Da endlich löst sich die Starre in seinem Gehirn, Worte kommen,
irgendwoher, aus schwarzer Ferne, fremde und doch vertraute Worte. Er
fällt vor dem Muttergottesbild auf die Knie, schlägt ein Kreuz und betet:
»Boruch ato adonai ...«
* * * * *
Der Tag, auf den Ivan sich so gefreut, ist gekommen. Aber Mütterchen will
keine Milch und keine Piroggen; Mütterchen liegt ganz still und weiß im
Sonnenschein, und Anastasia hat ihr die Hände auf die Brust gefaltet und
zwei brennende Kerzen neben das Bett gestellt.
Anastasia ist trotz der frühen Morgenstunde vollständig betrunken. Sie
kniet weinend neben dem Bett, murmelt eintönige Worte, schwankt und trinkt
von Zeit zu Zeit ein Gläschen Wodtka.
Ivan kauert erschreckt in einer Ecke.
Die bucklige Schustersfrau bringt Blumen und legt sie auf Nadjas Brust.
»Sie soll doch noch den Frühling merken, die Arme.«
Das Zimmer füllt sich mit Sonne. Vor dem Bett betet die betrunkene Dirne;
die Worte verwirren sich ihr im Munde, mit schwerer Stimme lallt sie:
»Heilige Muttergottes, bitte für sie. Bitte, heilige Muttergottes. Bitte,
Muttergottes, für die Heilige!«
Fünftes Kapitel.
Der Newski dehnt sich endlos im kalten Licht einer weißen Julinacht.
Grimmigen Schatten gleich ragen die hohen Häuser zum bleiernen Himmel auf,
in der Ferne ballt sich drohend die dunkle Masse des Admiralitätsturmes.
Droschken jagen dahin, Autos gellen wild auf, Menschen kommen und gehen. Es
ist weder Tag noch Nacht. Die Stunden, die schier ohne Übergang vom Abend
zum Morgen gleiten, haben etwas Unheimliches, Feindseliges. Die Stadt
gleicht trotz allem Treiben einem Gespensterort, wo Schatten die Straßen
bevölkern, vom Grab befreite Tote lärmend ihre kurze Auferstehung feiern.
Die erste Röte im Osten deucht Erlösung vom Banne der bösen Stunden, das
Zwischenreich versinkt, eine lebendige Stadt der Lebendigen breitet sich
der Sonne entgegen.
Leute strömen aus dem Theater, kommen von den Inseln gefahren. Hier und
dort schreitet ein Polizist seine Runde ab, und dunkle Gestalten huschen
tiefer in die Schatten der Häuser.
An einer Ecke steht ein kleiner Knabe mit einer Balalaika; verstimmt und
falsch wimmern die Saiten, und eine dünne Kinderstimme singt:
»O schwarze Augen,
O schöne Augen!«
Seltsam klingt das schwermütig leidenschaftliche Lied aus Kindermund. Die
kleinen Finger sind müde und greifen falsch. Schrille Mißtöne zittern
durch die Nacht; immer heiserer wird die schwache Stimme.
Achtlos gehen die meisten vorüber; es ist spät, es drängt die Leute heim
ins behagliche Bett; was geht sie das fremde Kind an?
Ein betrunkener Matrose torkelt heran: »Sing' einmal etwas anderes,
Brüderchen, seit einer halben Stunde plärrst Du das gleiche Lied.«
»Ich weiß kein anderes.«
»Wart', ich pfeif Dir eines vor.« Der Matrose lehnt sich gegen eine
Mauer, und die verbotenen Töne eines revolutionären Liedes klingen
herausfordernd auf. »So, und jetzt sing dazu:
»Des Volkes Blut verströmt in Bächen
Und bitt're Tränen rinnen drein.
Doch kommt der Tag, da wir uns rächen,
Dann werden wir die Richter sein!««
Eine Frauengestalt huscht heran: »Grischa, Du bist verrückt! Komm fort!«
Sie packt den Matrosen am Arm, versucht ihn weiterzuziehen.
»Wart' doch, mein Täubchen, ich muß dem Brüderchen eine Kopeke geben.
Da hast Du, mein Söhnchen, und lerne andere Lieder.«
Ein Polizist nähert sich rasch; der Matrose und die Frau verschwinden in
einer Nebengasse.
»Hast Du gepfiffen?« schreit der Polizist Ivan an.
»Nein, Euer Wohlgeboren; bei Gott, ich kann gar nicht pfeifen!«
»So, na hüte Dich, wenn ich nicht ein guter Mensch wäre ...« Auch der
Polizist steht nicht mehr ganz fest auf den Beinen; Rührung überkommt ihn
beim Gedanken an die eigene Güte. »Ein seelensguter Mensch, ja, frag'
nur alle, die mich kennen, ob Sergei Stepanowitsch nicht ein seelensguter
Mensch ist.« Er zieht ein Taschentuch hervor und schneuzt sich laut. »Ja,
gut, seelensgut, und muß diese Hundearbeit verrichten. Da nimm, das Herz
tut mir weh, wenn ich Dich so stehen sehe; Du solltest schlafen.« Zwanzig
Kopeken gleiten in Ivans Hand. Schwerfällig trottet der Polizist weiter.
Ivan zählt das Geld, zehn Kopeken, zwanzig Kopeken, eine Kopeke, ein
halber Rubel -- noch nicht genug. »Bring' fünf Rubel mit«, hat Stasia
am Abend gesagt. »Morgen muß ich die Miete bezahlen. Dann darfst Du Dich
auch wieder ausschlafen.«
Nein, er kann noch nicht heimgehen, Stasia würde zornig sein. Nicht, daß
sie böse zu ihm wäre, oder ihn schlüge, aber sie schreit so furchtbar,
wenn sie zornig ist; davor hat Ivan Angst. Und wenn er nicht genug Geld
heimbringt, droht sie ihm mit dem Waisenhaus, »wo man Schläge bekommt und
den ganzen Tag beten muß«. Vielleicht ist sie auch noch gar nicht daheim,
und er müßte im dunklen Gang warten, bis sie kommt.
Er gähnt, reißt die schlaftrunkenen Augen auf,
»O schwarze Augen,
O schöne Augen!«
Eine Saite reißt mit kläglichem Schrillen; das ist die zweite heute
nacht; nun muß er mehr als fünf Rubel verdienen, denn die Saiten kosten
viel Geld.
Kleine steife Finger greifen in die noch unversehrten Saiten, noch
jammervoller denn zuvor klingt die Begleitung, schluchzt schrill und
hoffnungslos:
»Unsel'ge Stunde Du,
da ich Dich sah!«
Sechstes Kapitel.
Der Tisch war fertig gedeckt; das große, stämmige »Mädchen für alles«
wischte noch rasch mit einem zweifelhaft sauberen Tuch ein Glas aus,
seufzte, rieb den erfrorenen juckenden Fuß gegen ein Stuhlbein und
verfügte sich ins Wohnzimmer, um die Familie zu rufen. Sie saßen um die
Lampe, in der kleinen ostpreußischen Stadt gab es noch kein elektrisches
Licht. Frau Selder stopfte Strümpfe, die drei älteren Kinder, Friedrich,
Gustav, Ilse waren mit Schularbeiten beschäftigt, die kleine Lene spielte
mit ihrer Puppe, der Gymnasialprofessor saß vor einem Stoß Schulhefte und
las stirnrunzelnd in einem Brief.
Schwere Luft lastete über dem Raum, der Geruch staubiger Plüschmöbel
vermischte sich mit dem langgetragener Wollkleider, und über allem
schwebte, von der Küche eindringend, fettiger Speisenduft. Die Gesichter
waren verdrossen, die drei älteren Kinder arbeiteten unmutig, gelangweilt,
die Mutter sah müde und sorgenvoll drein, auch Herrn Selders Züge
verrieten Gereiztheit; bloß auf Lenes etwas blassem Kindergesicht lag
zufriedene Heiterkeit.
Bei Tisch herrschte zuerst allgemeine Stille; wenn der Vater so
dreinschaute, war es klüger, sich ruhig zu verhalten; endlich brach er
das Schweigen. Er hatte den Brief zum zweitenmal gelesen und bemerkte nun
verdrießlich mit harter, knarrender Stimme: »Margarete kommt demnächst
zu Besuch!«
»Mein Gott, jetzt im Winter! Und der Ofen im Gastzimmer heizt nicht!«
Frau Selders Gesicht wurde noch sorgenvoller.
»Ja, und sie bringt auch noch ein Kind mit!«
»Ein Kind?«
»Sie scheint ganz verrückt geworden zu sein, meine liebe Schwester. Das
kommt davon, wenn eine Frau anstatt zu heiraten in der Welt umherstrolcht
und Konzerte gibt. Dabei muß sie ja jedes Gefühl für das Schickliche
verlieren. Sitz gerade, Gustav, ein deutscher Junge muß stramm sein. Ich
will euch den Brief vorlesen. Kinder, klappert nicht so mit dem Besteck,
das stört mich.«
Vier Paar neugierige Kinderaugen wandten sich dem Vater zu, als er zu lesen
begann. Seine Worte kamen in mißbilligendem Ton heraus, etwa so, wie er in
der Schule einen besonders schlechten Aufsatz vorlas, um den Schüler vor
der Klasse zu beschämen:
»Liebe Geschwister!
Plötzliche Sehnsucht nach dem kleinen alten Nest hat mich gepackt, und
ich werde demnächst bei Euch erscheinen. Hoffentlich komme ich Euch
nicht ungelegen. Ich möchte gerne vor meiner Tournee in Amerika ein
wenig ausrasten und auch die Kinder wieder einmal sehen. Diesmal komme
ich nicht allein, ich bringe ein Pflegesöhnchen mit, für das ich
um freundliche Aufnahme bitte. Es ist ein kleiner Russe, den ich,
buchstäblich, auf der Straße aufgelesen habe; er sang zu einer
Balalaika, und ich glaube, man könnte ihn in der Musik ausbilden. Da
das arme Geschöpf keine Anverwandte hatte, war es mir ein leichtes,
es zu adoptieren; übrigens geht mit Hilfe des Rubels in Rußland alles
leicht. Ivan ist nun schon vier Monate bei mir und versteht bereits
Deutsch; er ist ein äußerst kluges Kind, und es ist eine angenehme
Abwechslung, einmal etwas Menschliches um sich zu haben, das einen
weder betrügen noch ausnützen will.
Ich werde voraussichtlich in den ersten Tagen des Dezember bei Euch
eintreffen.