»Der Arzt meint, das würde nie ganz vergehen, sobald ich müde werde,
schleife ich den Fuß nach. Ich bin heute den ganzen Tag herumgelaufen.«
»Es war wirklich Pech, daß Du Dir vorigen Winter beim Schlittschuhlaufen
den Fuß brechen mußtest.«
»Ja, außerdem ist das Hinken ein ›besonderes Kennzeichen‹, falls man
einmal von der Polizei gesucht werden sollte.«
»Johannes! Was habt Ihr vor?«
»Aha, Deine ostpreußische Bourgeoisseele erbebt bei Erwähnung der
Polizei. Du bist doch noch ein rechtes Kind. Übrigens, Savin möchte Dich
schon zur Arbeit heranziehen. Ist's Dir recht?«
»Natürlich, was soll ich tun?«
»Er wird selbst darüber mit Dir sprechen.«
Sie gingen durch die frostige Winternacht. Ihre Schritte hallten scharf vom
Trottoir wider. Nach einer Viertelstunde erreichten sie ein großes Haus.
»Boris wohnt im fünften Stock.«
Sie betraten ein geräumiges Mansardenzimmer, das Lene auf den ersten
Blick mit Menschen erfüllt deuchte. Die alte Befangenheit überkam sie von
neuem. In einem Bett an der Wand lag ein abgezehrter Mann mit grauem Haar,
das schlecht zu seinem noch jungen Gesicht paßte. Johannes zog Lene
ans Bett. »Das ist Boris. Boris, ich habe Dir meine kleine Schwester
gebracht.«
Boris Isralew drückte dem jungen Mädchen kräftig die Hand. »Wir haben
Sie schon erwartet. Setzen Sie sich, Genossin.«
Lene gehorchte; halb scheu, halb neugierig sah sie sich in der Stube
um. Hier war es behaglicher als in Anatols Zimmer; auf Regalen standen
unzählige Bücher, einige Bilder hingen an den Wänden, meist Porträte,
darunter Männer in russischer Arrestantentracht; auf einem kleinen Tisch
summte ein Samowar, sogar ein rotblühender Geranienstock schmückte
das Zimmer. Sie ließ ihre Augen über die Anwesenden schweifen. Auf dem
einzigen Lehnstuhl saß eine weißhaarige alte Frau mit feinen, vornehmen
Zügen; sie plauderte angeregt mit Kerner, der ihr etwas zu erklären
schien. Savin disputierte in einer Ecke mit einem blonden jungen Menschen.
Ein alter, weißbärtiger Mann wärmte sich vor dem kleinen Ofen. Anatol
fehlte.
Savin kam zu Lene herüber. »Sie wollen wohl wissen, wer die Leute sind?
Bei uns gibt es kein feierliches Vorstellen, man lernt sich mit der Zeit
kennen.«
Boris wurde verlegen. »Verzeihen Sie, ich vergaß ganz, daß Sie niemanden
kennen. Erkläre Du, Savin, mich ermüdet das Reden.« Seine Stimme war
heiser, er hustete. »Haben Sie sich erkältet?« fragte Lene unüberlegt.
Boris lachte ein wenig. »Das gerade nicht, ich bin der unvermeidliche
schwindsüchtige russische Jude, der in jedem revolutionären Kreis
vertreten sein muß.«
Lene errötete heftig. Savin kam ihr zu Hilfe: »Also Deine Persönlichkeit
ist schon erklärt, Boris. Wer interessiert Sie von den anderen am
meisten?«
»Die alte Dame dort drüben, sie paßt so gar nicht hierher, sieht so
ruhig aus, so ...« Sie stockte.
»Vornehm, wollten Sie sagen, Sie Tochter der Bourgeoisie. Sie scheinen
auch noch zu glauben, daß Revolutionäre unbedingt wie Raubmörder
aussehen müssen. Diese alte Dame ist die Liebe Ihres Bruders Johannes; hat
er Ihnen nicht von ihr erzählt?«
»Nein.«
»Sie heißt Frau von Reuter, damit Sie über alles unterrichtet sind,
und ist geborene Engländerin. Sie war an einen inzwischen verstorbenen
Ministerialrat verheiratet; guter preußischer Adel, schreiben Sie's Ihrem
Herrn Vater zur Beruhigung.« Er lachte boshaft und Lene warf ihm einen
zornigen Blick zu. »Ich schreibe meinem Vater überhaupt nicht.«
»Ungeratene Tochter!«
»Ja, aber wie kommt diese Frau ...?«
»Zu uns verruchten Bösewichtern? Sie scheint sich in der feudalen
Umgebung recht unbehaglich gefühlt zu haben; ihre einzige Freude war ihr
Sohn. Ein lieber, netter Junge, er ist vor einem Jahr gestorben. In ihrer
Trauer hat sich die alte Dame verzweifelt an seine Freunde geklammert, und
diese Freunde waren eben wir. Außerdem sagt ihr, sie ist eine Engländerin
vom guten, alten liberalen Schlag, das preußische System so gar nicht
zu. In vielen Dingen kommt sie freilich nicht mit, aber in den Hauptsachen
verstehen wir einander sehr gut. Dort drüben geht's übrigens eben hitzig
zu; hören wir, was es gibt.«
Der junge blonde Mensch rief eben heftig: »Sabotage ist Verbrechen,
mit Gewalt ist nichts auszurichten, nur die Evolution vermag uns
weiterzubringen.«
»Dummer Esel!« brummte Savin halblaut.
»Sabotage scheint mir unrichtig,« meinte die alte Dame, »weil sie eine
Verschwendung guten Materials bedeutet, doch kann sie im gegebenen Moment
ebenso angebracht sein wie jede Gewalt.«
»Gnädige Frau,« der junge blonde Mann dämpfte die Stimme und lächelte
liebenswürdig, »der historische Materialismus ...«
»Bitte, lassen Sie mich mit Ihrer Theorie in Ruhe, Philipp, Sie wissen,
ich verstehe nichts davon, begreife nur, was meine alten Augen in
siebenundsechzig langen Jahren gesehen haben. Und was ich sah -- es war
weiß Gott nichts Schönes --, hat mich gelehrt, die Gerechtigkeit
müsse mit allen Mitteln erzwungen werden. Geht es nicht anders, sogar mit
Gewalt.«
»Gewalt ist das Übel,« tönte vom Ofen her eine tiefe singende Stimme,
»Gewalt ist böse. Lasset den Geist der Liebe eindringen in alle Herzen,
dann wird das Reich des Herrn kommen über Nacht.«
»Unser Prophet,« flüsterte Savin Lene zu, »ein russischer Rabbiner.
Bei einem Pogrom wurden vor seinen Augen seine Frau und seine beiden Kinder
erschlagen. Seitdem ist er ein wenig wirr im Kopfe.«
»Wer ist der Blonde?« fragte Lene.
»Ein guter Kerl, aber ein großer Dummkopf. Der typische deutsche
Revisionist. Ein Mensch, der imstande ist, alles herzugeben, und nicht
weiter denken kann als bis zum morgigen Tag. Überhaupt, die deutschen
Genossen ...!«
»Sei nicht ungerecht, Savin,« Boris Isralew wandte sich dem Kameraden zu,
»sie haben gute Arbeit geleistet.«
»Aber der Schwung fehlt ihnen, das heilige Feuer, die Vision. Sie kleben
an der Erde. Sozialismus ist nicht nur Lohnfrage, philosophische Theorie.
Sozialismus ist in erster Linie Religion! Die Deutschen sind zufrieden,
wenn sie die Wunden der Menschheit mit Pflastern verkleben können, hier
ein Gesetzlein, dort ein Gesetzlein. Aber das strömende Blut stößt die
Pflaster ab, und der Organismus verblutet. Es ist ein Unglück für die
Welt, daß ausgerechnet die Deutschen in der ›Internationale‹ die
führende Rolle spielen.«
»Patriot!« lachte der Kranke. »Sollen die Russen sie übernehmen?«
»Nicht unbedingt, vielleicht die Italiener!«
Boris schüttelte den Kopf. »Flammengeister, ohne die nötige Tiefe. Ich
glaube an die Deutschen. Wenn es einmal ernst wird, so werden sie die Probe
bestehen.«
Savin zuckte die Achseln. »Einige Auserwählte, hinter denen dann die
ganze Meute herkläffen wird. Die ›Partei‹ nicht.« --
Das Gespräch ward allgemeiner, Lene lauschte schweigend. Unverständliche
Worte schlugen gegen ihr Ohr, fremde Begriffe stürmten auf sie ein.
Unwillkürlich dachte sie an ihr Elternhaus zurück. Um diese Stunde saß
der Vater über seinen Heften, und die Mutter nähte und stopfte. Ihr Heim
erschien ihr als ein kleines Eiland im tobenden, aufgepeitschten Ozean,
dessen Bewohner taub sind gegen das Gebrüll der Wogen, das Heulen
des Sturmes. Wie viele solche Eilande gab es in Deutschland, wie viele
Menschen, die sich auf ihnen gedankenlos sicher wähnten! --
Als eine kleine Pause im Gespräch eintrat, wandte sie sich an Savin:
»Johannes sagte, Sie hätten für mich Arbeit?«
Er nickte. »Erst muß ich Sie tüchtig in die Schule nehmen. Sie sind ja
leider grenzenlos unwissend. Später schicken wir Sie dann zu den Frauen,
Propaganda treiben.«
»Mich?« Lene war ehrlich erschrocken.
»Ja, Sie sehen trotz der dunklen Haare und Augen so unverkennbar arisch
aus. Ihnen kann man nicht alle Lehren mit einem ›Saujud‹ widerlegen.«
Sie schwieg etwas verlegen, er lachte. »Ja, das kommt häufig vor, auch
Johannes ist es schon passiert.«
Die Tür wurde aufgerissen, Anatol trat hastig ein. »Kinder, es geht los,
auf dem Balkan!«
»Das dürfte uns wenig berühren,« meinte Philipp gelassen.
»Ist ein Verbrechen kein Verbrechen, weil es auf einem anderen Erdteil
geschieht?« warf Frau von Reuter vorwurfsvoll ein. Einen Augenblick
herrschte Stille. Dann schrie der alte Jude schmerzlich auf: »Mord und
Elend! Verbrechen und Sünde! Die Flammen verzehren das Haus, und
ein böser Wind treibt sie näher und näher. Wer bewahrt uns vor der
Feuersbrunst, wenn des Nachbarn Haus in Flammen steht?«
* * * * *
»Wie sehr Du Dich verändert hast, Johannes,« bemerkte Lene, da sie den
Heimweg angetreten hatten, »daheim warst Du so still und verschlossen,
erwecktest immer den Eindruck eines Fremden, der sich in ungewohnter
Umgebung unbehaglich fühlt.«
»Das tat ich auch,« gab er zu, »die Luft daheim engte mir die Brust ein.
Und dann, so ruhelos war mir zumute, als dürfe ich bloß einen Augenblick
rasten, müßte dann fort, immer weiter und weiter. Wohin? Ich wußte es
selbst nicht.«
»Und jetzt?«
»Jetzt ist mir, als hätte ich heimgefunden. In Boris' kleiner Stube
fühle ich mich zu Hause. Die Menschen sind mir vertraut, ich empfinde ein
Zugehörigkeitsgefühl zu ihnen, sie reden meine Sprache. Sogar den alten
Rabbiner Löw verstehe ich.«
»Es ist doch schrecklich, daß auf dem Balkan Krieg ist.«
Er nickte.
»Was hat der alte Mann mit den Flammen gemeint?«
»Er faselt immer von einem Weltkrieg, der die Ruchlosigkeit der Menschen
strafen wird. Aber das ist bei uns ausgeschlossen. Das Proletariat in
allen westlichen Ländern würde aufstehen wie ein Mann, am Tage der
Kriegserklärung hätten wir den Weltstreik.«
»Glaubst Du?«
»Ich bin davon überzeugt!«
Sie waren vor Lenes Wohnung angelangt.
»Kommst Du noch mit hinauf?«
»Nein, es ist zu spät, gute Nacht.«
Lene trat in des Bruders Zimmer. »Gustav, auf dem Balkan ist der Krieg
ausgebrochen!«
Er blickte nicht einmal auf. »So, das ist doch kein Grund, um mich zu
stören. Was geht mich der Balkankrieg an?«
Lene konnte lange nicht einschlafen. Als sie dann doch endlich in unruhigen
Schlummer verfiel, quälte sie ein böser Traum. Sie sah den alten Abraham
Löw auf einem hohen Berge stehen und wehklagend auf die Ebene deuten. Ein
gewaltiges Feuermeer wälzte sich zischend, lodernd vorwärts, seine Wogen
überfluteten Dörfer und Städte, züngelnde Flammen griffen nach den
Himmeln. Sie erwachte mit klopfendem Herzen; unbestimmte Angst preßte ihr
die Brust zusammen. Halb noch im Schlaf murmelte sie wie eine tröstliche
Zauberformel vor sich hin: »Bei uns ist das ausgeschlossen. Der
Weltstreik ...«
Vierzehntes Kapitel.
Der Zug pustete durch die graue Vorfrühlingslandschaft. Märzsturm griff
mit wuchtigen Händen nach den Rauchwolken und zerriß sie in dünne
Streifen, die er über den blaßblauen Himmel jagte. Der große Fluß,
endlich von seinen Eisketten befreit, war in unbändigem Freiheitsdrang
über die Ufer getreten, überschwemmte die Ebene, die, farblos in die
Fluten übergehend, einem einzigen ungeheueren Meer glich. Mürrische
Kiefern streckten sich verschlafen, warfen die winterlichen Nadeln ab,
schlanke Birken, noch unbelaubt und dennoch frühlingsduftig und frisch
in ihren weißen Gewändern, reckten sich der liebkosenden blassen Sonne
entgegen. Am Horizont durchschnitt in scharfer Zickzacklinie ein Schwarm
Wildenten die Luft.
Lene beugte sich weit aus dem Kupeefenster; seltsam wehmütige Freude
erfüllte sie ganz. Wie schön war doch die Heimat, von einer trostlosen,
bitteren Schönheit, die sich einem mehr ins Herz stahl, als gesegnetere,
süden-begnadete Gegenden. Auch ein wenig bang war ihr zumute; nach
anderthalb Jahren fuhr sie zum erstenmal heim. Die Mutter war mit Ilse, die
im Winter krank gewesen, in den Süden gereist, und Lene sollte sie daheim
ersetzen. Sie verließ ungern Berlin, doch fühlte sie, auch ihr würde
eine kurze Rast wohltun; Johannes und seine Freunde hatte ihre Arbeitskraft
redlich ausgenützt; jede Stunde des Tages hatte eine Beschäftigung
mit sich gebracht. Savin war über ihre Abreise empört gewesen; hatte
prophezeit, sie werde sich vom trägen Bourgeoisleben einfangen lassen,
womöglich heiraten, zumindest verändert, unbrauchbar wiederkommen.
Lene lächelte, als ihr dies einfiel. Das letzte Jahr hatte sich mit seinen
Erlebnissen und Bildern in ihre Seele eingebrannt. Träumerisch versuchte
sie die stärksten Eindrücke zurückzurufen; Bilder, Stimmungen kehrten
wieder, so lebendig, daß sie völlig vergaß, wo sie sich befand.
Der erste Mai in Berlin; strahlender Sonnenschein, ein tiefblauer Himmel.
»Kaiserwetter«, sagte ein behäbiger Bürger zu seiner Frau, vergessend,
daß dieser Tag einem anderen Herrscher geweiht war, dem enterbten, einzig
berechtigten Herrscher der Welt, dem Volke, das sich alljährlich einmal
seiner Herrscherwürde bewußt wird. Die Linden entlang kam der Zug,
endlos, unübersehbar, Kopf an Kopf. Organisation folgte auf Organisation,
die Hände, deren Arbeit die Welt schafft und erhält, ruhten; nicht wie
sie am Sonntag ruhen, gedankenlos, trägmüde; nein, mit einer gewissen
Würde und Kraft, mit dem Bewußtsein ihrer Macht ruhten sie an diesem,
ihrem eigenen Feiertag. Lene entsann sich einer Gruppe, die sie besonders
ergriffen hatte -- die der »Scheuerfrauen«. »Frauen«, das Wort
klang wie Hohn auf diese Geschöpfe angewandt. Unförmige, gebeugte,
vom Rheumatismus verkrümmte Wesen, erschöpfte bleiche Gesichter,
aufgequollene Leiber schleppten sich mit schweren Schritten dahin,
rotblaue, gesprungene Hände hingen matt herab. Und dennoch, auch in diesen
müden Augen lag ein Feiertagsglanz, leuchtete Machtbewußtsein; heute
waren sie nicht einzelne, überarbeitete, unterernährte Arbeitstiere,
heute hatten sie ihren Platz gefunden, waren ein Teil der gewaltigen
Masse geworden, deren Forderungen und Hoffnungen zum lenzlichen Himmel
aufgeschrien. Organisation um Organisation, Menschen um Menschen, alle von
einem Gefühl beseelt, von einem Gedanken getragen. Und an der Spitze des
Zuges wehend im Wind das Symbol des Martyriums, das Symbol der Hoffnung,
der großen Vereinigung -- _die rote Fahne_.
Das Symbol des Martyriums! Ein Winterabend kam Lene in den Sinn, den sie
mit Johannes und Anatol bei Boris Isralew verbracht hatte. Sie waren in der
Dämmerung rauchend um den kleinen Ofen gesessen und Boris, der sich wohler
fühlte als gewöhnlich, hatte von der russischen Arbeiterbewegung, von
ihren Führern und Helden gesprochen.
»Erzähle Lene von Deinem Leben im Gefängnis, das macht dieser
unerfahrenen Seele einen ungeheuren Eindruck,« sagte Johannes.
»Ich war ja nur vier Jahre in der Schlüsselburg,« meinte Boris
ausweichend.
»_Nur_ vier Jahre!« rief Lene.
»Wissen Sie denn nicht, daß viele unserer Kameraden zwanzig und
vierundzwanzig Jahre gefangen waren?« Und nun erzählte er. Vor ihren
Augen ragte die trostlose Festung auf der öden Nevainsel auf, von schwerem
Nebel eingehüllt, ein Ort des Grauens, des Wahnsinns und des Todes. Aber
auch ein geheiligter Ort. Hinter diesen undurchdringlichen Mauern, in
Einzelzellen, führten die Besten des russischen Landes ein gefoltertes
Leben. Etliche zerbrach die Schwere des Schicksals, die ewige Einsamkeit
verwirrte ihren Geist, andere starben freiwillig, um ihren Gefährten zu
helfen, auf schauerliche Art. Die meisten jedoch bewahrten sich Kraft und
Mut, auch wenn ihre Körper zugrunde gingen. »Die frommen Katholiken
des Mittelalters,« meinte Boris, »glaubten, die Heiligkeit der Klöster
entsühne die sündige Welt, und die Gebete der Mönche und Nonnen
verdichteten sich zu einem Schleier, der schützend zwischen Gottes Zorn
und den Menschen schwebte. Was im Mittelalter die Klöster gewesen sind,
das waren für Rußland die Gefängnisse. Diese Orte der Qual und des
stummen Heldentums entsühnten das Land und bewahrten die Idee vor dem
Tode. An der unendlichen Liebe, an der heißen Freiheitsglut unserer
Märtyrer entzündeten sich Hunderte von jungen Kämpfern. Jeder Gefangene
war eine heimliche Fackel, die die Nacht erhellte und den Weg zur Zukunft
wies.«
»Deshalb wird auch Rußland, das Land der höchsten Leiden, das Reich
der Zukunft sein, aus dem Licht in alle Länder der Erde dringen wird,«
bemerkte Johannes leise.
»~Ex oriente lux~,« sagte Anatol. »Einmal ist dort das Licht schon
aufgeflammt, doch gelang es den Feinden, es zu verlöschen. Lodert es
abermals empor, dann wird es so gewaltig sein, daß es alle Länder
überschwemmen und die Nacht endgültig vertreiben wird.«
Der Gymnasialprofessor war selbst auf den Bahnhof gekommen, um seine
Tochter abzuholen. Er deuchte Lene gealtert, verdrossener denn sonst,
obschon er anscheinend über das Wiedersehen erfreut war. Im ersten
Augenblick waren beide befangen, standen einander fremd gegenüber.
Eine junge Frau stieg aus dem anstoßenden Kupee, Herr Selder grüßte
ehrerbietig, half ihr die Tasche aus dem Abteil nehmen und war über die
Ablenkung sichtlich froh.
Gemächlich schritten Vater und Tochter durch die Straßen, Herr Selder
fragte nach Gustav, erzählte von Ilse und der Mutter. Lene antwortete
schier mechanisch. Staunend betrachtete sie die Gebäude, wie klein und eng
doch alles war. Ihr schien, als sei die ganze Stadt zusammengeschrumpft.
»Wer war die schöne Frau, die Du auf dem Bahnhof gegrüßt hast?« fragte
sie, als eine kleine Verlegenheitspause entstand.
»Die junge Gräfin Stramwitz. Graf Heinz hat vor einem Jahr geheiratet.
Leider hat er sich eine Italienerin ausgesucht, seine Eltern waren darüber
verzweifelt. Diese Rassenmischung heutzutage ist eine böse Sache. Es kommt
ein fremdes Element in ein rein deutsches Haus. Sie hat auch einen ganz
verrückten Namen, Gioia, oder so etwas ähnliches.«
»Das bedeutet ›Freude‹, wie hübsch!«
»Es gibt doch bei uns schöne Mädchen genug,« fuhr der
Gymnasialprofessor fort, ohne ihren Einwand zu beachten. »Wohlerzogene
deutsche Mädchen, geeignetere Mütter für den künftigen Majoratsherrn,
als diese Fremde. Ich würde meinen Kindern niemals gestatten, einen
Nichtdeutschen zu heiraten.«
»Armer Vater,« dachte Lene, »Deine Kinder werden Dich nicht fragen.«
Sie waren daheim angelangt. Als Lene die Zimmer durchschritt, vermeinte sie
nie fortgewesen zu sein. Alles war unverändert. Das rote Plüschalbum
lag noch immer auf dem großen Tisch in der Wohnstube, der Mutter Nähkorb
stand daneben. Auch die Menschen waren die gleichen, hier in der kleinen
Stadt war die Zeit stehen geblieben. An den Kaffeetischen wurden noch
immer die alten Themen erörtert: Dienstbotennot, Verlobungen, Hochzeiten,
Geburten und Todesfälle. Man las die »Gartenlaube« oder die »Woche«,
blieb von jedem politischen Ereignis unberührt, freute sich höchstens,
wenn ein neuer Kaiserenkel geboren wurde.
Eine Woche nach ihrer Ankunft begegnete Lene dem alten Pastor. Er ging mit
ausgestreckten Armen auf sie zu. »Der ist auch kleiner geworden,« dachte
das Mädchen, die verhutzelte alte Gestalt betrachtend.
Der alte Mann fragte nach Johannes, konnte nicht genug von seinem
Lieblingsschüler hören. »Die jetzigen Schüler machen mir gar keine
Freude; ich glaube, sie lachen mich heimlich aus,« meinte er wehmütig,
»ich verstehe auch die heutige Jugend nicht mehr.«
Wieder einer, sagte sich Lene ungeduldig, den der Fortschritt stört. Doch
schämte sie sich dieses Gedankens, da der alte Mann fortfuhr: »Sie hat
gar keine menschlichen Ideale mehr. Zu meiner Zeit haben wir mit siebzehn
und achtzehn Jahren für die Freiheit und die Menschenrechte geschwärmt,
wenn wir auch später brave Spießbürger geworden sind. Heute glaubt die
Jugend an Militarismus und Handel. Dazu ist sie so egoistisch geworden, so
verständnislos. Und diesen nüchternen Köpfen soll ich Liebe predigen.
Freilich, sie kommen auch nie in meine Predigt. Aber daran mag ich schuld
sein; ich bin wohl zu langweilig.«
Die gütigen alten Augen sahen so ehrlich betrübt drein, daß Lene sich
schwor, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen.
»Wie ist denn die Jugend in der großen Stadt, mein Kind?« fragte er.
»Sie kennen bestimmt viele von Johannes Freunden.«
Sie waren unterdessen unbemerkt beim Pfarrhaus angelangt. Der alte Mann zog
Lene in den kleinen Garten. Sie setzten sich auf eine Bank in die Sonne,
ein uralter Schäferhund humpelte hinkend herbei und rieb den Kopf gegen
die Knie seines Herrn.
Lene erzählte von Johannes und den Freunden; sie wurde eifrig. Seit einer
Woche durfte sie zum erstenmal reden, ohne vorerst jedes Wort reiflich zu
überlegen. Der alte Pastor hörte interessiert zu, nickte beistimmend mit
dem weißen Kopf. »Ihr nennt es Sozialismus,« meinte er schließlich,
»wir haben es Christentum genannt. Es kommt wohl auf dasselbe heraus. Gott
ist die Liebe und die Liebe ist Gott. Wohl uns, wenn wir diesen schlichten
Satz erfassen können. Aber«, die alte Stimme wurde jählings hart und
schneidend, »was haben wir aus dem Christentum gemacht? Einen Mantel, um
unsere Verbrechen zu decken, eine Fahne, unter der wir gegen die heiligsten
Gebote sündigen. Die Händler haben den Tempel geschändet und an das
Kreuz, von dem sie den Heiland gerissen haben, schlagen sie die Armen. Wann
wird der Herr kommen und die Verruchten austreiben?«
Der alte Mann hatte sich erhoben. Plötzlich war jede greisenhafte
Schwäche von ihm abgefallen, die kleine Gestalt schien zu wachsen und eine
seltene Würde anzunehmen.
Das Mädchen blickte ihn teilnehmend an und dachte: »Merkwürdig, wie er
doch jetzt dem alten Abraham Löw, dem Rabbiner, gleicht.«
Fünfzehntes Kapitel.
Im kleinen Pfarrhausgarten stand der hübsch gedeckte Kaffeetisch mit
der altmodischen dickbäuchigen silbernen Zuckerdose und den kleinen,
zierlichen Meißener Täßchen, die noch von des Pastors Mutter stammten.
Der alte Mann trippelte mit kleinen Schritten geschäftig hin und her,
schnitt von seinen geliebten Rosenstöcken die schönsten Blüten und legte
sie, nachdem er sorgsam die Dornen entfernt hatte, auf das blendend weiße
Tischtuch. Lene Selder saß in einem tiefen Korbsessel und sah lächelnd
seinem Treiben zu.
»Jetzt ruhen Sie sich aber aus, Herr Pastor,« sagte sie schließlich.
»Alles ist wunderschön und Sie dürfen sich nicht müde machen, bevor der
Besuch kommt.«
Der alte Mann legte ihr eine schöne Rose auf den Schoß. »Zum Dank, daß
Sie gekommen sind, um mir zu helfen. Die arme, fremde, kleine Frau wird
sich freuen, jemanden zu finden, mit dem sie französisch sprechen kann.
Mit ihrem Deutsch hapert's immer noch ein wenig.«
Er setzte sich neben Lene. »Seien Sie recht freundlich zu der jungen Frau,
ich glaube, das arme Kind fühlt sich hier sehr verlassen und fremd. Ich
kümmere mich ja nicht um das Geschwätz der Leute, aber man hört doch so
allerlei.«
»Wie ist Heinz Stramwitz auf die Idee verfallen, eine Italienerin zu
heiraten?«
»Er hat sie in Florenz kennen gelernt. Die Großmutter der jungen Frau war
eine weitläufige Verwandte der Stramwitz.«
Die alte Haushälterin kam eilfertig gelaufen, ihr freundliches rotes
Gesicht glühte vor Aufregung: »Die Herrschaften kommen!« rief sie
atemlos ....
Der alte Pastor ging seinen Gästen entgegen, während er sie begrüßte,
betrachtete Lene die beiden mit Interesse. Heinz Stramwitz hatte sich wenig
verändert, das war noch dasselbe herrische, arrogante Gesicht, der gleiche
kalte Blick. Seiner hohen, gutgewachsenen Gestalt fehlte jede
Biegsamkeit. Wie er mit dem alten Mann spricht! dachte Lene empört. Diese
liebenswürdig herablassende Art, wie zu einem Untergebenen. Dann fiel ihr
Blick auf die junge Frau. Gioia, Freude, wie der Name zu ihr paßte!
Alles an dieser schlanken Gestalt schien Lebensfreude zu atmen, die
warmschimmernden rotbraunen Haare, die großen, leuchtenden braunen Augen,
der frische rote Mund. »Armes Kind,« meinte Lene bei sich, »was tust Du
in unserer nüchternen, farblosen Gegend?«
Gioia Stramwitz schien ein wenig befangen. Artig, wie ein schüchternes
Kind, beantwortete sie des alten Pastors Fragen. Sie sprach fehlerlos
deutsch, doch redete sie langsam, etwas stockend, als ob sie die Worte
suchen müsse. Heinz Stramwitz begrüßte Lene höflich, erkundigte sich
nach Friedrich und Gustav.
Die Stimmung am Kaffeetisch war eine frostige, unbehagliche, das Gespräch
stockte stets von neuem und der alte Pastor warf Lene hilfesuchende Blicke
zu. Diese wandte sich an die junge Frau. »Vielleicht sprechen Sie lieber
französisch, Gräfin?« Sofort leuchteten die braunen Augen auf. »Sie
sprechen französisch? Wie schön! Da können wir richtig miteinander
plaudern.«
»Du sollst Dich doch endlich daran gewöhnen, deutsch zu sprechen,
Gioia!« warf ihr Mann etwas ungeduldig ein.
Sie blickte fast ängstlich zu ihm auf. Der alte Pastor legte sich ins
Mittel: »Kommen Sie, Graf, Sie wollten ja meine Bienenstöcke sehen; wir
lassen die beiden Damen hier.«
Heinz Stramwitz folgte dem alten Mann in die Richtung des Hofes, und Gioia
wandte sich lebhaft in französischer Sprache an Lene. »Woher können Sie
französisch? Und weshalb habe ich Sie noch nie gesehen?«
Lene lächelte über den Eifer der jungen Frau. »Französisch kann ich
noch aus meiner Schulzeit; es ist auch danach. Was Ihre zweite Frage
anbetrifft, ich bin seit anderthalb Jahren zum erstenmal wieder daheim.«
»Wo leben Sie?«
»In Berlin.«
»Waren Sie je in Italien?«
»Nein.«
»Schade, ich möchte so gerne mit jemanden zusammenkommen, der Italien
kennt und liebt.« Heißes Heimweh klang aus der weichen Stimme und Lene
fragte teilnahmsvoll: »Sehnen Sie sich sehr in Ihre Heimat zurück?«
»Mein Gott, wie sehr! Hier ist es ja auch sehr schön,« warf sie halb
erschrocken ein, besorgt, die Heimatsliebe des Mädchens verletzt zu haben.
»Aber alles ist so farblos, so kalt. Und dieser endlose Winter! Ich bin
ganz verzweifelt geworden, als ich die Sonne so lang nicht sah. Auch
diese große, graue Ebene ist so traurig. Bei uns gibt es freundliche
Landschaften, so blau, mit weich verschwimmenden Hügeln; hier ist alles
scharf und kantig, genau wie die Menschen!« Abermals blickte sie
verlegen zu Lene auf: »Verzeihen Sie, ich wollte nichts Böses über Ihre
Landsleute sagen.«
Lene lachte. »Sie dürfen es ruhig tun, auch ich finde die Leute hier
entsetzlich. Haben Sie viele Bekannte?«
Gioia nickte betrübt. »Sehr viele, Heinz hat ja so unzählige Verwandte.
Wir haben viel Besuch und ich weiß nie, was ich mit den Leuten reden soll;
Kinder habe ich keine, ich weiß vom Berliner Hofleben nichts und anderes
interessiert sie nicht. Mir tun die Leute leid, ihr Leben ist so arm, und
es gibt doch so viel Schönes auf der Welt!«
»Schönes?« Lene hatte das letzte Jahr ihres Lebens so viel Elend und
Not, Häßlichkeit und Ungerechtigkeit gesehen, daß ihr diese Behauptung
recht gewagt klang.
»Ja, natürlich, Bilder, schöne Bauten, Gärten, ein Sonnenuntergang, der
San Miniato in Gold taucht, wie ein Märchenschloß. Und Musik und Farben
und frohe Menschen.«
Lene runzelte die Stirn. »Und an die vielen Menschen, die nichts Schönes
im Leben haben können, an die Armen denken Sie gar nicht, Gräfin?«
Gioia wurde still. »Halten Sie mich für einen schlechten Menschen?«
fragte sie mit kindlichem Ernst. »Das macht das Leben hier ja noch viel
trauriger. Wie die Menschen leben! Ganze Familien in eine Stube gepfercht,
und arbeiten von sechs Uhr früh bis spät abends. Und wie die Gutsbesitzer
ihre Leute behandeln, wie die Sklaven, Heinz ...« Sie brach ab, wurde
dunkelrot und fuhr dann hastig fort: »Ich möchte mich so gerne mit den
Leuten auf dem Gut anfreunden, ihnen helfen, aber sie sind entsetzlich
mißtrauisch gegen mich, voller Ehrfurcht, sie sprechen zu mir, als ob ich
ein höheres Wesen wäre. Und dann kann ich schlecht Deutsch, da fällt
es mir doppelt schwer, den Leuten begreiflich zu machen, daß ich sie lieb
habe und nicht dulden will, daß ihnen Unrecht geschieht.«
Mit nachsichtiger Überlegenheit hatte Lene zugehört; ein gutes, liebes
Kind, dachte sie. Der Ton jedoch, mit dem Gioia die letzten Worte sprach,
ließ sie aufhorchen. Sie wollte etwas erwidern, aber in diesem Augenblick
kehrten die beiden Männer zurück.
»Eine Musterbienenwirtschaft hat der Herr Pastor,« bemerkte Heinz
Stramwitz gnädig. »Wenn das Gesindel hier nicht so faul wäre, könnte es
sich auf diese Art eine hübsche Summe machen.«
Lene ärgerte der hochmütige Ton, sie wollte etwas entgegnen, der alte
Pastor jedoch schien dies zu erraten. Er legte ihr begütigend die Hand auf
den Arm. »So, Lenchen, jetzt kommt der Tugend Lohn,« er kramte in seinen
weiten Taschen und zog eine Schachtel Zigaretten hervor. »Die kleinen
Mädchen von heute rauchen ja alle.«
»Bitte, geben Sie mir auch eine,« bat Gioia. Ihr Mann machte ein
ärgerliches Gesicht. »Das ist bei uns nicht Sitte, liebes Kind,«
bemerkte er schroff.
»Ich meine, es ist keine so große Sünde, ein wenig Rauch in die Luft zu
blasen,« begütigte der Pastor.
Gioia warf ihm einen dankbaren Blick zu und sagte in ihrer hübschen,
stockenden Art: »Ich wollte Sie etwas fragen, Herr Pastor. Der kleine Sohn
unseres Müllers ist krank, er soll in der Sonne liegen. Wo kann ich hier
einen guten, weichen Liegestuhl bekommen? Ich habe schon vergeblich in
allen Geschäften gesucht.«
»Meine Frau posiert auf die Menschenfreundin,« meinte Heinz Stramwitz
spöttisch, »das wird ihr schon vergehen, wenn sie erst sieht, wie
undankbar das Gesindel ist. Man darf die Leute nicht verwöhnen, sonst
werden sie frech. Aber meine Frau will das nicht einsehen. Sie macht bei
jedem kranken Knechtskind Geschichten, als ob es sich um unsereins handeln
würde. Dabei schadet es doch wirklich nichts, wenn so ein schmutziger
Fratz daraufgeht, die Leute kriegen ja ohnehin jedes Jahr ein anderes, wie
die Kaninchen.«
Lene war nicht mehr zu halten. »Würden Sie von Ihren eigenen Kindern auch
so sprechen, Graf Stramwitz?« fragte sie mit zornbebender Stimme.
Er sah sie verblüfft an: »Das ist doch ganz etwas anderes, Fräulein
Selder.«
Lene blickte verstohlen nach Gioia. Die junge Frau war ganz blaß geworden,
sie biß sich in die Unterlippe und warf ihrem Mann einen haßerfüllten
Blick zu. Das liebe, gute Kind dürfte gar nicht so zahm sein, dachte Lene
schadenfroh, die wird dem braven Heinz noch recht unbequem werden.
Der alte Pastor streichelte beschwichtigend die schmale, weiße Hand der
jungen Frau: »Ich werde Ihnen den Liegestuhl verschaffen, Gräfin.«
Gioia hielt die gütige alte Hand fest. »Sagen Sie nicht ›Gräfin‹,
lieber Herr Pastor, und auch Sie, Fräulein Selder, nennen Sie mich
Gioia. Sie beide sind die ersten wirklichen Menschen, die ich hierzulande
getroffen habe!«
Peinliches Schweigen folgte diesem Ausbruch. Dann begann der alte Mann
hastig von gleichgültigen Dingen zu sprechen. Als der Wagen vorfuhr, bat
Gioia Lene, sie recht bald zu besuchen. »Schon morgen, kommen Sie zum
Mittagessen und bleiben Sie den ganzen Nachmittag.«
Als die beiden fortgefahren waren, setzte sich der alte Pastor mit einem
Seufzer der Erleichterung neben Lene.
»Die Frau gefällt mir,« meinte sie.
Er nickte; sein freundliches, runzliches Gesicht wurde traurig: »Armes
Kind! Armes Kind!« --
»Du scheinst verrückt geworden zu sein, Gioia,« herrschte Heinz
Stramwitz seine Frau an, als der Wagen die Chaussee entlang rollte, »Du
vergißt, daß diese Leute nicht zu unserem Kreis gehören. Der alte Pastor
ist ein braver Mann, und auch Herr Selder ist höchst ehrenhaft, aber
immerhin, es sind doch Bürgerliche. Mit denen ist man hierzulande nicht so
intim!«
»Sie gefallen mir jedenfalls viel besser, als Deine Verwandten und
Freunde,« entgegnete Gioia trotzig.
»Ich sage ja nicht, daß Du mit ihnen nicht liebenswürdig sein sollst,
aber Du kannst doch nicht das Gefühl haben, daß sie zu uns gehören,«
meinte er etwas milder, »ihr im Ausland nehmt die Sache leider viel zu
leicht. Bei uns hingegen versteht man den nötigen Abstand zu wahren.«
Sie hatte seine letzten Worte nicht beachtet. »Zu uns gehören,«
wiederholte sie nachdenklich, »ich gehöre ja auch nicht zu euch, Heinz.«
»Als meine Frau gehörst Du in unseren Kreis. Außerdem brauchst Du nicht
gar so bescheiden sein. Auch Deine Familie ist von gutem, alten Adel. Die
Forragianis wurden bereits im fünfzehnten Jahrhundert geadelt. Und dann
noch eines: Diese Lene Selder soll in Berlin in einem unmöglichen Milieu
verkehren, Sozialisten, Juden, Anarchisten und wie diese Leute heißen
mögen. Ich möchte nicht, daß Du Dich von ihren Ideen beeinflussen
läßt. Ich weiß, es gilt auch bei einigen unserer Kreise für modern,
liberale Ansichten zu haben, ich jedoch dulde das in meinem Hause nicht. Es
hat noch kein Mitglied der Familie Stramwitz gegeben, das sich Liberalismus
zuschulden kommen ließ, und es soll auch keines geben.«
Gioia schwieg. Daheim angelangt eilte sie in ihren kleinen Salon. Über
dem Flügel hing ein großes Bild von Florenz. Mit heimwehschweren Augen
betrachtete sie die schlanken Türme, die in den sonnigen Himmel strebten,
die sanften Hügel, welche die Stadt einrahmten. Dann warf sie durchs
Fenster einen schier feindseligen Blick auf die große Ebene. Ja, sie
haßte dieses Land, haßte seine Gräue und Eintönigkeit, und auch
die Menschen haßte sie, diese harten, kantigen Menschen mit ihren
beschränkten Ideen, ihrem törichten Hochmut. »Ich gehöre nicht zu
euch,« schluchzte sie auf, das Gesicht in die Hände vergrabend, »werde
nie zu euch gehören, und will es auch nicht.«
Sie sank aufs Sofa und weinte bitterlich. Über ihr lächelte im sonnigen
Glanz Florenz, die Stadt der Blumen und der Helle, in das dunkelnde Zimmer.
Sechzehntes Kapitel.
Tannenduft durchzog das Haus, im Wohnzimmer schmückte Frau Selder den
Weihnachtsbaum, während Friedrich in einen Lehnstuhl hingelümmelt
von seiner Garnison erzählte. Gustav, Johannes und Lene waren am
vorhergehenden Abend eingetroffen; Herr Selder hatte diesmal auf einem
»trauten Weihnachtsfest« bestanden, das alle im Elternhaus vereinigte.
Bis auf Friedrich, der sich äußerst gut mit dem Vater verstand, waren sie
widerstrebend gekommen. Lene, die einen besonderen Grund hatte, den Eltern
etwas Liebes zu erweisen, hatte die beiden jungen Männer mit vieler Mühe
überredet, mit ihr zu fahren.
Nun saßen sie alle drei in Lenes Zimmer. Gustav gähnte laut. »Eine
teuflische Einrichtung, diese Familienfeste. Was haben eigentlich die
Eltern davon, wenn wir uns nun hier langweilen? Daß Du herkamst, Lene,
begreife ich noch, Du willst Deine letzte christliche Weihnacht feiern.«
Lene lachte, dann wurde sie ernst. »Wenn ich daran denke, wie sehr ich die
Eltern kränken werde, ist mir gar nicht heiter zumute.«
»Warum tust Du es dann; hast Du eine solche Leidenschaft für Anatol?«
Sie gab ihm keine Antwort, starrte in die Schneeflocken hinaus, die ein
heftiger Wind gegen das Fenster peitschte. Leidenschaft schien bei ihrer
Liebesgeschichte wirklich keine Rolle gespielt zu haben. Sie hatten sich
derart aneinander gewöhnt, daß sie sich das Leben nicht mehr anders
vorstellen konnten. Die ganze Sache war höchst einfach und prosaisch
gekommen. Vor drei Wochen saß sie bis spät in die Nacht bei Anatol, der
ihr einen Artikel in die Schreibmaschine diktierte; als sie sich erhob,
um heimzugehen, meinte er: »Es ist wirklich langweilig, daß Du immer
fortgehen mußt; bisweilen fällt mir in der Nacht etwas ein, das am Morgen
noch erledigt werden müßte, dann bist Du natürlich nicht da.«
»Daran ist leider nichts zu ändern.«