballten Leidenschaften und niedrigem Neid, aus Ehrgeiz und Habsucht,
aus Feigheit und Leichtgläubigkeit formten die Menschen mit eigenen
Händen den Moloch, das Ungeheuer mit den tausend Fangarmen und der
unersättlichen Gier, das Mordgespenst, Tod und Verderben atmend. Und sie
erhoben es, beteten es an, in selbstzerfleischender Raserei und nannten es
Vaterland.
Vaterland! Nie mehr wird nach diesen furchtbaren Jahren ein Denkender
dies Wort aussprechen können, ohne zu schaudern. Daß zwei heilige Dinge
verbunden den Dämon ergeben können, der die Menschheit vernichtet! Vater:
Hüter, Pfleger, Schützer der Seinen; Land: gütiger, nährender Boden,
korngoldene Felder, Fruchtbarkeit, Segen.
Eine Fackel erlosch nach der anderen, hatten sie jemals gebrannt? In allen
Parlamenten stimmten die Vertreter des Volkes für die Kriegskredite, nur
in Serbien fanden zwei Männer den Mut, ihre Stimmung dagegen zu erheben
und in Deutschland verließ bei der Abstimmung einer den Saal. Ein
einziger!
Wo waren die Führer? Blinde und Verräter sprachen zum Volke, Blinde und
Verräter drängten sich, des eigenen Vorteils eingedenk um den Kaiser.
Schwarze Druckerschwärze spie Geifer unter die Menge.
Der Generalstreik? »Die anderen sollen damit anfangen,« hieß es in jedem
Land, »dann werden wir ihrem Beispiel folgen. Wir dürfen _unser Land_
nicht preisgeben.«
Urplötzlich hatten sie alle ein Land, die Menschen, die noch vor Wochen
die ganze Welt Heimat genannt und der Grenzpfähle gespottet hatten. Und
hatten ein _Volk_, die früher nur die »_Internationale_« gekannt. Jene,
die außer dem Klassenkampf jeden Kampf zurückgewiesen hatten, sprachen
mit volltönenden Worten auf offenem Markte von »unserem« Krieg,
forderten Geknechtete, Unterdrückte auf, _mit_ ihren Herren die Brüder zu
bekämpfen.
»Gott hat Wahnsinn in die Welt geblasen und keiner vermag sich dessen zu
erwehren,« seufzte Abraham Löw, als an einem Abend nach der englischen
Kriegserklärung die Freunde bei Lene zusammengekommen waren.
»Wir sind angegriffen worden, wir müssen uns verteidigen!« warf Philipp
Schermann ein.
»Wir sind _nicht_ angegriffen worden,« entgegnete Johannes hart, und
Gioia rief zornig: »Diese Lügen tragt Ihr ins Volk, um es für den Krieg
zu begeistern!«
»Sollen wir unseren Boden den Feinden preisgeben?« fragte Philipp
empört.
»Was ist der Boden gegen die Menschen?« Frau von Reuters milde, alte
Stimme bebte. »Ich kann gar nicht auf die Straße gehen und die jungen,
starken Leute ansehen, die abmarschieren. Rotwangig, stramm, singend
schreiten sie einher und sind doch nur Gespenster, Tote, die sich noch
als Lebende fühlen. Mir ist zumut, als müßte ich die Züge zum Stehen
bringen, welche Menschen, gesunde, lebensvolle Menschen in den Tod
tragen.«
»Und keiner tut etwas, keiner,« sagte Anatol düster, »die einen haben
den Kopf verloren, die anderen, wie wir, sitzen daheim und jammern.«
»Deutschland ist an dem Krieg nicht schuld! Die Feinde haben ihn uns
aufgezwungen!«
»Die Feinde? Philipp, wer sind die Feinde? Die unseligen
Proletariermassen, die aus allen Ländern an die Front getrieben werden,
oder die Regierungen im eigenen Lande?«
»Er redet schon ganz ›vaterländisch-korrekt‹,« höhnte Anatol. »Die
Feinde! Du hast Dich schnell zurechtgefunden, mein guter Philipp.«
»Laß jetzt die dummen Hänseleien.« Philipps frisches Gesicht färbte
sich dunkelrot. »Jetzt, wo das Vaterland in Gefahr ist, ist die Zeit des
Haarspaltens vorbei. Das haben auch unsere Führer eingesehen und haben
für die Dauer des Krieges den Kampf gegen die Regierung eingestellt. Wir
können nicht anders handeln, aber die Sozialisten in den anderen
Ländern, die es viel leichter haben, als wir, sind zu Verrätern an der
›Internationale‹ geworden.«
»Die Internationale,« meinte Lene sinnend, »klingt das Wort nicht wie
ein Hohn? Wir meinten einen unzerstörbaren Bau aufgeführt zu haben, und
beim ersten Sturm stürzt er zusammen.«
Der alte Rabbiner blickte wie betäubt im Kreise umher: »Ein stolzer Bau,
fest stand der Tempel Jehovahs zu Jerusalem und dennoch ward er zerstört,
doch wenn der Herr die Seinen versammelt, wird auch der Tempel wieder
aufragen auf dem heiligen Berg. Viele Tränen werden die Mauern reinwaschen
und der Schuldlosen Blut wird die Steine aneinanderkitten, wie Mörtel.«
Anatol war aufgeschnellt. »Ich ertrage euer nutzloses Gejammer nicht
länger. Johannes, Gioia ...« er zog die beiden in eine Ecke und sprach
eifrig auf sie ein.
»Ich habe Boris Isralew zu mir ins Haus genommen,« sagte Frau von Reuter,
»als Russe und Revolutionär dürften ihm allerlei Schwierigkeiten drohen,
so kann ich ihn mit meinem Namen schützen.«
»Ich hoffe, Sie werden aber auch darauf achten, gnädige Frau,« warf
Philipp Schermann ein, »daß er keine kriegsfeindliche Hetze treibt. In
diesem Augenblick ...«
»Wenn Sie gegen kriegsfeindliche Hetzer vorgehen wollen, lieber Philipp,«
unterbrach ihn die alte Dame mit gelassenem Lächeln, »so müssen Sie bei
mir anfangen. Ich leugne es nicht, daß ich bei jeder Gelegenheit gegen den
Krieg rede und es auch stets tun werde.«
Philipp Schermann wurde etwas verlegen. »Sie können meinen Standpunkt
nicht recht verstehen, gnädige Frau. Sie als geborene Engländerin ...«
»Sie sind es, der es nicht verstehen kann, Philipp. Ich würde in meiner
Heimat ebenso handeln. Aber ihr scheint alle vergessen zu haben, daß man
nicht nur Deutscher oder Engländer, Österreicher oder Russe ist, sondern
in allererster Linie Mensch. Und als Mensch darf man wohl international
sein, denke ich.«
Gioia und Johannes schickten sich zum Gehen an, und die anderen folgten
ihrem Beispiel. Anatol setzte sich neben seine Frau auf das kleine Sofa.
»Lene, die alte Frau hat mich auf einen Gedanken gebracht. Zu den Truppen
können wir nicht gelangen, wohl aber zu den Eisenbahnern. Die muß man
bearbeiten.«